[Rojava-Tagebuch XII] „Den Massen ihre eigene Aktion erklären“

Über Frauenbefreiung und die Rolle der Avantgarde-Partei in der nordsyrischen Revolution.

„Ich habe Serokatî noch selbst gesehen, als er hier in Syrien war“, schwärmt Qenco im Wohnzimmer seines Hauses in der nordsyrischen Kleinstadt Derik. Serokatî, kurdisch für „die Leitung“, meint den Gründer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) Abdullah Öcalan und Qenco ist einer jener Menschen, die man in Kurdistan welatparez nennt. Welatparez, die „Schützer der Heimat“, das sind die vielen tausenden Unterstützer der kurdischen Bewegung, die zwar selbst keine Guerilla sind, ohne die sich die Kämpferinnen und Kämpfer allerdings kaum versorgen und in der Bevölkerung bewegen können. „Anfang der 2000er haben wir Waffen und Literatur im Garten vergraben oder im Mauerwerk versteckt“, erzählt Qenco und zeigt mir ein halb zerrissenes Heft.

Qenco ist ein durchschnittlicher Arbeiter, kein politischer oder militärischer Kader. Und doch kennt er die komplizierten philosophischen Schriften Abdullah Öcalans aus dem Effeff. Bis weit nach Mitternacht diskutieren wir über Friedrich Nietzsche – der Zoroastrismus ist in der Region ein beliebtes Gesprächsthema und das Buch „Also sprach Zarathustra“ des deutschen Philosophen nicht unpopulär -, über die Genozidpolitik der Türkei und die Geografie Kurdistans. Während wir uns unterhalten, bekommt Qenco Hunger, wir essen Käse, Omelett, Oliven, ein paar süße Leckereien, trinken dreimal Cay.

Die Zubereitung all dieser Snacks obliegt Qencos Frau. Sie arbeitet unentwegt, während wir sitzen. Sie kocht, macht den Tee, putzt nebenbei, als wir müde werden, richtet sie die Betten. Zum Essen setzt sie sich nicht zu uns, sie, ihre Töchter und ihre Mutter essen in einem anderen Raum. Ihren Namen erfahre ich nicht. Als ich aufstehe, um beim Abräumen zu helfen, wird der ansonsten stets freundliche Qenco ernst. Das macht man nicht, das ist Frauensache.

Frauenbefreiung zählt zu den Kernthemen der Ideologie der kurdischen Befreiungsbewegung. Und doch sind in vielen Familien, auch politischen, Frauen immer noch die unsichtbaren und unbezahlten Arbeitskräfte, die all jene Tätigkeiten verrichten, die ihnen die Jahrtausende alte patriarchale Tradition zugedacht hat.

Der Kampf gegen so tief verwurzelte Herrschaftsmechanismen ist keiner, der in sechs Jahren – solange besteht die kurdische Autonomie in Rojava – gewonnen werden könnte. Er ist wahrscheinlich nicht einmal in sechs Jahrzehnten, vielleicht gar in sechs Jahrhunderten nicht vollends zu gewinnen.

Und dennoch sind die Fortschritte immens. Denn die kurdisch Bewegung hat eine Praxis entwickelt, die den Widerspruch aushält und jenseits von moralischer Selbstvergewisserung tatsächlich auf seine Auflösung hinarbeitet. Schon Ende der 1990er Jahre hatte Abdullah Öcalan die Losung ausgegeben, es gehe um das „Töten der Männlichkeit“, türkisch: Erkeği öldürmek. Öcalan sieht in Patriarchat, Klassenausbeutung und staatlicher Herrschaft ein und dieselbe Herrschaftsstruktur, die überwunden werden müsse. Er schreibt: „In der Tat ist es das Grundprinzip des Sozialismus, den dominanten Mann zu töten.“

Zugleich sieht er die Verhaltensweisen von Individuen als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Auf dem 3. Parteikongress 1986 hielt die PKK fest: „Das, was wir heute hier analysieren, ist nicht der jetzige Moment, sondern die Geschichte. Und wir analysieren nicht den einzelnen Menschen, sondern die Klasse, die Gesellschaft.“ Die patriarchale Verfasstheit dieser Gesellschaft will die kurdische Bewegung ändern.

Vorher waren wir unsichtbar

Aber wie? Die Hauptrolle dabei spielen jene tausenden Frauen, die sich seit Beginn der Gründung der Partei allen Widerständen in Gesellschaft und Familie zum Trotz der PKK anschlossen. Ihr unversöhnlicher Kampf um Selbstbehauptung ist die Grundlage der Entwicklung jenes breiten Geflechts an Institutionen, über das die Frauenbewegung heute in Rojava verfügt: Mala Jin – „Frauenhäuser“ als Regulierungsinstanzen gesellschaftlicher Konflikte; Akademien, in denen Jineoloji, die Wissenschaft der Frau, gelehrt wird; bewaffnete Formationen zum Selbstschutz wie die Frauenverteidigungseinheiten YPJ oder die kommunalen Fraueneinheiten HPC-Jin.

Das Aufbrechen patriarchaler Strukturen funktioniert vor allem durch die Anziehungskraft, die die Fraueninstitutionen auf junge Frauen ausüben. Der Gang zur Guerilla oder in die YPJ ist häufig der erste Schritt aus den verknöcherten Strukturen der Familie.

„Schon vor Daesh, zu Regimezeiten, hatten Frauen kaum Rechte. Dann kam Daesh und alles wurde noch viel schlimmer. Die Existenz von Frauen wurde vernichtet“, sagt Mirjam, die in der mehrheitlich arabischen Stadt Minbic am Aufbau der neuen Jugendstrukturen mitwirkt. „Als die kurdische Bewegung hier ankam, war es das erste Mal, dass wir eine Selbstwahrnehmung entwickelten, dass wir anfangen konnten, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.“ Wie reagierten die Männer? „Unter Daesh waren wir versteckt, unsichtbar. Seit die Bewegung hier ist, werden wir sichtbar, unser Eingeschlossensein hat ein Ende. Die Männer konnten gar nicht anders, als das zu akzeptieren, weil das alte System zusammengebrochen war.“

Dennoch, der Widerstand der Männer dauert an und setzt sich vor allem durch die Familienstrukturen durch. „Das größte Problem ist immer noch der verschlossene Charakter der Gesellschaft hier. Viele Familien halten ihre Töchter zurück, lassen sie nicht teilnehmen. Aber auch das verändert sich langsam.“ Tatsächlich gibt es immense Fortschritte. In einer welatparez-Familie in Kobane erinnert sich der Vater: „Zuerst ging mein Sohn zur Guerilla. Dann wollte auch eine meiner Töchter. Natürlich habe ich sie gehen lassen. Denn was hätte ich denn machen sollen? Hätte ich nein gesagt und sie verheiratet, wäre sie doch sowieso abgehauen und gegangen. Ob ich ja oder nein sage, wenn sie sich entscheidet, dann kann man sie nicht aufhalten.“ Er spricht voller Bewunderung und stolz von seiner Tochter.

Ohne Avantgarde geht’s nicht

An den Kämpfen zur Überwindung des Patriarchats zeigt sich auch ein Moment dieser Revolution, das für alle Bereiche des Kampfes gilt und in Europa zu wenig beachtet wird. Der Linken im Westen gilt Rojava als Verwirklichung einer Demokratie „von unten“. Kommunen, Räte, eine Konföderation. Keine Hierarchien, keine Partei, ein spontanes Projekt der Bevölkerung. Anarchisten und „libertäre“ Kommunisten schwärmen von dem neuen Aufbruch als einer Art Schlaraffenland der Basisdemokratie. Ein anarchistischer Autor erfindet zum Beleg seiner These sogar den Mythos, in der YPG würden die Kommandanten von ihren Einheiten per Direktwahl bestimmt.

Der Wandel in Rojava vollzieht sich „von unten“ – ja. Und er vollzieht sich aus einer Dynamik der Gesellschaft selbst – sicher. Kommunen und Räte werden aufgebaut und sind der Kern demokratischer Willensbildung hier – stimmt. Aber zentral ist auch: All das geschieht nicht in dem Sinne von selbst, dass es keine Avantgarde bräuchte. Die Revolution in Rojava ist der praktische Beweis der Richtigkeit der Leninschen Avantgarde-Theorie, nicht ihre Widerlegung.

Bleiben wir bei der Frauenbefreiung. Sie kam nicht über Rojava wie ein deus ex machina. 2011 war nicht der Null-Punkt der Organisierung der kurdischen Bewegung in Syrien. Vielmehr: Dass aus dem spontanen Aufbegehren, der Rebellion, ein revolutionärer Prozess werden konnte, lag daran, dass es bereits eine organisierte Kraft gab, die lenkend eingreifen konnte. Es waren Militante der PKK, die jene Maulwurfsarbeit erledigten, die den verhärteten Grund lockerte.

Seit Jahrzehnten haben Kader*innen hier gewirkt, sind von Familie zu Familie gezogen, haben welatparez-Strukturen aufgebaut. Die autonome Organisierung von Frauen, heute ein unhintergehbarer Standard in der kurdischen Bewegung, wurde in einem langen Prozess von Guerilla-Kämpferinnen in der eigenen Organisation durchgesetzt. Heval Sara, Heval Beritan, Heval Berivan, Heval Zilan – die Bilder dieser Berufsrevolutionärinnen hängen heute in allen Fraueninstitutionen Rojavas. Ohne sie gäbe es heute keine YPJ. Und was für die Frauenorganisierung gilt, gilt für die gesamte Revolution: So sehr sich liberale Kreise bemühen, es zu leugnen, ohne die PKK existierte heute in Rojava nichts, was der Rede wert wäre.

Produkt und Produzent ihrer selbst

Die zentrale Rolle einer Avantgarde allerdings beschränkt sich nicht auf die Vorgeschichte der Revolution. Immer noch ist es ein Netz aus Kader*innen, Berufsrevolutionär*innen, von denen das Geschick des Aufbruchs in Rojava abhängt. Sie helfen, leiten und bilden. Sie sind die politisch bewusstesten Teile dieser Revolution, sie korrigieren andere und sich selbst im Prozess der Selbstermächtigung zu militanten Persönlichkeiten.

Die Partei muss, so schrieb einst der ungarische Marxist Georg Lukacs, „den Massen ihre eigenen Aktionen erklären, um auf diese Weise nicht nur die Kontinuität der revolutionären Erfahrungen des Proletariats zu bewahren, sondern auch die Weiterentwicklung dieser Erfahrungen bewußt und aktiv zu befördern.“ Die Avantgarde ist dabei nicht – was sie geschichtlich sicher des Öfteren wurde – ein von der Gesellschaft abgehobener Teil, der über sie gebietet. Im Gegenteil: „Es liegt im Wesen der Geschichte, stets Neues zu produzieren. Dieses Neue kann nicht durch irgendeine unfehlbare Theorie im voraus errechnet werden: es muß im Kampfe, aus seinen ersten sich zeigenden Keimen erkannt und bewußt zur Erkenntnis gefördert werden“, analysiert Lukacs. Die Avantgarde erkennt die Keime und umsorgt sie, gießt sie, richtet den ein oder anderen Ast aus, schneidet die verdorrten Blätter ab.

Die Leitung der Revolution erfolgt nicht unmaßgeblich durch das eigene Vorbild: Die Militanten der kurdischen Bewegung haben untereinander ein Zusammenleben entwickelt, dass vor allem die Jugend und die Frauen anspricht. Es ist ein egalitäres, auf dem Konzept von hevaltî – Genoss*innenschaftlichkeit – basierendes Leben, das vom permanenten Kampf gegen Widerstände, gegen innere wie äußere geprägt ist. Das in den kleinen Einheiten der Guerilla entwickelte Zusammenleben wird so zum Inhalt eines gesellschaftlichen Aufbauprozess, der sich selbst hier wiederum durch die Dynamiken der Gesellschaft verändert und bereichert.

Die Avantgarde der Militanten reproduziert sich so selbst. „Lenin ist nicht nur niemals ein politischer Utopist gewesen, sondern er hat auch nie in bezug auf das Menschenmaterial seiner Gegenwart irgendwelche Illusionen gehabt. ‚Wir wollen‘, sagt er in der ersten Heldenzeit der siegreichen proletarischen Revolution, ‚den Sozialismus mit den Menschen errichten, die vom Kapitalismus erzogen, von ihm verdorben und verderbt, aber dafür von ihm auch zum Kampf gestählt worden sind.‘ Die ungeheuren Anforderungen, die der Leninsche Organisationsgedanke an die Berufsrevolutionäre stellt, haben nichts Utopisches an sich. Freilich auch nichts an der Oberfläche des gewöhnlichen Lebens, der gegebenen Tatsächlichkeit, der Empirie Klebendes. Die Leninsche Organisation ist insofern selbst dialektisch – also nicht nur Produkt der dialektischen Geschichtstentwicklung, sondern zugleich ihr bewußter Förderer – als auch sie selbst zugleich Produkt und Produzent ihrer selbst ist“, schreibt Lukacs. „Die Menschen machen ihre Partei selbst, sie müssen einen hohen Grad von Klassenbewußtsein und Hingebung haben, damit sie an der Organisation teilnehmen wollen und können; aber zu wirklichen Berufsrevolutionären werden sie erst in der Organisation und durch die Organisation.“

Wir haben viel Aufklärungsarbeit zu leisten“

Diesen Prozess kann man in Rojava jeden Tag, jede Sekunde beobachten. Kader unterstützen den Aufbau von Institutionen, in die Menschen kommen, die im alten System sozialisiert wurden – klar, welche auch sonst? Im Leben der Organisation verändern sie sich, werden selbst zu Militanten, schaffen sich und die Organisation täglich neu.

Mirjam aus Minbic etwa kennt die kurdische Bewegung seit einigen Monaten. Der Eindruck, den die Kämpferinnen der YPJ bei ihr hinterließen, zog sie an: „In dem Moment, in dem Frauen als organisierte Kraft Waffen in die Hand genommen haben, hat das die ganze Gesellschaft verändert – und zwar nicht nur den militärischen Bereich. Es ist eine sehr tiefgreifende Veränderung.“ Sie trat der Jugendorganisation bei, begann ihre eigenen Interessen, die zuvor verschüttet unter den Herrschaftsmechanismen einer kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft lagen, freizulegen.

Die Befreiung, das neue Selbstbewusstsein, das sie an sich selbst erlebte, will sie heute weitergeben. „Das größte Problem ist es, wenn Frauen kein Bewusstsein ihres eigenen Seins haben. Wir haben hier viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Im Moment ist unsere Hauptaufgabe, die Frauen zu versammeln, sie zu bilden, ihnen zu zeigen, wie sie Selbstbewusstsein entwickeln können. Das wichtigste ist dabei die Organisierung, damit wir uns unsere Rolle in der Gesellschaft erkämpfen können.“

# Peter Schaber

# Foto: Willi Effenberger

 

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