„Ich wollte helfen, wo ich gebraucht werde“

Er war bei der Bundeswehr, hat sich dann entschieden, etwas Sinnvolles zu tun: Er ging nach Kurdistan. Martin Klamper, wie er sich selbst nennt, schloss sich im August 2017 der YPG, den Volksverteidigungseinheiten Rojavas an. Nun ermittelt die deutsche Justiz gegen den Internationalisten. Der heute 22-jährige Klamper berichtet im Interview über seine Zeit bei der YPG.

Warum hat du dich der YPG angeschlossen?

Mein eigentlicher Beweggrund war es, humanitäre Hilfe zu leisten, ich bin kein politischer Mensch. Viele Ausländer gehen ja dorthin, um Teil der Revolution zu sein, aber ich habe das Leid der Menschen dort gesehen. Nach gefühlt endlosen Jahren des Nachdenkens habe ich mich entschlossen dorthin zu fliegen, um mich den Kurden anzuschließen und den Islamischen Staat (IS) zu bekämpfen – und um zu helfen, wo ich gebraucht werde.

Was haben deine Familie und dein Freundeskreis gesagt, als du ihnen von den Plänen erzählt hast?

Martin Klamper in Rojava

Ich hatte nur wenigen Freunden erzählt, was ich vor hatte. Meiner Familie habe ich nichts gesagt. Erst als ich in Sulaymaniyya im Irak angekommen bin, hab ich meiner Familie erzählt, dass ich mich einer NGO anschließen will. Nach und nach habe ich dann reinen Tisch gemacht und ihnen auch gesagt, dass ich zum Kämpfen dort bin.

Wie hat deine Familie dann darauf reagiert?

Die waren erschrocken und haben alles versucht, dass ich zurückkomme. Aber ich hatte meine Entscheidung getroffen. Im Nachhinein schäme ich mich gegenüber
meinen Eltern, dass ich sie im Unklaren gelassen habe.

Was war dein Eindruck von der Situation in Syrien, als du angekommen bist?

Ich wusste nichts über die komplette und auch komplexe Welt dort. Als ich hin flog, wusste ich nur, dass die YPG gegen den IS kämpft. Nach meiner Ankunft wurde mir dann vieles erklärt, was da eigentlich genau abgeht. Ich begann dann, vieles zu verstehen.

Und wie lange dauerte dann deine Ausbildung?

Martin Klamper mit der Fahne der Widerstandseinheiten des Schengal

Für die internationale Einheit in Shengal, wo die internationalistischen Kämpfer ausgebildet werden, war es so, dass wir uns auch vieles selbst beibringen mussten. Die kurdischen Freunde haben uns natürlich unterrichtet im Umgang mit den unterschiedlichen Waffen, die genutzt werden. Aber aufgrund der Sprachbarriere konnte ich nicht viel verstehen. Somit versuchte ich mir die kurdische Sprache selbst beizubringen und gab am Ende sogar Kurdisch-Unterricht, weil ich einer der wenigen war, die intensiv Kurdisch gelernt haben. Der einzige Weg, effektiv eine Sprache zu lernen, ist, indem du diese Sprache sprichst. Es gab viele Internationalisten, die die Sprache nicht gelernt haben, weil sie zu faul waren oder ähnliches. Ich war immer mit den kurdischen Freunden unterwegs, wodurch wir uns viel auf Kurdisch unterhalten haben. Aber am Anfang geht natürlich das meiste nur mit Händen und Füßen.

Wie lief dein Einsatz an der Front ab?

Ich war an drei Fronten: in Raqqa, in Afrin und in Deir ez-Zour. Ich war Teil einer Spezialeinheit, die lediglich aus Scharfschützen bestand. Wir hatten keine feste Front und wurden dorthin geschickt, wo wir gebraucht wurden. In Raqqa war es besonders heftig, weil wir täglich angegriffen wurden und diese Angriffe auch abgewehrt haben. Hinzu kam, dass der IS uns auch oftmals eingekesselt hat. Aber dank der Luftangriffe der USA sind wir dort auch wieder rausgekommen.

In Afrin war ich auch als Scharfschütze aktiv beteiligt und habe gegen die türkische Armee gekämpft beziehungsweise gegen den Islamischen Staat, denn das gehört für mich alles zusammen. In dieser Region wurde ich auch schwer verletzt. Als wir versuchten, ein Dorf zu befreien, entdeckte uns eine türkische Drohne und kurz darauf fing die türkische Armee an, uns mit Mörsergranaten zu beschießen. Eine dieser Granaten verfehlte mich um circa zwei Meter und dadurch bekam ich viele Splitter ab. Nach zehn Stunden wurde ich ins Krankenhaus gebracht, wo mir die Splitter entfernt wurden. Bis heute hab ich noch welche im Rücken, da manche zu nah an meiner Wirbelsäule sind. In Deir ez-Zour eroberten wir mit amerikanischer Unterstützung viele Dörfer. Insbesondere nachts wurden wir in heftige Kämpfe verwickelt. Einfach war das nicht, auch weil Sandstürme die Situation noch schwieriger machten.

Wie ist das Verhältnis zwischen der kurdischen und arabischen Bevölkerung in Rojava? In westlichen Medien liest man zum Beispiel oft, dass die Kurden arabische Familien zwangsumsiedeln würden.

Das stimmt nicht. Die YPG besteht zu Teilen auch aus Arabern. Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Natürlich ist das Verhältnis zwischen Kurden und Arabern seit Jahrhunderten sehr angespannt. Aber es gab einen Mann, der jetzt im Gefängnis sitzt, der sagte, dass sie zusammenhalten müssen, um etwas zu erreichen. Das ist in Anbetracht der Lage hier sehr wichtig – und es klappt auch. Das Verhältnis insbesondere an der Front ist sehr eng geworden. Aber das mit der Vertreibung ist totaler Bullshit.

Du spielst jetzt sicherlich auf Abdullah Öcalan an und auf seine Ideologie des Demokratischen Konföderalismus. Wie würdest du das ganze bewerten?

Im Ausbildungslager der Widerstandseinheiten des Schengal ist es wichtig, dass du darüber Bescheid weißt, da die Organisation darauf aufbaut. Und es ist interessant zu wissen, wozu, für wen und wieso die eigentlich kämpfen. Ich habe vier Werke von ihm gelesen. Ob du diese Ideologie ganz verstehst oder ob du sie überhaupt annimmst, ist eine ganz andere Sache. Aber zumindest wollen sie, dass du weißt, worum es eigentlich geht. Meiner Meinung nach ist Abdullah Öcalan die einzige Lösung für den Nahen Osten, weil alles zusammenhängt. Ohne ihn wären Rojava und Teile des Iraks, in denen die Kurden nach mehr Autonomie streben, nie entstanden.

Du hast erwähnt, dass du gegen die türkische Armee gekämpft hast, welche die drittgrößte NATO-Armee ist. Der türkische Staat bedroht durch seine militärischen Angriffe auf Rojava konkret die Umsetzung der Ideen Öcalans. Zudem hast du durchblicken lassen, dass es deiner Einschätzung nach eine unterstützende Verbindung zwischen der Türkei und dem IS gibt. Die Bundesregierung wiederum liefert extrem viele Rüstungsgüter in die Türkei, welche dann auch gegen die YPG/YPJ eingesetzt werden. Welche Rolle spielt Deutschland?

Martin Klamper mit einer beschlagnahmten IS-Fahne

Das ist eine gute Frage. Du hast eben gesagt, die Türkei unterstützt den IS. Das ist falsch. Meiner Meinung ist die Türkei der Islamische Staat. Schließt du dich zum Beispiel den Kurden an, reist du in die autonome Kurdenregion im Irak. Schließt du dich dem IS an, reist du in die Türkei. Die Bundesregierung hat den Angriff auf Afrin natürlich verurteilt, mehr passierte da aber nicht. Dafür hegt Deutschland zu große wirtschaftliche Interessen an der Türkei. Wenn diese Beziehung zugrunde geht, würde die Türkei ihre Waffen woanders kaufen und das würde Deutschland teuer zu stehen kommen. Deswegen wird das auch alles so bleiben.

A propos Deutschland: Was hat dich nach deiner Rückkehr erwartet?

Normalerweise kehren Internationalisten nach ihrem Einsatz nicht direkt ins Heimatland zurück. Ich wusste, dass die Polizei auf mich wartet, da ich eine kleine Vorgeschichte hatte. Deswegen wollte ich, dass sie mich lieber am Flughafen festnehmen als bei mir zu Hause. Am Flughafen wurde ich dann von zwei Polizisten empfangen, die mich sofort zur Kriminalpolizei brachten. Sie durchsuchten mein Handy und fanden verschiedene Aufnäher der YPG in meinem Gepäck. Anhand der Bilder auf meinem Handy sowie der Patches nahmen sie an, dass ich der YPG angehörte. Nun wird mir die Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation vorgeworfen, also §129b StGB. Daraufhin wurden mir mein Pass, mein Ausweis und mein Handy entzogen. Das ist jetzt fünf Monate her und seitdem hat sich nichts mehr getan.

Was meinst du mit der kleinen Vorgeschichte, die du hattest?

Ich war vor meiner Reise bei der Bundeswehr. Die haben herausgefunden, was ich vorhatte. Deswegen wurde ich unehrenhaft entlassen und war sozusagen schon vorgemerkt.

Welche Pläne hast du – auch in Anbetracht des Verfahrens, das auf dich zukommt?

In Deutschland bleibe ich nicht, das ist klar. Die Politik ist einfach totale Scheiße. Ich werde ins Ausland gehen, wohin genau weiß ich noch nicht. Ob ich zurückgehe, das lasse ich offen. Das eigentliche Problem ist, dass ich zu viel verstanden habe. Ich habe kapiert, was da unten abgeht. Wer den Krieg versteht, versteht auch, wie die Welt funktioniert.

# Interview: Max Hoelz
# Titelbild: Symbolbild/Willi Effenberger

Anmerkung der Redaktion: Wir entgendern grundsätzlich alle unsere Texte, zwingen dies aber Interviewpartner*innen nicht auf. Daher ist dieser Text nicht entgendert. Außerdem wird „amerikanisch“ vom Interviewpartner synonym für die „USA“ genutzt – was ein gängiger Fehler ist. Amerika ist ein riesiger Kontinent (dekolonialer Name: Abya Yala). Die USA ein Land darin.

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