[Rojava-Tagebuch XI] Gebt keinen euresgleichen auf

Wie man Menschen richtig an den Haaren zieht und wofür das gut ist.

Wir, die wir neu in Rojava angekommen sind, sind wie Kinder. Wir müssen alles neu lernen. Mühsam bilden wir unsere ersten Sätze auf Kurdisch, fangen an, unsere Umgebung zu erforschen. Ev çi ye? Ev çi ye? Çima? Was ist das? Was ist das? Warum ist das so? Anders als Kinder aber können wir nicht bei Null anfangen, unschuldig und wissbegierig. Wir müssen schon Gelerntes aufbrechen, es erneuern oder gleich ganz kaputt machen.

Eine der wichtigsten Sachen, die wir neu lernen, betrifft dabei unser Verhältnis als Revolutionär*innen zu jenen Menschen, die man Volk, gel, nennt, oder für deutsche Verhältnisse vielleicht leichter zu akzeptieren: civak, Gesellschaft. Dieses ist oft nicht einfach. Denn man triff, wenn man sich traut, aus den eigenen vier Wänden hinauszugehen, auf Hürden. Man muss mit Widersprüchen umgehen lernen, sie aushalten können. „Wisst ihr“, erzählt eine Internationalistin, die schon seit langem hier in Rojava arbeitet, „du kannst hier auf Männer treffen, die haben im Kampf um die Revolution alles gegeben. Dann bist du eines Tages bei ihnen zu Hause eingeladen und du bemerkst, sie haben drei Frauen. Was machst du dann?“ Die schlechteste Variante wäre der Kontaktabbruch. Die beste sei die Diskussion, das Aufklären, das Schaffen von Bewusstsein. Und zwar mit langem Atem. „Was die Revolution hier erreicht hat, ist die Sichtbarkeit dieser Widersprüche und dass wir an ihnen arbeiten können, dass sie überhaupt diskutiert werden können“, meint die Genossin und erzählt eine Geschichte über Kemal Pir, einen der ersten Weggefährten Abdullah Öcalans beim Aufbau der kurdischen Befreiungsbewegung.

Dieser habe eines Tages einen jungen Mann rekrutieren wollen, der allerdings nicht so richtig Lust hatte, aktiv zu werden. „Kemal Pir verfolgte ihn nachhause. ‚Lass uns reden‘, sagte er. Aber der andere wollte nicht. Doch Kemal Pir gab nicht auf. Er schlief die Nacht vor der Tür des Freundes, den er überzeugen wollte. Der war so verdutzt, dass ihm jemand so viel Aufmerksamkeit beimaß, dass er Heval Kemal ein Ohr lieh. Sie diskutierten und diskutierten. Und der Freund trat bei.“ Daraus könne man lernen: „Wenn es eine Stunde dauert, jemanden zu überzeugen, gut. Wenn es ein Jahr dauert, oder zehn Jahre, müssen wir diese Zeit aufbringen.“

Abdullah Öcalan soll einmal gesagt haben: Wenn du einen Menschen siehst, der bis zum Schopf im Schlamm der kapitalistischen Moderne steckt, und nur ein einziges Haar herausragt, dann ist es deine Pflicht, ihn daran zu packen und zu versuchen, ihn herauszuziehen. Diese Maxime ist so richtig wie schön. Denn sie ist getragen von einer tiefen Zuneigung gegenüber jenen, die im Kapitalismus nichts zu gewinnen haben. In Deutschland hat sie einmal der Traditionsgesangsverein der DDR, Oktoberklub, ebenso eindrucksvoll formuliert: „Der Arbeiter, der die Maschine geölt hat / die ihm nicht gehört, mag euch verraten / viermal. Dann vertraue ihm das fünfte Mal! / Setz nichts aufs Spiel, aber setz ihn in die Rechnung ein: Gebt keinen euresgleichen auf.“ Klar, auch die PKK setzt nichts aufs Spiel. Wo Selbstschutz notwendig ist, ist Selbstschutz notwendig. Aber wo auch immer eine Möglichkeit besteht, macht sie sich daran, an den Haaren zu rupfen, die aus dem Schlamm ragen.

Zu jenen Institutionen, die sich auf dem Feld des Haarerupfens einen Namen gemacht haben, gehören die sogenannten Mala Jin, ungenau übersetzt „Frauenhäuser“. Eigentlich sind es Rätestrukturen für alle Angelegenheiten, die Frauen betreffen, allein im Kanton Cizire gibt es 19 an der Zahl. „Eigentlich existiert unsere Institution seit 2011. Wir nutzten das Momentum der Revolution, um die Mala Jin aufzubauen. Aber wir haben auch in den Jahrzehnten davor gesellschaftliche Arbeit gemacht“, erinnert sich die Leiterin eines Frauenhauses in Qamislo.

Eine solche Verankerung aufzubauen, das bedeutet, von Haus zu Haus zu gehen. Mit jeder Frau, jeder Familie zu sprechen. Die erste Aufgabe sei gewesen, in Erfahrung zu bringen, was die Menschen umtreibt und dann Lösungsansätze zu entwickeln. Das war ein langwieriger Prozess. Doch er hat sich gelohnt. Heute sind die mala jin anerkannte Institutionen in Rojava.

Wenn es Probleme in der Familie gibt, oder solche in den Beziehungen zwischen Mann und Frau, dann kann man uns aufsuchen“, sagt die Genossin. Scheidungen, häusliche Gewalt, Zwangs- und Kinderehen, Nachbarschaftsstreitereien, Familienfehden fallen ebenso in den Aufgabenbereich des mala jin wie Bildung und Pressearbeit.

Unsere Herangehensweise ist dabei nicht, ein Urteil zu fällen und den Fall zu den Akten zu legen. Das Wichtigste für uns ist es, eine Beziehung aufzubauen. Sagen wir, es gibt einen Konflikt zwischen einem Mann und einer Frau, dann schicken wir für beide jeweils eine Person, einen Mann und eine Frau. Deren Aufgabe ist, den Konfliktparteien zuzuhören, das Problem zu verstehen und eine Beziehung zu den beiden aufzubauen. Wenn es möglich ist, soll dann auf dieser Grundlage eine Lösung gefunden werden.“

Es handelt sich um ein weit verzweigtes System der Konfliktbewältigung, das die kurdische Bewegung in Rojava mit den mala jin und den mala gel (Volkshäuser) aufgebaut hat. Dabei kommt weniger formales Recht zur Anwendung als Streitschlichtungsmechanismen, die auf Bildung und Aufklärung setzen. „Aber sicher, wenn es gar nicht anders geht, haben wir auch die Möglichkeit, den Fall an das Gericht und damit in das Justizsystems Rojavas weiterzugeben.“

Institutionen, deren alltägliches Geschäft die Politisierung, Veränderung und Selbstermächtigung der Gesellschaft sind, gibt es in Rojava auf jedem Feld des gesellschaftlichen Lebens. Im Bereich des Ökonomischen mit dem Aufbau von Kooperativen, im Bereich der Selbstverteidigung mit der Schaffung von Milizen wie der HPC, in der Jugendorganisierung, im Umweltschutz und im Sektor Kunst und Kultur. Und überall ist die Maxime, die Menschen zunächst so zu nehmen, wie sie sind, und mit ihnen gemeinsam an ihrer Veränderung zu arbeiten.

Auch hierfür hat die PKK den ideologischen Grundstein gelegt. Auf dem 3. Parteikongress 1986 hielt sie fest: „Das, was wir heute hier analysieren, ist nicht der jetzige Moment, sondern die Geschichte. Und wir analysieren nicht den einzelnen Menschen, sondern die Klasse, die Gesellschaft.“ Wenn wir also auf die Missstände in unserer eigenen Gesellschaft achten, hilft es uns nicht, alle Menschen, denen wir problematische Bewusstseinsformen attestieren, als unmoralisch und irgendwie böse zu markieren, um von da an den Kontakt mit ihnen zu meiden. Die PKK, so hielt die Organisation schon Ende der 1980er fest, sei der „Kampf um den Beweis“, dass der Mensch, der durch „die Systeme so tief fallen gelassen wurde, auch wieder aufstehen kann.“

Die Fallengelassenen, das sind wir nicht weniger als alle anderen. Auch unsere eigenen Haare und die unserer Genoss*innen müssen wir packen und daran ziehen, bis Augen, ein Mund, ein Herz und Arme Stück für Stück vom Schlamm freigelegt werden. Die Erfahrungen der PKK und der Revolution in Rojava bei der Schaffung einer „militanten Persönlichkeit“ sind für diese Art von archäologischen Ausgrabungen sicher nicht unnütz.

# Von Fatty McDirty

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