Die Kurden – Eine Leseprobe

Heute erscheint das neue Buch von Kerem Schamberger und Michael MeyenDie Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“ Diese kleine Leseprobe aus dem zweiten Kapitel gibt einen ersten Eindruck in das wirklich lesenswerte Werk der beiden Autoren.

„Die kurdische Frage, von Duisburg aus gesehen“

Geschichte als Geografie

Vorher ist etwas zu Kurdistan zu sagen, zu einem Wort, das nach

Staat klingt (Afghanistan! Turkmenistan!) und doch nie für einen
Staat stand und auch die Geografen eher zu verwirren scheint.
Die Landkarten jedenfalls, die Google auswirft, sehen alle irgendwie
verschieden aus. Mal gibt es ein Stück Mittelmeer-Küste und
mal nicht, mal ist etwas mehr von der Türkei weg und mal etwas
weniger. Karl May ließ seine Helden Kara Ben Nemsi und Hadschi
Halef Omar »durchs wilde Kurdistan« reisen und mit den Jesiden
gegen die Türken kämpfen, aber das gehört eher in die Kategorie
Dinosaurier und magisches Baumhaus. Sicher ist: Eine »Region
oder Landschaft« mit dem Namen Kurdistan gibt es seit etwa eintausend Jahren. Die Perser hatten eine Provinz, die so hieß, und
die Osmanen auch.
Für Kardo Bokani beginnt das Problem schon da, mit der »ersten Teilung« Kurdistans, wie es bei ihm heißt, ausgelöst
durch die Schlacht bei Tschaldiran 1514 und besiegelt 1639 im
Vertrag von Quasr-e Schirn 1639, nach mehr als hundert Jahren
Krieg.7 Was damals als Grenze festgelegt wurde, hat sich
bis heute fast komplett auf den Landkarten gehalten. Iran auf
der einen Seite, die Türkei und der Irak auf der anderen. Kardo
Bokani schiebt das alles auf die Geografie. Die Geografie erklärt,
warum sich die großen Reiche genau dort in die Quere
kamen, wo Kurdistan liegt, und warum diese Gegend immer
wieder von Eindringlingen, Nomaden und plündernden Horden
heimgesucht wurde. Die Geografie erklärt, warum die Araber
die Kurden mit Gewalt zum Islam bekehren konnten und
warum der Widerstand trotzdem nicht wirklich zu brechen
war. Die Geografie: Das sind vor allem die Berge. Hunderte
Gipfel, von denen die gewaltigsten über 5 000 Meter hoch sind.
Am Ararat soll die Arche von Noah gestrandet sein. Noch so
eine Geschichte. Karl May jedenfalls hat nicht umsonst vom
»wilden Kurdistan« gesprochen. Abgelegen, unwegsam, unzugänglich.
Tiefe Schluchten, lange, lange Schnee und winzige
Dörfer, die sich an Abhänge klammern. Schwer zu erreichen
für jede Regierung, für jede Verwaltung, für jeden religiösen
Führer. Dort, wo überhaupt niemand hinkam, außer Helden
wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar vielleicht, dort
konnten einheimische Glaubensgruppen wie die Jesiden überleben,
schreibt Kardo Bokani.
Es braucht keinen Mythos, um zu verstehen, warum die Kurden
bis heute anders sind als ihre Nachbarn, trotz all der Heerscharen
und wandernden Völker, die ihre Spuren im Erbgut hinterlassen
haben. Man muss nur diese Berge sehen und sich vorstellen, dort
zu leben. Schon das Nachbartal unerhört fern, es sei denn, man
steht auf tagelange Fußmärsche oder nimmt den elend langen
Umweg über das Provinzzentrum. In den Bergen Kurdistans ist man für sich. In diesen Bergen braucht man keine Armee. Es dauert,
bis eine neue Idee hierherkommt oder eine neue Technologie.
Und wenn sich doch ein Reisender verirrt und nach dem Weg ins
nächste Dorf fragt, dann zuckt man mit den Schultern und sagt:
»Ich weiß nicht.«

Kandil-Berge 2016: Straßenkontrolle durch Kämpfer der Volksverteidigungseinheiten (HPG). Foto: Willi Effenberger

Kardo Bokani hat das Transportsystem der Osmanen und der Perser
mit Kolonien in Afrika verglichen. Für die Herrscher gebaut
und nicht für die Bevölkerung. Ganz anders als in Frankreich, Italien
oder Deutschland, wo sich die Routen immer wieder kreuzten
oder wo es eine Hauptstadt gab, um die sich alles drehte, und
wo deshalb viel eher die Vorstellung wachsen konnte, dass man
zusammengehört. Nationale Identität, nationales Bewusstsein,
eine nationalistische Bewegung: In Kurdistan findet Kardo Bokani
das alles erst um 1880 und liegt damit immer noch früher als die
meisten anderen Chronisten. Nikolaus Brauns und Brigitte Kiechle etwa haben für das Ende des 19. Jahrhunderts
»ein Bild der Auflösung, Zersplitterung und Stammeskonflikte« gezeichnet. Die muslimischen Kurden in diesem Gemälde: untereinander verfeindet, frustriert von den christlichen Missionaren, die sich im Osmanischen Reich breitmachten, und auch deshalb beteiligt am Dschihad gegen die Ungläubigen, am Völkermord an den Armeniern.

 

 

Ein Gedanke zu „Die Kurden – Eine Leseprobe“

  1. İch freue mich gerade so sehr auf das Buch dass ich am 25 sept.2018 in Freiburg bei der Lesung bekommen und gleich angefangen zu lesen habe. Schön und vielfältig..Gelek spass ..Danke.. Teşekkür..

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