Wie weiter? Wo anfangen? – Resümee der »Selber machen Konferenz« Organisator_innen

Liebe Freund_innen,

der Zuspruch zum Kongress »Selber machen« hat alle unsere Erwartungen übertroffen. Mehr als 600 Menschen haben drei Tage lang über Selbstorganisierung, Gegenmacht, Basisarbeit und ein kollektives, selbstbestimmtes Leben diskutiert. Internationale Referent_innen berichteten über ihre Erfahrungen in basisdemokratischen Projekten aus Kurdistan, Chiapas, Italien, der Türkei und Griechenland. In zahlreichen Workshops tauschten sich Aktivist_innen über ihre Kämpfe um Selbstorganisierung und Widerstand unter anderem in der Lohnarbeit, im Reproduktionsbereich, im Stadtteil, von Geflüchteten oder in femininistischen Kämpfen aus. Die Teilnehmenden waren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum angereist: Aus dem Wendland, aus München, Bern, Zürich, Wien, Aachen, Nürnberg, Dresden, Bremen, Münster, Kiel, Frankfurt am Main, aus Königs-Wusterhausen, Hamburg, usw. usf., kurz: von überallher. Die Menschen haben sich vernetzt, Kontakte für zukünftige Zusammenarbeit ausgetauscht, sich befreundet und Pläne für die Zukunft geschmiedet. Es waren so viele Menschen mit so viel revolutionärer Leidenschaft da, dass wir selbst ganz überrascht sind.

Wir, die Organisator_innen und Unterstützer_innen des »Selber machen«-Kongresses 2017, möchten uns an dieser Stelle nochmal recht herzlich für dieses motivierende und bewegte Wochenende bedanken. Unser Dank richtet sich an alle Menschen, die den Kongress möglich gemacht und gestaltet haben. Ob ihr auf die Kinder aufgepasst, diskutiert, gekocht, referiert oder einfach nur zugehört habt, alle haben ihren Teil zu diesem lebendigen Wochenende beigetragen.

Wir entschuldigen uns hiermit für all die Fehler und Lücken, die es seitens der Organisation gab: Wir hatten keine Kinderbetreuung hinbekommen, die Räume waren für die vielen Interessierten zu klein, es gab fast immer zu wenig Essen und manchmal hat die Technik versagt oder die Verdolmetschung war nicht für alle zugänglich. Der Kritik nehmen wir uns an und versuchen, daraus zu lernen. Manchmal funktioniert in der Praxis leider nicht alles so, wie es angedacht war.

Dennoch ist auf dem Kongress viel entstanden und das meiste davon spontan und ungeplant. Als der Workshop zu den Arbeitskämpfen aus allen Nähten platzte, dass sich sogar im 20-qm-Vorraum die Leute dicht an dicht drängten, obwohl dort gar nichts mehr zu verstehen war, seilte sich eine Gruppe ab und etablierte spontane eine Diskussionsrunde zum Begriff der Gegenmacht. In einer mit Verve geführten Kontroverse im Workshop »linke Häuser, linker Kiez« sagten die einen: Wir müssen raus aus der Subkultur! Während die anderen vor dem Verlust an Radikalität warnte und sagte: Wir brauchen die Subkultur! Sonntag morgens, auf den Bierbänken in der Sonne brachte ein Genosse vor, dass wir gegen die bisherige Theorie auf die Erfahrungen und Erkenntnisse, die in den Kämpfen und Organisierungen entstehen, setzen müssen – während ihm eine Genossin vorhielt, dass Bildungsarbeit, Wissen, kritische Begriffe unabdingbar für emanzipatorische Prozesse seien. Irgendwann, in der Nacht nach dem Kongress, in einem vor Kreativität, Diskussionslust und Motivationssprühenden Gespräch entstand die Idee, dass die heutigen Politgruppen selbst Basisorganisierung werden und sich zu Reproduktionskollektiven entwickeln sollen: Gemeinsam sich um die Kinder, Wohnungsrenovierung, die Hartz-Knete, die Probleme in der Lohnarbeit, ökonomische Ängste, Psychokram kümmern sollen.

Ganz großartig fanden wir auch den gemeinsamen Kongressabschluss im Hof des Bethanien: Die Zelte um uns herum haben es uns schön gemütlich gemacht, über uns hat Sonnenschein für tolle Laune gesorgt, und wir hatten eine solidarische Diskussion mit unterschiedlichen Perspektiven und Ideen. Bei allem Chaos der Konferenz: Besser hätte der Abschluss nicht laufen können. Uns gab er deutlich das Gefühl, dass es hier eine gewisse community gibt, und wir alle gemeinsam an einem »Puls der Zeit« sind. Zugleich hat er erneut gezeigt, aus welch heterogenen Strömungen wir alle kommen, so dass sofort die traditionellen Kontroversen aufflammten. Diese schienen aber nicht mehr ritueller Schlagabtausch zu sein, sondern auf neue Weise die kontroverse, aber fruchtbare Arbeit an einem gemeinsamen Projekt zu sein. Uns Kongressleuten ging es jedenfalls so, dass wir, gerade weil wir gestritten haben, so viele Anstöße mitnehmen konnten.

Was aus diesem Kongress entsteht, müssen die Prozesse im Lauf der Zeit erweisen. Wir versuchen dafür eine Basis zu schaffen, indem wir auf der Website www.selbermachen2017.org die Audiomitschnitte der Veranstaltungen sowie eine Liste der Strategiepapier der vergangenen Jahre veröffentlichen. Der Kongress hat vor allem eines gezeigt: Dass es noch viel Klärungs- und Diskussionsbedarf gibt, wie wir in der »neuen Praxis«, die die meisten von uns momentan entwickeln, agieren sollen. Einige Gruppen arbeiten daher an einem Papier, das offene Fragen und Kontroversen der Konferenz dokumentiert, um eine Grundlage für die weitere gemeinsame Arbeit zu schaffen. Dieses Papier wird in einigen Wochen herauskommen.

Auf dem Delegiertentreffen des Kongresses haben wir beschlossenen, einen Mailverteiler aufzubauen, damit wir uns gegenseitig über unsere Diskussionen und Vorhaben informieren können und auf dieser Basis zukünftige gemeinsame Projekte wie etwa ein »Selber machen II«-Kongress planen können. Um euch in den Mailverteiler einzutragen, schickt bitte eine Mail mit dem Betreff »Liste Selbermachen« an kollektiv at riseup punkt net (key hier). Sowohl Gruppen als auch Einzelpersonen können sich eintragen. Falls es keine Website von euch gibt, auf der eure Mailadresse steht und aus der hervorgeht, wer ihr seid, dann schreibt bitte in eurer Mail kurz etwas zu euch.

Wir alle haben viele offene Fragen aus dem Kongress mitgenommen. Ein großes Anliegen von uns ist es, diese Diskussionen nicht abbrechen zu lassen. Deswegen möchten wir nochmal allen Teilnehmenden und Interessierten ans Herz legen weiterzumachen. Nehmt die Fragen mit in eure Schule, eure Politgruppe, eure Lohnarbeit und diskutiert! Vielleicht kann das von uns folgende Papier euch dabei helfen. Das Papier ist ein Call nach verschiedensten Debattenbeiträgen! Also skizziert eure Diskussionen, veröffentlicht sie, bezieht euch aufeinander! Und neben all dem Theoretischen, vergesst die Praxis nicht! Vernetzt und organisiert euch weiter, tauscht Erfahrungen aus und lernt voneinander. Wir hoffen der »Selber machen«-Kongress 2017 war auch für euch Motivation und Anstoß für die fortlaufende Auseinandersetzung rund um Theorie und Praxis von Selbstverwaltung und Basisorganisierung!

Solidarische Grüße
Die Organisator_innen und Unterstützer_innen des »Selber machen«-Kongresses 2017

Auf der Webseite des Konferenz wurden bereits einige Audiobeiträge und Strategiepapiere veröffentlicht. Weitere werden folgen.

www.selbermachen2017.org

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