Archiv der Kategorie: Deutsch

[Rojava-Tagebuch XII] „Den Massen ihre eigene Aktion erklären“

Über Frauenbefreiung und die Rolle der Avantgarde-Partei in der nordsyrischen Revolution.

„Ich habe Serokatî noch selbst gesehen, als er hier in Syrien war“, schwärmt Qenco im Wohnzimmer seines Hauses in der nordsyrischen Kleinstadt Derik. Serokatî, kurdisch für „die Leitung“, meint den Gründer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Abdullah Öcalan und Qenco ist einer jener Menschen, die man in Kurdistan welatparez nennt. Welatparez, die „Schützer der Heimat“, das sind die vielen tausenden Unterstützer der kurdischen Bewegung, die zwar selbst keine Guerilla sind, ohne die sich die Kämpferinnen und Kämpfer allerdings kaum versorgen und in der Bevölkerung bewegen können. „Anfang der 2000er haben wir Waffen und Literatur im Garten vergraben oder im Mauerwerk versteckt“, erzählt Qenco und zeigt mir ein halb zerrissenes Heft. [Rojava-Tagebuch XII] „Den Massen ihre eigene Aktion erklären“ weiterlesen

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„Die USA sind die schlimmsten Feinde aller Revolutionäre und Unterdrückten auf der Welt“

Wie entstand im Mittleren Osten die Selbstverwaltung in Rojava? Was unterscheidet die kurdischen Revolutionär*innen in Syrien von anderen Milizen? Und welche Gefahren birgt die Zusammenarbeit mit den USA oder Russland? Interview mit Şahin Cudi

#Sahin Cudi arbeitet in der Leitung der Yekitina Ciwanen Rojava (YCR), der Vereinigung der Jugend Rojavas.

Kannst du kurz eine Einordnung der Revolution in Rojava in die politischen Verhältnisse im Mittleren Osten versuchen?

Der Mittleren Osten befindet sich in einer Krise. Und diese Krise zeigte den Menschen hier die Notwendigkeit von Veränderung. Die Notwendigkeit für Veränderung gab es hier seit langem. Schon vor Dekaden hätte es hier Revolutionen wie etwa in Kuba geben sollen. Aber wir sehen, dass diese Energie für eine Revolution sich jetzt, im 21. Jahrhundert, entladen hat – etwa im arabischen Frühling.

Worin liegt diese Krise begründet? Das System der Nationalstaaten, das dem Mittleren Osten mit Gewalt aufgezwungen wurde, ist nicht mehr in der Lage, sich zu halten. Das System konnte die Menschen lange zurückhalten, indem es sie in Angst versetzte. Aber zur gleichen Zeit wuchs der Wille zur Veränderung. Man kann auch bis zur 68er-Generation zurückgehen: Seit damals gab es zahlreiche Aufstände im Mittleren Osten, in Palästina, in der Türkei. „Die USA sind die schlimmsten Feinde aller Revolutionäre und Unterdrückten auf der Welt“ weiterlesen

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Nach dem Sturm auf die Grenzen

Kurz vor dem staatlich verordneten Ende des «kurzen Sommers der Migration» im Herbst 2015 haben wir angefangen, uns im Berliner Stadtteil Neukölln mit Geflüchteten zu organisieren und den Schwung des europäischen Grenzsturms gemeinsam zu nutzen, um gegen die Isolation und Entsolidarisierung durch das Lagersystem und die Verschärfung der Asylgesetze vorzugehen. Nach eineinhalb Jahren stellen wir nun unsere Erfahrungen und Erkenntnisse zur Diskussion und ziehen Bilanz.

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[Rojava-Tagebuch XI] Gebt keinen euresgleichen auf

Wie man Menschen richtig an den Haaren zieht und wofür das gut ist.

Wir, die wir neu in Rojava angekommen sind, sind wie Kinder. Wir müssen alles neu lernen. Mühsam bilden wir unsere ersten Sätze auf Kurdisch, fangen an, unsere Umgebung zu erforschen. Ev çi ye? Ev çi ye? Çima? Was ist das? Was ist das? Warum ist das so? Anders als Kinder aber können wir nicht bei Null anfangen, unschuldig und wissbegierig. Wir müssen schon Gelerntes aufbrechen, es erneuern oder gleich ganz kaputt machen. [Rojava-Tagebuch XI] Gebt keinen euresgleichen auf weiterlesen

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[Shortnews-Videoschnipsel] Hallay an der Rakka-Front

Seit der Befreiung der syrischen Stadt Tabqa am 10. Mai geht die vierte Phase der Operation Zorn des Euphrat, wie von der SDF-Führung angekündigt, weiter.
Ziel der vierten Phase ist es, die selbsternannte Hauptstadt des Islamischen Staat, Rakka, vollständig zu umstellen.
Anschließend soll sie von allen Seiten angegriffen und befreit werden.
Im Zuge dessen, sind die Kräfte von Frauenverteidigungseinheiten (YPJ), Selbstverteidigungseinheiten (YPG) und den Syrisch-Demokratischen Kräften (SDF) an einigen Stellen bis auf 4 Kilometer an Rakka herangerückt. Es werden täglich neue Dörfer befreit und Daesh kann täglich weiter zurückgedrängt werden. Es kommt jedoch auch immer wieder zu tödlichen Selbstmordanschlägen: heute Nacht gab es mehrere Tote und Verletzte SDF-Kämpfer durch eine Autobombe des Islamischen Staat‚ im Dorf Maslon.
Dennoch ist die Moral der KämpferInnen hoch. Gestern besuchten wir das kürzlich befreite Dorf Rafka und die dort stationierten SDF-Kämpfer. Sie waren zuversichtlich, schon sehr bald Daesh aus Rakka vertrieben zu haben.

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[Rojava-Tagebuch IX] Eine Ode an den Esel

„Ein jeder Esel ist gleichsam eine Welt im Ganzen und ein Spiegel Gottes oder vielmehr des ganzen Universums, das jeder in der ihm eigentümlichen Weise ausdrückt.“ (G. W. Leibniz)

Es sind nicht viele Tage, an denen die Straße auf die Hochebene des Sengal-Berges so stark befahren ist, dass sich Konvois von Geländewagen bilden. Der Carsema Sor, der Rote Mittwoch, den die Jesid*innen jedes Jahr im April begehen, aber war ein solcher Tag. Wir fuhren in einer langen Kolonne militärischer und ziviler Fahrzeuge die Serpentinen gen Gipfel, als uns einer auffiel, den der ganze Trubel so überhaupt nicht zu interessieren vermochte: In die ohnehin zu schmale Straße ragte ein halber Esel. Sein Hinterteil befand sich noch auf der ihm zugedachten Wiese, Schnauze, Kopf und Vorderbeine aber blockierten mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit den Durchgang. Die eigentlich zweispurige Bahn war auf eine Spur reduziert, der Gegenverkehr musste halten. [Rojava-Tagebuch IX] Eine Ode an den Esel weiterlesen

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Das Plastikfolien-Verbrechen

Eine Tragikömodie in fünf Akten.

In Frankfurt hat sich ein schauerliches Verbrechen ereignet: Ein junger Mann hat eine Plastikfolie vor seinem Gesicht getragen. Nun sitzt er vor Gericht. Protokoll eines Prozesses, der sich genau so zugetragen hat.

Vorspiel: Das Verbrechen

Ein Gerichtssaal in Frankfurt am Main. Kahle Wände, Stimmengemurmel. Auf den Verhandlungsbänken sitzen Richterin, Staatsanwalt, Protokollantin, Beklagter und Anwalt; der Zuschauerraum ist fast voll.

Staatsanwalt: (Räuspert sich) Herr R., (blickt auf ein Papier und beginnt zu lesen): Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main klagt Sie an, am 18.03.2015 in Frankfurt am Main bei einer Versammlung unter freiem Himmel eine Schutzwaffe – oder etwas, das als solche geeignet sein könnte – mit sich getragen zu haben. An diesem Tag waren Sie Teilnehmer einer Versammlung, die sich gegen die Eröffnung der Europäischen Zentralbank gerichtet hat. Zwischen 7 Uhr und 10.10 Uhr haben sie dabei ein transparentes Plastikvisier vor ihrem Gesicht getragen – mit der Absicht, dieses zum Schutz gegen polizeiliche Maßnahmen wie etwa Pfefferspray einzusetzen.

Dieses Vergehen ist strafbar nach §17a, Absatz 1, 27 des Versammlungsgesetzes. Das Plastikfolien-Verbrechen weiterlesen

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Mao in den Anden

In Peru inspirierte der Maoismus Millionen Menschen. Nur langsam entstehen libertäre und nicht-maoistische marxistische Kollektive.

„Die Bewegung ist am Arsch“, sagt Límber. Er ist Rapper und kommt aus Cómas, einem der berüchtigten nördlichen Randgebiete Limas. Seit über zehn Jahren versucht er, sich verschiedenen libertären Prozessen anzunähern. Ein Haus im Zentrum von Lima wurde 2013 besetzt und zu einem Autonomen Zentrum umgestaltet. Das Projekt scheiterte nach wenigen Monaten. „Das Problem ist, dass die Leute sich nur um sich selber kümmern. Es gibt keine langfristige Verbindlichkeit.“ Límber schenkt mir ein halbes Lächeln. Wir sitzen im campo de marte, einer der größten Parks der Stadt. In der Nähe vor dem großem Monument – keiner von uns weiß genau, um wen es sich da handelt – üben Tanzgruppen mit Verstärkern traditionelle Tänze ein. Mao in den Anden weiterlesen

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Still not lovin´ imperialism …

Was ist Anti-Imperialismus und was nicht? Kann es rechten Anti-Imperialismus geben? Ein Gastbeitrag der Gruppe Siempre Antifa FFM.

Den Begriff ,,Anti-Imperialismus‘‘ verwenden unterschiedliche, inhaltlich häufig konträre Bewegungen. Angesichts dieser Situation stellte die Gruppe Platypus in der Wochenzeitung jungle World die Frage: „Doch was bedeutet Anti-Imperialismus, wenn die Gegner des Imperialismus häufig eher in der Rechten als in der Linken zu finden sind?“[1] und unterstellte dem Begriff damit, inhaltliche Überschneidungen nach rechts aufzuweisen. Wir halten diese Einschätzung für falsch und meinen daher: Zeit für eine Begriffsklärung. Um zu verstehen, was Gegnerschaft zu etwas bedeutet, müssen wir zunächst den Inhalt des Bezeichneten selbst klären. Imperialismus verstehen wir im Allgemeinen als ein expansives politökonomisches System, dem eine kapitalistische Produktionsweise in einem fortgeschrittenen Stadium zugrunde liegt, welches die Entwicklung von Machtmitteln des militärisch-industriellen Komplexes voraussetzt.[2] Die imperialistischen Staaten (Zentren) sichern das kapitalistische System und den Weltmarkt global ab. Die subalternen Staaten, die obige Voraussetzungen nicht erfüllen und diesem System unterworfen sind, nennen wir Peripherien. Neben den Antagonismen zwischen Kapital und Arbeit (Klassenkampf) und zwischen Kapital und Natur sowie den Geschlechterverhältnissen (Patriarchat) existiert somit ein weiterer Widerspruch, der historisch auf den Kolonialismus zurückgeht. Erst zusammengenommen ergibt sich ein umfassendes Bild bürgerlicher Herrschaft. Still not lovin´ imperialism … weiterlesen

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