Eine Frage der Haltung

Einige Überlegungen zum Begriff der „Militanz“

Es sieht, betrachtet man die gesellschaftlichen Entwicklungen, nicht rosig aus: Die Verschärfung imperialistischer Konflikte, der neoliberale Generalangriff auf Errungenschaften der Arbeiter*innenbewegung, die tiefe Krise eines immer barbarischer werdenden Kapitalismus und rasante Faschisierungsprozesse – im Staatsapparat wie in Teilen der Bevölkerung – ,verlangen eigentlich nach „linken“ Antworten. Und dennoch kommt die Linke strömungsübergreifend nicht aus der Defensive. Warum?

Ein kleiner Teil der Antwort ist: Es fehlt an Militanz. Mehr noch, es fehlt schon an einem Verständnis davon, was unter »Militanz« eigentlich zu verstehen wäre. Wenn in der hiesigen Presse von »Militanz« die Rede ist, hat irgendwo ein Auto gebrannt oder ein Farbbeutel flog gegen eine Fassade. »Militanz« wird verstanden als (politische) Gewaltanwendung und »militante Linke« sind eben die, die irgendjemanden umboxen oder irgendetwas anfackeln und bei dieser Gelegenheit rundum in schwarze Klamotten eingepackt sind. Dieser Militanzbegriff ist als Zielvorstellung für Linke in seiner Verengung unbrauchbar.

Im Englischen kommen wir dann der eigentlichen Sache schon näher. Das Cambridge English Dictionary definiert „miltant“ unter anderem als »aktiv, entschlossen«. Wer im Englischen von »Militanten« spricht, kann zwar auch bewaffnet Kämpfende meinen, aber eben nicht nur. In erster Linie geht es um die Vehemenz und Überzeugung, mit der ein Anliegen vertreten wird.

Der ehemalige Stadtguerilla-Aktivist Klaus Viehmann hat in einem kurzen Wörterbuch-Eintrag für das 2012 erschienene »ABC der Alternativen« zum Stichwort »Militanz« noch etwas weiter überlegt: »Entscheidend ist die Verbindung von militant und links. Erst „militant links“ kann Individuen und Gruppen, Einstellungen und Praxen inhaltlich bezeichnen«, schreibt Viehmann. »„Links“ beschriebe nach wie vor das Umwerfen aller Verhältnisse, in denen Menschen unterdrückt und erniedrigt werden, und Militanz die Einstellung, bei der die/der Einzelne trotz des Risikos persönlicher Konsequenzen ein aus dieser linken Überzeugung gespeistes Handeln anstrebt.«

Entschlossenheit

»Militanz« ist dabei nichts, was wir neu erfinden müssten. Eher etwas, was wiederzuentdecken wäre. Sie war und ist – überall da, wo linksradikale Politik mehr ist als eine Mischung aus Diskurspolitik und Pop-Art – fester Bestandteil jeder anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen Tradition. Sie spiegelt sich in der Haltung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gegen den Kriegskurs der Sozialdemokraten im Ersten Weltkrieg; in Sakine Cansiz‘ Weigerung, ihren Folterern im Knast von Diyarbakir auch nur die kleinste Schwäche zu zeigen; in jeder Kolumne, die der Langzeitgefangene Mumia Abu Jamal aus US-Gefängnissen schreibt; und in den Worten der kommunistischen Vorkämpferin der Münchener Räterepublik Hilde Kramer: »Für die meisten jungen Menschen ist die Berufswahl eine schwerwiegende Angelegenheit. Für mich war die Frage nie entscheidend. Ich war entschlossen, mein Leben dem Kampf für den Sozialismus zu widmen«.

Erich Mühsams namenloser Münchener Rotgardist, der am 1. Mai mit seinem Maschinengewehr den Angreifern bis zur letzten Kugel trotzt; Ulrike Meinhof, die auf Karriere und Familie verzichtet und in den Untergrund geht; Deniz Gezmis, der Sekunden vor seiner Hinrichtung durch die türkische Regierung ruft: „Es lebe der Unabhängigkeitskampf des türkischen und kurdischen Volkes! Nieder mit dem Imperialismus! Es leben die Bauern und Arbeiter!“

»Militanz« ist also zunächst eine tiefe Entschlossenheit für die Sache, eine Überzeugung, die so tief geht, dass selbst die Androhung des Todes, noch viel weniger die Befürchtung persönlicher Entbehrungen, sie nicht zu brechen vermögen. Woher kommt diese Überzeugung?

Als Huey P. Newton im Mai 1970 in einem kalifornischen Knast einsaß, stolperte er über einen Artikel zu Suiziden in der Schwarzen Community. Newton hatte viel Zeit zum Nachdenken und so überlegte er, was es denn eigentlich mit Selbstmord auf sich habe. Er kam zu einem auf den ersten Blick befremdlichen Schluss. Es gibt zwei Arten von Suizid, schreibt der Mitgründer der Black Panther Party, den »reaktionären« und den »revolutionären«. Ersterer besteht darin, dass »jemand sich selbst das Leben nimmt, als Antwort auf soziale Umstände, die er nicht ertragen kann und die ihn zu Hilflosigkeit verurteilen«. Eng verbunden mit dem »reactonary suicide« sei der »geistige Tod«, den viele Schwarze in den USA erführen: »Diese Form des Todes findet man heute überall in der Schwarzen Community«, so Newton. Es sei der Tod derer, die es aufgegeben haben, gegen die Unterdrückung aufzustehen, die sich abgefunden haben, passiv und verzweifelt sind.

Huey P. Newton argumentiert so: Wer ernsthaft rebelliert gegen jene, die die Macht haben, muss das jederzeit im Bewusstsein der Möglichkeit tun, im Kampf zu sterben. Nicht, weil man den Tod suche. Aber weil nur im konsequenten Kampf Hoffnung liegt. Die Frage sei also letztlich nicht die, wie man abtreten wolle, sondern die, was man davor macht: »Bevor wir sterben, wie sollen wir leben? Ich sage mit Hoffnung und Würde; und wenn der vorzeitige Tod das Resultat ist, hat er eine Bedeutung, die der reaktionäre Suizid nie haben kann. Er ist der Preis der Selbstachtung.«

Hoffnung und Gewissheit

Newton verweist auf zwei weitere Elemente der Haltung »Militanz«. Die Hoffnung auf das Gelingen des Kampfes und die Gewissheit, nicht ohne Würde, also nicht unter den bestehenden Verhältnissen, leben zu wollen. Beide Elemente sind, vorsichtig gesagt, in der hiesigen radikalen Linken nicht allzu weit verbreitet. Der Vordenker der kurdischen Befreiungsbewegung, Abdullah Öcalan, spricht gelegentlich vom „deutschen Niederlagenbewußtsein“ in der Linken, also einer Mentalität, die davon geprägt ist, sich selbst ohnehin nichts mehr zuzutrauen.

Ein solches Denken, dass die Revolution bewusst oder unbewusst, für unmöglich hält, schlägt tiefe Kerben in unser politisches Handeln. Zum einen erzeugt es ein Bedürfnis, doch noch irgendwie im Kapitalismus ankommen zu wollen – just in case. Studium und guter Job sind dann letztlich wichtiger als politische Arbeit, die Ausstiegsszenarien in die bürgerliche Normalität sind ganz ohne entsprechende Verfassungsschutzprogramme eher die Regel als die Ausnahme. Wer nicht glaubt, siegen zu können, wird auch in seiner Analyse nicht in der Lage sein, eine Strategie zu entwickeln, sondern vom „kleinen“ zum „kleineren“ Übel auf der Suche nach einem starken Subjekt hoppen – man selber ist ja keines. Das Niederlagenbewusstsein öffnet Tür und Tor für Projektionsflächen. Die einen appellieren an den deutschen Staat, das Naziproblem doch endlich zu lösen; die anderen sehen wahlweise in Israel oder Russland die internationalen strong-men, die schon regeln werden, was man selbst nicht regeln kann.

Wer Hoffnung auf ein besseres Leben und Gewissheit, sich nicht mit einem schlechteren zufrieden geben zu wollen, verloren hat, wird zum politischen Zombie. Innerlich Tod, aber mit mechanischer Routine tut man, was man eben so tut: Eine Kampagne hier, eine Demo da. Man verwaltet die Defensive, bis man irgendwann psychisch erschöpft in Kleinfamilie oder Karriere, Hedonismus oder Eskapismus absackt.

Revolutionäre Kultur

Die Rückgewinnung von Hoffnung, politischem Selbstvertrauen und Überzeugung ist zugleich ein Prozess des Delinking, des Abbrechens von Brücken zum herrschenden System. Die Ziele, die uns von frühester Kindheit an als erstrebenswert anerzogen werden, die Verhaltensweisen, die uns als akzeptabel gelten, die Kultur und die Methode des Denkens, die uns antrainiert wurden, die gesamte „vom Feind entwickelte Welt der Sozialisation, Beziehungen, Gefühle und Triebe“ (Öcalan) müssen in kollektiven Prozessen von Kritik und Selbstkritik zum Thema werden.

Die positive Kehrseite dieses negativen Prozesses ist die Schaffung einer eigenen revolutionären Kultur. Amilcar Cabral, der antikoloniale Kämpfer und Theoretiker aus Guinea Bissau, fasste das einmal so zusammen: „In unsere Situation müssen wir dem kulturellen Widerstand große Aufmerksamkeit schenken. (…) Wir müssen große Anstrengungen unternehmen, die koloniale Kultur in unseren Köpfen auszulöschen, Genossen. Und ob wir es mögen oder nicht, in der Stadt wie auf dem Land, der Kolonialismus hat uns vieles in den Kopf gesetzt.“ Cabral plädiert für die Schaffung einer eigenständigen Kultur des Widerstands, die zwar keinen abstrakten Bruch mit allem vorher dagewesenen bedeutet, aber doch seine Überprüfung auf die Tauglichkeit für die Revolution: „Unsere Aufgabe wird es sein, loszuwerden, was nicht nützlich ist und zu bewahren, was gut ist.“

Die Aufgabe der Schaffung einer revolutionären Kultur reicht weit. Sie betrifft die kollektive Umgestaltung unserer zwischenmenschlichen Beziehung genauso wie die Frage nach unserer Ästhetik „nach außen“. Wie gehen wir miteinander um? Wie schaffen wir es, als Kollektiv einander Halt und Perspektive zu geben? Welche Parolen rufen wir? Welche Lieder singen wir? Tragen wir unsere Kleidung, um auszusehen wie eine Reenactment-Gruppe längst vergangener Black-Blocks? Wie sprechen wir mit Menschen, die wir überzeugen wollen? Können wir unser gemeinsames politisches und privates Handeln so gestalten, dass die hedonistische Selbstzerstörung (fünf Tage Scheißjob, zwei Tage Hirn aus) überflüssig wird?

Eine gewisse Portion Verrücktheit

Ein Leben als Revolutionär*in ist ein in sich selbst bedeutungsvolles Leben. Es ist kein Hobby zur Erweiterung des Freund*innenkreises oder Distinktionsmerkmal zur Förderung publizistischer Karrierewünsche. Doch es ist ebenfalls Teil unserer liberalen, positivistischen Sozialisierung, genau dergleichen nicht mehr verstehen zu können. Begriffe wie „Hoffnung“, „Bedeutung“, „Entschlossenheit“ erscheinen uns als aus der Zeit gefallen.

Klar, hin und wieder liest man solchen Kitsch in den Biografien von Kommunist*innen und Anarchist*innen aus anderen Zeiten oder anderen Ländern. Dann denkt man: ja klar, im Trikont oder in den Zwanziger Jahren, da ist das ja normal. Aber hier? Hier ist doch alles ganz anders. Sich an derlei ein Vorbild zu nehmen, erscheint der postmodernen Wohfühllinken im besten Fall als kitschige Revolutionsromantik, im schlechtesten als Verrücktheit.

Letzteres rührt daher, dass das Leben aller Revolutionär*innen letztlich eben tatsächlich nicht »normal« war. Konnte es ja auch gar nicht sein, schließlich ging es um den Bruch mit der Normalität einer Welt, die man zutiefst ablehnt. »Du kannst keine fundamentale Veränderung erreichen, ohne eine gewisse Portion an Verrücktheit«, mahnte der afrikanische Revolutionär Thomas Sankara 1984 in Harlem. »In diesem Fall kommt das von der Nonkonformität, dem Mut, dem Alten den Rücken zu kehren, dem Mut, die Zukunft zu erfinden. Nebenbei bemerkt, es brauchte die Verrückten der Vergangenheit, damit wir heute mit äußerster Klarheit handeln können. Ich will einer dieser Verrückten sein.«

Der entschlossen vollzogene Bruch mit dem Bestehenden – und damit zumindest zum Teil auch mit dem eigenen aus diesem entsprungenen Selbst – ist Militanz. Und an der hängt letztlich auch, ob wir zu überzeugen vermögen oder eben nicht.

# Peter Schaber

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