Archiv der Kategorie: Deutsch

Bizim Leaks: Die Manager der Befriedung

Schöngeistige Briefe eines pferdezüchtenden Millionärs, Start-Ups am Verhandlungstisch und Gelder aus Senat und Bezirk – Einige Aktivist*innen der Kreuzberger Initiative „Bizim Kiez“ haben sich ganz schön verrannt

In einer kleinen Hütte hoch in den verschneiten Bergen sitzt ein Adliger. Er liest, wie könnte es anders sein, die ZEIT. Eine Reportage hat es dem passionierten Ex-Verleger und Pferdezüchter besonders angetan. „Wem gehört Kreuzberg?“ fragen in ihr die Autor*innen Amrai Coen und Malte Henk. Wenig verwunderlich, denn das gut recherchierte Stück handelt auch von ihm, Dietrich von Boetticher. Zusammen mit Dietmar Müller-Elmau gehört ihm eines der wohl verhasstesten Gebäude Berlin-Kreuzbergs: Das Luxushotel Orania am Oranienplatz. Bizim Leaks: Die Manager der Befriedung weiterlesen

Kongress der Kommunen

Neue Klassenpolitik braucht die Anbindung an reale Organisierungsprozesse. Ein Vorschlag, wie das aussehen könnte (Teil 2)

Teil 1 dieses Textes argumentierte: Die Debatte um „Neue Klassenpolitik“ geht in eine gute Richtung, sie droht sich aber zu verlieren, weil sie sich ein wenig im luftleeren Raum abspielt. Eigentlich sollte linke, revolutionäre Theorie ja eine Selbstverständigung von Kämpfenden sein. Im Idealfall sieht das so aus: Menschen, die in Gruppen organisiert sind, die den Kapitalismus überwinden wollen, diskutieren, wie dieser beschaffen ist, wen sie ansprechen wollen und wie sie ihre Adressaten organisieren. Die gemeinsam entworfene Theorie ist so der Kompass in den praktischen Arbeiten, muss sich in diesen beweisen oder korrigiert werden.

In vielen entwickelten kapitalistischen Ländern verhält es sich oft anders: Debatten führen ein Eigenleben, sind ein fetischisierter Selbstzweck. Texte über Marxismus, Anarchismus, Klassen, Feminismus, dieses oder jenes werden geschrieben, um sie wahlweise als Seminar- oder Doktorarbeit einzureichen, Zeitungs- oder Magazinseiten zu füllen oder anläßlich von Jubiläen den Buchhandel zu beleben. Oder auch einfach um der Diskussion selbst willen. Ob dann auch jemand tut, was die (oft berufsmäßigen) Theoretiker*innen da bis ins kleinste Teil durchbuchstabieren, interessiert weniger. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Debatte selbst. Sie wird abstrakt, man betreibt sie eine Zeit lang und geht dann zur nächsten Debatte über. Kongress der Kommunen weiterlesen

Tour de Zone

[Eine Reise in die Provinz]

Wieder unterwegs in diesem Land, dass es nicht mehr gibt. Für eine umfassende Rundfahrt durch die weitgehend deindustrialisierten Trümmer des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ hat die Zeit nicht ausgereicht – immerhin aber durch Südostbrandenburg, einmal in Ost/West-Richtung durch Sachsen und dazwischen ein kurzer Abstecher nach Halle. Ich hatte das Glück am Rande der musikalischen Lesebühne, auf dem Weg zwischen Cottbus und Plauen mit verschiedenen Leuten interessante Gespräche führen zu können. Zeit die Erinnerungen und Notizen herauszukramen und zu versuchen ein Stück ostdeutscher Realität abzubilden. Drängende Fragen lassen sich oft nur bruchstückhaft beantworten. Aber der Versuch ist es wert.

Tour de Zone weiterlesen

#MaiGörli: Hipster-Ballermann in Kreuzberg

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg setzt zur nächsten Provokation am 1. Mai an. Doch Monika Herrmanns Eventspektakel könnte nach hinten losgehen.

Monika Herrmann, die grüne Bezirkschefin Kreuzbergs, hat mal wieder eine ausgezeichnete Idee. Am 1. Mai soll der Görlitzer Park eingezäunt, mit privater Security bewacht und von privaten Unternehmern bewirtschaftet werden. Wer rein will, muss durch Taschen-, Jacken und Rucksackkontrollen, darf keine Glasflaschen, Grillutensilien, Fahrräder, Pyrotechnik mitnehmen. Getränke – im Tetrapack – und Nahrung darf man im Ausmaß des „Eigenbedarfs“ einpacken.

Monika Herrmann denkt, das ist total dufte. Denn das könnte Chaos verhindern und irgendwie soll es danach sauberer sein, weil die Party am 1. Mai eskaliere doch immer so und danach sei es so dreckig im Kiez. Das ist richtig. Aber an wem liegt das? An uns, den Bewohner*innen Kreuzbergs, nicht. Vielmehr an denen, die das „Myfest“ als Befriedungsstrategie des politischen Protests im Kiez erfunden und gepflegt haben. Also an Monika Herrmann und ihren Vorgänger*innen selbst.

Die haben, um den 1. Mai zu entpolitisieren, diesen Myfest-Kram und damit die Kommerzialisierung des Kampftages der Arbeiter*innen in Berlin bewusst ins Leben gerufen. Zunächst noch so, dass damit auch Gewerbe und Kleinkunst aus dem Kiez irgendwie eingebunden werden konnten. Dann, mit wachsendem touristischen Interesse an dem Event, immer mehr als Geldgrube für immer weniger Beteiligte. Und sowieso die ganze Zeit auf Kosten derer, die hier wohnen oder Politik machen wollen. #MaiGörli: Hipster-Ballermann in Kreuzberg weiterlesen

Keiner starb öfter. Best of Jesus-Filme – Teil 5

Wir sind wie immer viel zu langsam. Während in den Kinos derzeit mit „Maria Magadalena“ ein Film zu sehen ist, der endlich mal eine der Frauen um Jesus in den Mittelpunkt rückt, sind wir gerade erst im Jahr 2016 angekommen. Damals lief eine nicht minder originelle Interpretation der allseits bekannten Geschichte, deren filmische Bearbeitungen wir an dieser Stelle Jahr für Jahr am Sterbe- und Wunderwochenende abarbeiten (siehe auch die Teile 1, 2, 3 und 4 unserer Jesus-Film-Serie). Zudem wollten wir unser bereits wiederholt gezeigtes Interesse an Judas noch etwas weiter vertiefen. Der Revolutionär und Verräter seines Meisters, der durch diesen Verrat überhaupt erst Kreuzigung, Auferstehung und alles Folgende auslöst, gefällt uns einfach am besten. Mehr dazu gleich. Zunächst zu einer Version der Jesus-Geschichte aus 2016, die sich einem Kapitel aus dem Leben Jesu widmet, das in den Evangelien relativ kurz behandelt wird: die ersten Lebensjahre des Religionsstifters. Wie immer gilt für das Folgende: höchste Spoiler-Alarmstufe!

Keiner starb öfter. Best of Jesus-Filme – Teil 5 weiterlesen

„Wir führen jetzt einen Guerilla-Krieg“

Der Widerstand gegen die Besatzer im Norden Syriens ist nicht vorbei. YPG und YPJ werden Afrin nicht aufgeben. Interview mit Şoreş Ronahî

#Şoreş Ronahî ist Mitglied der Leitung der Jugendunion Rojavas (Yekitiya Ciwanen Rojava, YCR) und zur Zeit in Shehba, Afrin.

Für uns ist die Situation in Afrin zur Zeit sehr undurchsichtig. Von Seiten der YPG gibt es lediglich das Statement, dass so viele Zivilist*innen wie möglich in Sicherheit gebracht wurden und der Krieg nun in eine neue Phase übergeht. Seitens der Türkei finden sich Propagandameldungen über die vollständige Einnahme der Stadt ohne nennenswerten Widerstand. Wie ist die Situation vor Ort, wie ist die Situation der Zivilist*innen, der Menschen in der Stadt?

Der Widerstand geht natürlich weiter. Klar behauptet der türkische Staat, Afrin wäre ohne Widerstand gefallen. Es wäre ja auch genau in ihrem Sinn, wenn ihre Offensive so glatt vorangegangen wäre. Aber natürlich ist das Gegenteil Fall.

Wie aus dem Statement der YPG erkennbar, haben wir lediglich eine neue Phase des Widerstands eingeleitet, die auch schon begonnen hat, und zwar mit dem Rückzug aus der Stadt. Sie läuft also seit 3,4 Tagen. In diesem Zuge wurden schon viele erfolgreiche Aktionen durchgeführt. Am 18. und 19. März gab es in Bilbile, Jinderese und Rajo Aktionen, bei denen über 70 feindliche Elemente, also sowohl dschihadistische Bandenmitglieder als auch türkische Soldaten, getötet wurden. So wird es jetzt weiter gehen.

Natürlich lassen wir Afrin nicht fallen und wir werden es auch nie aufgeben. Und wenn der Krieg 100 Jahre weitergeht, dann werden wir noch 100 Jahre Widerstand leisten. Klar, es ist eine kritische Situation, es sind hunderttausende Menschen auf der Flucht. Vor allem die Bilder der letzten Tage, was wir hier erlebt haben und was wir organisieren müssen, erinnern stark an das, was 2014 in Şengal passiert ist. Hunderttausende Menschen auf der Straße, ohne Essen und Trinken, ohne Dach über dem Kopf und ohne ausreichende medizinische Versorgung. Wir versuchen jetzt, für diese Menschen zumindest vorübergehende Lösungen zu finden. „Wir führen jetzt einen Guerilla-Krieg“ weiterlesen

Linke Theorie und die Universitäten – ein schwieriges Verhältnis

Torkil Lauesen und Gabriel Kuhn zum Spannungsfeld von Theorie und Praxis

In diesem Artikel geht es um linke Theorie, insbesondere ihr Verhältnis zur universitären Welt. Wir, die Autoren, versuchen seit vielen Jahren zu linker Theoriebildung beizutragen. Wir haben an Universitäten studiert und wir verwenden akademische Quellen und Methoden in manchen unserer Arbeiten. Aber wir verfolgen keine akademische Karriere. Wir sind an theoretischen Fragen interessiert, weil wir unsere politische Praxis verbessern wollen.

Historisch gesehen war der Einfluss von Akademiker*innen auf linke Theoriebildung eher unbedeutend. Die Entwicklung linker Theorie wurde von Menschen getragen, die unmittelbar in politische Kämpfe verwickelt waren. Klare Grenzen lassen sich hier freilich nicht ziehen: es hat immer schon Aktivist*innen mit akademischen Hintergrund gegeben genauso wie Akademiker*innen, die in politischen Kämpfe involviert waren. Aber während politische Kämpfe im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert für die Entwicklung linker Theorie prägend waren, sind es heute akademische Debatten.

Das Verhältnis zwischen politischen Kämpfen und akademischen Debatten ist ein kompliziertes. Es gibt Vorurteile auf beiden Seiten, das heißt akademische Überheblichkeit ebenso wie vulgäre Theoriefeindlichkeit. Manchmal scheint es so, als hätten wir es mit zwei getrennten Welten zu tun. Doch eine engere Zusammenarbeit von Theoretiker*innen und Praktiker*innen würde linken Bewegungen sicher gut tun. Ohne persönliches Engagement und politische Erfahrung kann es keine relevante linke Theorie geben. Gleichzeitig helfen uns theoretische Reflexion und wissenschaftliche Analyse, die Bedingungen unserer Kämpfe zu verstehen. Linke Theorie und die Universitäten – ein schwieriges Verhältnis weiterlesen

Afrin-Solidarität: Der Hauptfeind steht im eigenen Land

Wie weiter für Afrin? Zu den Aufgaben des Widerstands nach der Einnahme der Stadt Afrin durch die türkischen Besatzer

Dschihadistische Banden ziehen, plündernd und mordend, durch den gesamten Kanton Afrin – inklusive der gleichnamigen Provinzhauptstadt. Die Lage ist unübersichtlich, klar ist aber bislang, dass sich die Hauptkampfverbände der Verteidiger*innen Nordsyriens aus der Stadt zurückzogen, wohl um den verlustreichen Kampf Straße um Straße, Haus um Haus zu vermeiden. Viele tausende Zivilist*innen wurden evakuiert, es verbleiben aber auch noch Menschen in dem besetzten Gebiet. Sie sind dem Terror diverser dschihadistischer und nationalistischer Kräfte ausgeliefert. Afrin-Solidarität: Der Hauptfeind steht im eigenen Land weiterlesen

Organisierung statt Befriedung

Wie weiter in den Mietenkämpfen? Überlegungen zum Konzept einer Mieter*innengewerkschaft.

Die gute Nachricht zuerst: es bewegt sich was in Berlin und anderswo. Genauer: Die Mieter*innen bewegen sich. Mittelpunkt des Geschehens ist dabei mal wieder Kreuzberg, also der Bezirk, der in Hinsicht auf Mietenkämpfe auf eine sehr bewegende Geschichte, teilweise immer noch auf Personal und Strukturen, ganz sicher aber auf einen kämpferischen Geist zurückgreifen kann. Die Kiezversammlungen, die die Initiative „Zwangsräumen verhindern“ alle paar Monate im SO36 veranstaltet, platzen aus allen Nähten.

Als das Café Filou und der Buchladen „Kisch & Co“ von der Räumung bedroht waren, wurden diese durch Protestaktionen der Nachbar*innen, Demos und neugegründete Initiativen gestoppt. Die neuen – wie Boss&U aus der Otto-Suhr-Siedlung – ließen sich von den „alten Hasen“ wie Kotti&Co, die mittlerweile seit fast sieben Jahren am Kottbusser Tor um ihre Häuser kämpfen, beraten. Das Neue Kreuzberger Zentrum ging – mit viel Glück – nicht an einen privaten Investor, dort kämpft jetzt ein Mieter*innenrat um Selbstverwaltung, ein einmaliges Projekt im ehemaligen sozialen Wohnungsbau. Viele Häuser, die bereits vom Vorverkaufsrecht gebraucht gemacht haben und sich nun teilweise selbst verwalten, schließen sich zusammen, um nicht unpolitisch zu werden und nur noch im Eigenheim-Saft zu schmoren. Organisierung statt Befriedung weiterlesen

Afrin ist nicht gefallen

Es ist mittlerweile fast zwei Monate her, seit am 20. Januar 2018 die türkische Besatzungsarmee zusammen mit zehntausenden Dschihadisten-Söldnern die Grenze nach Afrin überschritt.Seit diesem Tag häufen sich die Meldungen über Hinrichtungen, Folter, Leichenschändung durch Erdogans Gotteskrieger, die sich kaum von den Waffenbrüdern des „Islamischen Staates“ unterscheiden.

Der Krieg gegen Afrin offenbart ein weiteres Mal den Charakter der Revolution in Rojava. Er zeigt einerseits, dass die demokratische Selbstverwaltung im Norden Syriens keinesfalls ein Proxy-Projekt eines der imperialistischen Machtblöcke ist – sowohl Russland als auch die NATO haben ganz offensichtlich ihr Einverständnis zum Einmarsch der Türkei gegeben. Afrin ist nicht gefallen weiterlesen