Staatlicher Lynchmob in Athen

Neonazis und Polizisten vereint gegen Migrant*innen, Homosexuelle und Transsexuelle

Hintergründe zur Ermordung von Zak Kostopoulos

Am helllichten Tag, mitten im belebten Athener Stadtteil Omonia wurde am 22. September der queere Aktivist Zak Kostopoulos von zwei Athenern und Polizisten zu Tode geprügelt. Das Video, das den Mord dokumentiert, ging um die Welt. Der Mord an Zak ist ein weiteres Beispiel der Verrohung in einer von ökonomischen Krisen gebeutelten und zunehmend nach rechts driftenden Gesellschaft.

Zak war ein offen HIV positiv lebender queerer Aktivist und besonders in der Gruppe Lebendige Bibliothekin Athen aktiv. Auf social-media-Kanälen wie Facebook und YouTube drehte er Podcasts, in denen er über sein Leben als Drag Queen und HIV positiver Mensch und die damit verbundene Stigmatisierung sprach. Zak erreichte damit ein großes Publikum. Seine Freundin und Genossin Loretta Macoley von der Organisation Afrikanischer Frauen beschrieb Zak als Menschen, der sich „für eine offene Gesellschaft einsetzte, in der es Raum für alle gibt, für Afrikaner, für Griechen, für Migranten, für Homosexuelle, für Transsexuelle.

Die Beteiligung der griechischen Polizei an rechter Gewalt wurde erneut im Falle von Zak – von Freund*innen und Genoss*innen auch Zackie oder Zackie Oh genannt – deutlich. Der 33-Jährige betrat in der Nacht vom 21. auf den 22. September aufgelöst und nach Schutz suchend den leerstehenden aber noch geöffneten Juwelierladen in Omonia, den der Besitzer, der sich in einem naheliegenden Restaurant befand, kurzzeitig verlassen hatte. Warum Zak dort Zuflucht suchte, ist bis heute nicht aufgeklärt. Durch sein Betreten löste er die Alarmanlage aus, die eine automatische Sperrung der Außentür bewirkte. Von Panik ergriffen, versuchte er, nun im Laden gefangen aus dem Juweliergeschäft zu entkommen, bediente sich dazu seiner Fäuste und eines Feuerlöschers, um die Glastür zu zerschlagen. Anschließend kroch er durch das unterste Schaufenster, um nach draußen zu gelangen.

Im selben Moment begannen zwei Männer, die sich vor dem Geschäft befanden, auf ihn einzutreten. Der eine ist der Ladenbesitzer; der andere neben seiner Tätigkeit als Immobilienmakler auch Pressesprecher des rechtsextremen Bündnis Patriotische Front. Diese steht der Chrysi Avgi (Goldenen Morgenröte; GM) nahe. Im später ausgewerteten Videomaterial ist zu erkennen, dass die zwei Männer ungehalten auf ihn eintreten und erst dann aufhören, als sich eine größere Menschenmenge bildet und zudem zwei Menschen einschreiten. In der Zwischenzeit trafen Polizei und Sanitäter ein, die den bereits schwerverletzten Zak mit einem Kopfverband verarzteten. Zak, der sich kaum noch auf deinen Beinen halten konnte, versuchte aufzustehen und wurde indes in den Rücken getreten. Zak fiel auf den Boden, wo die acht anwesenden Polizisten auf ihn eintraten. Anschließend legten sie ihm Handschellen an und schnitten ihm durch weitere Tritte die Luft ab. Kurz darauf erreichte der Krankenwagen den Tatort und transportierte Zak ab. Er starb noch im Krankenwagen in Handschellen.

Zwei Aspekte sind von zentraler Bedeutung im weiteren Vorgehen nach Zaks Tod: die Reaktion des Ladenbesitzers, der sich kurz nach seiner Beteiligung am tödlichen Angriff auf Zak auf Twitter zu Wort meldete. Er versicherte, Zak sei in seinen Laden eingebrochen mit der Intention, ihn auszurauben, sei in die Glastüren gefallen und habe anschließend mit einer Glasscheibe Suizid begangen. Der Vorwurf des Diebstahls wurde wochenlang von griechischen Medien und staatlichen Institutionen weiter gesponnen. Dabei wurde Zak niemals als das eigentliche Opfer betrachtet. Es gibt zahlreiche Augenzeugen, die von der Polizei bis heute nicht befragt wurden.

Polizei verschleiert Tathergang

Erst nach der Akteneinsicht wurde eine alternative Sichtweise auf die Geschehnisse in Betracht gezogen – dass Zak Opfer, nicht Täter war. Nach der Veröffentlichung des Videomaterials kam vielfacher Protest aus der Zivilgesellschaft – mehrheitlich initiiert von linken, migrantischen und queeren Vereinen sowie von einigen linken Politiker*innen, die forderten, die Täter von Zaks brutaler Tötung müssen gefasst werden. Dennoch geben die Akten der Polizei bis heute die Version des Ladenbesitzers wieder. Die Gewalt der zwei Männer oder der Polizisten werden nicht erwähnt.

Der zweite Aspekt, der die Komplizenschaft der Polizei verdeutlicht ist folgender: der Tatort vor und um den Juwelierladen, in dem Zak zu Tode geprügelt wurde, wurde nicht gesichert und als Tatort abgesperrt. Stattdessen wurde, nachdem der Aktivist im Krankenwagen abtransportiert worden war, dem Besitzer erlaubt den Eingang seines Ladens zu fegen und säubern – als wäre nie etwas geschehen.

Zak’s Anwältin und die seiner Angehörigen, Anna Paparousou, wirft der Polizei massive Behinderung der Ermittlungen sowie Mittäterschaft in der Zerstörung von Beweismaterial vor. Zudem kursieren bislang mehrere Versionen über ein anschließend am Tatort gefundenes Messer. Im Video ist zu sehen wie einer der Polizisten das Messer ist der Hand hält. Lange Zeit wurde das Messer nicht auf Fingerabdrücke des Polizisten oder anderer untersucht. Stattdessen betonte die Polizei weiterhin, man habe darauf DNA-Spuren von Zak gefunden. So sollte auch die ursprüngliche Version zum Tathergang, es handle sich bei Zak um einen Dieb, weiter untermalt werden.

Erst später wurde öffentlich gemacht, dass keine Fingerabdrücke von Zak auf dem Messer gefunden wurden. Bislang weigert sich die Polizei offenkundig, weitere Untersuchungen über DNA-Spuren sowie die Abnahme von Fingerabdrücken der in der Nacht von Zaks Tötung anwesenden Personen in die Wege zu leiten.

Am 17. Oktober wurde von der Staatsanwaltschaft am Arios Pagos, dem Obersten Gerichtshof Griechenlands, eine intensive Untersuchung über die Umstände von Zaks Tod mit besonderem Augenmerk auf einen homophoben sowie diskriminierenden Hintergrund der Tat sowie rechtswidriger Gewaltanwendung bei der Festnahme des Verstorbenen, angeordnet. Dies geschieht vor dem Hintergrund des nicht unerheblichen Bekanntheitsgrads des Aktivisten.

Während die Rufe nach Gerechtigkeit und für ein Ende der Polizeigewalt lauter werden, meldete sich auch die Gewerkschaft der Polizei mit einem Statement zu Wort. Die drei Gewerkschaftsvertreter unterstützten die Aussagen der am Mord beteiligten Beamten. Sie betonen, dass ihre Vorgehensweise und die Gewaltanwendung gegenüber einem verdächtigen Diebrechtens und notwendig war.

Nazis und Kapitalisten Hand in Hand

Die mit der Ermordung von Zak Kostopoulos einsetzende Desinformations- und Vertuschungspolitik griechischer Behörden ist indes keineswegs ein Einzelfall. Der griechische Staat machte sich auch zuvor mehrfach zum Komplizen rechter Gewalt. Und bei der Aufklärung der Taten leistete er oftmals Beihilfe zur Vertuschung. Dies geschah besonders in den letzten Jahren, auch im Zuge der erhöhten Popularität der seit 2012 im Griechischen Parlament vertretenen Neonazipartei  „Goldene Morgenröte“ im Hinblick auf Angriffe gegen Migrant*innen, linke Aktivist*innen und Arbeiter*innen.

Der Monat September ist für griechische und besonders Athener Linke ein schwarzer Monatund stand auch dieses Jahr im Licht der Notwendigkeit eines entschlossenen, antifaschistischen Kampfes. Im September jährte sich der fünfte Jahrestag der Ermordung des linken Rappers Pavlos Fyssas durch die Hand des Neonazis und Goldene-Morgenröte-Mitglieds Giorgos Roupakias, der Pavlos durch Messerstiche ins Herz am 18. September 2013 im Athener Viertel Keratsini in Gegenwart seiner Freunde tötete.

Mittlerweile ist auch bekannt, dass Roupakias vor und nach seinem tätlichen Angriff auf Pavlos telefonisch Rücksprache hielt mit anderen Parteimitglieder sowie mit dem Gründer und Parteivorsitzenden der Goldenen Morgenröte, dem Abgeordneten Nikolaos Michaloliakos, der seit 2012 im Parlament sitzt. Roupakias wurde im März 2016 nach nur 30 Monaten Gefängnishaft unter verschärften Bewährungsauflagen und Residenzpflicht entlassen, obwohl er den Mord an Pavlos vor dem Richter zugegeben hatte. Pavlos, dessen Familie bekannt war für ihre arbeitsrechtlichen Kämpfe in der Gewerkschaft »Syndikat Metall«, war die Verkörperung des Athener antifaschistischen Kampfes und griechischen linken Raps, wodurch er die Jugend auch in schweren Krisenzeiten zu erreichen vermochte.

Schlussendlich war Pavlos‘ Ermordung der Höhepunkt einer durch Mitglieder der Goldenen Morgenröte verübten Mord- und Gewaltserie seit 2012. Der Fall markierte auch die entscheidende Wende in der medialen und staatlichen Aufmerksamkeit auf rechten Terror, da die von den Nazis zuvor verübte Gewalt an Migrant*innen kaum bis keine Beachtung gefunden hatte – und schon gar keine politischen Konsequenzen für die Neonazi-Organisation mit sich brachte. Neben zahlreichen Angriffen auf Räumlichkeiten linker Vereinigungen und auf von Migrant*innen betriebene Vereine sowie Lokale, wurde auch die Gewerkschaft „Syndikat Metall“ massiv attackiert, um diese im Dienste der Reeder aus den Betrieben in Athener Vororten zu drängen. Die GM wird seit Jahren von griechischen Reedern finanziell unterstützt. Nur ein Teil der Parteispenden von Reedern wird im Inland offengelegt, der Großteil wird auf steuerfreie Konten im Ausland gezahlt.

Die GM nahm bislang immer die Seite der Kapitalisten ein. Die Arbeitskämpfe im Hafenstadtteil Perama der Großregion Athen sind beispielhaft dafür: Unternehmer*innen und Arbeiter*innen der Reedereien hatten nach zahlreichen Toten durch Arbeitsunfälle im Jahr 2010 einen Tarifvertrag ausgehandelt. Dieser schloss neben festgelegten Lohn, Versicherung und auch Zuwendungen wie r die Arbeit notwendige Schutzschuhe, Schutzbrillen etc. ein. Im Zuge der Intensivierung der Wirtschaftskrise, ergriff die GM offen Partei für die Reeder in Perama und unterstütze die Forderung nach geringeren Steuerauflagen für die Reedereien. Die Arbeiter*innen in Perama hatten den Tarifvertrag nach einem langen Kampf und mit Hilfe vieler Streiks durch die Unterstützung und Mobilisierung der KKE, der Kommunistischen Partei Griechenlands, errungen.

2013 schloss die GM einen Pakt mit Reedern in Perama: Die Faschisten würden die Belegschaft zu Gunsten billigerer Arbeitskräfte austauschen und damit den geschlossenen Tarifvertrag als auch die Betriebsräte auflösen. Den Versuchen die Organisierung der Arbeiter*innenschaft zu zerschlagen, folgte eine Reihe von tätlichen Angriffen gegen Gewerkschafter*innen und KKE-Mitglieder, die die Arbeiter*innen bei ihrem Kampf gegen den Eingriff der GM in bereits geschlossene Tarifverträge unterstützten. Schlussendlich setzten sich die Beschäftigten mithilfe der Gewerkschaften, insbesondere »Syndikat Metall« und der KKE durch. Die gewalttätigen Angriffe gegen Gewerkschafter*innen weiteten sich von Perama aus auf die Regionen Athen, Chalkida, Siro und Aspropyrgo.

Lange vor ihrem Übergang zu Gewalt- und Mordtaten machte sich die GM zum Handlanger vieler Großunternehmer und Reeder in der Region durch ihre Zusammenarbeit wie in Perama, um Gewerkschaften sowie Betriebsräte einzuschüchtern.

Bereits im Juni 2012 attackierte eine Gruppe von sechs Neonazis vier ägyptische Fischer in ihrem Zuhause und verletzte einen von ihnen schwer. Im Januar 2013, einige Monate vor dem tödlichen Angriff auf Pavlos, wurde der pakistanische Arbeiter Luqman Shahzad von Neonazis getötet.

Diese Taten entlarven die jahrelange Toleranz staatlicher und regierungsnaher Institutionen gegenüber neonazistischen Gewalttaten. Die passive und aktive Unterstützung der griechischen Polizei für die Gewaltakte der Rechten fällt dabei auf. Charakteristisch dafür waren die acht Polizisten, die im Zuge der Ermordung von Pavlos einige Meter entfernt waren, aber nicht intervenierten. Dies geschah, obwohl Minuten vorher die Polizei wegen einer Auseinandersetzung zwischen einer rechten Gruppe, angeführt von Roupakias, und Gästen eines Cafés gerufen worden war. Zu diesem Ergebnis kam eine im Juli 2018 beendete Untersuchung über die Beteiligung von Polizisten.

Auch auf die darauf folgenden Proteste gegen rechten Terror reagierte die Polizei mit Verhaftungen, Tränengas und vermehrter Gewalt. Die Proteste erinnerten an die Massenproteste in Griechenland von 2008, als der damals 15-jährige unbewaffnete Demonstrant Alexandros Grigoropoulos von einem Polizisten erschossen wurde. Als sich im September der Tod des Antifaschisten Pavlos Fyssas zum fünften Mal jährte, wurde mit Zak Kostopoulos ein weiterer linker Aktivist Opfer von Staatsgewalt.

Schlussendlich ist die Ermordung und der Umgang mit der Aufklärung von Zaks Todesumständen ein weiterer Beweis der Verweigerung der griechischen Polizei, sich mit dem Mord eines offen HIV positiv lebenden Menschen, queeren sowie antifaschistischen Aktivisten, einer Drag Queen, die in einer mehrheitlich religiös-konservativen Gesellschaft aus der Reihe tanzt, auseinanderzusetzen. An der erneuten Mittäterschaft der Polizei besteht keinerlei Zweifel, doch auch aus dem Innenministerium und der Regierung ist bisher mehrheitlich Schweigen zu Zaks Fall zu vernehmen – bis auf eine kurze Ansprache des Regierungssprechers nachdem das Beweisvideo an die Öffentlichkeit gelangte, in der der Mord an Zak verurteilt wurde. Mehr als vier Wochen nach Zaks Tod meldete sich Premierminister Alexis Tsipras zu Wort in einer Antwort auf einen Brief von Zaks Mutter. Er betonte, dass rohe Gewalt zur Beendigung eines Menschenlebens geführt hat. Weiter kritisierte er Massenmedien, die in ihrer Berichterstattung zu Zaks Fall „sozialen Kanibalismus“ und Selbstjustiz schüren würden.

Einziger Trost ist die landesweite Kampagne »Justice for Zak/ Zackie«, der tausende Menschen besonders in den griechischen Großstädten als auch im Ausland vermehrt Solidarität zollen. Es werden besonders in Athen weiterhin Demonstrationen, Kundgebungen, Protestpetitionen, Film- und Fotoausstellungen zum Leben von Zak organisiert.

Denn auch wenn Zak nicht mehr für sich sprechen kann, die zahlreichen Menschen, die er mit seinem Aktivismus und seinem Mut zu kämpfen unterstützt und auch erreicht hat, sowie seine Genossen*innen, wollen länderübergreifend für ihn Gerechtigkeit erkämpfen – und zumindest dadurch seine lebenslangen Kämpfe gegen staatliche Repressionen auf allen Ebenen würdigen.

# Von Dimitra Dermitzaki

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