Keiner starb öfter. Best of Jesus-Filme – Teil 5

Wir sind wie immer viel zu langsam. Während in den Kinos derzeit mit „Maria Magadalena“ ein Film zu sehen ist, der endlich mal eine der Frauen um Jesus in den Mittelpunkt rückt, sind wir gerade erst im Jahr 2016 angekommen. Damals lief eine nicht minder originelle Interpretation der allseits bekannten Geschichte, deren filmische Bearbeitungen wir an dieser Stelle Jahr für Jahr am Sterbe- und Wunderwochenende abarbeiten (siehe auch die Teile 1, 2, 3 und 4 unserer Jesus-Film-Serie). Zudem wollten wir unser bereits wiederholt gezeigtes Interesse an Judas noch etwas weiter vertiefen. Der Revolutionär und Verräter seines Meisters, der durch diesen Verrat überhaupt erst Kreuzigung, Auferstehung und alles Folgende auslöst, gefällt uns einfach am besten. Mehr dazu gleich. Zunächst zu einer Version der Jesus-Geschichte aus 2016, die sich einem Kapitel aus dem Leben Jesu widmet, das in den Evangelien relativ kurz behandelt wird: die ersten Lebensjahre des Religionsstifters. Wie immer gilt für das Folgende: höchste Spoiler-Alarmstufe!

Klappe 9: Wo ist das Gold geblieben?

Was hat Jesus eigentlich als Kind so getrieben? Das Neue Testament weiß nicht viel darüber. Einzig bei Lukas lesen wir das Kapitel über den Zwölfjährigen im Tempel. Die Eltern Jesu, so berichtet der Evangelist, gingen jedes Jahr anlässlich des Pessachfestes nach Jerusalem. Als der Knabe zwölf war, kehrte er nach diesem Fest nicht mit Mama und Papa nach Hause zurück, sondern blieb im Tempel. Drei Tage suchten Maria und Josef das Kind, bis sie es schließlich im Tempel fanden. Da saß er „mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.“ (Lk 2,46-47). Nach sanfter Schelte „kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam“. (Lk 2, 51)

Rund um diese Episode baut das Drehbuch von „The Young Messiah“ – im Jahr 2016 vom US-Regisseur Cyrus Nowrasteh inszeniert – seine Geschichte auf. Die Handlung setzt in Ägypten ein, wohin die Familie bekanntlich unmittelbar nach der Geburt Jesu geflohen war, um dem von Herodes angeordneten Kindermord zu entgehen. Jesus ist nun sieben Jahre alt und merkt immer wieder mal, dass etwas nicht mit ihm stimmt. Dabei hat – und dies ist wohl der originellste Aspekt des Films – der Teufel seine Hand im Spiel. Jesus kann – wie auch das Filmpublikum – zunächst nicht so recht unterscheiden, ob die übersinnlichen Dinge, die er so treibt, seinen göttlichen Eigenschaften zuzuschreiben sind oder ob dies Satanswerk ist. Als er etwa will, dass ein Gleichaltriger seine Spielgefährtin nicht weiter belästigt, wirft ein Dämon, den nur Jesus sehen kann, dem jungen Rivalen einen Apfel vor die Beine. Der rutscht aus, stürzt und stirbt. Kurz darauf bringt Jesus ihn wieder ins Leben zurück. Auch wenn er damit in den Augen seiner Mitmenschen kein Mörder mehr ist, so ist er diesen nun doch etwas unheimlich und damit in Gefahr, selbst gemeuchelt zu werden. Höchste Zeit also, wieder aus Ägypten abzuhauen. Da trifft es sich gut, dass Vater Josef mal wieder einen Traum hat, demzufolge Herodes gestorben ist. Die ganze jüngere Geschichte der Familie sei nach Träumen abgelaufen, scherzt Onkel Jakobus in Anspielung auf Marias Engel, der ihr die unerwartete Schwangerschaft erklärt, sowie auf Josefs Himmelbote, der zur Flucht nach Ägypten gemahnt hatte. Was er damit meine, fragt Jesus. Maria wischt die Frage beiseite. Noch sei der Junge zu klein, um zu begreifen, was es mit ihm auf sich habe.

Böses Wesen mit Apfel – immer wieder ein Knüller

Um dieses Kernproblem dreht sich die erste Hälfte des Films: „How do you explain god to his own son?“ fragt Josef auf Marias Unsicherheit, wie sie ihm das alles erklären sollen. Doch Kindermund tut auch hier Wahrheit kund. Ein jüngerer Verwandter – man hat bereits gemerkt: die heilige Familie geht hier über die Kernfamilie hinaus – erzählt Jesus von den drei Königen, die sich bei dessen Geburt eingefunden haben. Diese haben Gold und anderen Dinge, an die er sich nicht mehr erinnern kann, mitgebracht. Angesichts dessen, dass die Familie im selben Augenblick ärmlich durch die Wüste wandert, drängt sich eine Frage auf, die vielleicht noch niemand gestellt hat: Wo ist eigentlich das Gold geblieben?

Die zweite Hälfte des Films ist im Wesentlichen ein Katz-und-Maus-Spiel. Herodes Antipas – der Nachfolger des Kindermörders – hat Wind davon bekommen, dass das Wunderkind immer noch herumläuft, und beauftragt einen Soldaten, diesen kalt zu machen. Das gelingt natürlich nicht. Stattdessen beeindruckt Jesus einen Rabbiner nach dem anderen (siehe Lukas-Evangelium) und findet allmählich in die Rolle als Erlöser hinein. Schließlich gibt auch Maria ihre Versuche auf, ihn als normales Kind zu erziehen und erzählt ihm die Geschichte seiner Empfängnis. 14 Jahre sei sie alt gewesen, als er geboren wurde. Ihre Schilderung der Vision eines Engels, einer großen hellen Gestalt, die ihr erklärt habe, dass alles in Ordnung sei, wenn sie nun schwanger werde, macht eindringlich wie selten deutlich, wie bizarr die Basis-Story des Christentums ist. Was Josef zu der Sache gesagt habe, will der nun aufgeklärte Jesus wissen. „Yes, that was a worry“, antwortet Maria trocken.

Klappe 10: Alle sind gleich!

Nun aber zu unserer Lieblingsbibelfigur. Das Judas-Thema spielt in vielen Jesus-Filmen eine zentrale Rolle, und das ist nicht verwunderlich. Immerhin ist Judas die am schwierigsten zu begreifende Person der ganzen Geschichte: ein treuer Jüngling, der Jesus schließlich für etwas Silber verrät, nur um dies sofort zu bereuen. Aus theologischem Blickwinkel ist Judas‘ Rolle natürlich wichtig, um die Kreuzigung Jesu und damit die Sündenreinigung der Menschheit in Gang zu bringen. Geht man aber davon aus, dass die historischen Jünger relativ normale junge Herren mit relativ normalen Charaktereigenschaften waren, dann fragt man sich: was hat Judas angetrieben? Und wenn man sich diese Frage einmal gestellt hat und etwas nachliest, dann dauert es nicht lange, bis man draufkommt, dass die Jesus-Clique eine Gruppe politisch und religiös motivierter Aktivisten war. Wie in jeder politischen Gruppe aber kam es auch zwischen den Anhängern Jesu zu Auseinandersetzungen über den richtigen und erfolgversprechendsten Weg zum Erfolg. Genau an diesem Punkt dürfte es zwischen Jesus und Judas unterschiedliche Auffassungen gegeben zu haben. Dies spielt schon in Martin Scorseses Meisterwerk „Last Temptation of Christ“ eine zentrale Rolle.

Dem 2004 produzierten „Judas“ (Regie: Charles Robert Carner) merkt man durchaus an, dass den Filmemachern das unerreichbare Vorbild „Last Temptation“ wohlbekannt war. Einige Dialoge zwischen Judas und Jesus wirken wie ein schwacher Widerhall der aufregenden Debatten zwischen dem von Harvey Keitel verkörperten Verräter und dem von Willem Dafoe gemimten Jesus in dem 1988 veröffentlichten Streifen.

„Judas“ aus 2004 indes beginnt mit einer Pointe: der junge Judas muss zusehen, wie die Römer seinen Vater, der offenbar ebenfalls ein Aufrührer war, ans Kreuz hängen – ein Vorgriff auf das spätere Schicksal von Judas‘ künftigem Meister. Judas beginnt nach dem Tod seines Vaters auch sogleich den Messias zu suchen. Ganz klassisch trifft er auf Johannes den Täufer, der die baldige Ankunft eines solchen ankündigt. Schon folgt die nächste Pointe: der erste Auftritt von Jesus ist die legendäre Szene im Tempel, wo er die Wechsler vertreibt und um sich schlägt. Was in vielen Versionen der Geschichte als Höhepunkt inszeniert wird, ist hier nur der Beginn – und nach Jesu Darstellung sogar ein Ausrutscher. Judas und Jesus freunden sich an, und ersterer drückt seine Bewunderung für die Tempelaktion aus. Jesus aber lehnt das Kompliment ab: er wollte ein Zeichen setzen, habe dabei aber seine Beherrschung verloren, relativiert er.

Judas schließt sich der Gruppe um Jesus an, doch von Beginn an zeigt sich, dass er andere Vorstellungen hat als die anderen. Zunächst will er die zauberischen Fähigkeiten von Jesus dafür nutzen, um möglichst viele Leute um diesen zu scharen und anschließend mit vereinten Kräften die Römer zu besiegen. Kurz darauf schlägt er vor, für die Wunder Jesu Gebühren zu verlangen, um die Aktivitäten der Gruppe zu finanzieren. Seine Mitjünger kostet das nur ein Lachen, und sie verdächtigen Judas mitunter sogar, ein Spion zu sein. Dieser wiederum kann nur mit dem Kopf schütteln, wenn er den Reden des Meisters lauscht. Wenn sie den Römern die zweite Wange hinhalten würden, so argumentiert Judas, dann würden sie geköpft werden. Die Fähigkeit Jesu, Tote zum Leben zu erwecken, findet Judas hingegen wunderbar, und er schlägt vor, dies zur Agitation einzusetzen: niemand müsse Angst davor haben, im Kampf gegen die Römer zu sterben, denn er könne ja sofort von Jesus und dessen Anhängern wieder ins Leben zurückgeholt werden.

Stirnrunzelnd und skeptisch: so sehen Revolutionäre aus

Auch ohne solche Tricks gelingt es Jesus und seinen Jungs, 5000 Anhänger zu versammeln. Nun also: losschlagen. Doch Jesus will alle wegschicken und eröffnet seinen Jüngern, dass er sterben werde. Judas erklärt Petrus, Jesus sei melancholisch und könne nicht klar denken. Doch dieser versucht, den Zweifler zu beschwichtigen. Nur durch seinen Tod und sein Wiederkommen können die, die an ihn glauben, gerettet werden. Nun wird Judas aber ungehalten: noch ein Rätsel, schon wieder eine Parabel. Ob er sich nicht klar ausdrücken könne? Doch, sagt Jesus, er habe Angst vor dem Tod. Judas‘ Hass gegen die Römer, so erklärt er diesem, sei nichts anderes, als ein Mittel, um den Schmerz und die Leere in seinem Herzen zu überdecken. Nun hat Judas endgültig die Schnauze voll. „Ich dachte, ich sei etwas Besonderes für dich“, sagt er, während er fortgeht. Jeder sei etwas Besonderes, antwortet Jesus. Aber, tappt Judas in die rhetorische Falle: wenn alle etwas Besonderes sind, dann sind alle gleich. Ja, ruft Jesus, ja!

In die Verräterrolle gerät Judas beiläufig. Er braucht Geld, um seine Mutter zu begraben und erhält das Angebot, gegen etwas „Information“ die nötigen Mittel zu bekommen. Ein Mittelsmann erklärt Judas, dass er seiner Nation damit einen großen Dienst erweise – Judas kann also den Verrat an Jesus vor sich selbst als Maßnahme gegen dessen Verrat an der Sache rechtfertigen. Nach der Verhaftung merkt Judas dann aber, das sein Verrat den Tod Jesu zur Folge haben wird, und er beklagt sich, dass kein fairer Prozess stattgefunden habe. Er gibt seinen Verräterlohn zurück und versucht seine ehemaligen Mitjünger zu einer Befreiungsaktion zu motivieren. Die lehnen ab, und so versucht Judas allein, Jesus zu retten – bekanntlich ohne Erfolg. Während Jesus dann stirbt, erhängt Judas sich. Die Schlussszene bietet ein versöhnliches Ende. Drei Jünger schneiden Judas vom Strick und beten für ihn. Ich verstehe nicht, warum wir das machen, sagt einer. Jesus hätte es so gewollt, erwidert ein anderer. Betet für Judas. Nach dem, was er getan hat? Ja.

– Von René Dupé

Lust auf mehr? Hier nochmal die Links zu den ersten vier Teilen unserer Serie:

http://lowerclassmag.com/2014/04/keiner-starb-oefter-best-of-jesus-filme-teil-1/

http://lowerclassmag.com/2015/04/keiner-starb-oefter-best-of-jesus-filme-teil-2/

http://lowerclassmag.com/2016/03/keiner-starb-oefter-best-of-jesus-filme-teil-3/

http://lowerclassmag.com/2017/04/keiner-starb-oefter-best-of-jesus-filme-teil-4/

3 Gedanken zu „Keiner starb öfter. Best of Jesus-Filme – Teil 5“

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