[Rojava-Tagebuch IX] Eine Ode an den Esel

„Ein jeder Esel ist gleichsam eine Welt im Ganzen und ein Spiegel Gottes oder vielmehr des ganzen Universums, das jeder in der ihm eigentümlichen Weise ausdrückt.“ (G. W. Leibniz)

Es sind nicht viele Tage, an denen die Straße auf die Hochebene des Sengal-Berges so stark befahren ist, dass sich Konvois von Geländewagen bilden. Der Carsema Sor, der Rote Mittwoch, den die Jesid*innen jedes Jahr im April begehen, aber war ein solcher Tag. Wir fuhren in einer langen Kolonne militärischer und ziviler Fahrzeuge die Serpentinen gen Gipfel, als uns einer auffiel, den der ganze Trubel so überhaupt nicht zu interessieren vermochte: In die ohnehin zu schmale Straße ragte ein halber Esel. Sein Hinterteil befand sich noch auf der ihm zugedachten Wiese, Schnauze, Kopf und Vorderbeine aber blockierten mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit den Durchgang. Die eigentlich zweispurige Bahn war auf eine Spur reduziert, der Gegenverkehr musste halten.

Das festliche Hupkonzert, die Kinder, die Parolen riefen, der Umstand, dass sich keine zehn Zentimeter vor seiner Nase Karosserien vorbeischoben – nichts vermochte ihn zu bewegen. Hier stehe ich, ich will nicht anders, schien er zu sagen. Es versuchte auch niemand ihn zu bewegen. Man weiß, es ist aussichtslos und der Aufwand, den Esel zu verscheuchen, nimmt mehr Zeit in Anspruch, als ihn gewähren zu lassen.

In den kommenden Wochen begegnete uns der Esel – als Thema, nicht jener konkrete Esel – häufiger. Zum einen ist er das absolute Lieblingstier vieler Freund*innen. Zum anderen kann er kleine Doschkas tragen, wenn man zu Operationen gegen den Feind ausrückt, weswegen er in so mancher Kriegsgeschichte vorkommt. Nicht zuletzt sorgt er für Verwirrung. Denn wer am Frühstückstisch kêr bide min meint, aber ker bide min sagt, verlangt von seinem Gegenüber kein Messer, um den Käse zu schneiden, sondern einen Esel.

Das erste was uns, wenn wir nicht genauer über den Esel nachdenken, einfällt, ist seine vermeintliche Blödheit. Sucht man heute nach Synonymen für „Esel“ findet man nur Verleumdungen: Idiot, Einfallspinsel, Kleingeist, Dummkopf. In der aesopischen Fabeln Der Esel und die Ziege ist unser grauer Freund so arglos, dass er den Streich der Ziege nicht ahnt (und ihn dennoch überlebt, aber das ist eine andere Geschichte); im Der kleine Muck wachsen den Dummen Eselsohren. Und im Nasreddin Hodscha, einer Sammlung von Schwänken aus Anatolien und dem Mittleren Osten ist er vollkommen auf seine Eigenschaft als Nutztier reduziert. Er wird geschlagen und getriezt, ihm wird der Schwanz abgeschnitten, er wird am Markte feilgeboten und an einer Stelle schiebt ihm der Hodscha Pfeffer in den Hintern, auf dass er schneller laufe.

Dass er als Nutztier, als ausschließlich zur Verwertung seiner Kraft dienlicher Gegenstand, gesehen wird, wirft ein besseres Licht auf seine Dummheit. Denn die schreibt man ihm vor allem deshalb zu, weil er stur ist. Die Sturheit wird von denen, die den Esel zu ihren eigenen Zwecken verwenden wollen, als Dummheit interpretiert, wo sie doch eigentlich Widerständigkeit ist. Der Esel ist nicht zu blöd, um zu verstehen, er will einfach nicht das tun, was sein Herr ihm aufnötigen will.

In der Geschichte der Mythologie finden sich deshalb auch zahlreiche Beispiele, die ein anderes Bild vom Esel darbieten: In der biblischen Geschichte von Bileam ist die Eselin es, die die Gefahr des Engels, der Bileam töten will, erkennt und ihn davor bewahrt, dafür aber nur Schläge erntet, weil Bileam zu dumm ist, die Gefahr zu verstehen.

Man kann die vermeintliche Dummheit des Esels so auch als seinen stoischen Widerstand gegen seine Unterwerfung als Nutztier deuten, als eine Art symbolische Vergegenwärtigung der unterdrückten Klassen, die jederzeit als „dumm“ geschmäht werden, wo sie einfach nicht so erzogen werden wollen, wie die herrschenden sie gerne zurichten möchten.

Dass das so weit hergeholt nicht ist, zeigt der Pinocchio. Als Pinocchio mit dem Heimchen diskutiert, sagt er entschieden, dass er nicht zur Schule will. Auf diese Art von Lernen habe er „überhaupt keine Lust“. „Da vergnüge ich mich lieber damit, den Schmetterlingen hinterherzulaufen oder auf Bäume zu klettern und Vögelchen aus dem Nest zu holen.“ Wenn du so handelst, dann wirst du, wenn du erwachsen bist, „ein großer Esel sein“, kontert das Heimchen. Später wird Pinocchio dann tatsächliche, weil er zu viel spielte, müßigging, sich zu sehr amüsierte und den „Schulmeistern die kalte Schulter zeigte“, in einen Esel verwandelt.

Die „Unartigkeit“ und das „Faulenzen“ wird zur negativen Eigenschaft, wo noch das letzte bisschen Arbeitskraft in die Maschinerie der Verwertung eingespeist werden muss. Der Esel ist das Sinnbild des Schuftens und der latenten Verweigerung des Schuftens zugleich.

Was mit jenen passiert, die nicht mehr verwertbar sind, zeigt ebenfalls ein Märchen, in dem der Esel eine Rolle spielt. In den Bremer Stadtmusikanten ziehen vier Tiere, die ihrem Herrn nutzlos geworden sind und deshalb umgebracht werden sollen, aus, um selbstverwaltet zu leben. Der Esel ist hier die Initiativkraft. Er übernimmt die Avantgarde-Rolle, in dem er seine Leidensgenoss*innen darauf hinweist: „Etwas besseres als den Tod findest du überall.“

Die als Dummheit geschmähte Sturheit des Esels ist in dieser Hinsicht dieselbe Art von Dummheit, die eine alte chinesische Sage, die Mao Tse-Tung gelegentlich niederschrieb. In ihr geht es um Yü Güng, einen närrischen Greis. Der alte Dummkopf lebte im Norden Chinas und dort, wo er wohnte, versperrten zwei riesige Berge ihm die Sicht, der Taihang und der Wangwu. Der Dummkopf sagte sich also: ich muss diese zwei Berge entfernen und begann zu graben. Da trat ein „weiser alter Mann hinzu“. Er schmähte den Dummkopf: „Wie dumm du doch bist. Du wirst es niemals schaffen, diese beiden Berge abzutragen.“ Doch der Dummkopf ließ sich nicht beirren. „Ich werde graben, bis ich sterbe. Danach werden meine Söhne weiter graben und deren Söhne und deren Söhne. Bis in alle Ewigkeit.“ Gott sah diese Aufopferung und schickte zwei Engel, die die Berge wegtrugen. Mao liest die Geschichte so: „Heute liegen zwei Berge schwer auf dem chinesischen Volk. Der eine davon heißt Imperialismus, der andere Feudalismus.“ Die Revolutionär*innen müssten anfangen, sie abzutragen, wie groß sie auch schienen. Und wenn sie das gut täten, würde die Bevölkerung sich erheben und die Berge zerschmettern.

Unschwer zu sehen ist, dass der närrische Greis ein Esel ist. Und ebenso unschwer zu sehen ist, dass unsere weisen alten Männer, die nie anfangen, die Berge abzutragen, weil sie keinerlei Glauben mehr an die Revolution haben und ihnen deshalb ohnehin jede Kleinigkeit als zu großes Opfer erscheint, noch lange Zeit lernen müssen, um je Esel zu werden.

# von Peter Schaber (für Heval X.)

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