Marx 200 – Eine Gratulation

Moin Karl, altes Haus! Glückwunsch zum 200.!

Nach 200 Jahren bist Du noch in aller Munde, das macht Dir so leicht keiner nach. Gut, manche nehmen Dich nur in den Mund, um Dich durchzukauen und als ungenießbaren Brei wieder auszuspucken. Und andere nur, um angewidert das Gesicht zu verziehen. Aber so oder so, Du bist Thema, Du eckst an, immer noch. Respekt!

Für mich bist Du jedenfalls ein ganz Großer. Ehrlich gesagt, verstehe ich von dem, was Du geschrieben hat, oft nur die Hälfte. Aber immerhin habe ich soviel begriffen, dass Du die Theorien ausgearbeitet hast, für die Frage, die entscheidend ist: Wie die Herrschaften in den oberen Etagen es anstellen, uns abzuzocken und ständig Kohle auf ihre Konten zu schaufeln, die den Leuten unten fehlt.

Nach soviel Lob klingt die Kritik, die jetzt kommt, bestimmt überraschend – aber offen gesagt: Ich kann das alles nicht mehr hören und lesen! Tut mir leid! Seitenlange Erörterungen über die „ursprüngliche Akkumulation“ oder die Mehrwerttheorie oder den Surplusprofit. Mir fehlt die Geduld. Und ich habe das Gefühl, dass uns die Zeit wegläuft. Wie soll ich in einem Seminar über die 11. Feuerbachsche These diskutieren, wenn ich ständig den Drang verspüre, rauszugehen und beim erstbesten SUV den Außenspiegel abzutreten?!

Weißt Du, es ist inzwischen soviel passiert, eine Menge Sachen, die Du nicht vorhergesagt hast, nicht vorhersagen konntest. Fernsehen zum Beispiel, Internet, Amazon und Google, dieser ganze Konsumrummel, die wahnsinnige Bedröhnung Tag und Nacht. Ich versuch gar nicht erst, Dir das zu erklären. Ist alles ziemlich verwirrend.

Aber eines ist gleich geblieben, und das wird Dich kaum überraschen: Der Klassenfeind ist immer noch derselbe. Und er treibt es dreister als je zuvor. Stell Dir vor, die Herrschenden wollen uns ernsthaft weis machen, dass es gar keinen Klassenkampf mehr gibt und es vollkommen in Ordnung ist, dass die einen in Luxusvillen wohnen und die anderen auf der Müllkippe. Und das Tollste: Viele nehmen ihnen das ab!

Da krieg ich so’n Hals und da fehlt mir dann einfach die Geduld für theoretische Debatten! Jeden Tag, jeden Stunde, jede Minute spüre, wie Leute verarscht und fertig gemacht werden. Ich muss nur vor die Tür gehen. Wenn ich fünf Haltestellen mit dem Bus fahre, bin ich auf einem Wochenmarkt wo das gutbürgerliche Pack in Steppjacken sein mickriges Dasein zelebriert, selbstgerechte und ignorante Leute, autistisch und materialistisch. Sie reden über ihre letzte Fernreise, was sie an ihr Haus anbauen wollen oder welche Karre sie sich gekauft haben. Da könnt ich dreinschlagen.

Mach ich aber nicht, sondern fahre 20 Minuten mit der U-Bahn, in ein Armenviertel im Süden der Stadt, und dort geh ich in den Lidl. Da riecht es nach Schweiß, der Laden sieht schmutzig aus und zwischen den Regalen laufen viele kaputte Typen rum. Aber soll ich Dir was sagen: Da fühl ich mich wohler als auf dem Wochenmarkt, weil: Die leben wenigstens noch, die kämpfen – die ganzen Freaks in den SUVs sind doch längst tot, sie wissen es nur noch nicht.

Das musste ich einfach mal loswerden zu Deinem 200. Geburtstag, Charly. Du hast mit so vielem Recht gehabt. Du hast uns die Theorie an die Hand gegeben – aber jetzt müssen wir Deine Bücher aus der Hand legen, weil wir mehr Praxis brauchen. Und die Faust.

Es grüßt dich,

Dein Felix Nix

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