Archiv der Kategorie: Deutsch

Und alle Räder stehen still …

Frauen streiken gegen Patriarchat und Kapital – 2019 auch in Deutschland

Am 7. März 2018 schrieb Jessica Sommer an dieser Stelle einen wichtigen Beitrag, der unter Frauen der außerparlamentarischen Linken für fruchtbare Diskussionen sorgte. Treffend fasste die Autorin zusammen, welche verschiedenen feministischen Streikbündnisse auf der ganzen Welt am Entstehen waren. Die historische Herleitung des traditionellen Kampfmittels der Arbeiter*innenklasse als kein reines „Männerinstrument” war dabei genauso überzeugend wie das aufzeigen, dass ein klassenkämpferischer, proletarischer Feminismus weltweit am Aufflammen ist und es schafft Millionen Menschen zu mobilisieren.

In Argentinien haben die kämpfenden Frauen 2016 vor allem darüber auf sich aufmerksam gemacht, dass sie in zentralen Sektoren wie dem Öffentlichen Nahverkehr in Buenos Aires die Arbeit niederlegten. In diesem Jahr streikten in Spanien 5,3 Millionen Frauen. Viele hunderte Männer unterstützten personell die Mobilisierung, traten ebenfalls solidarisch in den Ausstand und verteidigten ihre Kolleginnen vor den Bossen. Und alle Räder stehen still … weiterlesen

Mein Freund Mahir

In Gedenken an Mahir Serhat, ermordet am 15. August 2018 durch die Luftwaffe der Türkei

Irgendwann vor einigen Wochen wird eine Delegation von türkischen Anzug- und Uniformträgern auf eine Delegation von amerikanischen Anzug- und Uniformträgern getroffen sein. Man wird verhandelt haben. Es wird Dissens in einigen Fragen, Übereinstimmungen in einigen anderen zwischen den Vertretern der beiden Nato-Staaten gegeben haben. Die türkische Seite wird einiges gefordert haben, die amerikanische einiges gegeben, um die angeknacksten Beziehungen am Laufen zu halten. Eine der zahllosen Geheimdienstagenturen Washingtons wird dann die Koordinaten geliefert haben. Irgendwo in Ankara wird man die Koordinaten weitergeleitet haben an die Luftwaffe. Die USA, die den irakischen Luftraum kontrollieren, werden vor dem Abfliegen der Drohnen und Jets informiert worden sein. Mein Freund Mahir weiterlesen

»Teilweise werden sogar verfeindete Seiten beliefert«

Rheinmetall ist ein Aushängeschild der deutschen Waffenindustrie. Rund um den Antikriegstag am 1. September wollen Antimilitarist*innen den Konzern an seinem Sitz im niedersächsischen Unterlüß besuchen. Ein Gespräch mit den Organisator*innen.

Ihr ruft rund um den Antikriegstag am 1. November dazu auf, ins niedersächsische Unterlüß zu kommen. Dort hat der Waffenkonzern Rheinmetall seinen Sitz. Was werft ihr dem Unternehmen vor?

Rheinmetall und alle anderen Waffenproduzenten profitieren mit ihrem Geschäft von Krieg und Zerstörung in aller Welt. Und schlimmer noch, mit ihren Waffenverkäufen werden Konflikte angestachelt. Es werden Möglichkeiten geschaffen, Interessen mit Waffengewalt durchzusetzen und Menschen zu unterdrücken. Denn Waffen sind zum Töten da und in Kriegen sind Zivilist*innen die größten Leidtragenden und Opfer. Bei Waffenexporten gibt es keine Moral und keine Regeln.

Die wenigen Gesetze, die in Deutschland existieren, werden von Unternehmen wie Rheinmetall durch Tochterfirmen im Ausland – zum Beispiel auf Sardinien oder in Südafrika – umgangen. So exportieren sie munter in Krisenländer und Kriegsgebiete. Teilweise werden sogar verfeindete Seiten beliefert. »Teilweise werden sogar verfeindete Seiten beliefert« weiterlesen

Der Kampf geht weiter, Zeki Heval

Am 15. August ermordete die türkische Luftwaffe im Irak einen langjährigen Kämpfer der kurdischen Befreiungsbewegung. Schon sein Begräbnis zeigt: Man kann einen Revolutionär töten, aber nicht die Revolution.

In Gedenken an Şehid Zekî Şengalî

Als wir am 18. August 2018 in unsere Autos steigen, steht die Sonne am Himmel Rojavas noch niedrig. Die Straßen der nordostsyrischen Kleinstadt Derik sind belebt. Hunderte Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um dem am 15. August 2018 von der Türkei Zekî Şengalî auf seinem Weg in die Şengal-Berge zu begleiten.

Unser erster Anlaufpunkt ist das Volkskrankenhaus in Derik. Bei unserer Ankunft warten bereits viele Menschen in der Krankenhauseinfahrt, um den Sarg zu begleiten. An den bunten Kleidern und Westen sehen wir hundertfach das Gesicht des Genossen Zekî. Mit der Parole „ Şehid namirin“ wird der Sarg aus dem Krankenhaus in einen Transporter verladen. Der Kampf geht weiter, Zeki Heval weiterlesen

Trauben und Bomben

Internationalist*innen auf dem Weg nach Rojava: Ein Zwischenstopp im Kandilgebirge, wo der Luftkrieg der Türkei gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) tobt.

Anfang Juli sind wir – einige Internationalist*innen aus Deutschland – nach Nordsyrien aufgebrochen. Unsere Reise nach Rojava verzögerte sich allerdings, wie das häufig üblich ist, auf unbestimmte Zeit, da der Grenzübergang aus dem Nordirak schwieriger war als erwartet. Anstatt im Hotel zu versauern und das Leben frustrierter Tourist*innen, zwischen Klimaanlage und Coca-Cola zu fristen, entschieden wir, an einer Aktion der Jugend von Basur (Südkurdistan) in den Kandilbergen teilzunehmen. Seit dem faktischen Einmarsch der Türkei in den Nordirak und der kontinuierliche Bombardierung der grenznahen Gebirgsregionen, die als »Hauptquartier« der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gelten, durch die türkische Luftwaffe ist der Widerstand der Zivilbevölkerung in Basur stärker geworden. Trauben und Bomben weiterlesen

„Wir wollen hier weder israelische Besatzung noch Hamas“

In einem Dorf im Westjordanland diskutieren palästinensische und israelische Linke gemeinsam mit Internationalist*innen aus Europa und Kurdistan über Perspektiven des Widerstandes

Auf den Äckern von Farkha tummeln sich Menschen aus verschiedenen Ländern, aus Portugal, aus Italien, Kurdistan und Deutschland. Die Internationalist*innen schwitzen, sie sind dabei Steinmauern zu bauen, damit die Gartenterrassen nicht abrutschen. Farkha, das ist ein kleiner Ort in der Nähe von Ramallah, der De-FactoHauptstadt des Westjordanlandes in Palästina. Einer Region die seit Jahrzehnten umkämpft ist und die immer stärker von israelischen Siedlungen, Militärzonen und Grenzanlagen zerrissen wird. Vom höchsten Punkt in Farkha aus reicht der Blick bis zu den Silhouetten der Wolkenkratzer von Tel Aviv. Davor erstrecken sich weitläufige Hügelketten. Es ist eine idyllische Landschaft, hier ein Dorf, dort ein Olivenhain. Doch es ist auch ein zerrissenes Land, von den Dächern von Farkha aus sieht man auch die Lichter von den Landstraßen, die sich durch das Westjordanland schlängeln. Viele von ihnen dürfen von Palästinensern nicht benutzt werden, sondern nur von den jüdisch-israelischen Siedlern. „Wir wollen hier weder israelische Besatzung noch Hamas“ weiterlesen

Du bist kein Deutscher und wirst nie einer sein

Die Debatte um Mesut Özil dreht sich um mehr als den Diktatoren-Faible eines Fußballers: Sie zerbricht die Illusion, dass wir Migrant*innen hier irgendwann und irgendwie doch „dazugehören“ können.

In den letzten Tagen scheint die bundesdeutsche Öffentlichkeit nichts so sehr zu beschäftigen wie die Özil-Affäre. Ist es Rassismus oder hat Özil Deutschland verraten? Haben wir sein Herz gebrochen oder kann der Junge sich nicht benehmen? Mesut, 1988 in Gelsenkirchen geboren, erfolgreicher deutscher Fußballspieler und „wir waren Weltmeister“ – 2014 in Brasilien; die gute alte Zeit, in der zu dem besagten „wir“ neben Jürgen und Detlef auch Ali und Mustafa irgendwie gehören sollten, so zumindest die recht optimistische – um nicht zu sagen, heuchlerische – liberale Interpretation des WM-Kaders, in dem Mesut, Sami, Miroslav und Jérôme mit Matthias, Philipp und Thomas Seite an Seite standen. Du bist kein Deutscher und wirst nie einer sein weiterlesen

Die globale Perspektive

Ohne Klassenanalyse und Antimilitarismus geht‘s nicht: Zur Debatte um Flucht/Migration (Teil 2/2)

Beginnen wir mit der guten Nachricht: Seit Jahren gibt es einen mobilisierbaren Teil der sogenannten Zivilgesellschaft, der gegen die Drangsalierung von Geflüchteten auf die Straße geht. Von der »Willkommenskultur«-Phase 2015 bis zu den aktuellen #Seebrücke-Demonstrationen haben sich Hunderttausende auf der Straße und in sozialen Medien für einen humaneren Umgang mit Refugees ausgesprochen. Im Hinblick auf das Tempo, mit dem sich die politische Landschaft der Bundesrepublik nach rechts bewegt, ist das nicht nix. Die globale Perspektive weiterlesen

It‘s capitalism, stupid!

Ohne antikapitalistische Perspektive in die Niederlage: Die Debatte um Migration/Flucht (Teil 1/2)

Dieser Zweiteiler handelt von den derzeit auf dem Markt der Ideologien gehandelten mehr oder minder progressiven Positionen zu Flucht und Migration. Im ersten Teil geht es um das, was das (links-)bürgerliche Spektrum anzubieten hat; und im zweiten um ein aktuelles Buch eines dänischen Antiimperialisten und begnadeten Bankräubers (klingt komisch, macht aber Sinn).

Die Hauspostille jener gesellschaftlichen Schicht, die der migrantischen Haushälterin aufträgt, nur im Bioladen einzukaufen, ist entzückt. »Die schaffen das«, titelt die taz. Die Erfolgsstory handelt von »einem Spitzenunternehmen, einer Krone der deutschen Industrie«. Der Betrieb hat einen Mitarbeiter freigestellt und Schulungsunterlagen bezahlt, um junge Geflüchtete aus Afghanistan und Syrien als Mechatroniker auszubilden. Die taz-Autorin findet die Initiative wegweisend, man sei dabei, eine »Vision dafür zu entwickeln, wie das konkret aussehen könnte, dieses Merkel’sche: Wir schaffen das!« Aber es wird noch traumhafter. Der Chef der Firma, der »sich höchstpersönlich die Ehre gab«, hat zu dem Projekt gesagt: »Die Sprache der Technik ist die Sprache der Zukunft. Grenzen spielen keine Rolle mehr, wenn man die Themen Migration und Technik zusammenführt.« Hat er wirklich gesagt, Grenzen spielen keine Rollen mehr? Ja, hat er. Was für ein Kerl. Was für ein Herz. Was für ein Betrieb. It‘s capitalism, stupid! weiterlesen

Revolutionäre Politik in reaktionären Zeiten

Basisansätze und lokale Verankerung als Weg aus der Krise – Gastbeitrag der Organisierten Autonomie Nürnberg

„Nehmen sie uns ein Haus, nehmen wir uns einen ganzen Stadtteil“ – so lautete Mitte der 1990er die Losung, nachdem die Stadt Nürnberg das KOMM und dessen Selbstverwaltung systematisch zerstört hatte. Das KOMM lag zentral am Hauptbahnhof und war Hotspot eines jeden linken oder alternativen Jugendlichen dieser Zeit in Nürnberg. Der Verlust traf schwer, wurde jedoch zugleich genutzt, um den Sprung raus aus dem szene-geprägten KOMM zu schaffen.

Politik im Stadtteil war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zwingend Handwerkzeug der deutschen Autonomen. Hausbesetzungen wurden eher intern getragen und die Verankerung in der Nachbarschaft stellte nur für einige Projekte dieser Zeit einen relevanten Teil ihres politischen Wirkens dar. Doch mit der zunehmenden Orientierung von Teilen der Nürnberger Autonomen an z.B. den italienischen Autonomia-Ansätzen – die in ihrer Ausrichtung basiszentriert waren und für die aufgrund der eigenen Klassenlage der gemeinsame Kampf als Klasse selbstverständlich war – fand die revolutionäre Politik verstärkt Einzug im Nürnberger Stadtteil Gostenhof. Revolutionäre Politik in reaktionären Zeiten weiterlesen