[Rojava-Tagebuch V] Mein Freund, der Polizist

Braucht eine Revolution „innere Sicherheit“? Und wenn ja, welche? Erfahrungen aus den revolutionären Prozessen in Kurdistan

„Als ich hier ankam, war das ungewohnt für mich“, erinnert sich ein deutscher Internationalist. „Als ich die Streifenwagen sah, musste ich immer kurz den Reflex unterdrücken, einen Stein aufzuheben. Aber dann gewöhnt man sich daran, dass das ja eigentlich ‚unsere‘ Polizisten sind…“ Auch für uns ist es ein seltsames Feeling: An Polizeistraßensperren grüßt man uns mit einem herzlichen „Serkeftin“, aus Streifenwagen winkt man uns mit dem Victory-Zeichen zu, in Polizeistationen werden wir freundlich empfangen und dürfen sie jederzeit wieder verlassen.

„Unsere“ Polizisten, das sind die Asayish. Meistens Leute aus der Bevölkerung und den jeweiligen revolutionären Milizen – YPG, YPJ, YBS, YJS usw. -, die jene Aufgaben übernehmen, die man „Polizeiaufgaben“ nennen kann. Einen von ihnen, den Kommandanten der Asayish im jesidischen Sengal, treffen wir zu einem längeren Gespräch. [Rojava-Tagebuch V] Mein Freund, der Polizist weiterlesen

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„Nicht jede Gewalt ist sichtbar wie ein Pflasterstein …“

Über Sinn und Unsinn von Militanz. Interview mit dem Bündnis „G20 entern“

Der Frühling naht und die G-20-Gegner machen sich warm für den Gipfel Anfang Juli in Hamburg. Der April wurde als Aktionsmonat angekündigt. Was kann man erwarten?

Es wird wohl vielerorts vielfältige direkte Aktionen geben. Manche symbolischer Natur und andere als Sand im Getriebe der Staatsmaschinerie. Der Widerstand wird sich wohl nicht nur auf die Gipfeltage beschränken.

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[Rojava-Tagebuch IV] Stöcke, Steine und Kampfjets

Eröffnen Recep Tayyip Erdogan und Mesud Barzani den nächsten Kriegsschauplatz im Nordirak? Ein Besuch im Jesidengebiet Schengal.

Roj baş hevalen, zu zu zu“, ruft eine Stimme in den verdunkelten Presseraum. Wir sind verdutzt. Klar, wir stehen hier jeden Tag früh auf, aber jetzt ist es halb eins nachts. „Alles zusammenpacken, Freunde, wir müssen gehen“, heißt es. „Türkische Flugzeuge kommen. Bombenalarm.“ Wir laufen hinaus ins Dunkle, dutzende Guerilla-Kämpfer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sind auf den nahegelegenen Hügeln schemenartig zu erkennen, auf dem Rücken tragen sie nicht nur wie üblich ihre Kalaschnikow, sondern schwerere Waffen: Maschinengewehre, RPGs, Sniper-Rifles. [Rojava-Tagebuch IV] Stöcke, Steine und Kampfjets weiterlesen

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Ungehorsam sein, unseren Widerstand auf die Straße tragen

Diesmal ohne polizeiliche Anmeldung. Der Revolutionäre 1. Mai, 18 Uhr, Berlin

Am Abend des 1. Mai 2017 werden wir durch Kreuzberg demonstrieren. Kreativ und ungezwungen. Bunt und entschlossen. Mit Schwung und Fantasie. Gegen die Gentrifizierung im Kiez und die Politik der G20-Staaten.

30 Jahre Revolutionärer 1. Mai – Wir freuen uns wie Bolle

Die Revolutionäre 1. Mai-Demonstration ist nicht angemeldet. Wir haben nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre keine Lust mehr auf leidliche Kooperationsgespräche mit der Polizei und staatliche Demonstrationsverbote. Vergangenes Jahr war uns verboten worden, mit der Demo am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg zu starten. Das war uns aber schnurz, denn wir und andere Demonstrant*innen nahmen das Verbot nicht hin, trafen uns trotzdem am O-Platz und zogen von dort los. Die unangemeldete Demonstration am 1. Mai 2016 zog selbstbestimmt über das Gelände des MyFestes und dann weiter durch die Straßen unserer Viertel. Tausende haben sich daran beteiligt, darunter viele Jugendliche, Migrant*innen und unsere Nachbar*innen. So wird es auch in diesem Jahr werden. Eine unangemeldete Revolutionäre 1. Mai-Demo ist kein Einzelfall in der 30-jährigen Geschichte des Berliner 1. Mai. Zuletzt lief die Demo 2011 ohne Anmelder*in durch den Kiez. Wenn wir uns unser Recht auf Demonstration nehmen und notfalls durchsetzen werden, ist das eine zutiefst demokratische Angelegenheit. Ungehorsam sein, unseren Widerstand auf die Straße tragen weiterlesen

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[Rojava-Tagebuch III] Deutsche Waffen gegen Jesid*innen

Im Jahr 2014 hielten Kämpfer*innen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) den Islamischen Staat davon ab, einen Genozid an den Jesid*innen im Sinjar zu verüben. Nun droht der nächste Angriff, diesmal auf Geheiß der Türkei.

In den letzten 14 Tagen haben wir zwei Mal Landesgrenzen überschritten, ohne Gebrauch von unseren Pässen zu machen. Zuerst schlichen wir bei Nacht über die irakisch-syrische Grenze, um nach Rojava zu gelangen. Schon hier war es für uns ein durchaus bemerkenswertes Gefühl, nicht mehr auf die künstlichen Trennlinien achten zu müssen, die der Imperialismus in diese Region eingebrannt hat. Unser erster Grenzübertritt ohne Ausweis und Visum war aber noch klandestin. Der zweite, der etwas mehr als eine Woche später erfolgte, war schon offener: Wir fuhren in das Sengal-Gebirge, das Siedlungsgebiet der Jesid*innen, das formal gesehen wieder auf dem Territorium des Irak liegt. [Rojava-Tagebuch III] Deutsche Waffen gegen Jesid*innen weiterlesen

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Wir brauchen eine Diskussion über eine linksradikale Ethik an den Unis

Vor kurzem gab es einen vielfach diskutierten Text im LCM für eine Diskussion über die Karriereplanung der linken Studis. Endlich, dachte ich, wird die Uni kritisiert und der „Selbstoptimierungszwang“ den sie auf Student*innen (und Wissenschaftler*innen) ausübt, und stattdessen eine radikale Bruchhaltung mit dem akademischen Betrieb skizziert. Der Text versucht auch über die Probleme von individualistischen Unikarriere zu sprechen, verengt sich allerdings (in über akademischen Sprechduktus) auf einem „Diss“ gegen die Karriere-Kids. Er verkommt darin zu einer „subjektivistischen“ Kritik gegen die „Identitätslogik“ von „linken Studis“. Die spannenden Fragen nach dem Stand des widerständigen „ethischen“ Potentials an den Unis, die er eigentlich stellen könnte, werden schließlich mit „Wir müssen unser Leben“-Pathos über-kleistert. Das schadet der Debatte um eine „linksradikale Ethik“ im Kampf an und gegen die Unis. Wir brauchen eine Diskussion über eine linksradikale Ethik an den Unis weiterlesen

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„Ich will die Revolution verteidigen“

Eine Britin im Kampf gegen den Islamischen Staat. Interview mit Kimberley Taylor

# Kimberley Taylor kämpft in den kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ (Yekîneyên Parastina Jin) im Norden Syriens. Zuletzt nahm sie an der Offensive gegen die inoffizielle Hauptstadt des Islamischen Staates, Raqqa, teil. Peter Schaber traf sie im Norden Syriens.

Der Belagerungsring kurdischer und arabischer Kräfte um die ostsyrische Stadt Raqqa schließt sich derzeit, die Offensive auf den Stadtkern steht kurz bevor. Wie ist die militäriche Lage vor Ort und welche politische Relevanz hat der Vorstoß für das kurdische Demokratieprojekt in Nordsyrien?

Ich habe mich seit dem Beginn der dritten Phase an der Raqqa-Operation beteiligt. Wir sind aus dem Nordosten auf die Stadt vorgerückt. Wir sind bis zum Euphrat vorgedrungen und haben in den vergangenen Wochen den Weg entlang des Flusses Richtung Raqqa nach Westen freigekämpft. Meine Front steht seit einigen Tagen. Die Freunde warten seit einiger Zeit an der Nordseite des Tabqa-Dammes. Es gab einen Airlift durch die Amerikaner, der einen Teil unserer Kräfte an der Südseite des Flusses im Tabqa-Gebiet abgesetzt hat, um diese gesamte Region, den Flughafen und Tabqa-Stadt abzudecken. Die Idee ist, dass sich diese Kräfte nachdem sie Tabqa-Stadt eingenommen haben, mit unserer Front vereinigen. Wenn das geschafft ist, ist Raqqa vollständig umstellt. „Ich will die Revolution verteidigen“ weiterlesen

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[Rojava-Tagebuch II] Morgens Maurer, mittags Studentin, abends Journalist

Etwas mehr als eine Woche ist nun vergangen, seit wir in der Föderation Nordsyrien angekommen sind. Wir fanden unseren Platz an einem für Internationalist*innen bestimmten Ort in Rojava, an dem wir zunächst bleiben, bis die Reise uns vielleicht woanders hin verschlägt. Hatten wir am Anfang noch das Bedürfnis so schnell wie möglich an jene Orte zu reisen, die als Brennpunkte der internationalen Aufmerksamkeit gelten – nach Minbic, Sengal, Raqqa, Kobane -, so stellte sich bald eine große Ruhe ein.

Sicher, wir planen immer noch, irgendwann die Front oder bestimmte Institutionen zu besuchen, über die wir schreiben wollen. Aber eigentlich haben wir jetzt anderes zu tun. Wir müssen kochen, Tee trinken, Kurdisch lernen, lesen, mit Freund*innen diskutieren, und auf dem Dach eine rieisige Sitzecke aus Stein mauern. Die Kamelya wird einen Essbereich, eine Schutzmauer gegen Sonne und Sprengstoffautos, ein Blumenbeet, ein Schilfdach samt Öko-Klimaanlage mit Wasserzirkulation und eine cay-Bar haben. [Rojava-Tagebuch II] Morgens Maurer, mittags Studentin, abends Journalist weiterlesen

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