Archiv der Kategorie: Deutsch

Anonymität schützt immer noch

Pseudonym und Vermummung stehen einer Öffnung der Linken nicht im Wege – Eine Antwort auf Hendrik Keusch. Von Benjamin Kreutzhof

Die Frage ist nicht, warum ich vermummt bin, die Frage ist, warum bist du’s nicht, du Dummchen. Auf Selbstschutz zu verzichten, heißt dem Staat zu vertrauen. Lass dir in die Karten schauen. Plauder‘ mit den Cops am Gartenzaun.“ Waving the Guns – Gartenzaun

Im Gegensatz zu Hendrik Keusch tritt der Autor unter einem Pseudonym auf. Sei es auf Veranstaltungen oder in publizierten Texten. Gründe dafür gibt es genug. Das Risiko aufgrund seiner politischen Überzeugungen und seiner politischen Praxis Repressionen zu erfahren, ist immer noch hoch und dies keineswegs nur für Menschen in autonomen und militanten Gruppierungen, die den rechtlich legalen Rahmen überschreiten. Was rechtens ist und was nicht, bestimmen Staat und Justiz – und verfolgen linke Aktivistinnen und Aktivisten konsequent. Anonymität schützt immer noch weiterlesen

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Im Plastikmeer

– Zum migrantischen Arbeitskampf in Almeria

Der Interbrigadas eV ist ein internationalistischer Verein in Berlin, der Basisgewerkschaften und Initiativen international unterstützt. Derzeit ist die Brigade Berta Cáceres – benannt nach der von parastaatlichen Todesschwadronen ermordeten Aktivistin aus Honduras – in Andalusien (Süd-Spanien) und unterstützt die Basisgewerkschaft SAT-SOC im Arbeitskampf um die Rechte der migrantischen ArbeiterInnen. Der nachfolgende Film & Artikel gibt einen Einblick in die Realität vor Ort und den Kampf der Gewerschaft und ArbeiterInnen: Im Plastikmeer weiterlesen

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Wie leben?

Ohne den Aufstand gegen die „vom Feind entwickelte Welt der Sozialisation, Beziehungen, Gefühle und Triebe“ wird es auch in den kapitalistischen Metropolen keine revolutionäre Bewegung geben.

Als ich mich vor ein, zwei Jahren mit einem alten Freund traf, den ich für einen der klügsten Marxisten halte, die ich kenne, saßen wir in einem Altwiener Café bei zwei weißen G‘spritzten und diskutierten über Abdullah Öcalan. Wir beide arbeiteten seit vielen Jahren mit der kurdischen Bewegung zusammen, gleichwohl hatten wir in nicht wenigen Punkten Kritik an Apos Theorien. Mein Freund bemängelte den „Voluntarismus“ der kurdischen Bewegung: „Den ‚neuen Menschen‘ durch möglichst große Willensanstrengungen schaffen, solange die alte Gesellschaft noch besteht, geht nicht“, sagte er. Ich stimmte zu.

Heute, zwei Jahre und einige Besuche in Kurdistan später, sehe ich das anders. Ich denke, dass wir derlei Kritiken leicht akzeptieren, weil sie uns vor der harten Realität schützen: Die überwiegende Mehrheit von uns verhält sich nicht wie Revolutionär*innen. Nicht, was die notwendige Disziplin gegen sich selbst angeht, nicht, was unsere Umgangsformen angeht, nicht, was die Bereitschaft, für einen Traum, eine Utopie Opfer zu bringen angeht. Im Zweifelsfall ist uns eine vermeintliche „Karriere“ wichtiger als unsere Überzeugen; wir sind nicht fähig Verhaltensformen, die uns irgendwann antrainiert wurden, zu überwinden; oder wir fürchten uns vor Repression und zensieren uns selbst; oder wir achten nicht genug auf unsere Genoss*innen, weil wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Wie leben? weiterlesen

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„Basisorganisierung als Keimzelle einer neuen Bewegung“

Ende April organisieren verschiedene linksradikale Gruppen und Initiativen aus Berlin und ganz Deutschland die Selber machen! Konferenz zu Basisorganisierung, Gegenmacht und Autonomie. Dort sollen die in den letzten Jahren angestoßenen Diskussionen zu einer Neuausrichtung linksradikaler Politik fortgeführt werden und einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt werden. Wir unterstützten diese Konferenz von Beginn an und haben uns deshalb mit zwei beteiligten Aktivist*innen auf einen Tee getroffen, um über die Pläne und Erwartungen zu sprechen, die mit dieser Konferenz verbunden sind. „Basisorganisierung als Keimzelle einer neuen Bewegung“ weiterlesen

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[Artikelserie zu anarchistischen und libertären Perspektiven auf Selbstorganisierung und kapitalistische Krisenverwaltung in Griechenland 7/7] „No Gold. No Masters.“

Am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes in Thessaloniki fuhren wir weit hinaus – genauer gesagt in das Dorf Megali Panagia auf Chalkidiki. Viele auswärtige Menschen verbinden die Halbinsel im Norden Griechenlands mit Sandstränden und ruhigen Wanderwegen. Doch seit einigen Jahren ist Chalkidiki von schwerwiegenden Veränderungen bedroht. Das Kapital ist in Goldgräber-Stimmung, wodurch nicht nur weite Teile der vielfältigen Ökologie vor der Zerstörung stehen. Schuld daran sind zahlreiche Goldminen, die das kanadische Unternehmen „Eldorado Gold Cooperation“ in Zusammenarbeit mit dem griechischen Unternehmen „Hellenic Gold“ auf Chalkikidi plant oder bereits realisiert hat. Seit Jahren leisten Aktivist*innen aus sozialen und ökologischen Zusammenhängen gegen diese Pläne Widerstand und konnten viele Bewohner*innen in die Kämpfe einbinden. [1]

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Raus aus der Anonymität!

– Ein Beitrag zur Debatte über Anonymität und linksradikales Aussschlussgeklüngel

Hallo, darf ich mich vorstellen? Ich heiße Hendrik Keusch und ich bin linksradikal. Mein Name ist echt. Ich habe nicht darum gebeten, dass die Redaktion meinen Namen ändert oder mich Anna Arthur genannt, oder mir ein anderes sofort als solches zu erkennendes Pseudonym gegeben. Warum aber ist das eigentlich so ungewöhnlich im linksradikalen (post-)autonomen Milieu: Die meisten meiner linken Freunde haben bei Facebook, so sie denn überhaupt einen Account haben, nicht ihren richtigen Namen angegeben. Die linksradikale Frankfurter Gruppe Antifa Kritik und Klassenkampf warnt vor der „Ausforschung“ durch den Exzellenzcluster ,,Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität [1]. Fast jede linke Demo besteht unabhängig von Aktionskonsens und Thema zu einem nennenswerten Teil aus Menschen, die wohl ohne Blackblockoutfit nicht mehr aus dem Haus gehen. Und wer als szeneunkundige Person mal nach Strukturen, Personen oder danach wie das alles miteinander zusammenhängt fragt, wird wenn nicht der Spitzelei so doch zumindest einer gefährlichen Fahrlässigkeit beschuldigt.

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Wir brauchen eine Diskussion über die Karriereplanung der linken Studis

Wer kennt das nicht: Leute, die früher besetzte Häuser mitorganisiert, in konspirativen Antifa-Gruppen gearbeitet und Aufrufe zur Abschaffung von Staat und Kapital geschrieben haben, „gehen über ins Berufsleben“ und üben mit einem Mal an der Uni, in NGOs oder in Kulturinstitutionen eine Tätigkeit aus, die sie früher aufs Schärfste denunziert hatten. Sie werden „erwachsen“: Es gehe doch darum, „real und konkret“ Änderungen zu erreichen.

Real und konkret“: Man könnte auch sagen, unter den gegebenen Bedingungen. Mehrere Texte haben in den letzten Jahren die Herrschaftsfunktionen solcher Tätigkeiten kritisiert und dazu aufgerufen, dass Linke andere Berufe wählen sollen.i Demgegenüber meine ich zwar, dass es bedingt sinnvoll sein kann, auf solchen Stellen zu arbeiten, insbesondere wenn man damit genuin radikale Ziele umsetzen kann. Allerdings muss es tatsächlich darum gehen, die ausschließliche Fixierung der linken Studierenden auf die Intellektuellenkarriere zu lösen. Denn genau diese Fixierung führt zur Notwendigkeit der Selbstanpassung, wodurch man die Möglichkeit zur Radikalität, für die man nämlich die Karriere riskieren muss, aus der Hand gibt.

Wir brauchen eine Diskussion über die Karriereplanung der linken Studierenden. Dafür müssen wir aber über die Widersprüche in ihrer subjektiven Situation sprechen. Aus denen kommt man nämlich gar nicht so leicht raus. Wir müssen über Anpassungszwänge und ihre Unmerklichkeit, über Ängste, Selbstzweifel und die Frage „Was will ich im Leben?“, über die Politisierung des Privaten und über Alternativen zur Intellektuellenidentität sprechen. Wir brauchen eine Diskussion über die Karriereplanung der linken Studis weiterlesen

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PKK? Na klar!

Das Innenministerium verbietet die Flaggen kurdischer Vereine. Die linksliberale Kritik daran wirkt allerdings ihrerseits an der Delegitimierung der kurdischen Bewegung mit. Ein Kommentar von Fatty McDirty

Das deutsche Innenministerium hat dem türkischen Regime erneut ein Geschenk zukommen lassen: Die Fahnen zahlreicher legaler kurdischer Organisationen wurden verboten. Neben den Student*innen der YXK, trifft es auch die Fahnen der in Syrien gegen den Islamischen Staat, türkische Besatzer und andere Banden kämpfenden YPG und YPJ.

Das ist skandalös. Und es ist gut, dass dieses Verbot einen Aufschrei verursacht. Allerdings bringt dieser Aufschrei auch eine Reihe an Argumenten hervor, die inhaltlich eher schädlich sind. PKK? Na klar! weiterlesen

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Über die Kämpfe der Massenarbeiter*innen und den Operaismus – Bericht und Reflexion

In den 60er und 70er Jahren tritt in Norditalien eine Reihe von Arbeiter*innenkämpfen von neuartigem Ausmaß auf: Die erfolgreiche Blockierung von Teilen der Produktion führt zu maßgeblichen Verlusten für das Kapital durch nichtproduzierte Waren, als Ergebnis verschiedener Kämpfe stehen später Tarifabschlüsse in verschiedenen Bereichen, die Lohnerhöhungen von teilweise deutlich über 10% beinhalten. Entscheidend getragen wurden die Kämpfe von den durch die fordistische Produktionsweise hervorgebrachten Massenarbeiter*innen. Für die gegenwärtige Linke stellt sich entsprechend die Frage: Was können wir aus der historischen Erfahrung dieser Kämpfe lernen und mit den dahinterstehenden politischen Überlegungen heute noch anfangen? Dem wollten wir uns gemeinsam mit Christian Frings nähern, der im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Klasse – Macht – Kampf“ den Kampfzyklus der Massenarbeiter*innen und die theoretische Entwicklung dessen beleuchtete, was später als Operaismus bekannt wurde. [1]

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„Wir kämpfen, um zu leben, nicht um zu sterben“

Zehn Tage bei der Guerilla in den Bergen Kurdistans (Teil II)

Heval Azads Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Çiya, Berg. Wir haben etwas Freizeit, sitzen bei Tee und Zigaretten im Tarnzelt und einer von uns hatte den Freund aufgefordert, uns doch einfach irgendwelche Wörter auf Kurdisch zu sagen, damit wir etwas lernen können. Auf Berg folgt stêrk, Stern, xweza, Natur, und dann beginnen wir über die Tiere zu reden, die es in der Gegend gibt. Teyrebazen, Falken, sehen wir oft, ein Rudel von çeqel, Schakalen, kommt nachts zum Jagen in unsere Gegend, auch Wölfe, gur, gibt es. In manchen höher gelegenen Gegenden trifft man auf hirç, Bären. In manchen Flüssen, in denen wir baden, gibt es Fische. Wildschweine, Steinböcke, Adler – Kurdistans Umwelt, wo sie noch nicht von AKP und KDP oder ausländischen Konzernen verheert wurde, ist intakt. „Wir kämpfen, um zu leben, nicht um zu sterben“ weiterlesen

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