„Der Faschismus wird mit revolutionärer Gewalt zerschlagen werden“

Erdal Firaz ist Aktivist der kurdischen Befreiuungsbewegung in der BRD.

Die mediale Aufmerksamkeit für Afrin ist gesunken, obwohl es aktuell massive Fluchtbewegungen gibt. Wie bewertest du die aktuelle Lage in Afrin, Rojava und Kurdistan?

Unsere Genossen in Afrin haben uns in diesen Monaten des militanten Widerstands nochmal klar vor Augen geführt, in was für einer Welt wir leben. Afrin wurde offiziell von der Armee des faschistischen türkischen Regimes und ihren islamistischen Verbündeten angegriffen. Doch die mehrere Monate andauernde Kriegsrealität hat gezeigt, dass dieser Angriff von einem System entschieden, geplant, bestätigt und unterstützt wurde. Die Besatzung und der Krieg ist nicht nur eine Sache der Türkei, des Irans, Iraks oder Syriens. Er stützt sich auf das kapitalistisch-patriarchale System. Diese Realität wurde durch den Widerstand in Afrin nochmals verdeutlicht.

Kannst du das bitte etwas genauer ausführen? Was hat sich in Afrin kristallisiert?

Die kurdische Freiheitsbewegung hat sich selbst innerhalb der Kräfteverhältnisse im Mittleren Osten als dritten Weg definiert, der sich weder auf die Seite der regionalen Diktaturen bzw. Regime, noch auf die der imperialistischen Mächte stellt. Der Widerstand in Afrin und die damit aufgetretenen Fragezeichen in den Köpfen vieler Menschen verdeutlichen den Bedarf nach einer erneuten Erläuterung dieser Perspektive. Man spricht von drei Linien im Sinne von drei politisch-militärischen Kräften. Den sogenannten Dritten Weltkrieg führen hauptsächlich zwei Kräfte. Auf der einen Seite die globalen Akteure und auf der anderen Seite der nationalstaatliche Status-Quo. Die kurdische Bewegung stellt sich auf keine der beiden Seiten, sondern bezeichnet sich als dritte Linie. Es gibt keine strategische Nähe oder Beziehung zu den beiden Seiten. Es gibt mit jeder dieser Kräfte taktische Beziehungen, Widersprüche und Kämpfe. Das ist die Perspektive, jedoch muss man sehen, dass dies eine politische Analyse ist, keine ideologische. Damit geht die Gefahr einher die ideologische Betrachtungsweise in den Hintergrund zu stellen und nur das Politische zu sehen. Es gibt zum Teil das Verständnis, dass die zwei Kräfte untereinander solche Differenzen haben wie die kurdische Bewegung mit ihnen. Im ideologischen Sinne gibt es nämlich keine drei Linien, sondern zwei. Es gibt den Kampf zwischen der Kapitalistischen und Demokratischen Moderne. Es ist im Kern ein Kampf der Systeme. Die PKK beschreibt dies folgendermaßen:

Gegenwärtig gibt es einen Widerspruch der globalen Kapitalkräfte mit dem Status-Quo der Nationalstaaten. Doch dies ist ein politisch-militärischer Kampf. Es ist keine ideologische Polarisierung. Es ist ein politisch-militärischer Bruch innerhalb des Systems der kapitalistischen Moderne selbst, also ein Kampf um die eigenen Interessen. Diese Kräfte geraten miteinander in eine Konfrontation und führen einen Kampf und Streit um Interessen. Doch es ist nicht mehr als ein Streit um wirtschaftlich-politische Interessen. Wenn der ideologische Kampf auf die Agenda kommt, agieren sie als ein System. […] In diesem Sinne ist es falsch den politisch-militärischen Bruch und die Polarisierung als ideologisch zu betrachten. Die genannte Polarisierung kann auch zu den härtesten Interessenskämpfen führen. Doch wir haben in Rojava gesehen, dass sie im Falle einer konträren ideologischen Entwicklung ihre politisch-militärischen Widersprüche beiseiteschieben und eine Einheit werden können. […] Wir hätten verstehen müssen, was der Einzug der Freiheitskräfte in Rakka, der IS-Hauptstadt bedeutete; was dieser Schlag gegen den IS für Folgen haben würde und was für Konterangriffen er den Weg bereiten würde. Der große Erfolg der Freiheitsrevolution Rojavas durch den Sieg über den IS hat die Kräfte, die sich im Weltkrieg untereinander bekämpfen, verängstigt. […] Unvereinbar sind nicht politische Gegensätze, sondern ideologische“.

Wie würdest du die aktuellen Beziehungen der imperialistischen Staaten, die in Syrien agieren, zueinander beschreiben?

Mit der Besatzung Afrins durch die Türkei mit der Unterstützung durch die globale und regionale Reaktion wurde ein weiterer Schritt in der neuen politisch-militärischen Phase eingeleitet, die mit der Niederlage des IS in Rakka begann. Die Besatzung ist kein Ende, sondern ein neuer Schritt. Der Dritte Weltkrieg wird sich in der Region ausweiten und vertiefen. Er wird in Syrien fortdauern und sich auf den Irak und die Türkei ausdehnen. Die globalen Mächte haben kein Lösungsprojekt für die Probleme der Region. Dasselbe gilt auch für die regionalen Kräfte, die gegenwärtig nichts anderes tun, als den Status-Quo zu bewahren.

Mit der Kriegssituation in Afrin und Rojava sind global und regional einige neue Beziehungen entstanden. In diesem Kontext ist vor allem das Bündnis Russlands, Irans und der Türkei zu nennen. Es wird von einigen Kreisen als strategisches Bündnis bewertet. Doch historisch-zivilisatorisch betrachtet scheint eine strategische Einheit in den politischen Beziehungen zwischen Russland und Türkei, und dem Iran und der Türkei sehr unwahrscheinlich. Dagegen sehen wir die Bemühungen der USA und Europas eine neue Politik zu entwickeln, auch wenn die gesamte internationale Staatengemeinschaft bei den Angriffen und der Besatzung Afrins eine einheitliche Position vertreten hat und immer noch vertritt. Es gibt in letzter Zeit immer wieder Erklärungen, dass die USA sich aus Syrien zurückziehen werde. Manche interpretieren dies so, als ob die USA Russland, Iran und der Türkei die Vorherrschaft in der Region überlassen werde. Das ist nicht richtig und auch nicht möglich. Die USA haben mit ihrer Politik im Mittleren Osten alle Probleme auf sich geladen und befinden sich in einer Sackgasse. Deshalb möchten sie insbesondere Europa noch mehr „Verantwortung“ aufladen und die europäischen Staaten in die Geschehnisse involvieren.

Wie beschreibst du die aktuelle Strategie der Türkei?

Der türkische Staat richtet sich als Hauptkraft des kurdischen Genozids entsprechend der neuen Phase politisch und militärisch neu aus. Um auf den Beinen zu bleiben, verfolgt er eine neue Angriffspolitik. Die Phase, in der sich die Türkei mit ihrem Krieg auf ihr eigenes Territorium beschränkt, ist vorüber. Legitimieren tut sie dies mit dem „Kampf gegen Terrorismus“. Ihre Angriffe werden andauern, solange ihre Kraft ausreicht. Die Türkei wird wie der Iran den Krieg nach außen tragen und versuchen von der Türkei fernhalten. Sie versuchen die kurdische Freiheitsbewegung nach außen zu drängen und mit Fronten außerhalb der Türkei zu beschäftigen. Das war schon während der Friedensgespräche in der Türkei das Ziel. Damals versuchte man Öcalan dazu zu zwingen, die Guerilla zum vollständigen Abzug aus der Türkei zu bewegen. Wäre dies erreicht worden, könnte die Türkei heute ihre aktuelle Strategie leicht umsetzten.

Wie geht die kurdische Freiheitsbewegung mit dieser Art von Angriffen um?

Der Krieg, der mit Afrin begann, war nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Die PKK hat trotz der verschärften militärischen Angriffe vom 21. bis 24. Juni in den Bergen Kurdistans ihre Sitzung des Zentralkomitees abgehalten und in diesem Zusammenhang eine schriftliche Erklärung veröffentlicht. In der umfassenden Erklärung wird unterstrichen, dass der neuen Phase von Seiten der Freiheitsbewegung mit einem revolutionären Volkskrieg begegnet wird. Niemand solle erwarten, dass die AKP und MHP mit einer anderen Widerstandsform aufzuhalten seien. Der Faschismus werde mit dem Widerstand des Volkskriegs, mit revolutionärer Gewalt beantwortet und so zerschlagen werden. Während die Türkei versuche den Krieg aus der Türkei heraus zu halten, werde die Guerilla den Krieg in das Land tragen. Was tun? Für mich gelten die Zeilen von Che, aus seinem Aufruf ein, zwei, drei, viele Vietnams zu schaffen: „Die Solidarität der fortschrittlichen Mächte der Welt mit dem vietnamesischen Volk ähnelt der bitteren Ironie, die der Beifall des Pöbels für die Gladiatoren im römischen Zirkus bedeutete. Es geht nicht darum, den Opfern der Aggression Erfolg zu wünschen, sondern an ihrem Schicksal teilzunehmen, sie bis zum Tode oder bis zum Sieg zu begleiten.“

# Hubert Maulhofer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.