Selfiesticks zu Knüppelfahnen

Wie weg von der Szene-Kiez-Folklore? Eine erste Auswertung der »Revolutionären 1. Mai Demonstration« in Berlin

Es knirscht unter den Schuhen. Die Glassplitter, die sich in die Sohlen New Balance der Frontreihen des Demo-Blocks bohren, sind aber nicht die Überreste der gegen die tausende Riot-Cops zählende Bullenstreitmacht geschlagene Schlacht, sondern einfach irgendwelchen Feierwütigen im Lattensuff achtlos aus der Hand gerutscht. Um den vermummten und mit transparenten eingehüllten Black Block scharen sich dutzende Fotografen, begleitet von Touristen, die mit der Handy-Cam auch noch die ein oder andere Instagram-Story abgreifen wollen. »Amazing«, ruft ein Ami-Hipster im Mumford&Sons-Look seinem schon hart im Pillen-Fieber delirierenden Kumpel zu. Elektro-Mucke tötet den Versuch der ersten Reihen, das jüdische Partisanenlied »Sage nie« anzustimmen. Man fühlt sich wie im Zoo. Oder eher noch: Wie auf einer vom »Myfest« geplanten Showeinlage, die den in den Szenekiez Angereisten das versprochene »widerständige« Programm bieten soll. Irgendwo am Rand des Schauspiels, auf einer Holzplatte, hat Sozi36 hingeschrieben: »Schmeißt Steine, nicht Pillen« und: »Wenn ihr dazu tanzen könnt, ist das nicht meine Revolution.« Vor den Graffiti knien, den Selfi-Stick in Position gebracht, diejenigen, die sich dann doch für die Teile entschieden haben.

Auf das Ritual folgt das zweite Ritual. Wie jedes Jahr belustigen sich Springer-Presse und Opa-erzählt-vom-Krieg-Autonome am »Scheitern« der Demonstrant*innen, auf Twitter tobt der Krieg zwischen Jugendwiderstand und Israel-Fans und die Hauptstadtmedien recyclen die immer gleichen Kommentare ihrer durch und durch verblödeten Kolumnisten. Jutta Ditfurth ist hart empört über dieses und jenes und irgendwelche Leute, die ihre Lebenszeit an Schreibtischen in öden Büroräumen verschleudern, beklagen bitterlich das Ausbleiben von Krawall und Remidemmi. Tausendmal gesehen, tausendmal gehört, tausendmal gelesen, mäh.

Dabei wäre eine Kritik der Demonstration bitter nötig. Die Demo sagt nämlich viel: Über Strategien zur Aufstandsbekämpfung und über den Zustand der Linken in Berlin.

The show must go on

Entgegen der punktgenau von Tagesspiegel-, BZ– und SPD-Langweilern vorgetragenen Häme, »die Autonomen« (wer is’n das eigentlich?) seien im Niedergang, weil keine Steine mehr am 1. Mai fliegen, liegt das eigentliche Problem wo ganz anders: Es ist nahezu unmöglich, der Kreuzberger Demonstration einen tatsächlich politischen, revolutionären Charakter zu geben. Das liegt allerdings – ebenfalls entgegen der Einschätzung diverser Lumpentwitterer und -«journalisten« – nicht an den sie organisierenden Gruppen. Die arbeiten ja nicht nur am 1. Mai zu Arbeits- und Mietkämpfen, unterstützen internationale Kämpfe und wenden sich gegen Rassismus wie Sexismus.

Dass es so schwer fällt, etwas Sinnvolles aus dieser Demo zu machen, liegt an ihrer Umgebung: Zehn- wenn nicht hunderttausende teils Zugereiste, teils Anwohner*innen im Feiertaumel; ein Bratwurst-, Bier- und Drogenspektakel in dem der politisch gedachte Aufmarsch nahezu automatisch zu einer Showeinlage verkommt, deren Inhalt nur noch als total witzige Draufgabe im subkulturell hippen Start-up-Kiez wahrgenommen wird.

Eigentlich waren die vergangenen Jahre eine Sisyphos-Arbeit der Organisator*innen, den Stein politischer Agitation jedes Mal erneut über die Leichenberge innerlich toter Partygänger*innen nach Kreuzberg zu rollen: Einmal sollte es eine Hausbesetzung aus der Demonstration geben; dann meinte man, die Verweigerung einer polizeilichen Anmeldung könnte dem zivilen Ungehorsam Auftrieb geben; und dieses Jahr plante man das PKK-Verbot zu unterlaufen.

An Inhalten der Demo mangelte es nicht. Im Rahmen der Maisteine-Kampagne wurde an aktuelle stadtpolitische Themen angeknüpft, die Afrin-Solidarität hat kurdische und deutsche Linke näher zusammengeführt. Man kann die Inhalte auch auf den Transparenten am 1. Mai lesen und sie sind gut und richtig (weniger übrigens spiegelt sich das in den Parolen wieder, die stumpf und veraltet sind, keineswegs an das anknüpfen, was eigentlich die demonstrierenden Gruppen umtreibt). Aber man kann mit diesen Inhalten nichts erreichen an einem Ort, wo dir ein Vermummter mit Bierflasche in der Hand das Smartphone ins Gesicht hält, während er »Alerta, alerta« ruft. An so einem Ort wird alles zum stumpfen Rahmenprogramm einer stumpfen Veranstaltung. Es ist derselbe Mechanismus, der Che-Guevara-Shirts und Karl-Marx-Kaffeetassen hervorgebracht hat.

Hedonismus als Befriedung

Dass das funktioniert, ist ein Sieg der »Politik«. Denn die wussten genau, dass sich der Charakter der Demo durch dieses Fest zerstören lässt, und man muss ihnen lassen, es ist ihnen gelungen. Es gelingt ihnen vor allem aus zwei Gründen: Einmal, weil sie es geschafft haben, dass ein Teil der Kiez-Bevölkerung, darunter gut vernetzte Interessengruppen, eben eine – für ihre Verhältnisse – Menge Kohle mit dem Ballermann-Reenactment machen können. Die Kiezjugend steht für 8,50-Bruttomindestlohn in Secu-Uniform an den Zugängen zum Görli und winkt die Touristen, die man selber eigentlich gar nicht will, durch. Und Hip-Hop- wie Punk-Community jubeln ganz unironisch ihren Helden zu, die von »Myfest«-Bühnen irgendwas über Ghetto, Widerstand und Ganglife trällern. Dass das so ist, ist wiederum nicht die »Schuld« derer, die so agieren. Sie sind ja nicht irgendwie politisch und wir konnten sie offenbar nicht politisieren. Also machen sie eben für Geld, was man eben im Kapitalismus für Geld macht: sich verkaufen. Normale Angelegenheit.

Der zweite Grund aber ist: Jene Linken, die hier ebenfalls massenhaft vertreten sind, kommen als willenlose Konsument*innen zu Fest und Demo. Du triffst deine früheren Genoss*innen im schönsten Nachmittagsrausch, wie sie den Verfall Kreuzbergs beklagen, während sie warmes Pils aus Plastikbechern in sich reinschütten. Die linken Nachbar*innen, noch gestern voller Wut über Touristen verticken Alk vor der Haustür. Und diejenigen, die sich kaum 24 Stunden später in social-media-rage schreiben werden, weil’s wieder nicht geknallt hat, sind noch ganz happy, weil das MDMA vom about blank am Vorabend immer noch so schön ballert. Viele andere haben es gleich von vornherein aufgegeben, fahren nach Paris oder Chemnitz.

Der Hedonismus, der hier zelebriert wird, ist kein Ausdruck des Aufbäumens gegen einen kapitalistischen Alltag, der einem jede Freude nimmt. Er ist die optimale Ergänzung zu diesem Alltag, die Flucht, das Sich-Auslassen. Und er ist das nicht nur am 1. Mai, sondern das ganze Jahr über. Was am 1. Mai in Kreuzberg zum Ausdruck kommt, ist nur die sichtbare Verdichtung der ansonsten auf hunderte Clubs und Soli-Parties aufgeteilten gelingenden liberal-kapitalistischen Befriedungsstrategie. Das ist nichts, worüber man sich empören muss. Es ist schlichtweg der Status Quo eines großen Teils der Hauptstadtlinken.

Was tun?

Die Probleme, die sich am »Revolutionären 1. Mai« so gut, weil massenhaft zeigen, sind welche, die im Alltag zu lösen sind: Ein höherer Organisierungsgrad muss hergestellt werden, eine Gegenkultur, die Drogen und Suff nicht mit Freude und sozialen Kontakten verwechselt, eine Politisierung der Szene, die über »Ich mag keine Bullen« hinausgeht – und vieles mehr. Genau da sind in den letzten Jahren Fortschritte erzielt worden – und genau da muss man weiter machen.

Will man in Kreuzberg am 1. Mai demonstrieren, muss das »Myfest« weg. Menschen im Kiez, von Anwohner*innen bis Kleingewerbe, die sich nach einem Ende der Ballermannerei sehnen, gibt es genügend. Bis dahin sollte man ausweichen – warum nicht nach Grunewald? Die Bezirks-, Senatspolitiker und Bulleneinsatzleiter könnten die profitable Heimsuchung Kreuzbergs nicht mehr mit Verweis auf die Demo rechtfertigen. Und man könnte mit denjenigen gemeinsam auf die Straße gehen, die nicht nur wegen Suff, Sonne und Selfie dabei sein wollen.

# Von Ronny Rauch

10 Gedanken zu „Selfiesticks zu Knüppelfahnen“

  1. Nach einer langen Publikumsbeschimpfung kam zum Schluß nur dieser weiterführende Absatz:

    „Was tun?
    Die Probleme, die sich am »Revolutionären 1. Mai« so gut, weil massenhaft zeigen, sind welche, die im Alltag zu lösen sind: Ein höherer Organisierungsgrad muss hergestellt werden, eine Gegenkultur, die Drogen und Suff nicht mit Freude und sozialen Kontakten verwechselt, eine Politisierung der Szene, die über »Ich mag keine Bullen« hinausgeht – und vieles mehr. Genau da sind in den letzten Jahren Fortschritte erzielt worden – und genau da muss man weiter machen.
    Will man in Kreuzberg am 1. Mai demonstrieren, muss das »Myfest« weg. Menschen im Kiez, von Anwohner*innen bis Kleingewerbe, die sich nach einem Ende der Ballermannerei sehnen, gibt es genügend. Bis dahin sollte man ausweichen – warum nicht nach Grunewald?“

    Ja, es wird schon stimmen, wenn sie schreiben:

    „Ein höherer Organisierungsgrad muss hergestellt werden“.

    Fragt sich natürlich gleich, wer sich da wozu organisieren soll. Und sicherlich ist der Grunewald da keinerlei Hilfe!
    Und mit wie wenig sind ihr schon zufrieden, wenn ihr nur anmahnt, „eine Politisierung der Szene, die über »Ich mag keine Bullen« hinausgeht“ müsse her.
    Ich bin deshalb geneigt, der Einschätzung, daß „vieles mehr“ nötig sei, aus ganzem Herzen zuzustimmen. Womit natürlich auch wieder überhaupt kein vernünftiger weitergehender Gedanke geäußert wurde.

    1. Nun ja, ist ja nicht der einzige Text auf unserem Blog, oder? In den paar hundert anderen kannst du dann auch weiterlesen, wie wir uns „vieles mehr“ vorstellen. Eine Polemik ist auch keine Analyse, sondern soll pointiert sein, damit Leute sich angesprochen fühlen.

  2. Sehr schöner Text „– warum nicht nach Grunewald?“ Aber ja doch! Dieser Vorschlag leuchtet sogar hier ein – in der Provinz …

  3. Bis zum Ende des Textes hab ich genau daran gedacht, was dann im letzten Absatz gesagt wurde.
    Warum Demo anmelden? Wenn die Bullen mit uns kooperieren wollen, sollen sie sich halt anstrengen. Als Einstieg schlage ich die Verhaftung aller Politiker vor, die den Kraus-Mafia-Wegmann Panzer-Deal für Saudi Barbaria zugestimmt haben, wegen TERRORUNTERSTÜTZUNG. Die wollen uns doch immer „vor Terror schützen“? Bitte, das könnte der Anfang einer wunderbaren Kooperation sein.
    Wie? das geht nicht? Wir sollen mit denen kooperieren? Na für lau gibts aber nix. DIE wollen halt nicht kooperieren, wir haben es ja angeboten.
    Leute positionieren sich verteilt über die Stadt vorher schon strategisch an S/U-Bahnhöfen, Bus-Linien, mit dem eigenen fahrzeug, und der diesjährige Demo-Standort wird per Tel-Kette/socialmedia bekannt gegeben, oder auch nochmal etwas abgeändert.
    Keine Vorausplanung mehr, wo man die Wannen bereitstellt, und die Fressstationen, und die Demo einkreisen, und dann los. Viel Spaß beim Manövrieren durch die Menschenmassen auf dem Weg zum Treffpunkt.
    Und wer sagt denn, daß wir nur einen Demo-Zug machen können? Und ob und wann und wo die sich treffen?

    Mich kotzt das schon lange an, daß erlebnisorientierte Spinner, blindlinks Steine und Flaschen irgendwo in die Menge in Richtung irgendwelcher Bullen werfen, und ihnen dabei scheißegal ist, wen sie wirklich treffen.
    Mir wurden mehrfach die Fenster eingeworfen, und mein freudig grunzendes Vergnügen lässt sich garnicht beschreiben, wenn ich tagelang Glassplitter aus jeder Ecke saugen, und immer damit rechnen muss, mir die Pfoten aufzuschlitzen.
    So stell ich mir „Revolution“ vor.

    Es gibt doch genug Kristalisationspukte für nette Befriedungsaktionen in der Stadt, während die Ordnungsmacht damit beschäftigt ist, eine Demo einzukreisen.
    KMW sitzt z.B. am Potsdamer Platz
    MUTANOX, Hersteller von NATO-Draht z.B. für die Grenzzäune um Ceuta und Melilla, sitzt z.B. im Hönower Wiesenweg 27.

    Ohne das „Event“ Kreuzberger Demo würde auch die Party-Meile ihre Anziehungskraft verlieren. Wie man den Spaß-Touries noch ein bischen das Erlebnis versauen kann, dazu kann man sich ja noch was einfallen lassen.

  4. Weil euch Selbstkritik nicht zu liegen scheint: Schon mal drüber nachgedacht, dass das Angebot so unattraktiv, aber (bis zu diesem Jahr) alternativlos war und daher sehr viele Menschen wenn überhaupt noch konsumieren, aber nicht mehr mitgestalten wollen?

  5. Auch ein höherer Organisationsgrad wird es nicht lösen. Man kann halt nicht auf beiden Seiten der Barrikade gleichzeitig stehen. Und schon gar nicht, wenn die Barrikade reine Folklore ist. Was in den letzten Jahren war- oftmals sinnfreie Randale, damit die Polizei ins „freie“ Quartier einfährt – hatte doch auch nichts für sich. Ich war in den spätachziger Jahren öfters aus Frankfurt angereist um die Faszination Kreuzberg zu erleben. Dafür nahm mensch auch mal eine Kopfplatzwunde in Kauf. Vermöbelt wurden frühmorgens meist die Zugereisten, welche sich nicht auskannten… Den Eventcharakter hat der 1 Mai ja behalten. Ich würde auch nicht unbedingt sagen, dass es früher besser war. Ist halt immer ein Abbild der herrschenden Verhältnisse….

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