Der Fremdkörper

Die Debatte um #MeTwo, bei der, angeregt durch die Debatte unter dem Hashtag Metoo, alle Arten und Formen von Rassismus diskutiert werden, hat mich zum Nachdenken gebracht. Natürlich könnte ich Tweets schreiben, die davon handeln, welche Formen von Alltagsrassismus ich in Deutschland erlebt habe, seitdem ich hier bin. Aber dann müsste ich erst einmal darüber nachdenken, warum ich überhaupt hier bin.

Hier führe ich ein Leben ohne meine Familie, losgerissen von meinen Wurzeln, fern von meiner Heimat. Meine Freunde kennen meine zynischen Witze darüber, wie viel Hass, wieviel Zuschreibungen von orientalischen Klischees, wie viel rassistischen Sexismus, oder soll man es sexistischen Rassismus nennen, ich in Deutschland erlebt habe.

Trotz aller Schwierigkeiten habe ich versucht, ein Teil der deutschen Gesellschaft zu werden. Ich gehöre sicher nicht zu denjenigen, die aus guten oder aus schlechten Gründen sich von dieser Gesellschaft abkapseln. Wegen der politischen Entwicklungen im Iran und meiner Rolle als Publizistin und Künstlerin dort, ist mir jede Möglichkeit verbaut zurückzugehen.

Wenn sich die politische Lage nicht dramatisch ändert, würde eine Rückkehr für mich die Auslieferung an den iranischen Staat bedeuten. Mit anderen Worten: Ich lebe in Deutschland im Exil.

Ich habe inzwischen ein anderes Gefühl zu mir und zu meiner Vergangenheit entwickelt. Ich fühle mich beiden Gesellschaften zugehörig, habe aber auch zu beiden Gesellschaften und Ländern ein gestörtes Verhältnis. Ich kenne beide die Lyrik und Bücher, die Kunst und die Politik beider Länder, ich fühle mich aber auch sehr oft von beiden ausgeschlossen. Ich habe das Gefühl, in beiden Ländern, ein Fremdkörper zu sein.

Eigentlich bin ich Lyrikerin und Tänzerin. Als Iranerin hatte ich nicht den Luxus einfach eine Knstlerin zu sein. Wenn man bedenkt, dass das Tanzen an sich ein Protest gegen die politischen Verhältnissen im Iran ist. Je älter ich wurde, desto mehr rutschte ich in die Rolle, politische Analysen zu schreiben, weil man das von mir erwartet hat. Ich musste sehr oft die Künstlerin in mir umbringen, damit politische Räume überhaupt aushalte.

So viel Steifheit, Unsensibilität, Sektierertum und Dogmatik, die ich in politischen progressiven Räumen erlebte und immer noch erlebe. Die Inhalte, die uns prägen, präen auch die Form des Ausdruckes. „Nazis raus!“ oder „Haut ab!“, das sind nicht die Worte, die ich unbedingt benutzen würde, um meinen Hass oder meine Wut gegenüber dem Rechtsruck in Deutschland zu formulieren, denn mich bewegt mehr, was dieses Phänomen angeht.

Ich möchte zurückfinden zu der Künstlerin, die ich bin und so über meine Situation als Exilantin schreiben.

Der Fremdkörper tut weh.

Wie verwandelt man sich zu einem Fremdkörper? Wieso tut das weh? Es fängt mit den Beziehungen an. Die Beziehung zu der eigenen Sprache, Zu dem eigenen Körper. Die Sprache formt sich tatsächlich auch körperlich. Die Zunge, der Mund, das Diaphragma oder gefühlt der Bauch sind die Organe, die das Sprechen also die Sprache körperlich begleiten. Das wird noch sichtbarer, wenn man nicht sprechen und hören kann also wenn man taub ist!

Professor Gerald Hüther, ein recht progressiver Neurologe in Deutschland, sagt: Wenn die Beziehung zum eigenen Körper nicht stimmt, haben wir Schmerzen. Wenn die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht stimmen, fühlen wir Schmerz. Das heißt: sich aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu fühlen, führt dazu, dass das Gehirn die selben Antworten darauf gibt, die es auch gibt, wenn die Beziehung zu dem eigenen Körper gestört wird.“1

Das Exil bringt dich in eine ungeheure Situation. Die Beziehung zur eigenen Vergangenheit wird unstimmig. Die Beziehungen zu der Zukunft, die man sich in der neuen aber auch immer noch in der alten Heimat vorstellt, werden auch unstimmig. Was ist ein Mensch mit einem gestörten Verhältnis zu seiner Vergangenheit und Zukunft? Was bedeutet Heute und Jetzt ohne einem halbwegs gesunden Verhältnis zu den beiden? Wo befindet sich so ein Körper?

Schwierige Beziehungen zu den Räumlichkeiten, in denen der Körper sich befindet oder in denen er sich mal befunden hat. Kurz gesagt: überall. Die Beziehung zu den jeweiligen Gemeinschaften also wird dadurch gestört und damit auch die Beziehung zum eigenen Körper.
Körper des Fliehenden! Körper der Fremde! Der Fremdkörper!

Es wird noch dramatischer und schlimmerm wenn die Familie in der zurückgelassenen Heimat geblieben ist, du aber alleine geflohen bist. „Wer bin ich? Für wen existiere ich? Warum existiere ich? Wo befinde ich mich? Und warum zum Teufel ich?“ – das Alles fragt man sich unaufhörlich.

Dann erlebt dieser Körper auch noch so viel Hass in Form des „Wutbürgers“. Was für die Betroffene nichts anderes heißt als, wie Professor Hther gesagt hat, als sich aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu fühlen! Die Schmerzen, die man fühlt, die fühlen sich also an wie körperliche!

Wisst ihr, warum wir Exilanten trotz all dem noch lachen? Nur um zu überleben.
Wer hält denn so viel Schmerzen ohne Sinn für Humor aus?

Der iranischer Dichter, Abdolreza Majdari, schildert dieses Gefühl – in Deutschland ein Fremder zu sein – in einem Gedicht sehr gut:

In meiner Muttersprache

bedeutet Fremder unbekannt, allein

und er hat Sehnsucht

aber seine Sehnsucht ist nicht unbekannt

nicht allein mit seiner Sehnsucht

 

In der deutschen Sprache

ist der Fremde Barbar

man muss erst mal

Angst vor ihm haben

vor dem dunkelhaarigen

Fremden“2

Auch die Beziehung zu der eigenen Sprache wird im Exil gesört, also zu der eigenen Zunge!

Auf Farsi heßt die Sprache Щaban (die Zunge)und die Zunge heißt auch ЩabanAlso meine Beziehung zu meiner Muttersprache ist eine körperliche auf die Zunge bezogene Beziehung! Und meine Zunge tut weh!

Auf meiner Muttersprache werde ich die Nazis natürlich anders beschimpfen. Ich werde sie gerne auf Farsi beschimpfen. Immer wenn ich sie auf Deutsch beschimpfe, habe ich das Gefühl, dass sie mich und mein Deutsch in ihrem Kopf korrigieren. Aber auch der durchschnittlich Deutsche, der gute CDU- oder SPD-Wähler, ach ich hasse es, dass deutsch so eine maskuline Sprache ist, dass man die Sprache gendern muss!

Auf Farsi heßt Lehrer einfach Lehrer. Ein Lehrer kann weiblich oder männlich sein. Ich hasse es, so viele Jahre so hart auf Farsi als Feministin gearbeitet zu haben und dann auf Deutsch von weißen sexistischen Männern fertig gemacht zu werden, die ihre sexistischen Texte und Sprache gendern und dich korrigieren!

Auf meiner Sprache könnte ich zum Beispiel über den Tod meines Vaters besser trauern! Aber nein, es gab keinen Trauerfeier hier auf Farsi, Mein Vater ist vor ein paar Monaten gestorben, ich habe diesen Verlust immer noch nicht realisiert. Wie auch, wenn ich noch nicht mal auf dem Grab meines Vaters stehen konnte?! Вaba! Baba! Meine Zunge tut weh!

In meiner Muttersprache könnte ich viel besser meine Wut über die Wutbürger dieses Landes formulieren und die frustrierenden Menschen um mich herum verfluchen, die nie erlebt haben was es bedeutet, eine Heimat und die damit verbundene Vergangenheit und Zukunft verloren zu haben, aber dich mit ihrer Weisheit über die Geflchteten – und Zuwanderungspolitik bis zum Ausrasten bringen kömnen! Es würde sich viel authentischer und echter anhören!

Sogar die Beziehung zu den eigenen Gedanken ist im Exil beeinträchtigt! Denke ich jetzt auf Deutsch oder auf Farsi? Wie viel von beiden ist in jedem Satz von mir drin? Und gibt es überhaupt Menschen um mich herum, die es genauso akzeptieren, wie es ist? Ich träume, rede, denke, schreibe zweisprachig. Beides katastrophal, beides schön. Mein einziges Problem ist die Reaktion darauf. In einer Sprache bin die Geflüchtete in einer anderen bin ich die europäisch Gewordene, früher mal Iranerin! Meine Zunge tut weh! Ich denke aber nicht in Akzent-Deutsch, auch wenn ich mit Akzent rede!

Wer bin ich? Für wen existiere ich? Warum existiere ich? Wo befinde ich mich? Und warum zum Teufel ich?“

Meine Beziehung zu meiner Heimat tut weh! Meine Beziehung zu meinem Körper auch. Fremdkörper ist natürlich aißerordentlich gestört. Meine Beziehung zu Deutschland aber auch zu dem Iran tut weh!

Deutschland du bist ein weißer Mann gegenüber meinem Ich, der nicht weißen Frau! Herablassend, kalt, arrogant, subtil sexistisch und missbrauchend! Iran, du bist ein Mann, der mich nicht mehr akzeptiert, nur weil ich keine gute Hausfrau für dich war!

Ich bin ein Fremdkörper in beiden Ländern (Männer). Was mich aber zum Überleben motiviert, ist, dass ich sie beide liebe und mich über sie beide aufrege, auch wenn das in den patriarchalischen und nationalistischen Gedanken nicht als Möglichkeit vorgesehen ist!

Professor Hüther antwortet darauf: Wenn man anders denken kann, muss man auch anders fühlen können. Dann kann man auch anders sein.

# Mina Khani

1: https://www.youtube.com/watch?v=gl2OkyUvzPw

2.Зier ist IranEine Antalogie von persische Lyrik im deutschsprachigen Raum herausgegeben von Gerrit Wustmann

Ein Gedanke zu „Der Fremdkörper“

  1. Liebe Mina,
    deine Probleme treten natürlich aufgrund deiner spezifischen Situation als Frau und im Exil in ganz besonders extremer Form auf, im Grunde ist aber jeder, der sich in diesem Land [in dieser Welt] seine Menschlichkeit bewahren konnte in der gleichen Lage.
    Es ist nicht möglich sich als Mensch in eine unmenschliche Gesellschaft zu integrieren.
    Insofern kannst du auch nicht Teil der deutschen Gesellschaft werden; – auch nicht nach hundert Jahren.
    Wenn die deutsche Sprache von Barbaren gesprochen wird, dann ist der Fremde in dieser Sprache auch ein Barbar. Die deutsche Sprache ist aber auch die Sprache von Karl Marx, von Rosa Luxemburg und von Ernst Thälmann.
    Die Angst ist die einzige Triebfeder in dieser westlichen ″Kultur″ der Sklaverei, der Zerstörung und des Krieges, die von den Frauen Rojavas als Kultur der Vergewaltigung charakterisiert wird. Die Vergewaltigung durchzieht aber auch das Leben der Männer jeden Tag und auch Männer erleben die dazugehörigen Gewalterfahrungen. Die skurril deformierten Kreaturen, die sich jeden Tag selber für den Sklaven-Markt optimieren und der ″Kultur″ der Sklaverei huldigen, die kriegen kaum noch Luft vor Angst; – bis in die höchsten Zentralen der Macht hinauf sind sie von Angst zerfressen.
    Die universitäre Verbildung macht aus solchen Kapital-Verwertungs-Maschinen keine wertvollen Menschen. Laß dich nicht von akademischen Titeln, großspurigem Gequatsche und den perfekt verfeinerten, unmerkbar subtilen Unterdrückungs-Formen der Alpha-Ratten blenden. Die wirklich Großen werden dich niemals runter-machen.
    Du kannst nur Teil derjenigen werden, die in dieser Gesellschaft noch Mensch geblieben sind; ‒ und das ist nur eine hauchdünne Minorität.
    Leute die sich in der selbstgefühlt-progressiven Bewegung profilieren, die müssen keineswegs solidarisch sein. Nach über vierzig Jahren revolutionärer Phrasen-Drescherei wirst du bei so manchem aus dieser Klientel nur noch feststellen, daß du abgewrackte Kleinbürger vor dir hast; ‒ die im Augenblick der Entscheidung ganz elendig versagen.
    Nur solidarische Menschen sind wertvolle Menschen und solche Menschen wirst du intuitiv erkennen, dafür braucht es keine jahrzehntelangen Grundsatz-Diskussionen.
    Solche Menschen mußt du gezielt suchen; ‒ nur bei Ihnen kannst du zu Hause sein, nur bei Ihnen wirst du eine Heimat finden.
    Der Körper des Fliehenden ist ein Mensch der vor dem Wahnsinn dieser Welt flieht; ‒ um nicht verrückt zu werden, in bis zum Äußersten verrückten und totkranken Welt.
    Das heute laufende Endzeitspiel [es ist ein Spiel im Finanzsystem] läßt sich nur theoretisch bis ins Unendliche ausreizen. Praktisch gibt es eine Grenze; ‒ und die Welt, so wie wir sie heute kennen, die fliegt am Endpunkt dieser Todes-Spirale im Laufe eines einzigen Tages weg. Die Wand der Zerstörung die angerollt kommt, die sprengt jede Vorstellungskraft der Menschen, es ist die Apokalypse; ‒ und das sage ich bestimmt nicht als Bibelforscher. Diese Erkenntnis ziehe ich aus der Politischen Ökonomie; ‒ aus einer objektiven Wissenschaft.
    Wir stehen am Anfang eines globalen totalen Krieges; ‒ eines Krieges wie ihn die Menschheit auch im Zwanzigsten Jahrhundert nicht gesehen hat. Dieser Krieg hat die nicht mehr beherrschbare Finanz-Krise als objektive Basis und entwickelt sich jetzt mit unbarmherziger Konsequenz. Das Feuer ist seit 2008 außer Kontrolle. 5.000 Jahre werden jetzt abgerechnet; ‒ das Geldsystem selber.
    Nur Menschen, die sich zusammengeschlossen haben und auf Leben und Tod aufeinander verlassen können, nur sie haben eine Überlebenschance; ‒ und diese Menschen mußt du mit aller Kraft suchen, und mit ihnen eine unerschütterliche Einheit formen.
    Noch ein Wort zum Sexismus. Sexistische Männer sind gar keine Männer sondern nur eine leere Hülle, die von der Großmeister-Loge des Terrorismus für jede Gewalttat instrumentalisiert werden kann.
    Der Sexismus ist nicht nur ein Instrument zur Demütigung und Unterdrückung der Frau, ‒ der Sexismus ist auch ein Herrschaftsinstrument über den Mann. Er ist ein Element der Kultur der Sklaverei.
    Die abgrundtief verfaulten Kreaturen, die den Perversionen des Sexismus huldigen, die haben ihre eigene Vitalkraft zerstört und sich in eine ganz perfide Falle locken lassen.
    In jedem starken und freien Mann ist auch ein sehr starkes weibliches Element lebendig und dieses Element, das den freien Menschen auszeichnet, das brauchst du bei diesem perversen Abschaum auch nicht im Ansatz zu suchen.
    Die Beziehung zum eigenen Körper ist in einer Lebenssituation, in der du ständig angegriffen wirst, natürlich gefährdet. Hierfür gibt es Techniken; ‒ insbesondere aus dem Buddhismus, die bei stark feindlicher Umwelt sehr hilfreich sind. Körper und Geist bilden dabei selbstverständlich eine Einheit.
    Als Allerletztes noch ein Wort zu dir als Künstlerin und den tiefsten Fragen der menschlichen Existenz.
    In einer Gesellschaft die auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen ist die Moral der Menschen zu brechen; ‒ in einer Gesellschaft in der die Zerstörung der Moral, die Zerstörung der Solidarität und jeder Form des eigenverantwortlichen Handelns das alles entscheidende Element der Herrschaft bilden, da besteht natürlich die Gefahr der spirituellen [mentalen] und künstlerischen Verelendung.
    Ich will als Marxist nicht pathetisch werden, hier trotzdem ein Zitat aus der Bibel:
    »Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.«
    Ich ergänze dies noch um den Nachsatz: Freiheit ist Wahrheit die in die Tat umgesetzt wird; ‒ dies gilt auch in den Künsten und für die tiefsten Fragen der menschlichen Existenz.
    Karl

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