Die Revolution aufbauen, wo wir leben

Widerstand macht stark: Das kurdische Flüchtlingscamp Maxmur im System des Demokratischen Konföderalismus

Seit drei Wochen halten wir uns in Maxmur auf, einem kurdischen Flüchtlingscamp im Nordirak. Seit 1998 leben hier ca. 12.000 Menschen, seit 2005 verwalten sie sich nach dem System des Demokratischen Konföderalismus in Räten und Kommunen selbst. Viele der Menschen hier haben keinen Pass und damit keinen Status. Sie haben kaum Möglichkeiten, außerhalb des Camps Arbeit oder Anerkennung zu finden, die meisten haben eine Geschichte hinter sich, die an vielen Stellen unvorstellbar klingt und unerträglich grausam ist.

Auf der Flucht vor der türkischen Regierung, die Anfang der 1990er-Jahre ihre Dörfer nieder brannte und der Bevölkerung mit Vernichtung drohte, viele Menschen tötete, sind die Familien über sieben andere Camps vor 20 Jahren in Maxmur, einem damals kahlen Ort am Hang eines Berges in der Wüste, angekommen.

Und auch nach all der Zeit und aus der Ferne geht die Bedrohung durch den türkischen Staat weiter, 12 Kilometer entfernt halten Daesh-Kämpfer Dörfer und weder UN noch irakische Zentral- oder kurdische Autonomieregierung sind eine Unterstützung – eher im Gegenteil.

Autonomie statt Resignation

„Das Wichtigste ist, dass wir autonom und unabhängig leben“, sagt Zeynep. Sie ist 34 und Lehrerin hier im Camp – sie war 14, als sie sich mit ihrer Familie auf den Weg aus der Türkei ins irakische Exil gemacht hat. Zwei Stunden hören wir ihrer Geschichte zu. Der Widerstand habe sie stark gemacht, berichtet sie, die „politischen Frauen waren es, die die Gemeinschaft immer wieder gestärkt haben“.

Die Verwaltung des Camps basiert auf Räten und Kommunen, ca. 80 Prozent der Bevölkerung sind in der Selbstverwaltung aktiv vertreten. Ob als Fahrer, Schneiderinnen, Krankenhaus-Mitarbeiter_innen, junge Frauen oder Ladenbesitzer_innen, alle haben ihre eigenen Vertretungen. Im allgemeinen Volksrat (Meçlîs) treffen alle Strukturen sowie die einzelnen Stadtteile und Straßenzüge aufeinander, um zu entscheiden, was in Maxmur gerade wichtig ist.

Dieses System erscheint als logische Folge des dörflichen Lebens, welches die Bewohner_innen bis Anfang der 90er in der Botan-Region in Nordkurdistan (im Süden der Türkei, an der Grenze zu Irak) gelebt haben. Sie betrieben Landwirtschaft, lebten vollkommen autark, haben ihre Konflikte ohne staatliche Institutionen gelöst und sich gegenseitig bei Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit und weiteren Herausforderungen beigestanden. „Das konnte der türkische Staat nicht ertragen – Kurd_innen, die nicht auf den türkischen Staat angewiesen sind, die sich nicht kontrollieren und nicht unterdrücken lassen“, erläutert Zeynep.

Im Rahmen unserer Reise besuchen wir die Diplomatie-Kommission, die Co-Vorsitzenden des Volksrates (eine Frau und einen Mann), die Dozent_innen der Akademie, die Jugend, den Frauenrat, die Schneiderei, das Krankenhaus, die Gerechtigkeits-Kommission und einiges mehr. In jedem Gespräch wird das Vertrauen in die Kraft der Selbstverwaltung und die ideologische Grundlage – die Ablehnung von Staat, Kapitalismus und Patriarchat – deutlich. Es ist faszinierend, bestärkend und im Lichte der Geschichte der Menschen auch irgendwie folgerichtig, dass es keinerlei Erwartungen an den Staat gibt und dass auch die Verfolgung der Kurd_innen eine Folge von partriarchaler Logik ist, die auf Konkurrenz und Unterdrückung basiert. Wir bekommen hier ein Gefühl dafür, wozu ein politisches Bewusstsein und die Liebe zum Leben Menschen befähigen kann.

Vor einigen Tagen waren wir mit den jungen Frauen schwimmen. Ein Schwimmbad mitten in der Wüste. Bei 45 Grad gehen wir dort hin, mit 15 jungen Frauen zwischen 12 und 20, die sich autonom organisieren. Sie legen ihre Schwerpunkte gerade auf Kunst und Kultur. Eine Zeit lang war es Selbstverteidigung, aber da sie in ihrem Alltag kaum mit körperlicher Gewalt konfrontiert sind, spielt das momentan eine untergeordnete Rolle.

Und was hat das jetzt mit uns zu tun?

Während und nach all diesen Gesprächen denken wir immer auch über die Diskussion in Deutschland über die Entwicklungen in Rojava und Kurdistan und den Bezug auf diese nach. Wir stoßen unter anderem auf das taz pro und contra zu „Rojava – eine realisierte Utopie“ vom März 2018 (https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5490064&s=rojava/), in dem Peter Schaber (pro) und Thomas von der Osten-Sacken (contra) „diskutierten“.

In all den Gesprächen, die wir verabredet oder spontan bei çay (Tee) führen, wird deutlich, wie tief verankert die Verbindung von ideologischer und militärischer Selbstverwaltung und -verteidigung ist, wie groß der Drang nach einer echten Freiheit – abseits von Staat, Kapitalismus und Patriarchat. Mit unseren eurozentristischen Blicken werden wir immer wieder verwirrt und angestupst – z.B. wenn der Muezzin ruft oder beim wöchentlichen Gedenken an die Gefallenen ein Großteil der Gäste Muslima/e sind, die die Trauer um ihre Angehörigen mit einer politischen Analyse und den Ekelhaftigkeiten der kapitalistischen Moderne in Einklang bringen.

Wie unvorstellbar ist es eben auch (noch?) für eine deutsche Linke, dass eine Revolution im Mittleren Osten stattfindet, gar dort, wo es eine Verankerung des muslimischen Glaubens gibt?

Wieviel Rassismus, Eurozentrismus, deutsche Mentalität lässt uns überhaupt in „pro“ und „contra“ und richtig und falsch denken? Widerstand statt Resignation, Weiterentwicklung und Kollektivität statt bloßer Rache, Wut, Lethargie. Das ist es, was wir hier sehen und spüren und was wir in Deutschland so oft vermissen. Es ist nicht notwendig und erst recht nicht hilfreich, Rojava zu „stilisieren“, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Ideen dahinter ist das, was uns weiter bringt.

Dazu gehört es die eigene Gesellschaft zu kennen und analysieren zu können. Sich als Teil von ihr zu verstehen, ein Bewusstsein für die eigene Herkunft und eine Idee zu entwickeln, wie wir mit und in dem, in dem wir ‚wurden und sind‘ agieren können. Denn das ist die Geschichte, das sind die Ursprünge von Maxmur und Rojava. Abdullah Öcalan hat die Gesellschaft, ihre Geschichte, ihre Traumata, ihre Erfahrungen und Traditionen erlebt, beobachtet, sich als Teil dessen verortet, alles geopolitisch eingebettet und daraus eine Praxis entwickelt, die heute in Teilen Kurdistans ihre Umsetzung findet. Kern dessen sind die drei Elemente Selbstverwaltung, Gechlechterbefreiung und Ökologie. Ein Ergebnis davon sind die Frauenverteidigungseinheiten YPJ in Syrien, ein anderes die neu entstandenen Frauenräte in Raqqa. Eine kurdische Freundin aus Rojava erzählt: „Wir bekommen in Rojava mittlerweile Ärger, wenn immer nur von Kurd_innen gesprochen wird, die sich befreien. Wir sind Teil dieser Bewegung, sagen uns die arabischen Frauen völlig zu Recht.“

Im Unterschied zu vielen anderen revolutionären Bewegungen oder Bestrebungen finden wir in der Freiheitsbewegung Kurdistans in ihrem 40-jährigen Bestehen einen gelungenen Übergang vom Streben nach einem „emanzipierten, freiheitlichen Staat für das kurdische Volk“ hin zu der Erkenntnis der eigenen Korruption durch eben dieses Streben. Durch die konsequente Umsetzung von Methoden wie gesellschaftliche Verankerung, Persönlichkeitsentwicklung und dem tatsächlichen Aufbau alternativer Strukturen neben dem bestehenden System findet seit 2005 ein realer Theorie-Praxis-Abgleich statt.

Um es mit den Worten von Riza Altun (KCK – aus einem aktuellen, noch nicht übersetzten Interview) zu sagen: „Wir alle müssen die Revolution dort aufbauen und verteidigen, wo wir leben. Dabei müssen wir international denken und handeln. Dafür müssen wir die Probleme der Gesellschaft kennen und die Gesellschaft gegen den Staat verteidigen. Dabei brauchen wir Geduld. Wir müssen gegen die Ideologie des Kapitalismus eine alternative Ideologie entwickeln. Hierzu benötigen wir Räume und Plattformen, auf denen wir frei diskutieren können.“

Wir brauchen eine Einheit antisystemischer Kräfte weltweit und dafür müssen wir auch und vor allem aus feministischer Perspektive aus unserem eigenen Konkurrenzdenken ausbrechen. Wir täten gut daran die Einladungen der Freiheitsbewegung Kurdistans anzunehmen, den Widerstand in Kurdistan mit unseren eigenen Kämpfen zu verbinden. Zu jedem Moment, an jedem Ort.

#Ella Bremer (für die feministische Kampagne „Gemeinsam kämpfen – für Selbstbestimmung und demokratische Autonomie)

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