[Rojava-Tagebuch XIII] Tschüss Tastatur, moin Schaufel

Unsere Arbeit als Journalisten in Rojava endet. Unser Aufenthalt nicht.

Die Rojava-Tagebücher neigen sich dem Ende zu. Unsere journalistische Reise nach Rojava ist vorbei. Wir haben vieles gesehen, gelernt und dutzende Texte veröffentlicht in den vergangenen drei Monaten. Jetzt ist es an der Zeit, aufzubrechen. Für zwei Kollegen bedeutet das, den Weg nachhause, nach Deutschland, anzutreten. Für uns andere bedeutet es, das Keyboard gegen andere Werkzeuge der Revolution einzutauschen.

Die vergangenen Monate waren für uns alle etwas Besonderes. Manchmal waren wir körperlich am Ende, manchmal auch psychisch. Und doch gibt es unter uns niemanden, der auch nur eine Sekunde bereut hätte, den Weg nach Rojava angetreten zu haben.

Als wir hier ankamen, fanden wir Freund*innen und Genoss*innen, die aus genau denselben Gründen gekommen waren wie wir: Wir wollen lernen, was es bedeutet, ein*e Militante*r der Revolution zu werden. Wir wollen unseren – wenn auch kleinen – Beitrag in diesem großartigen, widersprüchlichen Aufbruch der Menschen im Norden Syriens leisten. Und diejenigen, die wie wir irgendwann zurück nach Europa wollen, wollen anders zurückkommen, als sie gegangen sind.

Es war großes Glück, dass genau in jener Zeit, als wir in Rojava ankamen, die Vorbereitungen zu einer Institution abgeschlossen waren, die wie gemacht für diese Ziele ist: Die „Internationalistische Kommune“ als erste zivile Akademie für Ausländer*innen in Rojava. Wir landeten bei den anderen Revolutionär*innen, die an diesem Projekt arbeiten und lebten uns ein. Wir lernten kurdisch – so gut es eben ging -, wir begannen zu diskutieren, uns mit uns und unserem Zusammenleben zu befassen. Wir wurden ein funktionierendes Kollektiv: Kommunist*innen, Anarchist*innen, Autonome.

Die Idee der „Internationalistischen Kommune“ ist, eine Art Schule für diejenigen zu werden, die sich in die Revolution Rojavas einbringen wollen. Das Lernen in einer solchen Schule hat viele Aspekte. Einer der ersten ist es, die Passivität, die viele von uns aus den kapitalistischen Metropolen mitgebracht haben, zu überwinden. Der Möglichkeitsraum, den uns die kurdische Bewegung zur Verfügung stellt, ist riesig, doch wir müssen ihn selber füllen. Zeigen wir keine Initiative, bleibt er leer. Das ist am Anfang anstrengend, denn es bedeutet von frühmorgens bis spät in die Nacht tätig zu sein. Die Möglichkeiten, uns durch Ablenkungen aus dem Leben zu katapultieren, sind verschwunden: Es gibt keine Bars für die alkoholinduzierte Realitätsflucht, keine Playstations für die Rambo-Helden-Simulation, keine Fitness-Studios für die Selbstoptimierung entlang kapitalistischer Schönheitsideale. Negative Verhaltensweisen kann man nicht vor dem Kollektiv verbergen, vor einer Auseinandersetzung kann man sich nicht drücken.

Wir haben nur uns und die Wirklichkeit dieser Gesellschaft, in der wir leben. Und so arbeiten wir rund um die Uhr, an uns selbst und am Aufbau der Infrastruktur für die hunderten, vielleicht tausenden weiteren Internationalist*innen, die hier her kommen werden. Dass wir in Rojava bleiben – zumindest vorerst -, bedeutet, dass wir uns Zeit nehmen. Zeit für die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und Zeit für Bildung.

Die Bildung, die wir hier erhalten, unterscheidet sich fundamental von derjenigen, die wir in Deutschland genossen haben. Sicher, man lernt auch hier in langen Vorträgen die Geschichte der kurdischen Bewegung, des Frauenkampfes, der revolutionären Aufstände weltweit und insbesondere im Mittleren Osten. Zugleich aber lernt man auch in der Praxis: Denn sobald wir die Sprache können, beginnt unsere Tätigkeit in verschiedenen Bereichen der gesellschaftlichen Institutionen hier.

Und noch in den Monaten, die wir im Dorf der Kommune miteinander verbringen, lernen wir vor allem eines: wie können wir als Genoss*innen zusammen leben, zusammen nachdenken und Erkenntnisse gewinnen, zusammen arbeiten, sodass die Art und Weise, in der wir das tun auf Freundschaft, Respekt und Kollektivität gegründet ist.

Dass dieses Lernen in einem revolutionären Prozess stattfindet, dass wir ständig mit anderen diskutieren und uns austauschen, hat den Effekt, dass auch die theoretische Auseinandersetzung sich verändert. Unser Bedürnis nach neuem Wissen ist größer geworden. Wir verschlingen Bücher zu den scheinbar abgelegensten Themen: Romane aus dem Spätmittelalter, Gedichtbände aus Südamerika, historische Arbeiten über Hexenverfolgung und Bauernaufstände. Auch die Klassiker des Marxismus und Anarchismus studieren wir mit einem frischeren Blick. Denn wir lesen sie nicht mehr, um klüger als andere zu reden oder um Seminararbeiten mit Zitaten zu würzen. Wir lesen, weil wir alles an Wissen brauchen, dass die Unterdrückten und Widerständigen in der Geschichte der Menschheit zusammengetragen haben.

Wir haben, seit wir in Rojava angekommen sind, sicher kitschiger und romantischer geschrieben als früher. Manchmal lesen wir die Texte und sagen zueinander: ‚Das kannst du doch so nicht formulieren, die glauben doch alle, wir sind völlig durch.‘ Aber die Wahrheit ist, dass diese Erfahrung für uns eine war, die unsere politische Identität in einer kritischen Zeit gefestigt hat. Wir sind keine 20 mehr. Auch keine 25. Wir waren in Deutschland an einem Punkt angelangt, an dem sich die Frustrationserfahrungen so vieler Jahre so angestaut hatten, dass einige von uns daran dachten, hinzuschmeißen und den Weg in die Bürgerlichkeit anzutreten (oder als Dauergast in die Eckkneipe umzusiedeln).

Das, was wir in den Bergen Kurdistans und in den Ebenen Rojavas gesehen, gefühlt und erkannt haben, die Genoss*innen aus so vielen Ländern, die wir kennenlernen durften, haben uns vor Eckkneipe und Kleinfamilie gerettet. Wir haben Hoffnung. Wir empfinden Freude über das, was wir tun. Und wir sind überzeugt, dass die Sache der Revolution gewinnen kann – überall.

Als 1937 revolutionäre Schriftsteller*innen zu einem Kongress zusammentrafen, in dem sie die Möglichkeiten ihrer Partizipation diskutierten, sagte Ludwig Renn: „Wir Schriftsteller an der Front haben die Feder aus der Hand gelegt, denn wir wollten nicht mehr Geschichte schreiben, sondern Geschichte machen.“ Es klingt vielleicht zu hoch gegriffen, aber es ist doch so: Wir Internationalist*innen haben heute die Gelegenheit, Geschichte zu machen. Zum einen unsere eigene Geschichte, auf dass wir Revolutionär*innen werden, die auch nach der Rückkehr „der Revolution nicht nur ihre freien Abende widmen, sondern ihr ganzes Leben“, wie Lenin schreibt.

Zum anderen hoffen wir, die Geschichte jener Gesellschaften, in denen wir leben und arbeiten, beeinflussen zu können. Mit dieser Überzeugung werden unsere zwei Kollegen nachhause zurückkehren und das LCM weiterführen,es ausbauen und verbessern. Mit derselben Überzeugung werden wir beide hier bleiben und uns anderen Tätigkeiten widmen, die für die Revolution nützlich sind.

# Fatty McDirty und Peter Schaber

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