„Der einfache Wille, gegen Armut und Unfreiheit zu rebellieren“

Die unorganisierte Revolte – Eine anarchistische Perspektive auf den Gelbwesten-Aufstand in Frankreich

Ende Oktober 2018 begann in Frankreich eine soziale Bewegung, die international unter dem Namen Gilets Jaunes, Gelbwesten, bekannt wurde. Die sich zunächst gegen eine Dieselpreiserhöhung richtenden spontanen Massenproteste wuchsen sich rasch zu einer sozialen Bewegung aus, die sich insgesamt gegen die neoliberale Macron-Regierung richtet.

Insbesondere die deutsche Linke tat sich von Beginn an schwer mit einer korrekten Einordnung des zunehmend militanten Aufstandes. Wir berichteten von Anfang an aus unterschiedlichen, aber immer solidarischen Perspektiven (1,2,3,4,5).

Anfang Dezember hielten sich auch deutschsprachige Aktivist*innen in Frankreich auf und nahmen an den Massenmobilisierungen teil. Im Interview mit LCM erzählen sie nun von ihren Erfahrungen.

Ihr habt euch am 8. Dezember an den Protesten gegen die Macron-Regierung beteiligt. Mit welcher Intention seid ihr nach Frankreich gefahren?

Wir haben uns eigentlich gar nicht an den Protesten gegen die Macron-Regierung beteiligt. Wir haben lediglich an einer kleinen Revolte teilgenommen, in der viele diesen Slogan benutzen, der den Sturz von Macron fordert.

Die Revolte wird von ganz verschiedenen Leuten getragen, auch von solchen die sich nicht darauf reduzieren, gegen diesen speziellen Präsidenten zu sein. Natürlich finden wir es aber sinnvoll, den Königsmord zu propagieren und selbst wenn der französische Präsident nur einen Machtverlust hinnehmen muss oder seinen Posten verliert, dann wäre das ein Erfolg für die Gilets Jaunes.

Unser Motiv war es, uns an diesem Aufstand zu beteiligen und nicht die Möglichkeit zu verpassen, seinen Geist kennenzulernen und ihn durch unsere Präsenz ein wenig mitzutragen und zu beeinflussen.

Letztendlich war es auch ausschlaggebend, dass es internationale Aufrufe zum Mitmachen gab. Diese haben an die großen Mobilisierungen gegen das El Khomri Gesetz (Loi Travail) angeschlossen und bilden gemeinsam mit anderen Ereignissen wie dem G20 eine Kontinuität anarchistischer Umtriebe in Europa. Im Rahmen dieser Mobilisierungen ist es auch immer wieder punktuell passiert, dass wir gemeinsam mit den Rebell*innen der französischen Vororte gegen die Bullen gekämpft haben. Ihre Aufstände gegen staatliche Morde entsprechen unseren mittelfristigen Zielen.

Was waren eure Eindrücke vor Ort, insbesondere was den Grad der Organisierung und die Zusammensetzung der Menschen angeht die sich auf den verschiedenen Ebenen an den Protesten beteiligen?

Bei der Vorabbewertung der Gilets Jaunes haben wir es als positiv wahrgenommen, dass die Linke sowohl in Frankreich als auch in Deutschland ihre Ablehnung dagegen nicht verhehlen konnte. Vor allem das Tot-Analysieren anhand linker Moral finden wir abstoßend. Wir solidarisieren uns daher mit den Leuten, die diesen Aufstand wagen, auch wenn sie nicht die linken Weisheiten mit Löffeln gefressen haben.

Uns verbindet mit den Aufständischen das diffuse, spontane und – zugegeben –auch das beinahe Unorganisierte. Was wir seit Jahren praktizieren, passiert auf einmal massenhaft: das Zurückweisen von selbsternannten Führer*innen und Bewegungsmananger*innen, die Ablehnung der Organisationsdisziplin, welche die Menschen z.B. in den Gewerkschaften zu reinem Fußvolk einer sozialdemokratischen Befriedungspolitik degradiert. Diese Einschätzung haben wir im Voraus aus den Medien und aus Gerüchten gehört und sie hat sich vor Ort absolut bestätigt. Auch fanden und finden wir es interessant, dass es eine ungeheure Breite an Angriffszielen für die verschiedenen Gilets Jaunes gibt.

Auch hier sehen wir Parallelen zu den Aktivitäten der anarchistischen Bewegung. Die Ergebnisse bestätigen, dass es möglich ist, die Wirtschaft und den Staat ohne die Hilfe eines militärischen Apparats an den Rand des Abgrunds zu bringen, wenn beharrlich im Bewusstsein der eigenen Macht agiert wird. Durch Sachbeschädigungen, Streiks und Blockaden können einige Tausend Leute sehr sehr stark sein.

Der Organisierungsgrad ist – wie vermutet – gering. Darin liegt die Stärke, denn der Aufstand ist nicht vereinnahmbar. Die Regierung kann zwar allgemeine Zugeständnisse machen, um die Wogen zu glätten, aber die Revolte verrät sich somit nicht und wird als Instrument der Unterdrückten wichtiger.

Die (radikale) Linke in Deutschland tat sich in den letzten Wochen schwer zu den Ereignissen eine Position zu beziehen. Wenn Positionen bezogen wurden, waren diese Größtenteils von Distanzierungen geprägt die teilweise bis zum Boykott der Proteste aufriefen. Die Begründung der Distanzierungen stützte sich meistens auf die Beteiligung von organisierten Nazis. Wie habt ihr den Umgang vor Ort wahrgenommen? Insbesondere in den sozialen Medien wurde Handyvideos verbreitet in denen ein konsequenter Umgang mit Nazis zu sehen war. Könnt ihr das bestätigen?

Wir selbst verstehen uns nicht als Teil der „radikalen Linken“. Bei denen, die man so bezeichnen könnte, fehlt uns der praktische Bezug zu aufständischer oder überhaupt militanter Praxis. Und insofern bleiben sie auch bedeutungslos in solchen Situationen. Aber wir haben auch ein Augenmerk auf Nazis, weswegen wir unsere Gedanken und Erfahrungen gerne mitteilen.

Rund um den Arc de Triomphe gab es sehr viele Nationalflaggen, die Marseillaise (französische Nationalhymne) wurde ständig und von sehr vielen Menschen gesungen. Dazu muss erwähnt werden, dass die französische Hymne zwar patriotisch, aber inhaltlich grundlegend anders als z.B. die deutsche ist. Auf den Flaggen war teilweise das Doppelkreuz der Resistance gemalt. Wir würden das selbst nicht machen, beziehen diese Umstände aber mit in unsere Bewertung der Menschenmasse ein.

Ausschlaggebend finden wir in unserer Nachbereitung, dass es zu keinem Zeitpunkt Platz für rassistische Parolen zu geben schien. Es waren zwar organisierte Nazis da, sie hätten aber ihre wesentlichen identitätsstiftenden Merkmale nicht zeigen können. Nicht am Arc de Triomphe, wo die Stimmung zu Weilen patriotisch war. Und nicht bei den Ausschreitungen, die sich in heftigster Weise über Stunden über die reichen Bezirke Paris‘ ergossen. Dort hätten sie ihr Leben riskiert.

An vielen Orten und Situationen haben wir im Gegenteil einen antifaschistischen Geist gespürt. Große Menschenmengen riefen immer wieder antikapitalistische und antifaschistische Parolen.

Insgesamt dreht es sich unserer Meinung nach bei dem Aufstand einfach um andere Probleme. Keine abstrakte, möglicherweise rassistische Analyse wie es zu Armut und Unfreiheit kommt, sondern der einfache Wille, gegen diese Armut und Unfreiheit zu rebellieren. Und getroffen hat es genau die Richtigen: die Mächtigen und Reichen. Mitmachen konnten dagegen die Armen und Schwachen. So sind wir dann auch in einigen Situationen mit Banlieubewohner*innen und Anarchist*innen selbstbewusst durch die Stadt gezogen. Momente, wo es unserer Meinung nach antifaschistisches Eingreifen gebraucht hätte, haben wir nicht wahrgenommen. Wer meint, es hätte mehr offensives antifaschistisches Engagement gebraucht, hätte die Gelegenheit gehabt. Wie es in anderen Städten war, wissen wir nicht.

Grundlegend würden wir allen, die sich bisher damit zufrieden gegeben haben, die derzeitigen Proteste als „Querfront-Bewegung“ zu diffamieren, empfehlen, nicht jeden gesellschaftlichen Bruch immer sofort am eigenen beschränkten Horizont zu messen. Dass sich die Aufstände und die verbreiteten Rücktrittsforderungen eben nicht aufgrund irgendeiner „Flüchtlingskrise“ entzündet haben, wie es bei den rassistischen Mobilisierungen in Deutschland der Fall ist, sollte eigentlich offenkundig sein. Wenn dennoch Faschos versuchen ihre Politik in den Protesten zu etablieren, dann liegt das nicht in erster Linie an einer angeblich nationalistischen Stimmung bei den Gilets Jaunes, sondern erst einmal daran, dass die Faschos eben nicht völlig dumm sind.

Das hat jedoch antirassistische Initiativen aus den Pariser Vororten nicht daran gehindert, am Samstag zu einem eigenen Treffpunkt in der Innenstadt zu mobilisieren, dem sich dann auch Bahnarbeiter*innen und Antiautoritäre angeschlossen haben und der genau wie die zahlreichen Randalemobs dazu beigetragen hat, dass es für Nazis in dieser Revolte immer weniger zu gewinnen gibt.

Die Französischen Bullen sind ja mit enormer Härte gegen Demonstrant*innen vor allem gegen Schüler*innen vorgegangen. Die Bilder von auf dem Boden knienden Jugendlichen die mit Kabelbindern fixiert und mit dem Kopf zur Wand blickend festgehalten wurden, gingen um die Welt. Welche Taktiken werden von den Leuten angewandt bzw. mit welchen Mitteln setzen sich die Menschen gegen eine militärische Übermacht zur Wehr? Welche Rollen spielen die Aufständischen, Anarchistischen und antiautoritären Linken bei den derzeitigen Riots? Und welche Rolle nimmt die Jugend aus den Vorstädten ein?

Leider konnten die Erfahrungen der Kämpfe der letzten Jahre nicht besonders gut angewendet werden. Gerade was den Einsatz von Waffen gegen die Bullen angeht, sind wir wieder auf steinzeitlichem Niveau. Alles was nicht niet- und nagelfest war wurde verwendet. Molotw-Cocktails oder Benzinbomben wurden unseres Wissens nach nicht angewendet, obwohl deren Einsatz ja in den letzten Jahren erfolgreich war.

Die Rolle der aufständischen, anarchistischen und antiautoritären Linken beschränkt sich somit darauf, den Kern der motivierten Straßenkämpfer*innen zu vergrößern und dessen Ausdruck in den Angriffen mitzubestimmen.

Es ist aber fraglich, ob der Erfahrungsschatz überhaupt anwendbar ist. Militärische Übermacht ist ja eine treffende Formulierung. Am Samstag morgen gingen viele Leute mit dem Gefühl in die Kämpfe, dass wir am Ende des Tages einige weniger sein könnten. Und auch die Bullen haben sich auf den Schusswaffeneinsatz vorbereitet, was in ihren Verlautbarungen vorher deutlich wurde. Es kam nicht dazu, weil die Masse nicht die Konfrontation mit den Bullen gesucht hat, sondern ausweichende Bewegungen vorgezogen hat.

Die Pazifist*innen, die weder das eine noch das andere getan haben, wurden von den Flashballs der Bullen regelrecht zusammengeschossen. Die Ausweichbewegungen der militanten Masse durch die Straßen der Innenstadt, von einigen Tausend Leuten, waren unserer Meinung nach genau die richtige Antwort. Es war schnell klar, dass eine Distanz zu den Bullen lebenswichtig ist. Deswegen ging es in verschiedenste Richtungen, wo es die heftigsten Plünderungen und Sachbeschädigungen im reichsten Viertel von Paris gab. Der Preis für den Schutz der Bullen lässt sich deswegen für den Staat an der Verwüstung des bourgeoisen Zentrums abmessen. In diesen Momenten war die Motivation von erfahrenen Straßenkämpfer*innen mit und ohne politischen Hintergrund der Stimmung zuträglich. Genau diese Rolle hat auch die Jugend der Vorstädte nicht unerheblich erfüllt.

Überhaupt haben wir über die letzten Jahre so etwas wie eine Annäherung von Anarchist*innen und Teilen der Jugend aus den Vorstädten in Situationen der Straßenmilitanz beobachten können und so erschien es uns auch am 8. Dezember selbstverständlich, dass die Jugendlichen die Nähe der Antiautoritären suchten (und umgekehrt), um anschließend gemeinsam die Prachtboulevards heimzusuchen.

Eine Mischung die es, nach Aussagen von französischen Gefährt*innen, zum ersten Mal seit langem wieder geschafft hat, flächendeckende Plünderungen aus den Vororten ins Zentrum des Reichtums zu bringen. Ein Umstand den viele der Jugendlichen genutzt haben, um sich den ein oder anderen vorenthaltenen Gebrauchswert anzueignen.

Was wollt ihr den Menschen aus Deutschland über die Proteste mitteilen?

Wir wussten nicht so recht was uns erwartet, wir hatten die bloße Hoffnung, Verbündete anzutreffen und auch Energie zu schöpfen, die wir in den Kämpfen in Deutschland nur selten verspüren. Wir möchten keine Worte an Deutsche richten, an eine deutsche Szene. Wir möchten aber all denjenigen, die die Bilder aus Frankreich mit Gespanntheit und Freude betrachteten sagen, dass es kaum ein schöneres Gefühl gibt, als mit Menschen, die du nicht kennst, aber denen du in jenen Momenten vertraust, durch die Straßen zu ziehen.

Es geht darum den Moment selbst zu bestimmen, an dem wir diese Scheußlichkeiten der heilen Konsumwelt und Bullenpräsenz angreifen. Sich in dieser Masse umzuschauen, zu hören und zu beobachten wie sich alle darüber freuen, endlich mal auszubrechen, Steine aufzuheben und zu werfen, ist für uns mit wenig anderem auf dieser Welt vergleichbar. Für diese Erfahrungen lohnt es sich immer wieder, alles stehen und liegen zu lassen und einfach los zu fahren.

# Bild: Wikipedia Commons

 

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