„Wir waren ein Baum, der Wurzeln hatte“

Ein Leben in den Roten Brigaden – über Arbeiter*innenwiderstand und bewaffneten Kampf. Ein Gespräch mit Francesco Piccioni

In den 1970er- und 1980er-Jahren kämpften tausende Arbeiter*innen und Jugendliche in Italien bewaffnet gegen Staat und Kapital. Die „Brigate Rosse“ (Rote Brigaden) waren die bekannteste militante Gruppe dieser Zeit. Wir haben mit Francesco Piccioni, einem ehemaligen Leitungsmitglied der Gruppe, über die Geschichte der BR gesprochen.

Francesco, willst Du Dich einleitend kurz vorstellen?

Ich war Führungsmitglied der Brigate Rosse. Im Mai 1980 wurde ich verhaftet und zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Abgesessen habe ich 3 Tage, 6 Monate und 23 Jahre. Mir wurde nichts erlassen, ich habe nur Verkürzungen bekommen, die ohnehin nach Gesetzeslage vorgesehen waren. „Wir waren ein Baum, der Wurzeln hatte“ weiterlesen

Rechter Terror – Liberales Versagen

Kritik zum Dokumentarfilm „Charlottesville: Our Streets”

Organisiert von den Rechtsextremisten Jason Kessler und Richard Spencer haben am 11. und 12. August 2017 in Charlottesville im US Bundestaat Virginia Proteste unter dem Motto „Vereinigt die Rechte“ stattgefundeni. Neben dem Ku-Klux-Klan mobilisierten auch verschiedenste Gruppierungen der sogenannten „Alt-Right“ (Ultra-Rechten) sowie andere faschistische Gruppierungen und (bewaffnete) Milizen, zu deren Ideologien Neonazismus, Weiße Vorherrschaft und weißer Nationalismus gehören. Am zweiten Tag der Proteste, nachdem ein Notstand verhängt und die Demonstration als rechtswidrig erklärt wurde, fuhr ein Demonstrant mit seinem Auto in die Gegendemonstration und tötete eine der Gegendemonstrantinnen, Heather Heyer. 19 Andere wurden verletzt. Durch den Tod von Heyer sorgten die Ereignisse für internationalen Medienaufruhr. Der Präsident der USA, Donald Trump kommentierte dies trivialisierend mit den Worten: „Es hat Gewalt auf beiden Seiten gegeben“. Rechter Terror – Liberales Versagen weiterlesen

Klassenkampf im Hyatt-Paris

Schlaglichter eines Streiks in Pariser Luxushotel

Nicht nur die »gilets jaunes« führen aktuell Kämpfe gegen das Kapital in Frankreich. Auch im Pariser Luxushotel Hyatt Paris-Vendôme widersetzen sich Beschäftigte seit Jahren den Schikanen gegen ihre gewerkschaftliche Organsierung und fordern im aktuellen Streik weit mehr als nur reine Lohnerhöhungen. Eine Reportage über den anhaltenden Kampf einer Hotelbelegschaft und über die hier gelebte Solidarität zwischen fest angestellten Arbeiter*innen und Leiharbeiter*innen. Klassenkampf im Hyatt-Paris weiterlesen

Der Aufstand der Gelbwesten

In Frankreich haben Massendemonstrationen der sogenannten „Gelben Westen“ die gesamte politische Landschaft erschüttert. Um was für eine Bewegung handelt es sich dabei? Was sind ihre Ziele? Und welche Aufgabe haben linke und revolutionäre Kräfte in dieser Situation – in Frankreich und hierzulande?

Am 17. November wurden in allen Regionen mindestens 2.500 Straßenkreuzungen und Mautstraßensperren gemeldet, an denen laut Polizei mindestens 300.000 „Gelbe Westen“ teilgenommen haben. Am 24. November fanden erneut zahlreiche Aktionen mit mehr als 100.000 Teilnehmer*innen statt, mit 1.600 Blockaden in allen Regionen. Am 1. Dezember gab es wieder einen großen Tag von Mobilisierungen und Blockaden, die Zielscheibe einer sehr starken Repression mit 66.000 eingesetzten Polizist*innen in ganz Frankreich waren – einem Polizeiaufgebot, das es seit 1968 nicht mehr gegeben hat. Es hat hunderte Schwerverletzte und sogar eine Tote – eine 80-jährige Rentnerin wurde im Fenster ihrer Wohnung von einer Tränengasgranate getroffen – gegeben. Und doch waren die Polizeikräfte in ganz Frankreich weitgehend von den Massen überwältigt, die die Nase voll vom Präsidenten der Reichen haben und das mit ihrem Slogan „Macron, Rücktritt!“ zeigten. Unter den Protestierenden waren auch Tausende von Schüler*innen und Student*innen in ganz Frankreich. Für den 8. Dezember werden erneute Massendemonstrationen erwartet. Der Aufstand der Gelbwesten weiterlesen

Friedrich Merz und der Blackrock-Kapitalismus

Friedrich Merz will’s wissen: Der frühere Fraktionschef der Union im Bundestag will zurück auf die große politische Bühne. Die vergangenen Jahre war er anderweitig beschäftigt: Im Jahr 2016 wurde er zum Vorsitzenden des Vorstands von Blackrock Deutschland ernannt. Der Multimillionär Merz ist der Dienstbote der schon seit einem Jahrzehnt in Deutschland und in der EU heranwachsenden Macht von Blackrock und Co. – sie hat sich während der Kanzlerschaft von Angela Merkel still und leise ausbreiten können. Doch was macht Blackrock eigentlich?

Blackrock ist kein harmloser „Vermögensverwalter“, wie von Merz und den Leitmedien gerne dargestellt. Blackrock ist Lobbyist der Superreichen, größter Insider der westlichen Wirtschaft, Verkäufer krisenverursachender Finanzprodukte, größter Organisator von Briefkastenfirmen, Lobbyist für die Privatisierung von Renten und Mietwohnungen und Finanzier von politischen Einfluss-Netzwerken. Friedrich Merz und der Blackrock-Kapitalismus weiterlesen

Mit weißer Weste in den Untergang

Die ablehnende Reaktion von Teilen der deutschen Linken auf die Sozialproteste der »gilets jaunes« ist nicht nur falsch – sie ist gefährlich

Seit dem 17. November brennt Frankreich. Zehntausende Demonstrant*innen, oft in gelben Signalwesten, legen das Land lahm. Der Protest, der sich zunächst gegen eine angekündigte Benzinpreiserhöhung richtete, wurde bald zu einer allgemeinen Revolte gegen die neoliberale Regierung Emmanuel Macrons.

Die Bewegung der »gilets jaunes« begann als eine spontanes Aufbegehren gegen ein ungerechtes Steuersystem: »Massenabgaben werden erhöht, die Reichen müssen kaum irgendwas zahlen« – der simple Grund der Empörung. Es kamen weitere Forderungen – etwa die nach einem Mindestlohn, der zum Leben reicht – hinzu. Eine Million Menschen unterzeichneten innerhalb kürzester Zeit die Online-Petition der Gelbwesten, viele tausend liefern sich Straßenschlachten mit der brutal vorgehenden Staatsmacht.

Eigentlich – so könnte man meinen – ein fixer Bezugspunkt für innereuropäische, linke Solidarität. Und vor wenigen Jahren hätten wir, wie bei den Krisenprotesten in Griechenland oder Spanien, sicher noch linke Soli-Demos in Berlin gesehen – wie klein und wirkungslos auch immer. Doch das Koordinatensystem vor allem der liberalen Linken in Deutschland hat sich verschoben. Aus dem Gefühl der eigenen Ohnmacht folgt die Angst vor Veränderung. Man traut sich nichts zu, also hängt man an der Illusion, der bürgerliche Staat möge wenigstens die dünne zivilisatorische Eisdecke nicht brechen lassen, die einem veganes Essen in der Uni-Mensa oder den Job als Redenschreiber im Bundestag ermöglicht. Mit weißer Weste in den Untergang weiterlesen

Der kommende Relaunch

LCM legt einen umfassenden Neustart hin. Einige Details leaken wir euch schon jetzt – und mithelfen könnt ihr auch.

Wir machen neu. Alles. Oder fast alles.

Lower Class Magazine, das vor genau fünf Jahren, im November 2013, als kleiner Blog einiger Freund*innen zur Welt kam, hat sich über die Jahre zu einem reichweitestarken Medium entwickelt. Wir haben Reportagen aus den verschiedensten Weltgegenden kredenzt und mit Kommentaren in laufende Debatten eingegriffen. Wir haben diejenigen zu Wort kommen lassen, die im Medienbetrieb als Terroristen verunglimpft werden und diejenigen, die überhaupt nie jemand nach ihrer Meinung, ihren Träumen, Schmerzen und Freuden fragt. Der kommende Relaunch weiterlesen

Serienkritik: »Dear White People«

Die Netflfix-Serie »Dear White People« wird seit 2017 ausgestrahlt und beleuchtet das Leben schwarzer Studierender an einer US-amerikanischen Elite Universität. Nach zwei erfolgreichen Staffeln geht die Serie 2019 in die dritte Runde.

»Dear White People«. So lautet die Sendung, die Hauptcharakter Sam White als universitäres Hobby regelmäßig sendet. Inhalt und Fokus der Radiosendung ist, weiße Menschen auf alltägliches, rassistisches und diskriminierendes Verhalten gegenüber schwarzen Menschen auf dem Campus aufmerksam zu machen.
Die Handlung umspannt das Campusleben vieler schwarzer Studierender an der fiktiven Ivy League Universität Winchester, die viele Parallelen zur Harvard Universität aufweist. Die diversen Gruppen des Black Caucus, einer Art Dachverband schwarzer Communities im Rahmen von Winchester und des Wohnheims für schwarze Studierende, repräsentieren verschiedene politische und gesellschaftliche Anliegen schwarzer Studierender. Die Intensität der Identitätspolitik von Winchesters erfolgreichen Studierenden aufzeichnend, legt die Serie ihren Fokus auf die Konflikte der schwarzen Gruppierungen untereinander. Dabei wird in jeder Episode abwechselnd das Leben der Hauptcharaktere mit Rückblenden aufgerollt. Die zentrale und immer wiederkehrende Frage ist, wie mit Rassismus- und Gewalterfahrungen auf dem Campus umzugehen ist. Serienkritik: »Dear White People« weiterlesen

Feminismus und die Befreiung des Mannes

Im Rahmen der Vorbereitungen des Internationalen Frauenstreiks, welcher zum 8. März 2019 auch in Deutschland in allen Lebensbereichen möglichst kraftvoll umgesetzt werden soll, kommt es immer wieder zu Debatten um die Rolle von Männer in diesem Streik. Unsere Autor/innen haben sich dazu einige grundlegende Gedanken gemacht.

Männer haben schon immer ein widersprüchliches Verhältnis zum Feminismus gehabt. Die einen haben ihn als Gefahr für ihre patriarchale Autorität und damit der herrschenden Gesellschaftsordnung wahrgenommen. Andere haben ihn als »liberal« oder »bürgerlich« abgelehnt und behauptet, er würde im Gegensatz zu den Klasseninteressen der Arbeiter*innen stehen.

Komplizierter wird es, wenn wir anerkennen, dass Kämpfe von Frauen nicht immer feministisch sind, und, dass Kämpfe mit anti-patriarchalem Charakter sich nicht immer affirmativ auf Feminismus beziehen. Tatsächlich lässt sich nicht von der Frauenbewegung und dem Feminismus sprechen. Fest steht aber: Feministische Kritiken wurden in breiteren sozialen und politischen Bewegungen erst dann ernst genommen, wenn Frauen sich aus Protest autonom organisierten oder genügend Männer für feministische Positionen eintraten. Feminismus und die Befreiung des Mannes weiterlesen

Verbrannt und vergessen

Ein unschuldig inhaftierter syrisch-kurdischer Geflüchteter stirbt bei einem Zellenbrand in einem nordrhein-westfälischen Knast. Im Jahr 2018 in Deutschland kein Thema, das die Gemüter erregt.

Was geht in Kleve? Allzu viel ist nicht los in der Kleinstadt an der deutsch-niederländischen Grenze. Eine Google-News-Suche ergibt: Eine Kleverin soll aus Habgier einen 93-Jährigen vergiftet haben; die „Kulturwelle“ im lokalen Hallenbad bietet „das volle Programm“; und der Feuerwehr Kleve steht eine Ehrung ins Haus, weil sie entlaufene Pferde aus dem Morast befreite.

War noch was? Achso, genau. Am 17. September 2018 war in der Gefängniszelle 143 der Justizvollzugsanstalt Kleve ein Feuer ausgebrochen. Der 26-jährige Syrer Ahmad A. starb an den Brandfolgen. Aufgeklärt ist der Fall bis heute nicht. Und wer nachforscht, findet Unfassbares. Ahmad A. war für die Taten eines anderen eingesperrt worden, mehrfach als wechselweise „suizidgefährdet“ oder „nicht suizidal“ eingestuft worden, ohne in drei Monaten unschuldiger Haft je einen Dolmetscher oder Rechtsbeistand gesehen zu haben. Am Ende brennt seine Zelle und das Justizministerium belügt die Öffentlichkeit darüber, ob A. sich während des Brandes bemerkbar gemacht hat oder nicht. Verbrannt und vergessen weiterlesen