„Der Faschismus wird mit revolutionärer Gewalt zerschlagen werden“

Erdal Firaz ist Aktivist der kurdischen Befreiuungsbewegung in der BRD.

Die mediale Aufmerksamkeit für Afrin ist gesunken, obwohl es aktuell massive Fluchtbewegungen gibt. Wie bewertest du die aktuelle Lage in Afrin, Rojava und Kurdistan?

Unsere Genossen in Afrin haben uns in diesen Monaten des militanten Widerstands nochmal klar vor Augen geführt, in was für einer Welt wir leben. Afrin wurde offiziell von der Armee des faschistischen türkischen Regimes und ihren islamistischen Verbündeten angegriffen. Doch die mehrere Monate andauernde Kriegsrealität hat gezeigt, dass dieser Angriff von einem System entschieden, geplant, bestätigt und unterstützt wurde. Die Besatzung und der Krieg ist nicht nur eine Sache der Türkei, des Irans, Iraks oder Syriens. Er stützt sich auf das kapitalistisch-patriarchale System. Diese Realität wurde durch den Widerstand in Afrin nochmals verdeutlicht. „Der Faschismus wird mit revolutionärer Gewalt zerschlagen werden“ weiterlesen

Pinkwashing im SchwuZ

Im traditionsreichen Berliner »SchwulenZentrum« findet die queere Jobmesse »Sticks&Stones« statt. Mit dabei allerhand Rüstungsunternehmen, Gentrifizierer und die Bundeswehr.

1977 gegründet von Aktivisten der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) ist das »SchwulenZentrum« (SchwuZ) eine Institution in Berlin. Es ist der älteste queere Club der Hauptstadt und irgendwie hofft man, dass jene Veranstaltung, die für den 2. Juni dort angekündigt ist, doch noch abgesagt wird.

Gemeint ist eine »queere Jobmesse« mit dem Namen »Sticks&Stones«, die nach Eigenbekunden karrierewilligen »Lesben, Schwulen, Bi und Trans, die sich beruflich weiterentwickeln wollen« Unterstützung verspricht. »Hetero-friendly« sei man auch gleich noch. Super Sache. Es sei denn, man stellt die Frage, wohin sich die so Umworbenen »beruflich weiterentwickeln« sollen. Die Partnerunternehmen der Jobbörse bestehen zum überwiegenden Teil aus multinationalen Unternehmen, viele davon stehen auch aktuell wegen Menschenrechtsverletzungen, dem Vorantreiben von Verdrängung oder gar der Unterstützung von Angriffskriegen in der Kritik. Pinkwashing im SchwuZ weiterlesen

Diskussionsbeitrag „neue sozialrevolutionäre Bewegung“

„Nicht nötig ist’s nach Schritt und Takt gemeinsam vorwärts zu marschieren, erst wenn der Hahn der Flinte knackt, dann miteinander zugepackt und nicht den Nebenmann verlieren.“ E.Mühsam

Ohne große Umschweife wollen wir gleich in die Debatte einsteigen. Wir befürworten stark die seit einiger Zeit und momentan wieder verstärkt laufenden Diskussionen um eine Neuausrichtung von revolutionärer Politik und deren Organisierung bundesweit. Wir wollen diese Diskussion mitgestalten und unsere eigene Perspektive mit einfließen lassen. Dazu werden wir skizzenhaft auf einige Punkte eingehen und grob unsere Ideen wiedergeben, wie eine neue sozialrevolutionäre Bewegung und deren Praxis ansatzweise aussehen könnte. Diskussionsbeitrag „neue sozialrevolutionäre Bewegung“ weiterlesen

Marx 200 – Eine Gratulation

Moin Karl, altes Haus! Glückwunsch zum 200.!

Nach 200 Jahren bist Du noch in aller Munde, das macht Dir so leicht keiner nach. Gut, manche nehmen Dich nur in den Mund, um Dich durchzukauen und als ungenießbaren Brei wieder auszuspucken. Und andere nur, um angewidert das Gesicht zu verziehen. Aber so oder so, Du bist Thema, Du eckst an, immer noch. Respekt!

Für mich bist Du jedenfalls ein ganz Großer. Ehrlich gesagt, verstehe ich von dem, was Du geschrieben hat, oft nur die Hälfte. Aber immerhin habe ich soviel begriffen, dass Du die Theorien ausgearbeitet hast, für die Frage, die entscheidend ist: Wie die Herrschaften in den oberen Etagen es anstellen, uns abzuzocken und ständig Kohle auf ihre Konten zu schaufeln, die den Leuten unten fehlt. Marx 200 – Eine Gratulation weiterlesen

Selfiesticks zu Knüppelfahnen

Wie weg von der Szene-Kiez-Folklore? Eine erste Auswertung der »Revolutionären 1. Mai Demonstration« in Berlin

Es knirscht unter den Schuhen. Die Glassplitter, die sich in die Sohlen New Balance der Frontreihen des Demo-Blocks bohren, sind aber nicht die Überreste der gegen die tausende Riot-Cops zählende Bullenstreitmacht geschlagene Schlacht, sondern einfach irgendwelchen Feierwütigen im Lattensuff achtlos aus der Hand gerutscht. Um den vermummten und mit transparenten eingehüllten Black Block scharen sich dutzende Fotografen, begleitet von Touristen, die mit der Handy-Cam auch noch die ein oder andere Instagram-Story abgreifen wollen. »Amazing«, ruft ein Ami-Hipster im Mumford&Sons-Look seinem schon hart im Pillen-Fieber delirierenden Kumpel zu. Elektro-Mucke tötet den Versuch der ersten Reihen, das jüdische Partisanenlied »Sage nie« anzustimmen. Man fühlt sich wie im Zoo. Oder eher noch: Wie auf einer vom »Myfest« geplanten Showeinlage, die den in den Szenekiez Angereisten das versprochene »widerständige« Programm bieten soll. Irgendwo am Rand des Schauspiels, auf einer Holzplatte, hat Sozi36 hingeschrieben: »Schmeißt Steine, nicht Pillen« und: »Wenn ihr dazu tanzen könnt, ist das nicht meine Revolution.« Vor den Graffiti knien, den Selfi-Stick in Position gebracht, diejenigen, die sich dann doch für die Teile entschieden haben. Selfiesticks zu Knüppelfahnen weiterlesen

Bizim Leaks: Die Manager der Befriedung

Schöngeistige Briefe eines pferdezüchtenden Millionärs, Start-Ups am Verhandlungstisch und Gelder aus Senat und Bezirk – Einige Aktivist*innen der Kreuzberger Initiative „Bizim Kiez“ haben sich ganz schön verrannt

In einer kleinen Hütte hoch in den verschneiten Bergen sitzt ein Adliger. Er liest, wie könnte es anders sein, die ZEIT. Eine Reportage hat es dem passionierten Ex-Verleger und Pferdezüchter besonders angetan. „Wem gehört Kreuzberg?“ fragen in ihr die Autor*innen Amrai Coen und Malte Henk. Wenig verwunderlich, denn das gut recherchierte Stück handelt auch von ihm, Dietrich von Boetticher. Zusammen mit Dietmar Müller-Elmau gehört ihm eines der wohl verhasstesten Gebäude Berlin-Kreuzbergs: Das Luxushotel Orania am Oranienplatz. Bizim Leaks: Die Manager der Befriedung weiterlesen

Kongress der Kommunen

Neue Klassenpolitik braucht die Anbindung an reale Organisierungsprozesse. Ein Vorschlag, wie das aussehen könnte (Teil 2)

Teil 1 dieses Textes argumentierte: Die Debatte um „Neue Klassenpolitik“ geht in eine gute Richtung, sie droht sich aber zu verlieren, weil sie sich ein wenig im luftleeren Raum abspielt. Eigentlich sollte linke, revolutionäre Theorie ja eine Selbstverständigung von Kämpfenden sein. Im Idealfall sieht das so aus: Menschen, die in Gruppen organisiert sind, die den Kapitalismus überwinden wollen, diskutieren, wie dieser beschaffen ist, wen sie ansprechen wollen und wie sie ihre Adressaten organisieren. Die gemeinsam entworfene Theorie ist so der Kompass in den praktischen Arbeiten, muss sich in diesen beweisen oder korrigiert werden.

In vielen entwickelten kapitalistischen Ländern verhält es sich oft anders: Debatten führen ein Eigenleben, sind ein fetischisierter Selbstzweck. Texte über Marxismus, Anarchismus, Klassen, Feminismus, dieses oder jenes werden geschrieben, um sie wahlweise als Seminar- oder Doktorarbeit einzureichen, Zeitungs- oder Magazinseiten zu füllen oder anläßlich von Jubiläen den Buchhandel zu beleben. Oder auch einfach um der Diskussion selbst willen. Ob dann auch jemand tut, was die (oft berufsmäßigen) Theoretiker*innen da bis ins kleinste Teil durchbuchstabieren, interessiert weniger. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Debatte selbst. Sie wird abstrakt, man betreibt sie eine Zeit lang und geht dann zur nächsten Debatte über. Kongress der Kommunen weiterlesen

Tour de Zone

[Eine Reise in die Provinz]

Wieder unterwegs in diesem Land, dass es nicht mehr gibt. Für eine umfassende Rundfahrt durch die weitgehend deindustrialisierten Trümmer des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ hat die Zeit nicht ausgereicht – immerhin aber durch Südostbrandenburg, einmal in Ost/West-Richtung durch Sachsen und dazwischen ein kurzer Abstecher nach Halle. Ich hatte das Glück am Rande der musikalischen Lesebühne, auf dem Weg zwischen Cottbus und Plauen mit verschiedenen Leuten interessante Gespräche führen zu können. Zeit die Erinnerungen und Notizen herauszukramen und zu versuchen ein Stück ostdeutscher Realität abzubilden. Drängende Fragen lassen sich oft nur bruchstückhaft beantworten. Aber der Versuch ist es wert.

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#MaiGörli: Hipster-Ballermann in Kreuzberg

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg setzt zur nächsten Provokation am 1. Mai an. Doch Monika Herrmanns Eventspektakel könnte nach hinten losgehen.

Monika Herrmann, die grüne Bezirkschefin Kreuzbergs, hat mal wieder eine ausgezeichnete Idee. Am 1. Mai soll der Görlitzer Park eingezäunt, mit privater Security bewacht und von privaten Unternehmern bewirtschaftet werden. Wer rein will, muss durch Taschen-, Jacken und Rucksackkontrollen, darf keine Glasflaschen, Grillutensilien, Fahrräder, Pyrotechnik mitnehmen. Getränke – im Tetrapack – und Nahrung darf man im Ausmaß des „Eigenbedarfs“ einpacken.

Monika Herrmann denkt, das ist total dufte. Denn das könnte Chaos verhindern und irgendwie soll es danach sauberer sein, weil die Party am 1. Mai eskaliere doch immer so und danach sei es so dreckig im Kiez. Das ist richtig. Aber an wem liegt das? An uns, den Bewohner*innen Kreuzbergs, nicht. Vielmehr an denen, die das „Myfest“ als Befriedungsstrategie des politischen Protests im Kiez erfunden und gepflegt haben. Also an Monika Herrmann und ihren Vorgänger*innen selbst.

Die haben, um den 1. Mai zu entpolitisieren, diesen Myfest-Kram und damit die Kommerzialisierung des Kampftages der Arbeiter*innen in Berlin bewusst ins Leben gerufen. Zunächst noch so, dass damit auch Gewerbe und Kleinkunst aus dem Kiez irgendwie eingebunden werden konnten. Dann, mit wachsendem touristischen Interesse an dem Event, immer mehr als Geldgrube für immer weniger Beteiligte. Und sowieso die ganze Zeit auf Kosten derer, die hier wohnen oder Politik machen wollen. #MaiGörli: Hipster-Ballermann in Kreuzberg weiterlesen

Keiner starb öfter. Best of Jesus-Filme – Teil 5

Wir sind wie immer viel zu langsam. Während in den Kinos derzeit mit „Maria Magadalena“ ein Film zu sehen ist, der endlich mal eine der Frauen um Jesus in den Mittelpunkt rückt, sind wir gerade erst im Jahr 2016 angekommen. Damals lief eine nicht minder originelle Interpretation der allseits bekannten Geschichte, deren filmische Bearbeitungen wir an dieser Stelle Jahr für Jahr am Sterbe- und Wunderwochenende abarbeiten (siehe auch die Teile 1, 2, 3 und 4 unserer Jesus-Film-Serie). Zudem wollten wir unser bereits wiederholt gezeigtes Interesse an Judas noch etwas weiter vertiefen. Der Revolutionär und Verräter seines Meisters, der durch diesen Verrat überhaupt erst Kreuzigung, Auferstehung und alles Folgende auslöst, gefällt uns einfach am besten. Mehr dazu gleich. Zunächst zu einer Version der Jesus-Geschichte aus 2016, die sich einem Kapitel aus dem Leben Jesu widmet, das in den Evangelien relativ kurz behandelt wird: die ersten Lebensjahre des Religionsstifters. Wie immer gilt für das Folgende: höchste Spoiler-Alarmstufe!

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