Archiv der Kategorie: Soziale Kämpfe

Chemnitz als Spiegel der Klassenkämpfe in Deutschland

Die Ereignisse in und nach Chemnitz werfen die Frage des antifaschistischen Kampfes in der Bundesrepublik neu auf. Der Rechtsruck der vergangenen Jahre manifestiert sich immer mehr in einer faschistischen Straßenbewegung, die zum ersten Mal mit der AfD eine Führung haben könnte, die in den Landesparlamenten und im Bundestag verankert ist. Angesichts dessen: Wie können revolutionäre Linke den Rechtsruck zurückschlagen und den Faschismus bekämpfen? Eine solidarische Replik auf Can Yildiz. Chemnitz als Spiegel der Klassenkämpfe in Deutschland weiterlesen

Argentiniens kämpfende Werftarbeiter*innen

Argentinien: Inmitten neoliberaler Angriffe auf die Arbeiter*innenklasse zeigt sich auch, dass der gut organisierte Widerstand siegreich sein kann.

Die Rio Santiago Werft nahe der Hauptstadt Buenos Aires besitzt eine lange Kampftradition. In den 1990er-Jahren, als viele Betriebe unter dem neoliberalen Präsidenten Carlos Menem privatisiert wurden, hielt diese Werft stand und ist bis heute ein staatlicher Betrieb. Die zutiefst arbeiter*innenfeindliche Politik von Menem entlud sich Anfang der 2000er Jahre. Das wirtschaftliche Desaster führte im Dezember 2001 zu einem landesweitem Aufstand mit 28 Toten, der Zusammenbruch des Staates nahe war. Argentiniens kämpfende Werftarbeiter*innen weiterlesen

Tal der Militanten

Die seit über einem Jahrzehnt andauernde NO-TAV-Bewegung gegen den Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke durch das norditalienische Susa-Tal ist ein Lehrstück für revolutionäre Linke.

Die Septembersonne scheint zwischen den am Horizont sichtbaren Bergspitzen auf die steil ins Tal abfallenden Felswände. Ein Hund kratzt sich am Ohr, im Schatten eines Baumes genießt ein alter Mann seine Zigarette und auf Bierbänken sitzen vierzig, vielleicht fünfzig Menschen zusammen. Junge, alte und die dazwischen. Sie essen hausgemachten Käse, Pasta und Weißbrot, trinken Rotwein oder Wasser und tratschen. Man spricht über eine rare Schmetterlingsart, die vor kurzem im Susa-Tal entdeckt wurde. Und natürlich über das Schandmal des Tales: Die Baustelle zur Errichtung einer Schnellzugstrecke zwischen dem französischen Lyon und dem nahegelegenen Turin.

Im Tal zwischen Susa und Venaus will keiner den Treno ad Alta Velocità, TAV. Und mit Ausdauer und Entschlossenheit stemmt sich die Bevölkerung zusammen mit militanten Linken seit mehr als einem Jahrzehnt gegen die Realisierung des milliardenschweren Bauvorhabens. Dabei geht es nicht nur um den Kampf gegen die Zerstörung der intakten Natur des Tales sowie die drastischen Eingriffe in den Lebensalltag der Anwohner durch das Milliardenprojekt. Von Anfang an spielte auch die Frage nach der demokratischen Legitimation eine Rolle: Ein Projekt für den Profit weniger, gehasst von der lokalen Bevölkerung, wird dennoch durch eine korrupte Regierung vorangetrieben.

Fabrikkämpfe und autonome Militante

Der NO-TAV-Kampf weist dabei viele Besonderheiten auf, die für eine revolutionäre Linke, die verankert sein will in Alltagskämpfen weit über die Region hinaus interessant sein können. „Die Bewegung ist insofern beispielhaft“, erklärt Francesco vom Turiner Sozialen Zentrum „Askatasuna“, „als es dem Staat nie gelungen ist, die verschiedenen Teile der Bewegung zu spalten, etwa entlang der Gewaltfrage.“ Dabei ist ihre Zusammensetzung äußerst divers: Von zuvor unpolitischen Dorfbewohnern über Umweltaktivisten über gläubige Christen und autonome Jugendliche bis zu ehemaligen Kadern aus dem bewaffneten Kampf der 1970er-Jahre. Tal der Militanten weiterlesen

Alles andere als harmlos

Wer in dieser Gesellschaft nicht irgendwann mal ausrastet, der ist nicht normal. Diese Abwandlung eines alten Spontispruchs hat heute mehr denn je Gültigkeit. Wer aber ausrastet, über den kommt der Polizeistaat. Mit zunehmender Härte und Brutalität. In Norddeutschland sind jetzt innerhalb von drei Tagen zwei offensichtlich psychisch kranke Menschen ums Leben gebracht worden – nach dem Einsatz von Pfefferspray durch Polizeibeamte. Auch wenn denen juristisch und vielleicht sogar persönlich nicht viel vorzuwerfen ist – hier lässt sich ein anderer Satz, aus einem anderen Fall bekannt, zitieren: Das war Mord! Alles andere als harmlos weiterlesen

Die Revolution aufbauen, wo wir leben

Widerstand macht stark: Das kurdische Flüchtlingscamp Maxmur im System des Demokratischen Konföderalismus

Seit drei Wochen halten wir uns in Maxmur auf, einem kurdischen Flüchtlingscamp im Nordirak. Seit 1998 leben hier ca. 12.000 Menschen, seit 2005 verwalten sie sich nach dem System des Demokratischen Konföderalismus in Räten und Kommunen selbst. Viele der Menschen hier haben keinen Pass und damit keinen Status. Sie haben kaum Möglichkeiten, außerhalb des Camps Arbeit oder Anerkennung zu finden, die meisten haben eine Geschichte hinter sich, die an vielen Stellen unvorstellbar klingt und unerträglich grausam ist.

Auf der Flucht vor der türkischen Regierung, die Anfang der 1990er-Jahre ihre Dörfer nieder brannte und der Bevölkerung mit Vernichtung drohte, viele Menschen tötete, sind die Familien über sieben andere Camps vor 20 Jahren in Maxmur, einem damals kahlen Ort am Hang eines Berges in der Wüste, angekommen.

Und auch nach all der Zeit und aus der Ferne geht die Bedrohung durch den türkischen Staat weiter, 12 Kilometer entfernt halten Daesh-Kämpfer Dörfer und weder UN noch irakische Zentral- oder kurdische Autonomieregierung sind eine Unterstützung – eher im Gegenteil. Die Revolution aufbauen, wo wir leben weiterlesen

Die Illusion der linken Forschung

Im Zuge des neu aufkommenden Interesses an der Organisation linker Theorie und Praxis, rücken Themen möglicher Selbstorganisierungsprozesse, Stadtteilarbeit und Interventionsstrategien wieder in den Fokus linker Debattenbeiträge.
In diesem Kontext erschienen auch hier im LCM einige Artikel zur Situation und zu Perspektiven linker Akademiker*innen. Sowohl Zeitpunkt, Ort als auch den Gegenstand der Analysen halten wir für angebracht und wichtig. Es scheint tatsächlich der Fall zu sein, dass sich ein Großteil der Menschen, die sich in Nordwest-Europa als links, linksradikal (oder irgendein anderes Label) verstehen, in einem akademischen Milieu befinden oder es zu irgendeinem Zeitpunkt durchlaufen haben. Wie diese Personen aber mit ihrem Dasein in der Universität/Hochschule umgehen und welche Perspektiven sie jenseits ihres Studiums haben ist Bestandteil der vorhergehenden Debattenbeiträge und soll auch den Kern dieses Artikels bilden. Er ist im ersten Teil relativ abstrakt, leitet dann aber konkrete Schlussfolgerungen für linke Akademiker*innen her. Die Illusion der linken Forschung weiterlesen