Der Kampf geht weiter, Zeki Heval

Am 15. August ermordete die türkische Luftwaffe im Irak einen langjährigen Kämpfer der kurdischen Befreiungsbewegung. Schon sein Begräbnis zeigt: Man kann einen Revolutionär töten, aber nicht die Revolution.

In Gedenken an Şehid Zekî Şengalî

Als wir am 18. August 2018 in unsere Autos steigen, steht die Sonne am Himmel Rojavas noch niedrig. Die Straßen der nordostsyrischen Kleinstadt Derik sind belebt. Hunderte Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um dem am 15. August 2018 von der Türkei Zekî Şengalî auf seinem Weg in die Şengal-Berge zu begleiten.

Unser erster Anlaufpunkt ist das Volkskrankenhaus in Derik. Bei unserer Ankunft warten bereits viele Menschen in der Krankenhauseinfahrt, um den Sarg zu begleiten. An den bunten Kleidern und Westen sehen wir hundertfach das Gesicht des Genossen Zekî. Mit der Parole „ Şehid namirin“ wird der Sarg aus dem Krankenhaus in einen Transporter verladen.

Die Stimmung ist für uns, die aus Europa und anderen Teilen der Welt kommen ungewohnt. In die Trauer der Menschen mischt sich Wut und Hoffnung. Es ist schwer, dieses Gefühl mit Worten zu beschreiben. Aber es verdeutlicht, dass die Aussage „Şehid namerin“ – Märtyrer sterben nie – mehr als eine Phrase ist. Mit dem Konvoi brechen wir auf in Richtung Şengal-Berge.

Auf der vierstündigen Fahrt wächst der Konvoi auf insgesamt über 250 Autos an. 250 Autos, das sind bei durchschnittlich 10 Personen pro Minibus mindestens 2.500 Menschen. Es ist beeindruckend, wie viele Menschen sich aus der Demokratischen Föderation Nordsyrien auf den Weg gemacht haben um Zeki Şengalî auf seinem Weg zu begleiten. Menschen jeder Altersklasse, jeden Geschlechts, die Jugend, die Zivilstrukturen und auch die verschiedenen Verteidigungsstrukturen. Sie alle wollen Şehid Zekî das letzte Geleit geben.

Şehid Zekî wurde am Mittwoch den 15. August 2018, am Jahrestag der Aufnahme des bewaffneten Kampfes der PKK im Jahr 1984, bei einem gezielten Anschlag des türkischen Staates tödlich verletzt.

Die Bombe traf das Auto von Zekî, als er auf der Rückfahrt von einer Gedenkveranstaltung an den Genozid im Dorf Koço war, welches auf den Tag genau vier Jahre zuvor fast vollständig von DAESH ausgelöscht wurde. Auch ist es wohl kein Zufall, dass dieser Anschlag auf ihn am Jahrestag der ersten bewaffneten Aktion der PKK, welche als Anfangspunkt des bewaffneten Kampfes gilt, stattfand.

35 Jahre im Kampf

Zekî Şengalî, wurde 1952 in Batman geboren. 1969 zog er auf Einladung seines Bruders nach Deutschland. 1978 lernte Şehid Zekî die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) näher kennen und arbeitete währenddessen in einer Fabrik. Er war Gründungsmitglied der Komeleya Kerkerên Welatparezên Kurdistanê (Patriotische Arbeiterassoziation Kurdistan) in Celle im Jahr 1981.

Nach einem Treffen mit Abdullah Öcalan 1985 entschied er sich, der Partei beizutreten. 1989 schloss sich auch sein Sohn Sipan der Bewegung an. Sipan fiel 1992 in Mardin. Zekî Şengalî war Mitglied der jesidischen Koordination des Şengals und Mitglied des Exekutivrates der Union der Gemeinschaften Kurdistans, KCK. Nach der Vertreibung des Islamischen Staates aus dem Şengalgebirge widmete er sich intensiv dem Aufbau und der Unterstützung der jesidischen Selbstverwaltung im Şengal.

Die Fahrt führt uns durch diverse Checkpoints der verschiedenen lokalen Selbstverwaltungen. In den Städten stehen die Menschen an den Straßen und grüßen den Konvoi. Die Anteilnahme ist überall riesig. Wir erreichen die Wüste, welche uns an die irakisch-syrische Grenze führt. Am ersten Kontrollpunkt erfahren wir, dass die irakische Armee, trotz vorheriger Absprache, nicht in den Şengal passieren lassen wird.

Unter den Trauernden, vor allem bei den Jugendlichen, breitet sich Unmut aus. Warum auch immer, lassen sich die Grenzposten darauf ein, dass die anwesenden Frauen die Grenze passieren dürfen. Diese passieren den ersten Grenzposten und gehen direkt auf den zweiten zu, um den Druck auf die Soldaten zu erhöhen. Kurz nach den Frauen folgen die Männer und der 2. Grenzposten wird von der Maße durchbrochen.

Wir waren nun mit zirka 500 Menschen über die Grenze gekommen, aber wie sich herausstellte war mit den Kommandanten der Iraker nicht zu verhandeln. Die Autos und die Leiche von Heval Zekî durften nicht passieren. Es kam zu immer wütenderen Reaktionen der Bevölkerung Rojavas über das Verhalten der irakischen Armee. Eine Gruppe Mütter von Märtyrern ergriff die Initiative, und blockierte die Straße.

Die Fahrzeuge der Armee konnten also nicht mehr passieren. Nach zwei Stunden wurden die Soldaten der irakischen Armee langsam nervös, weil die Frauen noch immer ihre Fahrzeuge blockierten. Sie fingen an, ihre Gewehrläufen auf die anwesende Menschenmenge zu richten. Die Blockierenden reagierten, indem sie die Gewehre erbost zu Boden drückten. Dies alles geschah in dem Bewusstsein, dass wir alle hier nicht als vereinzelte Menschen standen, sondern als ein Teil der kurdischen Freiheitsbewegung. Als Teil einer organisierten Kraft, die Einfluss nehmen kann und auf die man sich als Quelle von Mut und Widerstand beziehen kann.

Nach drei Stunden Grenzblockade und nach der Ankunft der Familie des Gefallenen, wurde Şehid Zekî über die Grenze getragen und von den Freunden und Freundinnen aus dem Şengal-Gebirge empfangen.

Şehid Zekî Şengalî wurde auf die Serdeşt, die Hochebene des Şengal-Gebirges überführt und auf dem Gefallenenfriedhof „Şehid Dilgeş und Şehîd Berxwedan“ beigesetzt. Auf einer improvisierten Kundgebung erzählten seine Gefährten die Geschichte, die Eigenschaften und die Verdienste ihres gefallenen Genossen.

Das Versprechen, das sie abgaben, die Wünsche, Träume und den Kampf der Gefallenen weiterleben zu lassen, in unsere Kämpfe und Auseinandersetzungen zu integrieren blieb uns als eine Aufforderung an alle Revolutionäre und Revolutionärinnen weltweit.

# Von Bernd Machielski

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