„Nein, das ist kein Baum“, sagte der Baum-Experte …

Spiegel, SZ und Co. ? Unser Versuch, mit deutschen Leitmedien zu kooperieren.

Stell dir vor, du stehst vor einem Baum. Du telefonierst mit einem Typen, der tausende Kilometer entfernt ist. Du sagst ihm: „Ich stehe vor einem Baum.“ Er aber antwortet: „Nein, das ist kein Baum.“ Du richtest deine Handy-Cam auf Stamm und Krone, schickst ihm ein Foto. Er darauf: „Also ein Foto, das kann jeder fälschen. Ich glaube dir nicht, dass das ein Baum ist.“ Du wirst fuchsteufelswild. Du kannst die Rinde berühren, die Blätter ausrupfen, es ist ein Baum. Aber wie beweist du das diesem Typen? Du drehst ein Video von dem Baum, mit Metadaten und allem drum und dran. „Nein, es ist kein Baum“, beharrt er. „Ich muss das wissen, ich bin Baum-Experte.“ Dir platzt der Kragen. Du machst Ton-Aufnahmen mit Passanten, die bestätigen: „Hier ist eindeutig ein Baum.“ Doch der Baum-Experte bleibt hart: „Du bist kein Baum-Experte“, sagt er. „Ich kann also deine Nachricht darüber, dass sich vor dir ein Baum befindet, nicht guten Gewissens weiterverbreiten. Und außerdem hat das deutsche Zentralkomitee für Baumologie bestätigt, dass es da, wo du bist, keine Bäume gibt. Es kann also gar kein Baum sein.“

Die Geschichte mutet absurd an, und sie ist es auch. Und doch ist uns genau das in den vergangenen Tagen zugestoßen, als wir zum ersten Mal in Kontakt mit jener Zunft traten, die man Qualitätspresse nennt.

Große Story, kleine Resonanz

Die Story trug sich so zu: Noch vor knapp zwei Wochen waren wir der Ansicht, einen großen Wurf gelandet zu haben. Am 3. März 2017 war es im irakischen Khanasor zu Gefechten gekommen, danach tauchte im Internet ein Video auf, dass vermeintlich den Einsatz deutscher Waffen durch den kurdischen Warlord Mesud Barzani zeigte – und zwar gegen jesidische Milizen. Wäre das Video zutreffend, wäre der Einsatz zweifellos illegal.

Die Bundesregierung nahm zunächst in Gestalt von Staatssekretär Waltner Lindner am 31. März Stellung:Es gebe eine sogenannte Endverbleibserklärung, die festlege, dass die Waffen ausschließlich gegen den IS eingesetzt werden dürfen. Gewährleistet sieht Lindner die Einhaltung dieser Klausel dadurch, dass man ausgerechnet bei jenen nachgefragt habe, die als Täter des Vorfalls verdächtig sind. Die Regierung in Erbil sei den „Vorwürfen eingehend nachgegangen“, das Ergebnis der Untersuchung liege der Bundesregierung vor: „Demzufolge seien ‚keinerlei deutsche Waffen in irgendeinem Gefecht außer im Kampf gegen die IS-Terroristen eingesetzt worden‘.“

Super, dachten wir uns. Wir waren ohnehin am Ort des Geschehens, im Jesidengebiet rund um das Sengal-Gebirge, also begannen wir zu dem Vorfall zu recherchieren. Das Bild war eindeutig. Jede*r Bewohner*in wusste von dem Einsatz deutscher Waffen am 3. März. Wir holten Zeug*innenaussagen ein, besichtigten die Frontlinien, an denen sich die verfeindeten Parteien immer noch gegenüberstehen und wir konnten vier Videos des Vorfalls auftreiben.

Wir dachten, der Einsatz hatte sich gelohnt. Nur sind wir eben ein Blog, noch dazu einer, der seine Herkunft aus der außerparlamentarischen Linken kaum verleugnen kann. Wir wollten es der Gegenseite also nicht zu leicht machen, sich um eine Auseinandersetzung zu drücken. Also dachten wir: wir haben sauber gearbeitet, lass uns den Kram doch irgendwelchen von diesen tollen Leitmedien anbieten.

Gesagt, getan, ordentlich gescheitert. Zunächst gab es keine Rückmeldungen. Wir posteten also auf Facebook, ob uns der Social-Media-Schwarm helfen könne. Hunderte Kommentare und einige Kontaktaufnahmen später bahnten sich Verhandlungen an, die aber immer abbrachen, ohne dass uns je irgendjemand einen Grund genannt hätte, warum man die Recherche-Ergebnisse nicht gebrauchen könne. Oft war es so: Ein Redakteur überlegte, den Text für die Zeitung XY zu machen. Nach einem Gespräch mit seinem Chef brach die Kommunikation abrupt ab.

Nun sind wir ja auch recht gut vernetzt und haben deshalb ein paar redaktionsinterne Mails großer Medienunternehmen vorliegen, die wir leider aus Rücksicht auf die Whistleblower nicht veröffentlichen können. In diesen Mails zeichnen sich grob zwei Gründe ab: Der eine ist schlichtweg Ahnungslosigkeit über die Region. Außenpolitik-Chefs, die verschiedene kurdische Milizen nicht unterscheiden können, bisweilen „Rojava“ für eine Stadt halten, überhaupt irgendwie so wirken, als wäre der Mittlere Osten für sie ungefähr genauso weit weg wie Milliways, das Restaurant am Ende des Universums.

Der Great-PKK-Swindle

Der zweite Grund jenseits verstörender Kenntnislosigkeit ist wichtiger: Man vertraut uns nicht. Unter der Hand streut die Bundesregierung offenbar unter Journalisten die Ansicht, die Videos seien gefälscht. Und weil wir eben Linke sind, so dürfte der Gedanken in bestimmten Redaktionsstuben gehen, sind wir wohl irgendwie an diesem Great-PKK-Swindle beteiligt.

Zunächst ist diese Auffassung irgendwie witzig. Leute, die jeden Monat viele tausend Euro bekommen, um diese oder jene Wahrheit in den knappen Raum zwischen den Werbeeinblendungen zu wuchten, werfen Leuten, die aus Überzeugung Journalismus treiben, vor, unglaubwürdig zu sein, eben weil sie es nicht für Geld sondern aus Überzeugung tun. Wer sich, wie wir, der Seite der kurdischen Befreiungsbewegung und der Linken generell zugehörig fühlt, gilt als „parteiisch“.

Tamam, das ist sicher richtig. Wir sind nicht „unparteiisch“. Wir sind für eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus, wir sind gegen die bürgerlichen Staaten und ihre Machtmechanismen und gegen eine Reihe anderer mieser Dinge. Aber sind wir deshalb keine glaubwürdigen Journalisten? Und noch mehr: Was ist eigentlich mit denen, die uns für nicht glaubwürdig genug halten?

Diejenigen, die dieses Urteil treffen, sind eben selber auch nicht ideologiefrei. Mehr noch: Unsere Parteilichkeit ist offensichtlich und jede Leserin, jeder Leser kann deshalb über unseren Standpunkt reflektieren und ihn in bei der Lektüre in Betracht ziehen. Man kann mit uns über ihn streiten, wenn man die besseren Argumente hat, ändern wir ihn vielleicht sogar.

Die Mainstream-Journos dagegen versuchen, ein Bild von sich zu vermitteln, das sie als standpunktlose Wesen mit Gesamtüberblick, als eine Art Laplacescher Dämon, präsentiert. Die große Lüge, die sich diese Zunft Tag für Tag selbst einredet, ist, selbst keinen Standpunkt zu haben. Dabei hat sie natürlich einen: Sie steht fest auf dem Grund und Boden jener Bewußtseinsformen, die die kapitalistische Moderne hervorbringt.

Langer Stock und flinker Besen

Doch mal abgesehen davon. Hat nicht auch der bürgerlich-demokratische Journalismus in seinem Selbstverständnis die Maxime, die jeweils eigene Regierung kritisch überprüfen zu wollen. Und zugestanden, man muss uns nicht jedes Wort glauben (auch wenn die Unterstellung, wir – oder die Jesiden – hätten vier Videos mit zahlreichen Bundeswehr-Dingos gefaked, 7 tote Menschen erfunden, schon etwas hanebüchen ist). Aber was könnte man tun?

Man könnte etwas kritischer der eigenen Regierung gegenüber sein und zumindest versuchen, die Vorwürfe nachzurecherchieren. Wir haben keinerlei finanzielle Mittel. Und doch sind wir im Mittleren Osten. Wie schwer kann es also für den Spiegel, die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ sein, ausnahmsweise mal nicht nur in Erbil nachzufragen, sondern nach Khanasor oder auf die Serdest des Sengal zu gehen, um sich anzusehen, was am 3. März wirklich passiert ist? Stattdessen sitzen sie lieber in ihren Stuben und sagen: „Na wenn das Zentralkomitee der Baumologie sagt, euer Baum-Video ist unklaren Ursprungs, dann brauchen wir auch gar nicht erst recherchieren.“

Für uns zeigt diese Erfahrung auch: Wir müssen die eigenen Medien besser ausbauen. Denn, wie das chinesische Pop-Art-Modell Mao Tse-Tung einst sagte: “Wo der Besen nicht hinkommt, wird der Staub nicht von selbst verschwinden.“ Und: „Wenn du einen Baumologen weckst, verwende einen langen Stock.“

– Von Fatty McDirty

PS: Wir veröffentlichen hier – leider – nach gemeinsamer Absprache nicht die Korrespondenzen, die wir mit einigen der Qualitätsbaumologen hatten. Deren Inhalt würde jedem Mittelschüler mit oberflächlichen Kenntnissen des Mittleren Ostens die Schamesröte ins Gesicht treiben. Gruß hier nochmal auch an VICE.

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5 Gedanken zu „„Nein, das ist kein Baum“, sagte der Baum-Experte …“

  1. Genossen, Kollegen, Respekt für Euren Einsatz und Eure journalistische Arbeit. Ihr macht allen denen Mut, die verzweifeln angesichts der Borniertheit der Mainstreamjournaille. Die Stabilisierung und der Ausbau linker Medien ist wichtiger denn je. Und wir können mit relativ wenig Personal und Aufwand viel erreichen. Allein durch gute Analyse und wie Markwort sagen würde: Fakten, Fakten, Fakten.

  2. Mir sind Links oder Rechts.ehrlich gesagt scheissegal..was mich einzig und allein interessiert ist die WAHRHEIT.. Und eins ist leider traurige erkenntniss und sicherheit: alles was der mainstream berichtet muss im internet gegen recherchiert werden..und vom ergebnis: in der regel liegt man richtig,wenn man von den mainstream news das genaue gegenteil als wahrheit annimmt..es ist entstzlich schwer geworden,bei all den fake news überhaupt den überblick zu behalten.. Man kann keinem journalisten mehr vertrauen..deren reputation liegt noch weit hinter der von jusristen und drogendealern..eine menschlich sehr verkommener haufen systemgeteruer schreiberlinge ohne jegliche moral..das ist schlimm.. Aber so ist die politik ja auch mittler weile… Es geht nur darum herauszufinden,wessen interessen welcher wahrheit im wege stehen… Aber irgend jemanden steht die wahrheit immer im weg… Leider… Also macht weiter so!! Eine flackernde kerze der hoffnung im wind der global elite..

  3. Danke für Euren engagierten und gut recherchierten (!) Berichte. Wir haben in den frühen Neunzigern die gleichen Probleme beim Thema deutsche Waffen im nahen und mittleren Osten gehabt; seitdem hat sich wohl nicht viel geändert. Gerade darum: Macht weiter mit Euren Recherchen, wir brauchen Korrektive zur bürgerlichen Presse.

  4. Links und Rechts auseinanderhalten lernen sollte man bereits als Kind. Es erleichtert danach das eigene Verhalten beim Straßenverkehr; und das gilt auch für die Sicht auf politische Zusammenhänge – als Antwort auf björn. g.
    Was mich im konkreten Fall interessieren würde, sind dann aber nicht nur die streng journalistischen Motive, die hier ja bzgl. der Frage „Was wird berichtet?“ dargestellt wurden, sondern die konkreten Gründe für die Auseinandersetzungen zwischen der Kurdenmiliz und den Jesiden. Gegenüber dem IS galten sie für mich (aufgrund medialer Deutung?) bisher als gute Verbündete. Es hieß, die Peschmerga seien den bedrohten Jesiden zu Hilfe geeilt, … Gilt das denn nun nicht mehr? Wie ist die aktuelle Lage zwischen Jesiden und Kurden? und was sind die Gründe dafür?

    1. Die Peshmerga sind den Jeziden eben nie zur Hilfe geeilt. Es war 2014 nur dem entschlossenen Eingreifen von PKK und YPG/J zu verdanken, dass ein noch größeres Massaker verhindert wurde. Die Peshmerga haben sich über Nacht zurückgezogen, teilweise sogar noch die Bevölkerung Shengals entwaffnet und sie somit schutzlos dem IS überlassen.

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