Wie ABC News aus einer Hinrichtung Notwehr in letzter Sekunde macht
Dem US-Network ABC ist mit dem Interview des Todesschützen von Michael Brown ein Paradestück manipulativen Journalismus gelungen. Abgesehen von der berechnenden Unverschämtheit, die die Veröffentlichung des Gesprächs unmittelbar nach Darren Wilsons de-facto-Freispruch bedeutet, bezweckt es vor allem zwei Dinge: Wilson als eigentliches Opfer darzustellen und die Proteste, die sich mittlerweile auf die gesamte USA ausgeweitet haben, zu delegitimieren. Und um letzteres von Beginn an klarzustellen, werden über die Anmoderation des Interviews Bilder von brennenden und ausgebrannten Autos geschnitten. Die Dramaturgie ist klar: dem Chaos auf den Straßen wird gleich darauf der junge Mann im sauberen blauen Hemd gegenübergestellt, der wie ein etwas zu groß gewachsener harmloser Schulbub aussieht.
Das Interview beginnt sofort mit der Schilderung der Situation kurz nachdem Wilson die beiden auf der Straße gehenden Jugendlichen angesprochen hatte. Michael Brown sei auf das Polizeiauto zugekommen, und als Wilson aussteigen wollte „he slammed the door shut“. Der Interviewer zeigt sich entsetzt, so als hätte der Polizist eben ein Kapitalverbrechen geschildert: „Slammed the door shut?“ – „Yes“.
In der Tonart geht es weiter. Nach wenigen Augenblicken habe Michael Brown begonnen, ihn, Wilson, durch das Fenster des Wagens zu schlagen. Der ABC-Mann, um journalistische Genauigkeit bemüht,
hakt nach: „He threw the first punch?“ – „Yes.“ Denn wir wollen ja ganz sicher gehen, dass der Aggressor auch tatsächlich der Aggressor war.
Einige Zeugen, so der Interviewer mit Blick in die Kamera, hätten ausgesagt, dass Wilson versucht habe, Brown ins Auto zu ziehen. „That would be against any training“, kontert Wilson. Und er hält sich natürlich strikt an die Vorschrift. Ein paar Sekunden später eine kleine Ungereimtheit: „Then I reached out of he window with my
right hand to grab on to his forearm.“ Moment, widerspricht das nicht allen Grundsätze der Ausbildung? „I was trying to move him back to get out of he car.“ Klar, um jemanden vom Auto wegzubekommen, fasst man ihm am Unterarm. Aber über solche Details nachzudenken haben die ZuseherInnen keine Zeit. Denn die atemlos geschnittene Sequenz geht unmittelbar über in die Schilderung der übermenschlichen Kraft Michael Browns. Wilson wollte sich aus der Falle seines Polizeiwagens befreien, deshalb griff er Browns Arm: „I felt the immense power that he had.“ Er habe sich gefühlt wie ein Fünfjähriger, der sich an Hulk Hogan festklammert. Der Interviewer setzt wieder seinen entsetzten Blick auf: „Hulk Hogan?“
Und dann habe er sich nur mehr gefragt wie er weitere Schläge dieses Brown-Monsters überleben könne, erzählt Wilson dem staunenden Journalisten. Ein paar Details über den weiteren Ablauf werden noch ausgebreitet. Aber das ist schon gar nicht mehr so wichtig, denn die
Story steht jetzt. Ein übermenschlicher Kraftlackel hat den armen pausbäckigen Beamten erbarmungslos attackiert. Die ZuseherInnen wollen eigentlich nur mehr eines wissen: Wie geht es dem Ärmsten? Und genau das fragt der ABC-Reporter natürlich am Ende des Gesprächs. Würde Wilson wieder so handeln? Natürlich. Auch wenn sein Gegenüber ein Weißer wäre? Ja. Sicher? Sicher. Damit ist die Rassismus-Frage auch geklärt.
Bleibt nur mehr eins: was wünscht sich Wilson? „Ich möchte einfach ein normales Leben führen, das ist alles.“ Das hätte sich Michael Brown vermutlich auch gewünscht. Oder der 12jährige, den ein Bulle in Cleveland am Montag von einer Parkbank runtergeschossen hat. Ob auch dieser Polizist ein reines Gewissen hat wie Darren Wilson? Er ist vermutlich auch der Meinung, seinen „Job richtig gemacht“ zu haben, so wie Wilson es am Ende des ABC-Interviews beteuert.
– Karl Schmal
Fotos: Valerie Jean via Revolution News