Die Illusion der linken Forschung

Im Zuge des neu aufkommenden Interesses an der Organisation linker Theorie und Praxis, rücken Themen möglicher Selbstorganisierungsprozesse, Stadtteilarbeit und Interventionsstrategien wieder in den Fokus linker Debattenbeiträge.
In diesem Kontext erschienen auch hier im LCM einige Artikel zur Situation und zu Perspektiven linker Akademiker*innen. Sowohl Zeitpunkt, Ort als auch den Gegenstand der Analysen halten wir für angebracht und wichtig. Es scheint tatsächlich der Fall zu sein, dass sich ein Großteil der Menschen, die sich in Nordwest-Europa als links, linksradikal (oder irgendein anderes Label) verstehen, in einem akademischen Milieu befinden oder es zu irgendeinem Zeitpunkt durchlaufen haben. Wie diese Personen aber mit ihrem Dasein in der Universität/Hochschule umgehen und welche Perspektiven sie jenseits ihres Studiums haben ist Bestandteil der vorhergehenden Debattenbeiträge und soll auch den Kern dieses Artikels bilden. Er ist im ersten Teil relativ abstrakt, leitet dann aber konkrete Schlussfolgerungen für linke Akademiker*innen her.

In den vergangenen Analysen ist vieles gesagt worden, was wir als richtig ansehen, manches ist aber kritikwürdig. Woran die bisherige Debatte vor allem krankt, ist eine Unklarheit bezüglich der Rolle von Wissenschaft und Wissenschaftler*innen im Kapitalismus. Das führt dazu, dass vermeintliche individuelle Freiheiten überbetont, und systemische Zwänge verkannt werden. In diesem Artikel soll daher zuerst mit der Analyse der Funktion der universitären Forschung und Lehre ein theoretisches Fundament gelegt werden, aus dem dann Schlussfolgerungen für die Praxis linker Akademiker*innen gezogen werden. Da dies keine Seminararbeit im Bachelorstudium ist, werden wir auf übermäßige Fußnoten und Quellenangaben verzichten. Für Menschen, die sich noch näher mit dem Thema beschäftigen wollen, wird es einzelne, ausgewählte Literaturhinweise geben. Sollten für einige der aufgestellten Behauptungen noch Belege notwendig sein, dann können wir das gerne in den Kommentaren nachreichen.

Wissenschaft und Innovation

Der akademische Betrieb hat, wie alle Institutionen der Geschichte, nie außerhalb der Gesellschaft existiert.
Er ist Teil der ihn umgebenden Ordnung, er verhält und verändert sich mit ihr. Um zu des Pudels Kern zu gelangen, ist es daher lohnenswert, einen Schritt zurückzutreten und sich einige Funktionsmechanismen des Kapitalismus in Erinnerung zu rufen.

Die allererste Regel des Kapitalismus ist: Profit machen. Sämtliche wirtschaftliche Unternehmungen basieren auf der Jagd nach Profit. Dies beginnt im kleineren Rahmen – wirtschaftet eine Firma nicht profitabel, geht sie bankrott, die Investition der Firmeneigentümer*in ist dahin und die Angestellten werden arbeitslos – und erstreckt sich auf alle kapitalistischen Wirtschaftsräume. Sind die Firmen eines Wirtschaftsraumes (in diesem Fall des Nationalstaates) zu unprofitabel, dann geht es den Menschen, die sich darin behaupten müssen, in der Regel auch schlecht. Nicht nur die Kapitalisten in solchen Regionen sind pleite, auch wird zu wenig Gewinn erwirtschaftet, der an den Staat als Steuer abgeführt werden kann, um als Wirtschaftssubvention oder Sozialleistung umverteilt zu werden. Es entsteht eine Abwärtsspirale, die an vielen Orten der Welt zu beobachten ist und für allgemeine Verelendung sorgt. Dass daran natürlich die Logik des Kapitalismus selbst schuld ist, soll hier nicht weiter ausgeführt werden, denn es geht um etwas anderes: Wie sorgen Staaten dafür, dass die Kapitale, deren Interessen sie verpflichtet sind, immer in ausreichendem Maße profitabel bleiben? Das Grundprinzip für das Bestehen im Wettbewerb ist stets, dass eine größere Menge Waren zu einem geringeren Preis produziert und dann verkauft werden kann. Die Instrumente sind uns hinreichend bekannt. Die Löhne können gesenkt oder die Arbeitszeit erhöht werden. Eine weitere Möglichkeit ist die technische oder die Prozessinnovation, deren Ziel am Ende ist, bei gleichem Lohn und gleicher Arbeitszeit einen größeren Output an Waren zu erzeugen. Und an diesem Punkt kommt die Universität als staatliche Hauptinstitution der Wissenserzeugung ins Spiel.

So wie in vielen Fällen zeichnet sich der Kapitalismus auch im Fall des gesellschaftlichen Prozesses der Wissenserzeugung durch Widersprüche aus. Wurde etwas erstmal erforscht und verstanden, dann ist einer der kostspieligsten Teile der Wissensgenerierung im Innovationsprozess eigentlich überwunden. Danach ist das Wissen in der Welt und im Grunde unendlich reproduzierbar. Es gibt wenige Mittel, um diesen Prozess einzuschränken (es wird mit Patenten versucht), weshalb diejenigen, die die Forschung finanzieren, auf den Kosten sitzenbleiben, während der Rest der Welt profitiert [1].
Ein zweiter Widerspruch ist, dass selbst wenn eine wissenschaftliche Entdeckung schützbar wäre, häufig der Zeithorizont der Kapitalist*innen zu beschränkt ist, um Grundlagenforschung zu finanzieren. Da deren konkrete Anwendung oft nicht von vornherein gesichert ist, leisten sich Unternehmen meist nur eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung für sofort verwertbare Forschung. Derselbe beschränkte Verwertungshorizont der Kapitalist*innen zeigt sich im Übrigen auch in der Ausbildung ihrer zukünftigen Arbeiter*innen, einer der wichtigsten Kanäle für den Transfer von Wissen aus den Universitäten hin zu Privatfirmen.

Wohlgemerkt gibt es natürlich auch innerhalb von Firmen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Die Früchte der dort geleisteten Arbeit sind vom Unternehmen direkt verwertbare Entwicklungen. Sogenannte Grundlagenforschung, die nicht unmittelbar mit einem geschäftlichen Problem einer Firma zu tun hat und deren Erfolg (gemessen als Investition mit höheren finanziellen Rückflüssen) von vornherein weniger wahrscheinlich ist, ist dort selten vorgesehen. Trotzdem zehren diese Abteilungen letztlich von der Grundlagenforschung, die an Universitäten und Hochschulen geleistet wird. Der bürgerliche Staat als Vermittler zwischen den kurzfristigen Interessen des Kapitals und der langfristigen Sicherung der bestehenden Gesellschaftsform an sich ist also gefragt. Da, wie weiter oben beschrieben, das Kapital die Innovation als Lebensnektar benötigt, aber nicht bereit ist, sie zu finanzieren, kann die Universität genutzt werden, um die Widersprüche aufzulösen. Durch Steuergelder (zum allermeisten eingesammelt von den Kapitalisten selbst) wird Forschung finanziert und über die Veröffentlichung der Ergebnisse und die Ausbildung der Arbeiter den Unternehmen zur Verfügung gestellt, wenn sie das Wissen benötigen.

Nebenbei bemerkt hatte die Universität nicht immer diesen Zweck. Im ausklingenden Feudalismus war die Universität ein Hauptvehikel zur Loslösung vom Diktat der Kirche und zur Herausbildung des Bürgertums. Es ist daher offen, wofür diese Institution in einer besseren Gesellschaft dienen könnte (Anstöße gäbe es hier [2] [3]). Der damals erkämpften Autonomie der Wissenschaft ist es übrigens zu verdanken, dass sie verhältnismäßig spät in die Stromlinienform der Warenproduktion gepresst wurde [4]. Doch die innere Expansion des Kapitalismus machte auch vor der Universität nicht Halt und forcierte einige Entwicklungen, die die Arbeit als Akademiker*in heute so unerträglich machen können. Dauerbefristungen, die jeglicher Beschreibung spotten, sollen die Forschung für den Staat (und damit das Kapital) günstiger machen und die Wissenschaftler*innen immer fleißiger, da über jede*r Nicht-Professor*in stets das Damoklesschwert des auslaufenden Vertrages baumelt. Die allgemeine Finanzierung der Universitäten wird gekürzt, was die Forschung abhängiger von Drittmitteln macht. Für solche Drittmittel müssen am laufenden Band Anträge geschrieben werden, in denen Forscher*innen bereits vor der Bewilligung die zukünftige Verwertbarkeit ihrer Ergebnisse anpreisen müssen.
Die ständige Fortentwicklung der Outputerfassung von Wissenschaftler*innen ist maßgeblich für das Vorankommen der Karriere und erinnert an Henry Fords Fließbänder.

Schlussfolgerungen für die Praxis linker Akademiker*innen

  1.  Die Annahme, die Universität wäre ein freier Raum, in dem man erforschen kann, was einem in den Sinn kommt, ist eine Illusion. Fast alle, die sich dieser hingeben und in die Forschung gehen, um Themen zu untersuchen, die der linken Bewegung wirklich nutzen können, werden herbe enttäuscht.
    Einige wenige Chancen dafür gibt es noch bei alten, linken Professor*innen, die einer Zeit entspringen, als die Studierendenbewegung stark und die universitäre Forschung weniger warenförmig war.
    Diese Professor*innen sitzen auf ihren alten Arbeitsverträgen und können mit ihren wenigen Mitteln zwei oder drei schlecht bezahlte Doktorandenstellen im Jahr finanzieren. Ihnen sind auch die Anzahl und das Prestige der Veröffentlichung ihrer Mitarbeiter*innen egal. Allerdings handelt es sich um eine aussterbende Art.
    Betritt man heute das Parkett der Wissenschaft, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass man entweder direkt durch Drittmittel finanziert wird und verwertbare Forschung betreibt, oder von eine*r Professor*in bezahlt wird, deren Karriere noch nicht ganz vorbei ist, und der deshalb zu hochwertigen Publikationen anpeitscht.
    In den beiden letzten Fällen sind die Möglichkeiten wirklich unabhängiger, selbstbestimmter Forschung stark eingeschränkt.
  2. Die Universität ist daher kein besonders herausgehobener, erstrebenswerter Ort für Linke, zumindest nicht mehr als alle Unternehmen. Wird mit Drittmittel oder in direkter Industriekooperation geforscht, dann wurde bereits vor Forschungsbeginn die Verwertbarkeit des vorgeschossenen Kapitals geprüft und für positiv befunden.
    Auch die Forschung auf lehrstuhlfinanzierten Stellen wird vom Staat nur deshalb bezuschusst, weil der schlussendliche Zweck der Forschung nicht pures Interesse und Wissensdrang, sondern die reibungslose Kapitalvermehrung ist. Von einem Hausmeister würde niemand erwarten, dass er auf linke Art und Weise hausmeistert. Dasselbe ist nun bei Wissenschaftler*innen auch der Fall.
  3. Wie in jedem Unternehmen auch sollten sich Linke in Universitäten rege am Arbeitskampf beteiligen. Ebenso wie Befristungen, real sinkende Löhne und eine immer steigende Arbeitsintensität in Firmen nur durch gemeinsame Organisierung bekämpft werden können, ist es auch am akademischen Arbeitsplatz.
  4. Die unserer Meinung wichtigste und zentralste Aufgabe linker Akademiker*innen ist die Nutzbarmachung des an der Universität erlernten Wissens. Die Universität als Institution ist im Kapitalismus nicht zu retten und kann nicht als Garten Eden innerhalb der rauen Welt erhalten werden. Wohl aber das Wissen, das allen Akademiker*innen vermittelt wird. Das gilt für Menschen, die eine akademische Karriere anstreben, ebenso wie für die, die nach der Uni in ein Unternehmen wechseln.
    Das individuelle, spezifische Wissen, das jeder Mensch innerhalb eines Studiums erhält, wird viel zu wenig für linke Zwecke verwendet. Es ist ja nichts gegen eine gut organisierte Demonstration oder Infoveranstaltungen zu sagen, aber das ist nicht das einzige, was jede*r Linke kann.
    Für das individuelle Wissen ließen sich in kleinen oder größeren Gruppen so viele wunderbare Anwendungen finden, wenn man anfinge, nicht mehr darüber nachzudenken, wie man damit in einem Start-Up Reibach machen könnte, sondern eher, wie man es für widerständige Zwecke gebrauchen könnte. Eine Reihe von Disziplinen hat darin bereits eine gute Tradition, andere sind noch unterrepräsentiert. Soziologen in linken Gruppen nutzen ihre Ausbildung schon oft, um gute Analysen zu schreiben. Informatiker haben in jüngerer Vergangenheit insbesondere in Bezug auf Verschlüsselung und deren Verbreitung viel geleistet. Für andere Disziplinen wie Life Sciences, Natur- oder Ingenieurwissenschaften sind die unmittelbaren Anwendungen weniger offensichtlich, aber wir denken, dass sich die extrem hoch qualifizierte spezifische Bildung und das Skillset dieser Akademiker ebenfalls nutzen lässt. Es gibt nicht wenige Linke in diesen Disziplinen. Wenn diese anfangen darüber nachzudenken, können auch sie einen großen Beitrag leisten.
  5. Warum sollte das Abschöpfen von Wissen, der Fortschritt, die Algorithmen das Privileg von Staat und Kapital sein? Während diese beiden Fraktionen dauerhaft aufrüsten, setzen Linke größtenteils auf Widerstandsformen aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. Wir sind nicht die ersten, die bemerken, dass Streiks und Organisation um den Arbeitsplatz herum in einer Zeit der Individualisierung der Arbeit immer schwieriger werden. Das ist kein Wunder, ist doch die Massenaktion als solche ein probates Mittel in Zeiten der Massenarbeit in Fabriken gewesen. Während Staat und Kapital schon seit Jahrzehnten an neuen Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen arbeiten und sie umsetzen, ist die linke Bewegung in den Methoden erstarrt, die sich auf Produktionsbedingungen beziehen, welche wortwörtlich 100 Jahre alt sind.
  6. Schlussendlich: Die Nutzbarmachung des eigenen Wissens sollte das Hauptaugenmerk linker Akademiker sein. Entweder dadurch, dass man es anderen gut erklärt oder durch die Anwendung in hoch spezialisierten Kleingruppen. Diese Beschäftigung findet üblicherweise und zu großen Teilen außerhalb der bezahlten Arbeitszeit statt und ist unabhängig vom „Arbeitgeber“. Sie erfordert deshalb auch keine falsche Identifikation mit ihm, womit hier auch wieder der Bogen zum ersten Debattenbeitrag [Link hier] gespannt wäre. Lasst uns unseren Handlungsspielraum erweitern und widerständige Aktionen auf die Höhe der Produktionsbedingungen bringen. Fangen wir an wie Hacker, nicht wie Ingenieure zu denken!

# Von Alessandra Fusacchia und Miloš Matić, mit Grüßen aus dem Inneren des akademischen Apparates

# Titelbild: TU-Pressestelle/Dahl

Lesetipps:

[1] Karls Marx, MEW 25, S.113 f. (http://www.mlwerke.de/me/me25/me25_087.htm)

[2] Theodor W. Adorno: Surleau.
In: Minima Moralia. S.177-179.
(http://surleau.blogsport.de/sur-leau/)

[3] Ernst Lohoff: Technik als Fetisch-Begriff. Über den Zusammenhang von alter Arbeiterbewegung und neuer Produktivkraftkritik. In: Marxistische Kritik 3 (1987). (http://www.krisis.org/1987/technik-als-fetisch-begriff/)

[4] Ein ähnliches Privileg hatte die Kunst. Auch dazu haben sich Adorno und Horkheimer geäußert: Theodor W. Adorno, Max Horkheimer: Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug. In: Dialektik der Aufklärung. S.128-176.
(http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/kulturindustrie.pdf)

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