Die Vulkangruppe oder die Eruption der Dummheit – Vom Kabelbrand zum Wutausbruch

7. Januar 2026

Bitterkalt legt sich in den Tagen des noch jungen Jahres der Januar über die Hauptstadt. Die Spuren der Silvesterböllerei sind noch nicht ganz von den Bordsteinen verschwunden, da verbreitet sich am vergangenen Samstag die Nachricht in Windeseile, dass im Süden Berlins ein Feuerwerk der etwas anderen Art gezündet wurde.

Getroffen hat es mal wieder einen Kabelschacht, der unter einer der zahlreichen Berliner Brücken verläuft. Folge des Brandes ist der Ausfall der Elektrizität in weiten Teilen des Südwestens der Stadt. Wenig später wird in den Medien bekannt gegeben, dass ein „linksextremes Bekennerschreiben“ aufgetaucht sei. Die Meute tobt, von AfD über CDU sind sich alle einig, dass der Untergang des Abendlandes nur noch ein paar durchgeschmorte Starkstromkabel entfernt liegt. Das eigentlich Schlimme an der Sache ist jedoch, dass es mit der Aktion zehntausende Menschen getroffen hat, die dieser Tage ohne Strom ihr Dasein fristen müssen.

Auf Indymedia heißt es in einem Schreiben, das den Titel „Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit“ trägt: „Wir haben heute Nacht das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde erfolgreich sabotiert. Es kam zu Stromausfällen in den wohlhabenderen Stadtteilen Wannsee, Zehlendorf und Nikolassee.“ Zu Felde wird in der Erklärung für die Aktion geführt, dass sich die Welt am Rande des Untergangs befinde, der globale Süden darunter am meisten zu leiden habe und man dagegen etwas tun müsse. So sehr auch die Beschreibung der ökologischen Zerstörung sowie die Bestimmung der Verantwortlichen richtig sein mag, so reicht der Grundgedanke hinter der Aktion lediglich von der Wand bis zur Tapete. Und irgendwie gestehen sich das die Feuerteufel auch selbst ein, wenn sie sagen: „Wir sagen nicht, wir wüssten den Ausweg. Aber wir wissen, wir müssen diese Zerstörung unterbrechen“.

Wir halten fest, dass natürlich etwas gegen die anhaltende Zerstörung des Planeten getan werden muss. Ein reiner „militanter“ Aktionismus, der sich keinen Deut um seine Vermittelbarkeit bei den Menschen schert, ist aber weniger wert als der Zunder, den es für eine Aktion wie am Samstag braucht.

Es mag zwar sein, dass im Südosten Berlins überdurchschnittlich viele reiche Menschen leben. Was aber außer Acht gelassen wird, ist, dass diese im Gegensatz zu den Armen, die es dort ebenso gibt, die Folgen des Stromausfalls am ehesten für sich abfedern können. Der Aufruf im Bekennerschreiben zu „gegenseitiger solidarischer Hilfe“ wirkt vor diesem Hintergrund einfach nur grotesk. ​​​​​​​

Von einem kommenden Aufstand, der durch so etwas angefeuert werden soll, kann also keine Rede sein. Er existiert nur als Hirngespinst derjenigen, die sich vormachen, die Angreifbarkeit des Systems aufzuzeigen und damit Nachahmer zu gewinnen, in der Realität aber lediglich Unverständnis und Zorn kassieren. Als Ergebnis der Heldentat vom Samstagnachmittag sind 45.000 Haushalte ohne Strom und die Straßenlaternen in den Stadtteilen Zehlendorf, Wannsee, Lichterfelde und Nikolassee bleiben dunkel. Die Menschen sitzen im Kalten und die Alten, die auf einen Fahrstuhl angewiesen sind, kommen nicht aus dem Haus. Dass nun über eine False-Flag-Aktion von staatlichen Akteuren wie Russland spekuliert wird oder es Nazis oder deutsche Geheimdienste selbst gewesen sein sollen, um die Idiotie nicht im eigenen Lager suchen zu müssen, zeigt den Unglauben darüber, wie politisch sinnlos und schädlich diese Aktion für die linke Bewegung und die Arbeiterklasse war.

„Die Angebote an Teilhabe einer verbrannten Welt weisen wir mit unserer militanten Aktion zurück“, heißt es weiter in dem Statement. Wenn dem so ist, warum setzt man dann nicht da an, wo es den Herrschenden wirklich wehtut? Ziele und Aktionsformen gibt es zur Genüge. Die mittlerweile unter dem Deckmantel von Terrorismus in Großbritannien verbotene Gruppe Palestine Action macht vor, inwieweit eine rein auf Aktionen basierende politische Strategie immerhin eine materielle Wirkung entfalten kann und dabei vermittelbar ist. Und diese Aktionen können sich dann auch zu Recht mit dem Begriff der revolutionären Militanz schmücken, da sie sich eben nicht nur am Grad der Zerstörung bemessen, sondern daran, inwieweit Verantwortung für das eigene Handeln übernommen wird.

Foto: Boaworm, CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0, via Wikimedia Commons