Hurra, Hurra die Schule kämpft!

In Kreuzberg steht ein libertäres Schulprojekt nach elfjährigem Bestehen möglicherweise vor dem aus. Senat und Bezirk ermöglichen für die Freie Schule Kreuzberg keine dauerhafte räumliche Perspektive. Eine weitere soziale Einrichtung, ähnlich wie der Kinderladen Bande (LINK), ist bedroht. Doch das Team der Schule denkt noch lange nicht ans Aufgeben. Eine weitere Reportage aus Kreuzberg36.

Die Kreuzberger Wrangelstraße morgens um 09:30. In einem unscheinbaren, schönen Backsteinhaus mit der Hausnummer 128 befindet sich auf zwei Etagen die Freie Schule Kreuzberg. Hier versucht ein Team aus Pädagog*innen das zu erreichen, was die bürgerliche Gesellschaft verabscheut: Das Ermöglichen von freiem Denken für 40 Schüler*innen im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Betritt man das Gebäude, kommen einem sofort die neugierigen Kinder entgegen und fragen was man denn gerade in ihrer Schule machen würde. Während in den staatlichen Regelschulen der Unterricht bereits seit knapp eineinhalb Stunden läuft, startet gerade der doch etwas andere Schulalltag in der Freien Schule Kreuzberg. „Wir starten jeden Tag mit einem Morgenkreis und besprechen den jeweiligen Tag. Die Kinder übernehmen die täglich rotierende Gesprächsleitung. Wir als Lernbegleiter*innen halten uns da dann eher zurück und müssen uns eben auch melden, wenn wir etwas sagen wollen“ erzählt Lizzy lachend.

Schon hier wird ein zentrales Element des Schulkonzeptes und der freien Pädagogik, im Gegensatz zur staatlichen Regelschule, deutlich: Das Kind und nicht der Erfolg bürgerlicher Lernkriterien stehen schon am Tagesanfang im Mittelpunkt.

Neben diesen pädagogischen Differenzen ist auch das Organisationsmodell ein anderes. Die Freie Schule Kreuzberg funktioniert als Kollektiv. „Es gibt aktuell bei uns einen sechsköpfigen Vorstand, bestehend aus drei Eltern und drei Pädagog*innen. Durch bürokratische Vorgaben müssen wir eine bestimmte Rechtsform sein, in unserem Fall ein gemeinnütziger Verein. Aber wir versuchen eigentlich alles im Kollektiv zu lösen“ beschreiben Lizzy und Reza die Schulstruktur. In wöchentlichen Teamsitzungen werden die pädagogischen und alltäglichen Herausforderungen gemeinsam diskutiert und gelöst. Andere Themen und Probleme werden gemeinsam mit den Eltern in den Vorstandssitzungen oder in Elternversammlungen besprochen. Lizzy und Reza betonen, dass es zudem zentral für das Schulkonzept ist, dass nicht nach Bildungsabschlüssen oder anderen Kriterien Hierarchien konstruiert werden. „Wir definieren uns nicht über unsere konkrete Rolle in der Schule oder über unsere Abschlüsse. Das ist bunt gemischt bei uns, von Quereinsteigern, studierten Lehrer*innen, Erzieher*innen, Köch*innen, Putzkräften und unserem Hausmeister. Auch verdienen alle bei uns an der Schule gleich viel. Das ist einerseits für uns als Team, aber auch für das Erleben der Kinder wichtig. Wir möchten, dass sie lernen, dass keine Aufgabe wichtiger ist als die andere und deshalb anders entlohnt wird.“

Die Verdrängung macht auch vor einer Schule nicht halt

Vermieter der Freien Schule Kreuzberg ist das Schul- und Sportamt des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Der aktuelle Vertrag läuft im Juli 2018 aus. Durch diesen hatte das Projekt die letzten fünf Jahre eigentlich Ruhe. In der Theorie verlängert sich der Vertrag nun jedes Jahr um ein weiteres Jahr, es gibt eine dreimonatige Kündigungsfrist. „Das heißt, wir müssen jetzt bis April warten und können dann erst sehen, ob wir in dem Gebäude bleiben können oder nicht. Das ist dann auch die aktuelle Perspektive, jedes Jahr das gleiche Spiel. Wir empfinden das als absolut nicht hinnehmbar. Wir haben wegen dieser prekären Situation auch einmal direkt bei der Bezirksverordnetenversammlung nachgefragt, um für uns Klarheit zu verschaffen. Aber die Antwort der Politiker*innen war absolut nicht zufriedenstellend. Uns wurde lediglich mitgeteilt, dass der Bezirk dieses Jahr wahrscheinlich nicht den Vertrag kündigen würde, aber man könne mit uns keinen Mietvertrag mit dauerhafter Perspektive schließen. Es ist absehbar, dass sie sich die Option, uns schnell und unbürokratisch zu kündigen, immer offen halten wollen, letztlich sind wir nichts anderes als eine Zwischenlösung für sie“ berichtet Lizzy.

Ähnlich wie der Kinderladen Bande betonen auch die beiden Frauen, dass es für eine Einrichtung wie ihre absolut nicht tragbar ist, mit einer solch prekären Perspektive zu arbeiten. Pädagogische und andere Planungen die sich teilweise über mehrere Jahre erstrecken sind auf dieser Basis kaum möglich. Das Schulprojekt hat jedoch auch einen breiten Wissensschatz an Formen und Möglichkeiten des Widerstands in den letzten Jahren entwickelt. „Aus unseren alten Räumlichkeiten in der Zeughofstraße mussten wir ja schon einmal ausziehen, nachdem das Haus an einen privaten Investor verkauft wurde. Damals gab es absolut keinen Verhandlungsspielraum, aber das Angebot seitens der Stadt in der Wrangelstraße, mit einem Mietvertrag für fünf Jahre. Das war auch ein Zugeständnis aufgrund des damaligen Klimas in Kreuzberg. Der ganze Kiez befand sich in einem total politisiertem Klima. Die Widerstände der Geflüchteten auf dem Oranienplatz und in der Gerhardt-Hauptmann-Schule, die Mietenkämpfe von Stadtteilinitiativen. Wir konnten gut an diese Widerstände anschließen und haben zum Beispiel auch mit unseren Kindern an Demos und Aktionen teilgenommen und so eine unangenehme Öffentlichkeit geschafft“ erzählt Reza über die Geschichte der Schule.

Aber steigende Mieten, Verdrängung und Gentrifizierung betreffen nicht nur das Schulgebäude berichtet Lizzy. „Unsere Kinder erfahren Verdrängung ja auch ganz persönlich. Manche Kinder teilen sich mit ihren Eltern ein Zimmer, weil die sich die Mieten in Berlin nicht mehr leisten können. Die Kinder erfahren auch sehr direkt, dass zum Beispiel Orte die sie gerne besuchen oder besucht haben irgendwann nicht mehr existieren weil die Stadt immer weiter ausverkauft wird“.

Bisher wissen nur die Eltern über die unsichere Schulsituation bescheid. Das Team der Freien Schule setzt sich bereits jetzt politisch mit dem möglicherweise bald anstehenden Konflikt auseinander. „Wir haben im Team eine Haltung gegenüber der Situation für uns als Pädagog*innen entwickelt: Wir werden unsere Kündigung, sollte es soweit kommen, nicht widerstandslos hinnehmen. Wir werden uns wehren und auch unsere Kinder sind generell gerne bereit für das was sie gut finden und das was ihnen wichtig ist einzustehen“ schmunzelt Lizzy mit einem Augenzwinkern. Lizzy ergänzt: „Wir werden diesen Kampf nicht verlieren. Unsere Haltung in diesem Kontext ist klar. Unsere Kinder haben Erfahrungen mit Widerstand und Aktionen gemacht. Im Kiezladen in der Friedelstraße 54, welcher im letzten Jahr geräumt wurde, haben wir zum Beispiel immer unsere Schulshirts gedruckt. Und als die Räumung dann an stand waren unsere Kinder natürlich auch mit dabei, haben Solitransparente gemalt. Sie fühlen sich diesen Projekten dann auch verbunden. Beim Kinderladen Bande war das ähnlich. Unsere Kids waren auf den Kundgebungen, die Kinder aus dem Kinderladen waren bei uns in der Schule zu besuch“.

Lizzy und Reza erzählen weiter über die Schule und ihre Verankerung im Kiez. So nutzt die Schule zum Beispiel für Veranstaltungen oder Einkäufe selbstverständlich das lokale Angebot an Infrastruktur. „Kleinere alltägliche Einkäufe besorgen wir generell bei einem Frauenkollektiv am Heinrichplatz, wenn wir andere Räumlichkeiten brauchen nutzen wir auch mal das Bethanien oder das Georg-von-Rauch-Haus. Unsere letzte Theateraufführungen haben wir in der Kreuzberger Regenbogenfabrik veranstaltet.“

Während unserem Gespräch erzählen mir die beiden auch mehr über das Konzept der Freien Schule. „Freie Schule heißt für mich Aktion“, sagt Reza. Ihr geht es vor allem um den Versuch, Bildung auf Basis reformpädagogischer Ansätze, positiver zu gestalten als an den staatlichen Regelschulen. Auf die Frage was denn positive Bildung genau wäre, antwortet Lizzy: „Inhaltlich orientieren wir uns zum Beispiel vor allem an dem, was die Kinder brauchen und an ihren Interessen. Aber auch familiäre Themen, politische Themen, also dass was die Kinder konkret betrifft, wird in unserem Schulalltag aufgegriffen. Das heißt, es gibt keinen starren Plan den wir abarbeiten, sondern Lernen und Bildung sind bei uns etwas sehr dynamisches. Unter positiver und freier Bildung verstehe ich vor allem auch das, was uns konkret von den Regelschulen abgrenzt.Es gibt keine Benotung oder Klassifizierung an irgendwelchen vorgegebenen Rastern. Unser Schulkonzept können wir vor allem besonders gut dadurch umsetzen, weil wir einen relativ hohen Personalschlüssel haben. Für uns ist es ja eine bewusste Entscheidung gewesen, so eine kleine Schule zu bleiben. Und ich hoffe und denke, dass wir das auch ausstrahlen“ erzählt Lizzy. „Es geht für uns Teamer*innen ja auch nicht nur um das Vermitteln von Schreiben, Lesen, Rechnen sondern vor allem um das Erlernen eines solidarischen Umgangs miteinander lernbar zu machen. Das sozial-emotionale Lernen hat bei uns einen ganz hohen Wert. Und auch alternative Methoden und Zugänge zu Bildung: Also handwerkliche oder andere künstlerische Methoden. Und im Gegensatz zu staatlichen Regelschulen haben wir nicht das Lernparadigma des aufbauenden Lernens wie die staatlichen Regelschulen. Das heißt, dass alles aufeinander aufbaut und nur sehr selten, wenn überhaupt noch einmal wiederholt wird. Bei uns ist es genau das Gegenteil, was auch daran liegt, dass die Kinder sich ihre Lernschwerpunkte zu einem Großteil selber setzen“ führt Reza weiter aus.

Ziel der Freien Schule ist nicht die reine Sachwissensvermittlung, sondern das Unterstützen der Kinder in ihren Bildungsprozessen. „Wir möchten Kinder dabei unterstützen, selbstbewusste Persönlichkeiten zu entwickeln. Sich über eigene Stärken und Schwächen bewusst zu werden und diese als legitim und nicht als negative Belastungen zu bewerten. Wir möchten unseren Kindern ein anregendes Lernumfeld anbieten, in welchem sie Neugier entwickeln. Unsere Kinder können bei uns ein kritisches Bewusstsein entwickeln. Bei uns ist es legitim und normal, dass die Kinder die Erwachsenen hinterfragen dürfen und in Diskussionen treten können. Bei uns gewinnt das Argument, nicht das Alter. Und das ist etwas anderes, als wenn Kinder lernen, dass die Erwachsenen, die vor der Klasse stehen, immer recht haben. Wir bereiten die Kinder bewusst nicht auf das kapitalistische Leistungssystem vor, sondern wir wollen Werte vermitteln, die dabei unterstützen, ein selbstbestimmtes Leben zu entwickeln“ konkretisiert Reza die Ziele der Schule.

Und auch beim Thema Partnerschule merkt man doch die etwas andere Haltung der Freien Schule Kreuzberg: „Aktuell haben wir zum Beispiel ein Partnerschulprojekt mit einer Schule im südkurdischen Camp Maxmur, für diejenigen die nicht genau wissen wo das liegt: Nordirak“.

„Wir würden uns, wenn es möglich wäre, diese Form der Bildung ja auch für alle Kinder wünschen. Freies lernen, in einer kleinen Gruppe, in dem Kiez, in dem man lebt. Ich habe mich bereits ganz früh mit diesem Thema „Bildung“ auseinandergesetzt. Und ich möchte nicht, dass meine Kinder auf eine Schule gehen, wo nur das vermittelt wird was später angeblich „nützlich“ ist oder wo gar nicht klar ist, ob man dem Leistungsdruck standhält“ berichtet Lizzy auch über ihre eigene Situation mit ihren Kindern, die ebenfalls die Freie Schule Kreuzberg besuchen.

Als Perspektive für 2018 halten Lizzy und Reza fest: „Letztlich ist unser Projekt aber auch immer eine Momentaufnahme. Wir sind ja noch lange nicht am Ende unserer Entwicklung und wollen das Projekt auch immer wieder weiterbringen. Die Angriffe wie beispielsweise mit dem Mietvertrag erschweren das natürlich enorm. Das verhindert dann zum Beispiel, dass wir ernsthafte Überlegungen über den Aufbau einer Sekundarstufe I anstellen können, obwohl wir uns das sehr wünschen würden. Wir hoffen natürlich darauf, dass wir irgendeine gute Einigung für uns erzielen können. Aber wenn das nicht funktioniert, werden auch wir im Kiez Widerstand leisten“.

Die Situation der Freien Schule Kreuzberg ist kein Einzelfall im „Investorentraum Kreuzberg 36“. Es gilt den Widerstand innerhalb der Kieze auszubauen und zu organisieren und dabei isolierte Kämpfe um Wohnraum, Kultur, Arbeit, Frauenfragen und Anti-Rassismus zusammen zudenken und einen gemeinsamen Widerstand zu entwickeln.

# Hubert Maulhofer

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