„Ich will die Revolution verteidigen“

Eine Britin im Kampf gegen den Islamischen Staat. Interview mit Kimberley Taylor

# Kimberley Taylor kämpft in den kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ (Yekîneyên Parastina Jin) im Norden Syriens. Zuletzt nahm sie an der Offensive gegen die inoffizielle Hauptstadt des Islamischen Staates, Raqqa, teil. Peter Schaber traf sie im Norden Syriens.

Der Belagerungsring kurdischer und arabischer Kräfte um die ostsyrische Stadt Raqqa schließt sich derzeit, die Offensive auf den Stadtkern steht kurz bevor. Wie ist die militäriche Lage vor Ort und welche politische Relevanz hat der Vorstoß für das kurdische Demokratieprojekt in Nordsyrien?

Ich habe mich seit dem Beginn der dritten Phase an der Raqqa-Operation beteiligt. Wir sind aus dem Nordosten auf die Stadt vorgerückt. Wir sind bis zum Euphrat vorgedrungen und haben in den vergangenen Wochen den Weg entlang des Flusses Richtung Raqqa nach Westen freigekämpft. Meine Front steht seit einigen Tagen. Die Freunde warten seit einiger Zeit an der Nordseite des Tabqa-Dammes. Es gab einen Airlift durch die Amerikaner, der einen Teil unserer Kräfte an der Südseite des Flusses im Tabqa-Gebiet abgesetzt hat, um diese gesamte Region, den Flughafen und Tabqa-Stadt abzudecken. Die Idee ist, dass sich diese Kräfte nachdem sie Tabqa-Stadt eingenommen haben, mit unserer Front vereinigen. Wenn das geschafft ist, ist Raqqa vollständig umstellt.

Die politische Relevanz der Raqqa-Operation hat viele Aspekte. Die Kurden waren für sehr lange Zeit die einzigen, die effektiv gegen Daesh [in Syrien gängige Bezeichnung für den Islamischen Staat, d. Red.] gekämpft haben. Die Schaffung der Syrisch-Demokratischen Kräfte stellt sicher, dass es nicht nur ein kurdischer Kampf ist, sondern der Krieg gegen den Daesh von einer multiethnischen, multireligiösen Kraft geführt wird, die letztlich eine Kraft für das gesamte Syrien sein kann. Die Syrisch-Demokratischen Kräfte beweisen der Welt, dass wir die einzigen sind, die gegen Daesh erfolgreich sein können. Die Hauptstadt des Islamischen Staates zu befreien, hat großen symbolischen Wert. Wir verleihen damit der Tatsache Nachdruck, dass wir es sind, die Daesh erledigt haben.

Zudem geht es um bestimmte Übereinkommen, die wir mit der internationalen Koalition getroffen haben. Wir treffen Übereinkünfte mit anderen Kräften, auch, wenn diese nicht unbedingt unsere Ideologie teilen. Wir tun das, um Frieden in Syrien zu schaffen. Nicht nur mit der US-geführten Koalition, sondern auch mit dem Regime. In Minbic etwa gibt es derzeit einen Deal mit dem Regime, der diesem eine Präsenz in einem kleinen Teil von Minbic zusichert. Dafür besteht zum ersten Mal seit der Krieg begonnen hat, eine Verbindung zwischen dem Kanton Afrin und den ebenfalls mehrheitlich kurdischen Kantonen Cizire und Kobane. Wir zeigen so auch: Wir sind nicht, wie die Türkei behauptet, eine Kraft, die ganz Syrien oder gar den gesamten Mittleren Osten erobern will. Wir haben eine friedliche Ideologie und sehen Krieg nicht als die Lösung an, auch wenn er jetzt gegen Daesh notwendig ist.

Wir machen also diese Deals mit anderen Kräften, die nicht unsere Freunde sind. Im Fall von Raqqa haben wir die Unterstützung aller Seiten, der Russen genauso wie der westlichen Koalition. Es ist eine unheimlich wichtige Angelegenheit für die SDF und die kurdische Bewegung, weil wir nach dieser Operation anerkannt werden müssen. Man kann uns nicht mehr wie irgendeine Rebellengruppe betrachten. Wir haben den größten Beitrag zum Frieden in Syrien geleistet und wir werden es sein, die die Hauptstadt des Islamischen Staates einnehmen. Danach können wir nicht mehr ignoriert werden. Auch ausländische Mächte werden uns als demokratische und offizielle Kraft anerkennen werden müssen. Das ist der erste Schritt hin zu einer politischen Anerkennung der Föderation Nordsyrien.

Die meisten Dörfer, die Sie auf dem Weg nach Raqqa einnehmen, sind arabische Ortschaften. Sehen die Menschen die oft kurdischen Truppen dort als Befreier oder haben sie vor allem Angst?

„Die Revolution hier ist außerdem eine soziale Revolution. Sie zeigt Menschen Moral und Ethik, wie man miteinander umgeht und respektvoll zusammenlebt“, sagt die Internationalistin Kimberley Taylor

Wir müssen die Dörfer, bevor wir mit Militär einziehen, räumen. Die Koalition wirft Flugblätter ab, auf denen steht, dass die Leute das Dorf verlassen sollen. Wenn wir die Menschen dann sehen, wenn sie die auf dem Weg sind, rufen sie uns zu. Vor allem die Frauen winken, schreien vor Freude und werfen uns Küsse zu. Das ist die unmittelbare Reaktion, die man wahrnehmen kann. Ich denke aber auch, dass manche Angst haben. Es gibt viel Daesh-Propaganda über uns. Außerdem ist die Bevölkerung schon so lange im Krieg, es ist ja nicht nur Daesh, davor waren es andere Guppen und das Regime. Sie wissen nicht, was sie erwartet.

Ich habe einige Dorfbewohner getroffen, die meinten: „Oh, wir haben gehört, die Kurden kommen. Wir haben uns schon so gefreut.“ Ich denke, viele Menschen haben von dem gehört, was in Rojava geschaffen wurde. Die Kurden haben sich eine bestimmte Glaubwürdigkeit errungen.

Aber natürlich gibt es Menschen, die Angst haben. Einmal mussten wir ein großes Haus beschlagnahmen. Es war relativ hoch und wir brauchten das Dach als Position. Wir befreiten das Dorf und die Bewohner des Hauses kamen zurück. Und in ihrem Haus waren jetzt wir, eine militärische Einheit. Die Frauen haben alle geweint. Wir haben dann alle männlichen Kämpfer rausgebeten und nur die YPJ-Kombattantinnen blieben. Es war dann ok.

Welche Erfahungen haben die Menschen, insbesondere die Frauen, in diesen Jahren der Herrschaft von Daesh gemacht?

Ich habe zum Beispiel eine Familie getroffen, die mir die Situation so geschildert hat: Wenn du rauchst, wird dir die Hand abgeschlagen; wenn du trinkst, wird dir die Hand abgeschlagen. Wenn eine Frau ohne Vollverschleierung – und zwar jener, wo auch Hände und Füße, jeder Milimeter Haut bedeckt ist – das Haus verlässt, gibt es ebenfalls harte Strafen. Die meisten Frauen gehen deshalb gar nicht mehr nach draußen, weil es zu kompliziert ist, all diese Regeln einzuhalten. Ich war bei einer Familie, da hatte die Mutter seit Daesh gekommen war, das Haus nicht ein einziges Mal verlassen. Die Kinder waren seitdem nicht zur Schule gegangen, es gab keinen Unterricht, nicht einmal in einer Daesh-Schule. Auch nicht für die Jungen. Frauen und Mädchen konnten also in der IS-Zeit wirklich gar nichts tun, aber auch die Männer waren den strikten Regeln von Daesh unterworfen.

Eine Frau, die schwanger war, hat uns gerufen, weil sie uns ihre Geschichte erzählen wollte. Ihr Mann war von Daesh verschleppt worden und sie bat uns, ihn zurückzubringen. „Wir wissen ja nicht, ob sie ihn nach Raqqa oder Deir ez-Zor gebracht haben“, sagte sie. Wir antworteten: „Das ist kein Problem, nach Raqqa gehen wir sowieso weiter nach Deir ez-Zor.“ Ihre Augen füllten sich mit Freude. Man kann also sehen: Auch wenn die Menschen zuerst vorsichtig sind, sehen sie doch, dass wir es sind, die den Islamischen Staat vernichten werden.

Als du zum ersten Mal nach Rojava gekommen bist, war es allein, weil du dir gesagt hast: Wir müssen Daesh bekämpen. Oder hattest du weitergehende politische Motive?

Ich bin am Anfang gekommen, um über die Revolution zu schreiben, nicht um der YPJ beizutreten. Damals kam ich nur für zehn Tage, im Rahmen einer Delegation. Nach drei Tagen entschied ich mich, zu bleiben. Jetzt bin ich seit einem Jahr und einem Monat hier. Am Anfang war ich im zivilen Sektor tätig, für etwa fünf Monate. Dann ging ich in die YPJ.

Ich habe also zuerst die Volkshäuser und Frauenhäuser, die mala gel und mala jin kennengelernt, viele Menschen aus der Zivilgesellschaft getroffen. Das hat mich vollkommen überzeugt, dass das eine Revolution ist, von der ich ein Teil werden will. Ich habe also überlegt, was als englischsprachige Frau aus einem anderen Land mein Platz hier sein könnte. Ich entschloss mich, in die Fraueneinheiten zu gehen. Ich denke, dass alle Menschen sich dem Faschismus mit ihrem eigenen Leben entgegenstellen sollten. Aber es geht mir auch darum, dass ich diese Revolution verteidigen will, weil ich denke, dass sie ein Beispiel für die gesamte Welt gibt. Wenn wir sie nicht bewahren, wenn irgendeine andere Kraft sie übernimmt oder zerschlägt, verlieren wir etwas wirklich Besonderes. Diese Revolution muss existieren, weitergehen und wachsen.

Dazu kommt: Ich bin Britin und das bekommt Aufmerksamkeit im Ausland. Ich nutze das, um eine Stimme für die Menschen hier, für ihre Ideologie zu sein. Besonders in den Mainstream-Medien liest man kaum etwas über die eigentlichen Inhalte dieser Revolution, über die Rolle der Frauen. Dass das durchbrochen wird, ist wichtig. Nicht nur für die Kurden, sondern auch für Menschen anderswo, die hier sehen könnten, dass es eine Alternative gibt. Gerade diejenigen, die wirklich an eine Revolution glauben, sollten von hier lernen, vielleicht sogar hier her kommen.

Wenn wir über die Inhalte der Revolution reden, lass uns ein wenig über Zukunftsvisionen reden. Wie sieht das Syrien, wie sieht der Mittlere Osten aus, für den Du kämpfst?

Eigentlich ist es eine sehr simple Idee. Es geht um das, was wir ohnehin bereits aufbauen: Eine dezentrale Demokratie in den Händen des Volkes. Die Schwierigkeit besteht darin, dass der Mittlere Osten eine so komplizierte Region ist, wenn es um ethnische Identitäten und Religionen geht. Dazu kommt die Geschichte von politischem Druck und Kriegen hier. Das macht es im Mittleren Osten den Menschen fast unmöglich, mit anderen zusammen zu leben, die anders sind als sie selbst.

Die dezentralisierte Demokratie legt die Macht in die Hand der Menschen selbst. Sie können herausfinden, wer sie sind und wie sie leben möchten. Sie können mit ihrer eigenen Sprache und Kultur, mit ihren eigenen Ideen leben. Insbesondere die Frauen haben im Mittleren Osten bislang kaum einen Platz in der ökonomischen und politischen Sphäre. In der Rojava-Revolution stehen Frauen an vorderster Front. Das verstärkt die Partizipation von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft.

Ich habe diese Transformation selbst gesehen. Junge Frauen, die früher nie zur Schule gegangen sind, kaum ihr Haus verlassen haben, nehmen an den Bildungseinheiten der YPJ teil. Und nach zwei Monaten beginnen sie, über Dinge nachzudenken. Nicht über Sachen wie ‚eins plus eins ist zwei‘. Sie machen sich über Weltpolitik Gedanken. Diese Bildung ist eine Form von Empowerment.

Die Revolution hier ist außerdem eine soziale Revolution. Sie zeigt Menschen Moral und Ethik, wie man miteinander umgeht und respektvoll zusammenlebt. Auch das funktioniert. Ich habe arabische Scheichs gesehen, die Seite an Seite mit jesidischen Frauen standen und beide haben gesagt, sie sind entschlossen, ein demokratisches Syrien aufzubauen. Soetwas ist im Mittleren Osten bisher nie dagewesen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber ich glaube, dass das die Antwort ist. Wir können einen friedlichen Mittleren Osten, in dem es Respekt und gegenseitiges Verständnis gibt, erschaffen.

Wenn du sagst, arabische Scheichs wollen gemeinsam mit jesidischen Frauen Demokratie in Syrien aufbauen, stellt sich mir die Frage: Gibt es in dieser Revolution auch eine Umwälzung der Klassenverhältnisse. Denn am Ende des Tages sind auch in einem demokratischen Syrien arabische Scheichs reich und jesidische Frauen meistens arm. Wie geht man in Rojava mit diesem Problem um?

Wir versuchen eine auf Kooperativen basierende Ökonomie aufzubauen. Wir wollen nicht, dass alle exakt das gleiche Einkommen haben. Aber wir wollen auch keine Schere zwischen Armen und Reichen.

Die Ökonomie der Kooperativen, die wir schaffen wollen, baut auf Moral und Ethik auf, die auf bestimmten Werten beruht. Es soll lokale Ökonomie sein, ökologisch und sie soll die jeweiligen Kommunen stärken. Frauen haben dabei autonome Kooperativen. Die jeweiligen Betriebe entscheiden selbst, was mit de erwirtschafteten Geld geschieht, wie sie es untereinander teilen. Es gibt da keine Bosse. Es geht auch nicht um Geld, Geld, Geld, sondern darum, die eigenen Kommunen zu stärken.

Dein Engagement in Rojava ist auch den britischen Behörden nicht verborgen geblieben. Sie haben bereits angefangen, deine Familie zu schickanieren. Was erwartet dich, falls du nachhause gehst?

Als ich zum ersten Mal in den Medien auftauchte, durchsuchte die Polizei das Haus meinen Vaters und meiner Siefmutter. Sie nahmen alle Telefone und Computer mit. Seitdem kommen sie jede Woche und vernehmen meine Verwandten.

Ich denke, dass ich irgendwann nach Europa zurückgehen werde, schon weil ich vorhabe, im diplomatischen Bereich für die Revolution zu arbeiten. Was von britischer Seite aus passieren kann, ist mir bekannt. Ich werde verhaftet werden, wenn ich ankomme. Es wird eine Vernehmung geben, und dann werde ich zumindest auf Bewährung sein, was in diesem Fall bedeutet, dass ich mich ein paar Mal die Woche bei der Polizei melden muss. Ich hätte auch Hausarrest mit Ausgangssperre, das bedeutet, dass ich die Polizei informieren muss, wenn ich irgendwo hingehen will. Diese Maßnahmen können, weil sie nach der Terrorgesetzgebung verhängt werden, auf unbestimmte Zeit andauern. Bis jetzt waren andere Freunde aber immer nur etwa zehn Monate diesen Einschränkungen unterworfen.

Im schlimmsten Fall könnte ich nach der Terrorgesetzgebung verurteilt werden. Es gibt da ein Gesetz, dass es untersagt, in einer ’nicht anerkannten Armee‘ zu kämpfen. Es ist wirklich heuchlerisch, dass sie uns ’nicht anerkannt‘ nennen. Sie sind Teil der Koalition, die an der Raqqa-Front kämpft. Warum ist eine Armee wie die britische, hinter der kapitalistische und Staatsinteressen stehen, die in den Mittleren Osten für Öl und Macht kommt, eine legitime Armee? Und wir, die wir hier her kommen, um die Menschen in Syrien zu unterstützen, sind Terroristen? Ich bin hier her gekommen, um dabei zu helfen, jesidische und arabische Frauen aus der Gewalt des Islamischen Staats zu befreien. Und die britische Regierung nennt mich Terroristin. Ich akzeptiere das nicht, es ist heuchlerisch und illegitim.

Man kann sich auch fragen, warum sie mich und andere YPG-Kämpfer ins Visier nehmen. Es ist nicht im öffentlichen Interesse. Sie sind imkompetent in der Terrorismusbekämpfung. Wenn man sieht, was passiert ist, als die britische Armee in den Irak ging, wenn man sich die Anschläge in Großbritannien ansieht, wenn man darauf achtet, wie viele Briten sich Daesh anschlossen – Sie konnten nichts davon verhindern. Das britische Establishment ist inkompetent. Und ans uns wollen sie ein Exempel statuieren, um Kontrolle zu simulieren, die sich de facto gar nicht haben.

# Fotos: Solène Cravic

#Interview: Peter Schaber

# eine gekürzte Fassung erschien zuerst in der jungen Welt: https://www.jungewelt.de/artikel/308602.ich-will-die-revolution-verteidigen.html

 

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