„Wollt ihr Tote ihr Chaoten?“

So titelte die BILD-Zeitung, nachdem die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 zuende gingen. Jetzt, wo die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg zum Ende kommen, überschlägt sich Springer und der Rest der reaktionären Presse erneut. Es ist von „Blankem Terror“, „nie dagewesener Gewalt“ und sogar von „SA-Wiedergängern“ die Rede. Merkel persönlich verspricht Hilfe für die „Gewaltopfer“.

Die Vorgeschichte

Aber was war eigentlich passiert?
Schon am zweiten Juli zeigten G20-Einsatzleiter Hartmund „der Hund“ Dudde und Hamburgs Innensenator Andy „der Lauch“ Grote, was von ihnen zu erwarten ist. Der Aufbau des gerichtlich erstrittenen Übernachtungs – und Protestcamp wurde erst stundenlang von der Polizei behindert und schließlich angegriffen. Die Polizei war der Meinung, ein Schlaflager geht gar nicht. Es kam also schon am Sonntag zum ersten widerrechtlichen Angriff der Polizei auf Protestierende, es gab zahlreiche Verletzte und Verhaftungen. Der Anwalt der Campstruktur sprach, zu Recht, von einem Putsch der Exekutive gegen die Judikative. Die Reaktionen aus von den Organisator*innen der Proteste waren überlegt und entschlossen zugleich, es wurde ein Ultimatum gestellt, nachdem öffentliche Plätze besetzt werden sollte, sofern die Polizei weiterhin stehendes Recht missachten sollte. Grote beharrte weiter auf seiner – illegalen – Position und wollte Schlaflager nicht zulassen, letztendlich boten Kirchen ihre Gelände zum Übernachten an und auch die Protestcamps durften schließlich eine festgelegte Anzahl von „Schlafzelten“ aufbauen.
Grote und Dudde erlitten ihre erste Niederlage, die öffentliche Meinung war gegen sie aber vorallem ist die Taktik der Polizei das erste Mal deutlich klar geworden: Jeden Protest unterbinden, egal ob friedlich oder nicht, mit maximaler Gewalt und jenseits jeder Legalität.

Wellcome to Hell

Wenn auch zwischendurch noch einiges passiert ist, machen wir einen Sprung zum Donnerstag Abend. Mit „Wellcome to Hell“ stand die erste Großdemo des Protestwochenendes an und bereits im Voraus malten Grote, Dudde und die Hofpresse das Bild von wilden Horden, die keine politischen Ziele hätten und lediglich kommen würde, um Hamburg in Schutt und Asche zu legen.

Schon zur Auftaktkundgebung gegen 16:00 versammelten sich viele tausend Menschen am Fischmarkt, pünktlich zu 19:00 formierte sich der Frontblock. „Wellcome to Hell“ stand auf diversen Transparenten und dahinter standen Tausende in schwarz, vermummt und friedlich. Es gab keine Flaschenwürfe, kein Feuerwerk. Nichts. Lediglich Tüchern vor den Gesichtern. Als ein einzelner Betrunkener seine Bierflasche warf, wurde dieser sogar vom Block ausgeschlossen. Hinter dem Frontblock warteten noch viele Tausend mehr, um endlich loszugehen und das Protestwochenende zu beginnen. Insgesammt waren zwischen 20.000 und 25.000 Menschen gekommen, doch die Polizei hatte andere Pläne. Schon im Vorraus gab es viele verwirrte Gesicher, da die Versammlungsbehörde nichteinmal einen Auflagenbescheid ausstellte. Die Vermutung, die Demo würde nicht loslaufen dürfen, egal was passiert, war in aller Munde.
Doch was dann kam, überraschte selbst erfahrene Demogänger*innen und auch uns machte es sprachlos. Zuerst gab die Polizei sich diskussionsbereit, blockierte den Demozug mit vier Wasserwerfern, Seitenspalier und zig Hundertschaften vor der Demospitze. „Legt eure Vermummung ab und ihr dürft los“ war die Ansage und ein Großteil des Blocks kam dem nach. Dennoch durfte die Demo nicht los, statt dessen griffen die Seitespaliere und Wasserwerfer unvermittelt und ohne Vorwarnung an. Sie prügelten, traten, zerrten, versprühten Pfefferspray, schubsten Menschen von Mauern oder zerrte sie von ihnen herunter. Die vermummten und behelmten Hundert gaben sich gänzlich ihrer Gewaltorgie hin und es kann ohne Übertreibung gesagt werden: Sie nahmen dabei Tote billigend in Kauf.
Nach der chaotischen und brutalen Zerschlagung kam es in der Gegend rund um den Fischmarkt immer wieder zu Jagdszenen, bei denen sich erstmals Menschen zur Wehr setzten. Es flogen Flaschen und Steine auf die wild gewordenen Schlägertrupps. Sich gegen diese Banden zu wehren konnte also bereits am Donnerstag Abend als legitime Notwehrsituation beschreiben.
Interessanterweise, schien der Plan der Einsatzleitung hier zuende zu sein. Es gab offensichtlich keinerlei Vorkehrungen, die zerschlagene Demonstration „kontrolliert abfließen“ zu lassen oder ähnliches und so waren die größten Folgen der Zerschlagung hunderte Verletzte, davon mindestens drei Schwerverletzte und ein/e Demonstrant*in schwebte in Lebensgefahr. Außerdem ergossen sich Zehntausende in die Hamburger Innenstadt und die Polizei verlor die Kontrolle.
In der Nacht kam es zu kleineren Scharmützeln überall in der Innenstadt, die ersten Scheiben gingen zu Bruch und die ersten Autos brannten, für die Brutalität des Angriffs auf die Demonstration fielen die Auseinandersetzungen aber klein aus, eine großangelegte, militante Antwort blieb vorerst aus.

Color the „Red Zone“

Es stand schließlich noch der Freitag vor der Tür mit diversen Blockadeversuchen vom Hafen, der „Red Zone“ und der Elbphilharmonie.
Dazu sammelten sich am frühen Freitag Morgen überall in der Stadt Finger, die entschlossen und friedlich loszogen, um zu blockieren. Doch erneut hatte die Polizei keinerlei Interesse, irgendeine Form von Protest zugelassen. Selbst außerhalb der „Red Zone“ wurde jeder Protest unterbunden und erneut wurden Menschen rücksichtslos zusammengeschlagen. Den Finger aus dem Altona-Camp traf die entfesselte Polizeigewalt dabei besonders hart. Bei der Flucht über ein Gewerbegelände kletterten diverse Demonstrant*innen über ein Gerüst, um vor den heranstürmenden Schlägertrupps zu entkommen. Diese drückten den Rest von unten gegen das Gerüst und dieses brach zusammen. Mindestens 15 Menschen brachen sich Arme, Beine und Sprunggelenke.

Am Freitag Nachmittag sammelten sich erneut Tausende zur „Zweiten Welle“ am Millerntor. Ziel war die Blockade der Elbphilharmonie, wo sich die Staatschef am Abend – ungestört von lästigen Protesten – etwas Kultur gönnen wollten, um sich von den anstrengenden Reden und Fototerminen zu erholen. Wieder kam es zu Jagdszenen auf Demonstranten, wieder wurden Menschen mit Tonfas auf die Köpfe geschlagen, Anhänge und Mauern heruntergeschubbst und anderweitig misshandelt.

Für uns neu war, dass es nicht einzelne Hundertschaften waren, die durch besondere Brutalität oder besonderen Elan beim Prügeln herausstachen. Alle eingesetzten Polizeikräfte schienen wie im Rausch, geiferten nach Gewalt, beleidigten wild Demonstrant*innen und Pressevertreter*innen.
Selbst Hooligans bei einem Wald – oder Wiesenmatch sind disziplinierter.
Ab diesem Zeitpunkt kam es erneut zu vereinzelten militanten Auseinandersetzungen. Organisierte Gruppen griffen die Polizei an und hielten sie so ab, noch mehr Verletzte zu produzieren, ermöglichten den anderen den Rückzug. Von Massenmilitanz kann auch hier nicht gesprochen werden, aber es war entschlossener Widerstand gegen einen enthemmten Polizeistaat.
Das alles geschah vor Freitag Nacht, vor den großen Ausschreitungen auf der Schanze, zu denen wir gleich noch kommen, vor den Plünderungen und dem SEK-Einsatz.
Waren es also die völlig enthemmten Einsatzkräfte, die medial als „SA-Wiedergänger“ bezeichnet wurden? War es ihre „nie dagewesene Gewalt“, ihr „blanker Terror“, mit dem nun Zeitungen Titelseiten bedrucken? Sind es die Opfer der Polizeigewalt, denen Merkel Hilfe zusagte?

Wir jedenfalls stellen die BILD-Frage von 2007 nun an Dudde, Grote und jeden EinzelnEn Polizist*in, der an diesem Tag im Einsatz war: Wollt ihr Tote, ihr Chaoten?

Die Auseinandersetzungen in der Schanze
Eine anfänglich gut organisierte Antwort gab es am Freitag Abend in der Sternschanze und am Pferdemarkt. Dort war die Polizei wieder mit mehreren Wasserwerfern und behelmten und vermummten Einsatzhundertschaften aufgezogen und jagdten Menschen durch Parks und Straßen.
Daraufhin errichteten vermummte Militante Barrikaden und griffen die Hundertschaften und die Wasserwerfer an. Entschlossen, organisiert und immer wieder. So wurde die Polizei zuerst aus der Schanze getrieben und später auch an den äußersten Rand des Pferdemarkt gedrängt. Die zurückerobeten Straßen wurden mit weiteren Barrikaden gesichert und auch gegen anrückende Wasserwerfer verteidigt. Diese Entschlossenheit schien auch die Hamburger Polizei zu irritieren, sie versuchte immer und immer wieder mit den Wasserwerfern die erkämpften Straßen zurückzuerobern, manchmal schickten sie einige Hundertschaften, deren lautes Geschrei auch niemanden mehr beeindruckte und die sich so im Stein- und Flaschenhagel zurückziehen mussten.
Wenig später kam es dann zu den ersten Plünderungen. Auch diese waren anfänglich gezielt: REWE, Budnikowsky, eine Boutique, ein Carhart-Geschäft und ein O2-Laden. Nichts davon „alteingesessen“ in der Schanze, jedes einzelne Teil von Gentrifizierung und Verdrängung. Jedoch lief ab diesem Moment auch einiges schief.
 Anstatt, wie in anderen Ländern und auch in Deutschland früher üblich, zuerst den Alkohol zu vernichten, wurde dieser wie alles andere geplündert und getrunken. Mit dem kostenlosen Zugang zu viel und hartem Alkohol änderte sich auch das Klientel im Kiez. Die organiserten Gruppen zogen sich zurück und die Straße gehörte hauptsächlich Schaulustigen, Machos und Betrunkenen. Die Angriffe auf die Polizei wurden unkoordinierter, waghalsiger und sinnloser, die Sprache wurde rauer und es kam zu Übergriffen gegen Pressevertreter.

Dennoch müssen einige Sachen dringend gesagt werden:

Bewaffnete SEK-Einheiten waren übrigens nicht erst Freitagnacht im Einsatz:

Erstens: Die Polizei hätte, wenn sie es denn gewollt hätte, jeder Zeit die Kontrolle über die Schanze zurückgewinnen können, ohne SEK und ohne Schusswaffen. Der gesamte Bereich rund um die Rote Flora war nicht umkämpft. Es waren zwar viele Menschen auf den Straßen, sie feierten jedoch eher und saßen beisammen, hatten Spaß, tanzten zu Musik aus Fenstern und ließen den Tag ausklingen. Das Potential, den gesamten Kiez gegen die Polizei zu verteidigen gab es schlicht nicht.
Die Polizei hat also ganz bewusst die Lage immer weiter eskalieren lassen und zugesehen, wie die Barrikaden im Kiez langsam abbrennen und die Betrunkenen nun auch begannen, Kiez-Originale anzugreifen und wahllos Scheiben einzuschmeißen.
Der SEK-Einsatz am Abend war vollkommen unnötig und unverhältnismäßig, nicht ohne Grund „bat“ die Polizei in der Nacht Journalist*innen auf, keine Bilder und Videos vom Einsatz zu veröffentlichen. Mehrere Kolleg*innen berichteten von auf sie gerichteten Gewehren durch SEK-Leute, die dieser „Bitte“ nachdruck verliehen.

Zweitens: Von „Bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ oder gar „Bildern wie aus Aleppo“ zu sprechen ist nicht nur absurd, sondern verhöhnt auch alle Opfer des Bürgerkriegs in Syrien – und allen anderen Kriegen auf der Welt. Diejenigen, die die solche Bilder produzieren, haben in Hamburg in den Messehallen getagt, geschützt von 25.000 Polizist*innen.

Drittens: Kein Grund sich zu Distanzieren! Immer mehr linke Medien und Einzelpersonen sind uns seit Samstag morgen aufgefallen, denen es gar nicht schnell genug gehen konnte, die Ausschreitungen in der Schanze zu verurteilen. Was gibt es dafür für Gründe? Alle, die ihr demokratisches Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit warnehmen wollten, wurden von den Einsatzkräften behandelt wie Tiere, ihre körperliche Unversehrtheit und ihr Leben waren oft unwichtger, als die Gewaltgeilheit der Knüppelkollonnen. Diejenigen, die am Abend die Auseinandersetzungen um die Schanze begannen, waren Polizekräfte, die immer noch nicht genug hatten. Ihnen wurde ein Riegel vorgeschoben. Organisierte Militante haben entschlossen und kooridniert dafür gesorgt, dass Duddes Schlägertrupps nicht noch mehr Menschen verletzen können, ohne Konsequenzen zu fürchten. Seit wann ist es notwendig für Linke, sich von militantem Protest und legitimer Selbstverteidigung zu distanzieren?
Natürlich kann jetzt gesagt werden, dass das auf den weiteren Verlauf der Nacht nicht zutrifft, aber stimmt das? Klar, die Menschen auf den Straßen waren nicht organisiert. Vermutlich waren viele von ihnen auch nicht besonders politisch und offensichtlich ist bei den Krawallen auch einiges unschönes passiert. Das Abfackeln von Kleinwägen in Wohnstraßen etwa erscheint uns ungefähr so sinnvoll wie ähnliche Aktivitäten bei anderen Verkehrsmitteln. Dennoch ist ihr Zorn und ihr Hass auf das Bestehende, auf diejenigen, die sie aus ihren Kiezen drängen, die sie schikanieren und in Hamburg ein privates Stelldichein für 123 Millionen Euro für Kriegstreiber, Folterer und Mörder ausrichten, mehr als verständlich. Die Distanzierungen und Diffamierungen können wir getrost unseren Gegnern überlassen. Überzeugen tun wir damit sowieso niemanden, der jetzt über „SA-Wiedergänger“, „Linken-Terror“ und „neue Stufe der Gewalt“ schwadroniert. Unsere Aufgabe ist es zu überlegen, wie wir diese Menschen organisieren können, wie wir ihren Zorn und ihren Hass zu politischem Bewusstsein machen können.

#Karl Plumba

#Fotos Willi Effenberger

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22 Gedanken zu „„Wollt ihr Tote ihr Chaoten?““

  1. Kann mir jemand eine Quelle geben, für die „SA-Wiedergängern“ der BILD-Zeitung.

    Zitat:

    Jetzt, wo die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg zum Ende kommen, überschlägt sich Springer und der Rest der reaktionären Presse erneut. Es ist von „Blankem Terror“, „nie dagewesener Gewalt“ und sogar von „SA-Wiedergängern“ die Rede. Merkel persönlich verspricht Hilfe für die „Gewaltopfer“.

    Danke schön :)

  2. Ich habe Mühe mit der einseitigen und auf die paar wenigen, politisch nicht motivierten Chaoten zielenden Presse. Aber für mich als nicht aktiv am Protest teilnehmender Mensch, der sich aber als Vater um das Wohl seines nach Hamburg gereisten Sohnes sorgte, finde ich den obigen Artikel ebenso einseitig. Versteht mich bitte nicht falsch, es liegt mir fern, das Verhalten der Polizei in irgendeiner Weise zu rechtfertigen, genauso wenig wie dasjenige der „linken“ (für mich haben die nichts mit linkem Gedankengut zu tun… ) Schlägertrupps. Wir werden nie einen gemeinsamen Nenner finden, nie Frieden finden, wenn unsere Auseinandersetzung auf Gewalt basiert. Gewalt verursacht Gegengewalt und es spielt dann überhaupt keine Rolle, wer den „ersten Stein“ geworfen hat. Ist auf beiden Seiten Gewaltbereitschaft vorhanden, ist alles zum Scheitern verurteilt.
    Was wir Menschen brauchen ist Empathie, die Bereitschaft, das Gegenüber als Mensch mit all seinen Gefühlen, Ängsten, Sorgen und seiner Liebe zum Leben zu sehen und nicht als Monster, Feind oder Zielscheibe unseres Hasses oder unserer Frustration. Widerstand ist enorm wichtig und ich ertappe mich selber oft dabei, dass mir ein bisschen mehr Widerstand gut tun würde. Jedoch muss dieser Widerstand konsequent frei von jeglicher Gewalt sein. Gandhi lässt grüssen. Das in der heutigen, globalisierten und auf allen Seiten vom Egoismus geprägten Welt zu vollbringen, ist schier unmöglich und braucht enorm viel Zeit, Aufopferung, Hinfallen, Scheitern und wieder Aufstehen. Es ist aber der einzige Weg! Wenn wir daran anhaften, den Fokus immer nur auf die Schuld des Anderen zu setzen, gelingt es nicht. In diesem Sinne versuche ich mir immer ein Zitat von Lama Zopa Rinpoche zu Herzen zu nehmen:
    Every time a problem arises,
    the essential thing is
    to immediately become aware
    that the problem comes
    from our selfish mind,
    that it is created
    by self-cherishing thoughts.
    As long as you put the blame
    outside yourself,
    there can be no happiness.

    In diesem Sinne wünsche ich uns allen, und ich meine wirklich ALLEN!, dass es uns gelingt, aufkeimender Hass in Mitgefühl zu verwandeln und unsere Welt gemeinsam friedlich zu gestalten.

    1. Sehr schön geschrieben, danke! Ich hätt’s nicht besser hingekriegt. Gefällt mir sehr gut, großes Like.

  3. @Karl Plumba: bist du Hamburger? Budnikowsky ist sehr wohl alteingesessen am Schulterblatt. Die Versorgung mit Lebensmitteln (REWE) und Drogerieartikeln (BUDNI) gehört zur notwendigen Infrastruktur eines Stadteiles und ist nicht Teil der Verdrängung. Die Anwohner sind froh, dass es überhaupt noch solche Läden in Fußweite gibt.

    Klamotten, Carharrt und O2 kann man nicht essen, ist klar.

    1. Gemeint war: Eine Drogeriekette mit ca. 420 Mio. Euro Jahresumsatz (2014) ist kein Tante-Emma-Laden und die Zerstörung gefährdet auch keine Existenzen. Wie lange diese Drogerie da schon war, weiß ich tatsächlich nicht.
      Karl Plumba

      1. Wobei nach der Logik auch so ziemlich jede deutsche Kleinstadt „gentrifiziert“ ist. Denn die erwähnten Tante-Emma-Läden (ohne Anbindung an größere Ketten) gibt es da im Grunde auch nicht.

  4. Kontrolliere bitte den Text mochmal auf Rechtschreibfehler. Finde den Artikel super, aber an vielen Stellen fehlen einzelne Buchstaben.

  5. Ich würde diese Debatte gerne weiterführen, habe auch geschrieben, hier:
    »So g20 das nicht, linke Bewegung!«
    http://rehzimalzahn.blogsport.eu/so-g20-das-nicht-linke-bewegung/
    Freu mich über Kommentare und Beiträge.

    Zunächst, ich bin absolut einverstanden, dass es unsere Aufgabe sein muss, die junge Generation, denen gerade jegliche Perspektive geraubt wird, zu organisieren und zu politisieren. Ich meine aus der Distanz erkennen zu können, dass das in Großbritannien etwa rund um die Kampagne von Jeremy Corbyn passiert (auch wenn ich nichts davon halte, die Sozialdemokratie wieder hochleben zu lassen, aber wenigstens zeigt es, DASS es geht und vielleicht auch WIE es gehen können und immerhin fangen die Leute überhaupt wieder an politisch zu denken. Aber vielleicht täusche ich mich, ich betrachte das nur aus der Ferne.)
    Dabei wären zwei Dinge wichtig: bitte nicht so einen Retro-scheiss wie diese ganzen »roten Gruppen«, die jetzt Stalin und Mao wieder hochleben lassen. Die Zukunft liegt in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit und ich sehe nicht, warum wir uns diese Form von autoritärem Staatssozialismus nochmal geben sollten. Zweitens geht das nur, wenn man offen ist für Leute und seinen überkandidelten abgedrehten Szene- Akademikersprech ablegt und diese ganze beknackte Individualisierungspolitik ablegt (Privilegiencheck und co) und anfängt, die Unterdrückungsstrukturen als gesellschaftliche Mechanismen zu erkennen und zu benennen. Damit will ich ausdrücklich NICHT sagen, dass man nun im Namen des Klassenkampfes die ganzen vermeintlichen »Nebenwidersprüche« vergessen kann, so als wären proletarische Jugendliche nicht zur Hälfte weiblich und als könnten wütende Prekarisierte nicht schwarz oder trans sein (im Gegenteil sind POCs und queers ja oft prekarisiert).
    Das ist alles schon tausend Mal gesagt worden und geändert hat sich immer noch gar nix in der Linken.

    Womit ich nicht einverstanden bin, das ist diese riots zu romantisieren (die frustrierten Jugendlichen). Mag ja sein dass da Frust war, vielleicht war es auch nur besoffene Konsumgeilheit. Vielleicht beides. Diese Form des Frustausdrucks oder der Abenteuerlust hat die Leute in Paris und London nur jahrelang in den Knast gebracht ohne dass sich an ihren Umständen das Geringste geändert hätte. Es ist also im vollen Umfang des Wortes: sinnlos. Ich finde die Heroisierung dieses planlosen Anti-verhaltens auch im »kommenden Aufstand« hahnbüchen. Der wird ja jetzt in der TAZ und anderswo herangezogen, um das zu interpretieren.

    Bleibt die Bullengewalt und die Frage, wie man damit umgeht. Ich habe ehrlich gesagt keine konkreten Vorschläge, aber ich wage zu behaupten, dass man sich von dem Gedanken, dass man das militärisch beantworten und dann die Konsequenzen aushalten kann, verabschieden sollte. Das meint nicht, die andere Wange hinzuhalten oder nix zu machen oder sich einschüchtern zu lassen. Die Inspiration muss irgendwo anders herkommen. Ich halte diese Kultivierung des Militanzfetisch für fatal. Er produziert Dummheit. Erst rumposen und ankündigen, die Stadt in Schutt und Asche legen zu wollen (welcome to hell), dann nicht damit umgehen können, dass die Bullen es drauf ankommen lassen, und am Schluss Situationen ennstehen lassen, die völlig aus dem Ruder laufen und zu noch nicht absehbaren Konsequenzen führen. Politisch intelligentes Handeln zeichnet sich auch dadurch aus, dass man die möglichen Konsequenzen mit einkalkuliert und sich überlegt, ob man das aushalten kann und will.
    Ich glaube, dass dieses Militanzgepose mehr der Selbstbestätigung der eigenen Radikalität dient als einem Ziel folgt oder eine Strategie hat. Insofern wird Randalieren mit Radikalität, eine Aktionsform mit einem Inhalt verwechselt. Ich ziehe diesen Schluss auch aus der Beobachtung der Re/aktion von Genossen (sic) und wie sie darüber sprechen. Am Schluss kann man seine »Versprechen« gar nicht einlösen und steht ratlos vor dem Schlamassel. Man kann solche Aufrufe und Demos einfach komplett sein lassen. Es kommt nix bei rum und dient nur der Selbstbestätigung. Im schlimmsten Fall schadet es uns allen.
    Vielleicht sollte man sich ernsthaft mit der Logik altchinesischer Kriegsführung befassen, wie sie in vielen Kampfsportarten auch gelehrt wird: ausweichen, den Angriff des Gegners gegen ihn nutzen, etc. Ich weiß, das ist abstrakt und theoretisch und die Frage wäre: was heißt das, wenn der WaWe vor Dir steht? Wenn man sich auf den Gedanken einlässt, kommen wir vielleicht gemeinsam auf Ideen, wie das zu füllen ist.

    Das alles aber setzt voraus, dass es überhaupt wieder um etwas geht. Dass ein Programm entworfen wird, wie revolutionäre Gesellschaftsentwicklung gestaltet werden kann. Ich glaube, man muss nicht alles neu erfinden, man kann die Kurd*innen und die Zapatist*innen fragen, und schauen, was das hier heißt. Aber was red ich, alles nicht neu. Nur immer noch nix gelernt, immer noch nix umgesetzt.

    Lasst uns weiterdiskutieren!

  6. Ich bin grundsätzlich gegen jede Zerstörung / Sachbeschädigung, egal aus welchem Grund – aber ein guter Christ bin ich nicht. Wenn ich geschlagen werde, halte ich nicht noch die andere Wange hin. Auch wenn es kindisch klingt, aber für mich (und viele andere) ist sehr wohl entscheidend, wer den ersten Stein geworfen hat. Deshalb erzeugt Gewalt ja auch die Gegengewalt.
    Jeder sollte darüber stehen, da gebe ich „Remy“ Recht, aber leider können es nur sehr wenige – und genau deshalb wäre es wichtig gewesen, daß die Offizielle Seite NICHT gleich jede Kleinigkeit mit Pfefferspray & Co beantwortet. Die berühmte Kirche im Dorf lassen hätte meiner Meinung nach viel Schaden verhindert (speziell Personenschäden) , aber fast alle Medien behaupten, die Polizei hätte alles richtig gemacht – Das finde ich nicht …

  7. … Mir ist hier übrigens gerade Werbung für Designmöbel entgegengeploppt.

    Wie dem auch sei, ausgerechnet REWE und ne Drogeriekette als gute Argumente einzubringen und als strategische Ziele zu benennen, scheint mir doch auch etwas hinterherkonstruiert. In HH hätte es, wenn das denn wirklich unter koordinierten militanten Widerstand fällt, ganz andere Ziele geben müssen. Da sind Weltkonzerne ansässig…
    Ich glaube, alle ham nu verstanden, dass die Cops „angefangen“ haben, sogar der Spiegel und die ARD.  Wir können uns jetzt weiter die Bälle zuspielen. Was mir ein wenig fehlt ist trotz (altbekannter) eskalierender Polizeigewalt die Auseinandersetzung damit, weswegen die Linke, weswegen wir, die paar hirntoten Kloppies nicht in den Griff bekommen. Ich bezweifle stark, dass das keine Linken und nur ein paar Kids waren… und da gab es weit und breit auch niemanden zu verteidigen oder zu blockieren (wo kriegstn aufn Sonntag die Sturmmaske gekauft?).

    Ich distanziere mich auf keinen Fall von den mutigen Protestierenden in der ersten Reihe und denen, die in der Sicherheitszone unter Einsatz ihres Lebens geblockt haben. Aber von denen, die der Mutti, die sich -Überraschung – nie ne Vollkasko leisten konnte, den VW anzünden. Der unterstellte symbolische Gehalt verhallt in seiner Wirkungslosigkeit. Und: das sind zwei verschiedene Themen. Die Proteste waren woanders.

    Ich distanziere mich auch von einer irgendwie gearteten ideologischen Rückendeckung. Was is mit den Leuten, die nachher strafrechtlich verfolgt werden? Politisch bewegt haben sie nichts, alles für die Katz, aber im schlechtesten Fall kommz ein Haufen Ärger auf sie zu und ein paar Türen schlagen vor der Nase zu. Vor allem die, politisch wirksam zu agieren. So, wie Dudde seine Lemminge ins offene Messer laufen lässt, tut die Linke das dann auch. Und das fliegt auf und dann fühlt man sich verraten und wechselt im dümmsten Fall verstimmt und enttäuscht das Lager.

    Es kann auch nicht richtig sein, neoliberale Sprechaktstrategien zu imitieren und die eigene Handlungsunfähig unter Verweis auf die moralische Überlegenheit mit dem richtigen Maß an PC zu überspielen. Der Fingerzeig ist faktisch richtig, lenkt aber auch von der eigenen Ohnmacht gegenüber linken Aktionisten, die uns alle in die Scheiße reiten, ab und spiegelt sie zugleich.

    Ich finde den Bericht der Ereignisse in dem Artikel richtig. Aber was nützt denn das „mimimi das andere waren wir nicht, wir verantworten es nicht oder benennen es einfach nicht“ ? Man muss darüber doch (wieder, immernoch) reden (auch wenn das Ausmaß nicht vergleichbar mit täglicher, struktureller Gewalt ist und auch wenn man nur auf Eigentum zielt – kann sein, dass an dem Auto der Mutti ein ganzer Rattenschwanz Existenz hängt), meiner Meinung nach so viel und so ehrlich wie es nur geht.

  8. Endlich ein Kommentar, der den Kern trifft! Nach dem Desaster am 6.7. brauchten Polizei und Politik dringend die Bilder aus dem Schanzenviertel, um die Fragen nach Fehlern bei der Einsatzleitung zum 6. zu verdrängen. – Aber trotz der Hetze der Schweinepresse: G20 war ein Erfolg für den Widerstand. Wir haben die Verhältnisse zum Tanzen gebracht. Die Straßen gehörten uns – trotz 20.000 Bullen in town! Aber: Der
    weg ist noch weit. Das System hat beim Gipfel den Putsch geprobt, Systeme wie Gesa und Schnellgericht perfektioniert. Wir brauchen einen langen Atem!

  9. Was ein dämlicher Artikel…… nicht das ich den linken Gedankengut nichts abgewinnen könnte aber das ist jenseits von allem aktzeptablen….
    Protestieren ist absolut ok. Aber ich finde das jeder von diesen diesen (sorry) Vollidioten sehr lange hinter Gitter gehört.

    1. Lieber Tobi, egal wie Du dazu stehst: ich möchte Dich bitten, darüber nachzudenken, ob Rache- und Strafphantasien ein Weg sind, der diese Gesellschaft weiterbringt. Ganz im Allgemeinen. Ich sage dazu klar nein. Es gibt andere Wege, um Konflikte zu lösen, Verantwortung für Vorgefallenes zu übernehmen, Wiedergutmachung zu leisten, Frieden herzustellen, Heilung einzuleiten. Manche Konflikte muss eine pluralistische Gesellschaft auch aushalten. Andere gehören zu den Lebenskatastrophen, die verhindern zu wollen nur in den totalen Überwachungsstaat führt. Was ist erreicht, wenn alle im Knast sitzen? Nichts ist ungeschehen, nichts ist wiedergutgemacht, nichts ist geheilt.
      Ich halte Rache und Strafe für ein Kernproblem. So lange Strafe, und besonders Knast, die Antwort auf alles sein soll, werden wir als Menschheit keinen Schritt weiterkommen. Tipp: Google restorative justice, transformative justice.

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  10. „So wurde die Polizei zuerst aus der Schanze getrieben und später auch an den äußersten Rand des Pferdemarkt gedrängt. Die zurückerobeten Straßen wurden mit weiteren Barrikaden gesichert und auch gegen anrückende Wasserwerfer verteidigt. Diese Entschlossenheit schien auch die Hamburger Polizei zu irritieren, sie versuchte immer und immer wieder mit den Wasserwerfern die erkämpften Straßen zurückzuerobern, manchmal schickten sie einige Hundertschaften, deren lautes Geschrei auch niemanden mehr beeindruckte und die sich so im Stein- und Flaschenhagel zurückziehen mussten.“

    Und im Fazit ist das Kiez auf einmal nicht mehr umkämpft.. Was soll dass?

    „Der gesamte Bereich rund um die Rote Flora war nicht umkämpft. Es waren zwar viele Menschen auf den Straßen, sie feierten jedoch eher und saßen beisammen, hatten Spaß, tanzten zu Musik aus Fenstern und ließen den Tag ausklingen. Das Potential, den gesamten Kiez gegen die Polizei zu verteidigen gab es schlicht nicht.“

  11. Nur eine Anmerkung eines alten Mannes, der selber nicht in Hamburg war, jedoch um seine Tochter gebangt hat. Die Frage der Gewalt ist keine Prinzipienfrage, die sich unabhängig von Zeit und Raum durch grundsätzliche Befürwortung oder Ablehnung beantworten ließe. Selbstverständlich scheint mir, dass jeder Linke (ein sehr unpräziser Begriff, der hier jedoch nicht weiter hinterfragt werden soll) gegen Gewalt (ebenfalls ein sehr unpräziser Begriff, weil Gewalt ja nicht, wie uns Glauben gemacht werden soll, zuvörderst im Einwerfen von Schaufensterscheiben, sondern vielmehr in den lebenszerstörenden Gewaltverhältnissen des Kapitalismus selber zu sehen ist) sein muss, weil er ja grade gegen die Gewalttätigkeit des Kapitalismus kämpft. Dies bedeutet indes nicht, dass linke Politik und damit Widerstandsstrategie in jedem Fall gewaltfrei sein muss, eine Dialektik zwischen Weg und Ziel, die wir aushalten und politisch bewältigen müssen und deren Bewältigung wir eben nicht der Polizei überlassen dürfen, etwa mit dem für mich daher auch albernen Argument, die Polizei hätte die „Randale“ im Schanzenviertel ja verhindern können, wenn sie es denn nur gewollt hätte. Natürlich wollte sie es nicht und für mich selbstverständlich waren auch Akteure der Polizei selber bei den Randalierern. Aber mir scheint, dass es unsere Aufgabe wäre, dafür Sorge zu tragen, dass von uns geplante und durchgeführte Aktionen eine auch nach außen klar erkennbare politische Stoßrichtung haben und das wir es selber organisieren müssen, allem, was diese Stoßrichtung vernebelt, entgegen zu treten. Und das heißt für mich, dass wir diejenigen, die unsere politischen Absichten objektiv (und durchaus nicht immer subjektiv, denn den Zorn kann ich sehr gut verstehen) durch Überzeugung oder eben manchmal auch in anderer Weise selber an ihrem Tun hindern, und dies ganz gewiß ohne Zuhilfenahme staatlicher Instanzen, was schlichte Denunziation wäre. Das alles sollte nur ein kurzer Einwurf sein.

  12. Nachdem wir aus Hamburg in unsere jeweiligen Städte zurückkehrten, wurden die Genoss*innen mit denen ich geredet habe mit einer großen Ablehnung konfrontiert. Vom Kleinladen der in Flammen aufging bis hin zum Auto der alten Oma, jeder hatte seinen Grund, weshalb besonders der Aufstand im Schanzenviertel verurteilt werden müsste. Anhand einzelner Beispiele von „Randale“ wird dem Widerstand in der Schanze der politische Charakter genommen. Das wundert natürlich keinen, aber noch unspektakulärer ist die Distanzierung der liberalen Medien vom gewaltsamen Widerstand an sich.

    Entgegen dieser feindlichen Tendenz steht euer Beitrag zu dieser Diskussion, die mittlerweile völlig entgleist ist und nur der Ablenkung vor den Gewaltexzessen der Bullen dient. Wir haben gesehen wer am Fischmarkt auf wen losging. Keiner der vor Ort da war kann die Gewaltgeilheit der Bullen verleugnen. Dass unsere Antwort nicht überraschte Empörung und Ohnmacht, sondern solidarischer Widerstand sein sollte, das hat man aus eurem Artikel hervorragend rauslesen können. In diesem Sinn bedanke ich mich für diesen Artikel.

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