»Ich bin in die Berge gegangen, um neu anzufangen«

Eine deutsche Internationalistin in der PKK. Interview mit Heval Delia

Auf seiner Reise nach Rojava traf LCM-Reporter Bernd Machielski die deutsche Internationalistin Delia, die sich vor einem Jahr der Arbeiterpartei-Kurdistans (PKK) angeschloßen hat. Ein Gespräch über ihre Beweggründe und die Linke in der BRD.

Du hast dich heute vor genau einem Jahr der Arbeiterpartei-Kurdistans (PKK) angeschlossen. Was war damals deine Motivation, diesen Schritt zu gehen?

Ich bin vor einem Jahr nach Rojava gegangen, dort an einer Bildung teilgenommen und mich im Anschluss relativ schnell entschieden, dass ich mehr von der Revolution sehen möchte. Für mich hat es damals nicht ausgereicht, in Rojava zu sein, mein Wissen einzubringen und zu lernen. Ich wollte lernen, wie die Partei entstanden ist. Die Frage ließ mich nicht los: „Wie konnte in Rojava der Boden für einen Neuaufbau der Gesellschaft, auf der Basis kommunaler Organisierung und Verwaltung entstehen?“ »Ich bin in die Berge gegangen, um neu anzufangen« weiterlesen

Die Revolution aufbauen, wo wir leben

Widerstand macht stark: Das kurdische Flüchtlingscamp Maxmur im System des Demokratischen Konföderalismus

Seit drei Wochen halten wir uns in Maxmur auf, einem kurdischen Flüchtlingscamp im Nordirak. Seit 1998 leben hier ca. 12.000 Menschen, seit 2005 verwalten sie sich nach dem System des Demokratischen Konföderalismus in Räten und Kommunen selbst. Viele der Menschen hier haben keinen Pass und damit keinen Status. Sie haben kaum Möglichkeiten, außerhalb des Camps Arbeit oder Anerkennung zu finden, die meisten haben eine Geschichte hinter sich, die an vielen Stellen unvorstellbar klingt und unerträglich grausam ist.

Auf der Flucht vor der türkischen Regierung, die Anfang der 1990er-Jahre ihre Dörfer nieder brannte und der Bevölkerung mit Vernichtung drohte, viele Menschen tötete, sind die Familien über sieben andere Camps vor 20 Jahren in Maxmur, einem damals kahlen Ort am Hang eines Berges in der Wüste, angekommen.

Und auch nach all der Zeit und aus der Ferne geht die Bedrohung durch den türkischen Staat weiter, 12 Kilometer entfernt halten Daesh-Kämpfer Dörfer und weder UN noch irakische Zentral- oder kurdische Autonomieregierung sind eine Unterstützung – eher im Gegenteil. Die Revolution aufbauen, wo wir leben weiterlesen

Die Illusion der linken Forschung

Im Zuge des neu aufkommenden Interesses an der Organisation linker Theorie und Praxis, rücken Themen möglicher Selbstorganisierungsprozesse, Stadtteilarbeit und Interventionsstrategien wieder in den Fokus linker Debattenbeiträge.
In diesem Kontext erschienen auch hier im LCM einige Artikel zur Situation und zu Perspektiven linker Akademiker*innen. Sowohl Zeitpunkt, Ort als auch den Gegenstand der Analysen halten wir für angebracht und wichtig. Es scheint tatsächlich der Fall zu sein, dass sich ein Großteil der Menschen, die sich in Nordwest-Europa als links, linksradikal (oder irgendein anderes Label) verstehen, in einem akademischen Milieu befinden oder es zu irgendeinem Zeitpunkt durchlaufen haben. Wie diese Personen aber mit ihrem Dasein in der Universität/Hochschule umgehen und welche Perspektiven sie jenseits ihres Studiums haben ist Bestandteil der vorhergehenden Debattenbeiträge und soll auch den Kern dieses Artikels bilden. Er ist im ersten Teil relativ abstrakt, leitet dann aber konkrete Schlussfolgerungen für linke Akademiker*innen her. Die Illusion der linken Forschung weiterlesen

„Seehofer steht nicht für Humanität“

Diana Henniges ist Gründungsmitglied und Vereinsvorstand von „Moabit Hilft e.V.“, einer 2013 gegründeten, gemeinnützigen Bürgerinitiative, die sich für Geflüchtete einsetzt. Sie organisieren Bewerbungstrainings und Deutschunterricht, bereiten auf Amtstermine vor und sind laut, wenn es darum geht, die Rechte Geflüchteter zu verteidigen. Seit 2015 hilft Moabit Hilft e.V. auch direkt auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LaGeSo).
„Seehofer steht nicht für Humanität“ weiterlesen

Trauben und Bomben

Internationalist*innen auf dem Weg nach Rojava: Ein Zwischenstopp im Kandilgebirge, wo der Luftkrieg der Türkei gegen die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) tobt.

Anfang Juli sind wir – einige Internationalist*innen aus Deutschland – nach Nordsyrien aufgebrochen. Unsere Reise nach Rojava verzögerte sich allerdings, wie das häufig üblich ist, auf unbestimmte Zeit, da der Grenzübergang aus dem Nordirak schwieriger war als erwartet. Anstatt im Hotel zu versauern und das Leben frustrierter Tourist*innen, zwischen Klimaanlage und Coca-Cola zu fristen, entschieden wir, an einer Aktion der Jugend von Basur (Südkurdistan) in den Kandilbergen teilzunehmen. Seit dem faktischen Einmarsch der Türkei in den Nordirak und der kontinuierliche Bombardierung der grenznahen Gebirgsregionen, die als »Hauptquartier« der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gelten, durch die türkische Luftwaffe ist der Widerstand der Zivilbevölkerung in Basur stärker geworden. Trauben und Bomben weiterlesen

„Wir wollen hier weder israelische Besatzung noch Hamas“

In einem Dorf im Westjordanland diskutieren palästinensische und israelische Linke gemeinsam mit Internationalist*innen aus Europa und Kurdistan über Perspektiven des Widerstandes

Auf den Äckern von Farkha tummeln sich Menschen aus verschiedenen Ländern, aus Portugal, aus Italien, Kurdistan und Deutschland. Die Internationalist*innen schwitzen, sie sind dabei Steinmauern zu bauen, damit die Gartenterrassen nicht abrutschen. Farkha, das ist ein kleiner Ort in der Nähe von Ramallah, der De-FactoHauptstadt des Westjordanlandes in Palästina. Einer Region die seit Jahrzehnten umkämpft ist und die immer stärker von israelischen Siedlungen, Militärzonen und Grenzanlagen zerrissen wird. Vom höchsten Punkt in Farkha aus reicht der Blick bis zu den Silhouetten der Wolkenkratzer von Tel Aviv. Davor erstrecken sich weitläufige Hügelketten. Es ist eine idyllische Landschaft, hier ein Dorf, dort ein Olivenhain. Doch es ist auch ein zerrissenes Land, von den Dächern von Farkha aus sieht man auch die Lichter von den Landstraßen, die sich durch das Westjordanland schlängeln. Viele von ihnen dürfen von Palästinensern nicht benutzt werden, sondern nur von den jüdisch-israelischen Siedlern. „Wir wollen hier weder israelische Besatzung noch Hamas“ weiterlesen

Du bist kein Deutscher und wirst nie einer sein

Die Debatte um Mesut Özil dreht sich um mehr als den Diktatoren-Faible eines Fußballers: Sie zerbricht die Illusion, dass wir Migrant*innen hier irgendwann und irgendwie doch „dazugehören“ können.

In den letzten Tagen scheint die bundesdeutsche Öffentlichkeit nichts so sehr zu beschäftigen wie die Özil-Affäre. Ist es Rassismus oder hat Özil Deutschland verraten? Haben wir sein Herz gebrochen oder kann der Junge sich nicht benehmen? Mesut, 1988 in Gelsenkirchen geboren, erfolgreicher deutscher Fußballspieler und „wir waren Weltmeister“ – 2014 in Brasilien; die gute alte Zeit, in der zu dem besagten „wir“ neben Jürgen und Detlef auch Ali und Mustafa irgendwie gehören sollten, so zumindest die recht optimistische – um nicht zu sagen, heuchlerische – liberale Interpretation des WM-Kaders, in dem Mesut, Sami, Miroslav und Jérôme mit Matthias, Philipp und Thomas Seite an Seite standen. Du bist kein Deutscher und wirst nie einer sein weiterlesen

Die globale Perspektive

Ohne Klassenanalyse und Antimilitarismus geht‘s nicht: Zur Debatte um Flucht/Migration (Teil 2/2)

Beginnen wir mit der guten Nachricht: Seit Jahren gibt es einen mobilisierbaren Teil der sogenannten Zivilgesellschaft, der gegen die Drangsalierung von Geflüchteten auf die Straße geht. Von der »Willkommenskultur«-Phase 2015 bis zu den aktuellen #Seebrücke-Demonstrationen haben sich Hunderttausende auf der Straße und in sozialen Medien für einen humaneren Umgang mit Refugees ausgesprochen. Im Hinblick auf das Tempo, mit dem sich die politische Landschaft der Bundesrepublik nach rechts bewegt, ist das nicht nix. Die globale Perspektive weiterlesen

It‘s capitalism, stupid!

Ohne antikapitalistische Perspektive in die Niederlage: Die Debatte um Migration/Flucht (Teil 1/2)

Dieser Zweiteiler handelt von den derzeit auf dem Markt der Ideologien gehandelten mehr oder minder progressiven Positionen zu Flucht und Migration. Im ersten Teil geht es um das, was das (links-)bürgerliche Spektrum anzubieten hat; und im zweiten um ein aktuelles Buch eines dänischen Antiimperialisten und begnadeten Bankräubers (klingt komisch, macht aber Sinn).

Die Hauspostille jener gesellschaftlichen Schicht, die der migrantischen Haushälterin aufträgt, nur im Bioladen einzukaufen, ist entzückt. »Die schaffen das«, titelt die taz. Die Erfolgsstory handelt von »einem Spitzenunternehmen, einer Krone der deutschen Industrie«. Der Betrieb hat einen Mitarbeiter freigestellt und Schulungsunterlagen bezahlt, um junge Geflüchtete aus Afghanistan und Syrien als Mechatroniker auszubilden. Die taz-Autorin findet die Initiative wegweisend, man sei dabei, eine »Vision dafür zu entwickeln, wie das konkret aussehen könnte, dieses Merkel’sche: Wir schaffen das!« Aber es wird noch traumhafter. Der Chef der Firma, der »sich höchstpersönlich die Ehre gab«, hat zu dem Projekt gesagt: »Die Sprache der Technik ist die Sprache der Zukunft. Grenzen spielen keine Rolle mehr, wenn man die Themen Migration und Technik zusammenführt.« Hat er wirklich gesagt, Grenzen spielen keine Rollen mehr? Ja, hat er. Was für ein Kerl. Was für ein Herz. Was für ein Betrieb. It‘s capitalism, stupid! weiterlesen

Revolutionäre Politik in reaktionären Zeiten

Basisansätze und lokale Verankerung als Weg aus der Krise – Gastbeitrag der Organisierten Autonomie Nürnberg

„Nehmen sie uns ein Haus, nehmen wir uns einen ganzen Stadtteil“ – so lautete Mitte der 1990er die Losung, nachdem die Stadt Nürnberg das KOMM und dessen Selbstverwaltung systematisch zerstört hatte. Das KOMM lag zentral am Hauptbahnhof und war Hotspot eines jeden linken oder alternativen Jugendlichen dieser Zeit in Nürnberg. Der Verlust traf schwer, wurde jedoch zugleich genutzt, um den Sprung raus aus dem szene-geprägten KOMM zu schaffen.

Politik im Stadtteil war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zwingend Handwerkzeug der deutschen Autonomen. Hausbesetzungen wurden eher intern getragen und die Verankerung in der Nachbarschaft stellte nur für einige Projekte dieser Zeit einen relevanten Teil ihres politischen Wirkens dar. Doch mit der zunehmenden Orientierung von Teilen der Nürnberger Autonomen an z.B. den italienischen Autonomia-Ansätzen – die in ihrer Ausrichtung basiszentriert waren und für die aufgrund der eigenen Klassenlage der gemeinsame Kampf als Klasse selbstverständlich war – fand die revolutionäre Politik verstärkt Einzug im Nürnberger Stadtteil Gostenhof. Revolutionäre Politik in reaktionären Zeiten weiterlesen