Archiv der Kategorie: Deutsch

Gestorben wird in Raqqa, nicht in Paris

Ein Bericht der britischen BBC über das „schmutzige Geheimnis“ der Befreiung Raqqas enthüllt vor allem eines: Die neokoloniale Gedankenwelt westlicher Journalisten.

Vergangene Woche enthüllte die britische BBC mit markiger Geste ein „schmutziges Geheimnis“: Am Ende der Schlacht um Raqqa hätten die Syrian Democratic Forces, das von der kurdischen YPG geschmiedete Militärbündnis gegen den Islamischen Staat, „hunderte IS-Kämpfer und deren Familien“ einfach so abziehen lassen. Der „Deal“ sei ein Skandal und – so suggeriert der Bericht – erhöhe direkt die Anschlagsgefahr in Europa, Amerika oder anderen Ländern. Gestorben wird in Raqqa, nicht in Paris weiterlesen

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Heimat

Gesellschaftliche Konflikte sind immer auch ein Kampf um Begriffe. Wer sich davor drückt, verliert Terrain. (Teil 1)

Ich muss gestehen, ganz verfolgt habe ich die Debatte nicht. Es hat sich wohl so zugetragen: Von mäßigen Wahlergebnissen geschüttelte Grüne und Sozialdemokraten versuchten, einen Begriff umzubesetzen, mit dem die Rechte seit einigen Jahren hausieren geht: Heimat. Dass nun auch irgendwie linksmittig wahrgenommene Parteien (hört, hört, sogar Die Linke) von Heimat redeten, rief wiederum jene auf den Plan, die seit Jahren um die Reinhaltung der linken Sprachlandschaft bemüht sind. Empörungen wurden ausgetauscht, dass die Tasten rauchten. Aus dem Twitter-Schlachtfeld schwappte das Thema in den Feuilleton und wurde da mit der üblichen Distinguiertheit hin- und hererwogen, sodass vom Sold des Schreibens der ein oder andere Spätburgunder erworben werden konnte. Ein paar Tage später war der Sturm, der die Herzen und Köpfe erschütterte, wieder vorbei. War die Aufregung beim Begriff Volk, der schon zuvor durch denselben Verwertungszyklus öffentlichen Schockiertseins getrieben wurde, noch nachhaltiger, konnte Heimat nur ein paar Tage den Social-Media-Feuilleton-Blog-Füller spielen. Das Ergebnis war einfach: Die Linke schmäht den Begriff, die Rechte tunkt ihn in Blut und mariniert ihn mit Boden zum Rattenfang und der Feuilleton-Journalismus zieht weiter. Heimat weiterlesen

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[VIDEO] Das Widerstandsmuseum von Kobanê

Am 1. November ist Welt-Kobanê-Tag, zu diesem Anlass veranlassen wir dieses Video: Kobanê wurde Ende 2014 beinahe vom sogenannten Islamischen Staat eingenommen, konnte jedoch durch die Entschlossenheit tausender junger Kurdinnen und Kurden verteidigt und gehalten werden. Kobanê wurde am 26. Januar 2015 für befreit erklärt. Der Sieg in Kobanê war die erste schwere Niederlage des sogenannten Islamischen Staat und markiert einen Wendepunkt des Bürgerkriegs in Syrien. Bei der Befreiung der Stadt wurde diese jedoch zu über 80% zerstört und ein Großteil der Bevölkerung war geflohen. Heute sind viele Häuser der Stadt wieder aufgebaut und viele Bewohner zurückgekehrt. Die Stadt ist das blühende Leben und scheint das Herz der Revolution von Rojava zu sein. Ein Teil Kobanês jedoch wird nicht wieder aufgebaut werden. Das als „Widerstandsmuseum“ bezeichnete Viertel bleibt im Zustand vom Januar 2015, um einerseits ein Mahnmal zu schaffen und andererseits die Geschichte erlebbar zu machen. Heval Renas ist Verantwortlicher für dieses Widerstandsmuseum und nahm uns mit auf eine Tour:
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Der innere und äußere Pogrom in Südkurdistan

Das Chaos der letzten Wochen fand in den letzten Tagen einen weiteren, traurigen Höhepunkt.

Am Sonntag kündigte Mesud Barzani, der verfassungswidrig weiter am Amt haltende de facto Präsident der Autonomen Region Kurdistan1 an, kein weiteres Mal antreten zu wollen und die Machtverteilung in Kurdistan dezentralisieren zu wollen.2 Das Ganze wurde theatralisch vor dem vollkommen irrelevanten Parlament der KRG vorgelesen. Was darauf folgte war ein kleiner Vorgeschmack auf den faschistoid-feudalen Siff, den der Barzani-Klan nach Jahrzehnten der Korruption und des Betrugs hinterlässt. In Scharen mobilisierten sich Jugendliche in den Straßen von Hewler und Zaxo und stürmten das Parlament. Dort griffen sie oppositionelle Abgeordnete an, die nach ihrem Demokratieverständnis illegitime Verräter sind, und hielten diese teilweise als Geiseln.3 Des Weiteren wurden Journalisten von NRT, einem parteiunabhängigen Sender, der in der Hand eines kurdischen Oligarchen ist, mit Stöcken angegriffen und verletzt. Auch ihre Büros wurden gestürmt4. Zudem wurden die Parteibüros von YNK und Gorran angezündet5. Der innere und äußere Pogrom in Südkurdistan weiterlesen

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Tunnelblick statt Panorama – Kritikaufschlag die Zweite

Liebe Kolleg*innen von Panorama.

Vorweg schon einmal danke, dass ihr euch bemüht habt, euch unserer Kritik anzunehmen und an dieser Stelle sei auch selbstkritisch angemerkt: unsere Kritik war sehr polemisch und an einigen Stellen überzogen. Selbstredend halten wir euch nicht für „Lügenpresse“ oder „Fake News“, diese Kategorien halten wir insgesamt für, sagen wir, schwierig.

Allerdings ist es in der Tat ein Problem, dass sich die Medien heutzutage immer häufiger boulevardesker Methoden bedienen und somit an ihrer Glaubwürdigkeit gezweifelt wird. Eben weil wir die Arbeit von Panorama schätzen, waren wir vom Ton und der scheinbaren „Botschaft“ des Beitrags nicht bloß überrascht, sondern frustriert. Unser Ziel war es nicht, Kolleg*innen zu diffamieren, sondern sie an Prinzipien journalistischer Ethik zu erinnern. Darunter sind unter anderem die enorme Wichtigkeit direkter Observation vor Ort statt ideologischer Schwarzweißmalerei aus europäischen Büros, kritischem Engagement mit komplexen Themen statt Banalisierung der Simplizität halber und dem korrekten Übersetzen und Wiedergeben der Worte wichtiger Akteure. Tunnelblick statt Panorama – Kritikaufschlag die Zweite weiterlesen

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Boulevard statt Analyse – Panorama unter BILD-Niveau

Dies ist eine kritische Analyse des Panorama-Beitrags „Krieg gegen den IS: Der US-Pakt mit Marxisten“ vom 26.10.17. Die Journalisten Stephen Buchen und Karaman Yavuz wollen beweisen, dass hinter den Syrisch-Demokratischen Kräften (SDF) eigentlich die Arbeiterpartei Kurdistans PKK steckt. Doch beweisen die Journalisten nur eines, ihre eigene Unfähigkeit.

Dieser Beitrag macht alles falsch, was falsch gemacht werden kann. Wie dieser den letzten journalistischen Faktencheck überstehen konnte, der zumindest bei der Konkurrenzsendung Monitor gang und gäbe ist, bleibt das Geheimnis der Panorama-Redaktion. Er wird ein Beispiel dafür bleiben, wie Journalismus nicht zu betreiben ist. Boulevard statt Analyse – Panorama unter BILD-Niveau weiterlesen

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1974, 1996, 2017: Die Geschichte des Verrats wiederholt sich

Nun haben wir es also offiziell. Entgegen all der jubelnden Gesänge, der Autokorsos und Banner, der großen Reden und der vor Selbstsicherheit nur so strotzenden Ansprachen ist es nun Geschehen: Das Ergebnis des Referendums, nach dem 93% der Wählerinnen und Wähler für die Unabhängigkeit Kurdistans sind, wurde nun von Mesut Barzani höchstpersönlich auf Eis gelegt. Wieder einmal winselt er um Verständigung, um Dialog und Austausch mit Baghdad. 1974, 1996, 2017: Die Geschichte des Verrats wiederholt sich weiterlesen

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War inside my head

Der hier vorliegende Beitrag schließt an unseren ersten Teil „Die Illusion der Gewaltfreiheit“ an. In diesem haben wir, Hubert Maulhofer und Dieter Oggenbach, Rahmenbedingungen für eine wirkungsvollere militante Praxis auf der Straße, im Anschluss an bzw. im Kontext der G20-Straßenkämpfe, diskutiert. Im Folgenden Beitrag wollen wir das Feld des Militanzbegriffs erweitern. Wir wollen uns entfernen von einer Erzählung, die Militanz auf soziale Gegengewalt reduziert oder im bürgerlichen Sprech „Chaos“ und „Gewalt“. Im Folgenden Beitrag soll es um Grundlagen der und Perspektiven auf die „militante Persönlichkeit“ gehen. War inside my head weiterlesen

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Kirkuks Lehre über das Recht Geschichte schreiben zu können

Dass die Kurdinnen und Kurden als eine Nation ohne Staat einfach nicht im Besitz einer geografisch-politischen Entität sind, ist mitnichten das einzige Problem dieses Volkes. Auf vielen Ebenen wird gekämpft, in vielen Bereichen sehnt sich diese Nation nach Befreiung. Der mittlerweile wohl bekannteste emanzipatorische Kampf, der aus dem zunächst ethnischen Befreiungskampf entstanden ist, ist nun der Kampf um die Befreiung der Frau. Theorie und Praxis der kurdischen Freiheitsbewegung zeigen, wie es Kämpfe innerhalb von Kämpfen geben kann. Befreiung intersektional zu sehen ist ein großer Verdienst dieser Bewegung. Kirkuks Lehre über das Recht Geschichte schreiben zu können weiterlesen

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