Jenseits von Jebsen

Zur „Querfront“-Debatte, Folge 846.

Sie ist wieder da. Die „Querfront“-Debatte, ein periodisch wiederkehrendes Phänomen, in dem sich zumeist vor allem eines zeigt: Die permanente ideologische Krise weiter Teile der deutschen Linken.
Dieses Mal entzündete sie sich an dem Clickbait-Youtuber Ken Jebsen. Zu dessen Weltbild hat kürzlich die junge Welt alles Nennenswerte zusammengefasst, Recherchen zu seiner politischen Strategie, seinen Verbindungen in rechte Milieus, seiner Arbeitsweise existieren zuhauf. Man könnte also meinen, es sei alles gesagt.
Aber nein, eine kleine Provinzposse, die Verleihung eines unwichtigen Preises in einem Berliner Kino, reichte, um das Thema erneut viral zu machen. Dutzende Zeitungen, auflagenstarke wie klitzeklitzekleine, greifen das Ding auf. Es wird getan, als entschiede sich an der Frage „Wie stehst du denn zu Ken?“ die Zukunft der gesamten Linken.
Wem nützt das? In erster Linie Ken. Denn Ken Jebsens Produkt ist Ken Jebsen. Und ein solches Produkt vermarktet sich über den kalkulierten Tabubruch und die Möglichkeit, sich permanent als Opfer diverser Verschwörungen darzustellen. Jebsens mediale Existenz ist die eines Clickbaits. Er muss, soll das Konzept aufgehen, dauernd als Underdog gehandelt werden, am besten von „Systempresse“ und alternativen Konkurrenzmedien gleichzeitig. Denn der Beweis seiner subversiven Macht liegt in der geschlossenen Front, die sich gegen ihn stellt. Das Konzept ist kein Alleinstellungsmerkmal Jebsens, er ist nur der, der es am erfolgreichsten anwendet. Politclown Jürgen Elsässer spielt in der selben Liga. Und irgendwo weit abgeschlagen hinter seinen Genrekollegen rollt sich Erdogan-Cheerleader Martin Lejeune von Streifenwagen zu Streifenwagen in der Hoffnung, man möge ihm die Aufmerksamkeit schenken, die ihn aus seinem bemitleidenswerten Dasein emporhebt.
Die von der Weltverschwörung gegen sie geplagten Aufklärer leben vom Skandal. Und jener Teil der Linken, deren bevorzugter Gestus der der Empörung ist, schenkt ihnen selbigen hin und wieder – im Verein mit den um Soap-Opera-Themen bemühten Medien.
Ein wirksames Mittel gegen die Querfront ist das nicht. Noch weniger da, wo die Gegner der Querfront sich ihrerseits mit antilinken Kräften von Springer bis SPD- und Grünen-Funktionärsriege gemein machen. Denn KenFM (und ähnlich gelagerte rechte Projekte) knüpfen an in weiten Teilen der Bevölkerung vorhandene Formen des Unbehagens an: Das Gefühl, von den Institutionen der bürgerlichen Demokratie nicht repräsentiert zu sein; das Gefühl, in dieser Gesellschaft zu den Verlierern zu gehören; und die Skepsis gegen die hiesige Medienlandschaft.
All diese Stimmungslagen sind zunächst einmal nicht verwunderlich. Dass das Gefühl entsteht, die bürgerliche Demokratie sei nicht die bestmögliche Form politische Willensbildung zu organisieren, hat seinen Grund darin, dass die bürgerliche Demokratie nicht die bestmögliche Form politischer Willensbildung ist. Den etablierten Medien ihre Selbstinszenierung als „objektive“, „neutrale“ Chronisten der Wirklichkeit nicht abzunehmen, ist ebenfalls keine Haltung, die Linke verdammen sollten. Und die begrifflich völlig unscharfe Wendung gegen das „Establishment“, gegen die „Elite“, ist eigentlich ein ausgezeichnter Anknüpfungspunkt für linke Politik.
Was tun nun diverse „alternative“ Rinks-lechts-Demagogen? Sie greifen diese Stimmungen auf und geben auf die Fragen der Menschen regressive Antworten. Was sollte die Linke tun? Die in der Bevölkerung vorhandene Unzufriedenheit aufgreifen und progressive Antworten auf sie geben. Das geht, wenn man in lokalen Kämpfen verankert ist und mit seinen Kolleg*innen und Nachbar*innen als Kolleg*in und Nachbar*in reden kann. Das geht, wenn man von den eigenen Positionen so überzeugt ist, dass man nicht fürchtet, sie zu verlieren, wenn man mit Leuten redet, die andere Positionen haben. Und das geht, wenn man die Angst vor „Vereinfachung“ und „Populismus“ ablegt und verstehen lernt, dass das Agieren in einer Gesellschaft sich von dem in einem Uni-Seminar unterscheidet.
Der Tod jeder Querfront ist eine starke, klassenkämpferische Linke, die zugleich in der Lage ist, identitätspolitische Fragen in ihr Paradigma zu integrieren. Und die dann noch in der Lage ist, ihre Positionen in einer Sprache und Ästhetik zu formulieren, die anschlussfähig über die Schicht der Postdoktoranden und Designstudent*innen hinaus ist. Der Aufbau einer solchen Linken beginnt jenseits von Jebsen. Wenn er nicht gelingt, hilft auch die permanente Empörung nicht gegen das Erstarken regressiver Positionen von AfD bis KenFM.

# Von Fatty McDirty (der sich schämt, zu diesem Thema geschrieben zu haben und es lustlos tat. Lest unsere anderen Texte, nicht diesen Kram hier, will er euch mit auf den Weg geben).

7 Gedanken zu „Jenseits von Jebsen“

  1. Ja Fatty, hättest Du mal besser die Klappe gehalten. Du hast offensichtlich nicht die leiseste Ahnung worum es bei Jebsen geht, und vorgekaute Drittmeinungen nachzubeten sollte doch unter Deinem Niveau sein, oder? Schau mal das aktuelle KenFM Interview mit Jens Wernicke, da wird ganz gut klar aus welcher Ecke das kommt und wie „rechts“ es ist…

  2. Man sollte die pathologische Seite des Ganzen nicht unterschätzen. Die Egomanie des Mannes ist kaum zu übersehen, mich erinnert er immer etwas an Rudolf Steiner.

  3. Jebsen und Rhabarber beiseite, es existiert ein imperiales Machtzentrum in den parastaatlichen Strukturen und Verbänden um die US-Außen- und Militärpolitik und in den transatlantischen Verbänden der Westbindung, in denen Elitenvernetzung zwischen Verwaltungsspitzen und kapitalistischer Oligarchie betrieben wird. (z.B. Council on Foreign Relations, Chatham House, Atlantikbrücke uvm) Dies ist keine Verschwörungstheorie sondern ein historisch erklärbarer und nachprüfbarer Sachverhalt. Eine Immunisierungsstrategie zur Herrschaftsverschleierung besteht darin, ihre Thematisierung mit den Verschwörungsideologien der vielen Wirrköpfe gleichzusetzen, die eine präzise Benennung und Beschreibung dieser Strukturen nicht beherrschen oder nicht wollen.

    Die Offenlegung und Kritik an der konkreten imperialen Struktur muss Kern von progressivem Antiimperialismus werden bei gleichzeitiger Abgrenzung von neonationalistischen Anbiederungsversuchen. Die ungesunde und sehr deutsche Fixierung auf Israel und das Judentum muss man schlicht aufgeben. Sie ist ein identitärer Fetisch und funktioniert nur als solcher im Rahmen subkulturellen Tribalismus, hat aber für emanzipatorische Politik schlicht keine Bedeutung. ISRAEL IST NICHT WICHTIG

  4. Mir ist nicht ganz klar worum sich die ganze Debatte letztlich dreht. ‚In erster Linie scheint es sich um ein „Deutungshoheitsproblem“ zu handeln. Den grundsätzliche Kritik an seinen Interviews und Thsen findest sich nicht. Es werden stattdessen einzelne Sätze entweder aus dem zusammenhang gerissen oder versucht daraus eine politische Agenada zu konstruieren, die Jebsen so sicher nicht hat.

    Ich bin „Konsument“ und versuche Quellen im Internet zu finden. Dabei ist Ken Jebsen eine von unzähligen. Auf seinem YT Kanal finden sich Interviews mit vielen interessanten Personen, die manchmal einen Mehrwert haben und manchmal nicht.

    So ähnlich empfinde ich es bei der Lektüre der „Lowerclassmag“ Seiten.

    Was ich aber nicht verstehe, dass bei den unzähligen schlechten und bösartigen Journalisten da draussen sich ausgerechnet auf einem so fokusiert wird?
    Er hat offensichtlich jemanden etwas angetan, dass diese jemande nun versuchen ihn mundtot zu machen, was ich für sehr fragwürdig halte, dass jemand der ausführliche Gespräche mit Menschen führt, die zum größtenteil dem linken Spektrum angehören, ausgerechnet aus dieser Seite so angegriffen wird.

    Er hält die NATO Doktrin im nahen Osten für falsch oder er hält staatliche Überwachung für falsch und läßt Kritikern ausführlich zu Wort kommen. Warum muss so jemand so massiv bedrängt werden?

    Muss die Kritik an der Nato unterdrückt werden? Wollen Teile der Linken mehr Überwachung und weniger Meinungspluralität?

    Ich habe für diese Vorgänge keine sinnvolle Erklärung und merke nur, dass es einer Strategie einer gesellschaftlichen Verbesserungen hin zu einer Linken Ideologie schadet sich auf solche Dinge zu fokusieren.

    Es wird immer Meinungen geben, die sich von euren unterscheiden, aber wer die Gemeinsamkeiten nicht mehr erkennt, hat keine Chance auf eine wirkliche kraftvolle Perspektive. Und diesen Satz schreibe ich ausdrücklich nachdem mir dieser Artikel über die politsche Ideen der PKK gelesen habe http://lowerclassmag.com/2017/03/wie-leben/ und exemplarisch dieser Absatz:
    „Das Herzstück der Herausbildung dieser Kultur muss permanente Kritik und Selbstkritik sein. Nur, wenn wir in der Lage sind, uns respektvoll, aber offen gegenseitig und selbst zu überprüfen, können wir in der Entwicklung unserer individuellen wie kollektiven Fähigkeiten voranschreiten.“

    1. Natürlich wird Jebsen vom herrschenden Establishment angegriffen, weil ein Teil seiner Imperialismuskritik zutreffend ist. Er vermengt sie jedoch unnötig und nach meiner Meinung pathologisch mit Israelfixiertheit, die antisemitische Züge trägt. Außerdem hat er eine demagogischen und predigerhaften Rededuktus, was seinesektenartige Anhängerschaft erklärbar macht. Schreiben tut er offensichtlich sehr ungern und wenn man seine Mail an Broder liest, weiß man warum.

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