Von Falken und Ameisen

Zehn Tage bei der Guerilla in den Bergen Kurdistans (Teil I)

„Wir sind doch Revolutionäre“, sagt Heval Azad zu uns, als wir mit traurigen Gesichtern in das Auto steigen, das uns abholen kommt. „Egal, wo wir sind, es ist immer schön. Denn die Revolution ist überall.“ Wir grüßen zum Abschied mit einem herzlichen „Serkeftin“. Die Trennung von den Freunden fällt uns so schwer, als hätten wir uns Jahre gekannt.

Das mag daran liegen, dass wir die zehn vorhergehenden Tage rund um die Uhr miteinander zu tun hatten. Es mag aber auch daran liegen, dass wir so viele und so surreal schöne Erfahrungen gemacht haben, dass uns diese kaum zwei Wochen in der Erinnerung wie Monate vorkommen. Wir haben in glasklaren, eiskalten Wasserfällen Bäder genommen, gelernt wie man aus Stachelschweinstacheln Füllfedern baut und vor dem Schlafengehen über Abdullah Öcalans Philosophie diskutiert, während sich in der absoluten Stille der unberührten Natur das Zischen feindlicher Kampfflugzeuge mit dem schrillen Heulen von Schakalen mischten.

Als erstes fällt uns auf, wie sehr die Genoss*innen als Kollektiv funktionieren. Alle Handgriffe sind aufgeteilt, niemand bleibt passiv, der Umgang miteinander ist äußerst respektvoll. Man denkt zuerst an die anderen, niemals an sich selbst. Im Großen wie im Kleinen, denn die Hêzên Parastina Gel (HPG), die Volksverteidigungskräfte der PKK, begreifen sich als eine „Partei der Selbstaufopferung“, sagt uns Heval Berxwedan. Als wir zusammen sitzen und über die jüngst in Schengal ausgebrochenen Gefechte reden, sagt er: „Die Kämpfer der KDP“ – der halbfeudalen, aus einem Klansystem entstandenen Kolaborateurspartei Mesud Barzanis – „können nichts gegen uns ausrichten. Sie sind nicht wie wir, sie kämpfen für Geld. Danach gehen sie nachhause, zu ihren Familien. Wir aber, wir kämpfen nicht für Geld, sondern für Freiheit. Und wir haben nicht eine einzige Familie, eine Mutter oder einen Vater. Alle Mütter und Väter Kurdistans sind unsere Mütter und Väter. Wir haben nicht eine Frau, alle Frauen Kurdistans sind unsere Schwestern und Genossinnen. Der Kampf für die Revolution ist unser Leben und wir sind bereit in ihm zu sterben.“

Das klingt hart für uns, die wir daran gewöhnt sind, dass linke Politik etwas ist, das neben Studium und Job, Party und Hobbies, Familie und Karriere auch noch irgendwo seinen Platz haben soll. Aber das hier ist eben kein Spiel, keine Freizeitbeschäftigung und auch kein kulturelles Kapital zur eigenen Profilierung. Während der Gespräche merken wir, dass die Genoss*innen hier alle schon zahlreiche Freund*innen verloren haben. Wir sehen ein Video der jungen Kämpfer*innen, die im vergangenen Jahr in Bakur als Märtyrer gefallen sind. Heval Azad und Heval Berxwedan kennen alle ihre Namen, wissen über sie viele Geschichten zu erzählen.

Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft

Seit seinem Beginn ist dieser Krieg einer, der von der Türkei mit den grauenhaftesten Mitteln geführt wurde: Die Geschichte der Anfangsphase der PKK ist bereits mit jener des Gefängniswiderstands in Amed verbunden, wo die schlimmsten aller Folterer zu Beginn der 1980er Jahre ihr Unwesen trieben. Physische Gewalt, sexualisierte Erniedrigung, psychische Torturen wurden angewandt, um die Revolutionär*innen zu brechen. Und schon damals entwickelte sich jener Widerstandsgeist, den uns Heval Azad in den Lektionen zur Parteigeschichte mit glänzenden Augen erzählt. Während wir unter einem gerade zu blühen beginnenden Baum sitzen und über uns Kampfjets zu hören sind, die nach Haftanin, Gare, Kandil oder eine der anderen Hochburgen der Bewegung fliegen, erklärt er uns die Geschichte Mazlum Dogans. Der hatte sich zum Newroz-Fest 1982 im Gefängnis in Amed selbst angezündet, aus Protest gegen die Unmenschlichkeit, die den Inhaftierten widerfuhr und als Zeichen seiner Unbeugsamkeit. „Er hatte nur drei Streichhölzer. Er zündete sie an, legte sie unter sich, nahm einen Strick und erhing sich über dem kleinen Feuer. Heval Mazlum wurde so zu einem Licht für alle anderen Gefangenen.“ Wenig später, am 17. Mai 1982, setzen vier weitere Genossen den Widerstand Mazlum Dogans fort: Ferhat Kurtay, Heval Esref, Heval Mahmut und Heval Necmi sammeln Gegenstände ihrer Freunde ein und verbrennen sich in ihrer Zelle: „Keinen Schrei, kein Geräusch hat der Feind gehört“, sagt Heval Azad. Aus der Selbstaufopferung dieser Genossen entstand eine breite Bewegung gegen den Folterknast in Amed.

Geschichte und Bildung

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer Partei, ihres Landes und der revolutionärer Bewegungen weltweit nimmt einen festen Platz im Leben der drei Freunde ein, mit denen wir nun zusammenleben. „Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft, erklärt uns Apo“, sagt Heval Azad oft. Die Erzählungen von Aktionen gefallener Freunde werden zu Liedern – es gibt sogar eines von Ahmet Kaya über Andrea Wolf -, zu Büchern, zu Filmen. Die persönlichen Gegenstände verstorbener Freunde werden in Gedenkorten, Sehitlik, ausgestellt oder an andere Genossen weitergeben. Die wenigen Nachrichten, die wir ein-, zweimal täglich hören, kommen zum Beispiel aus dem Radio eines gefallenen Freundes, das der wiederum an unseren Heval Azad verschenkt hatte. Die Kämpfer hier sind überzeugt: „Wenn wir nicht unsere Geschichte und die anderer revolutionärer Bewegungen so gut wie irgendwie möglich verstehen lernen, dann können wir gemachte Fehler nicht überwinden“.

Bildung, eğitim, ist generell das wohl wichtigste Element im Alltag der PKK-Kämpfer. „Ich habe, bevor ich beigetreten bin, noch nie ein Buch gelesen“, sagt Heval Cekdar. „Jetzt ist das für mich ganz normal, ich lese gerne und oft.“ In oder zumindest nahe an vielen Stellungen der PKK existieren Bibliotheken. Die manchmal sehr jungen Guerillas sind außerordentlich klug und wissbegierig – und stolz auf ihre Organisation, die sie auf diesen Weg gebracht hat.

Bildung allerdings schließt nicht nur das lernen aus Büchern und aus der Geschichte mit ein. Es meint auch die praktische Ausbildung: Wie überlebt man in der Natur? Wie benutzt man möglichst effektiv eine Kalaschnikow, eine Handgranate oder eine Doschka? Wo bekommt man Essen her, wenn man hungrig ist, wie wärmt man sich, wenn es kalt ist, wie bleibt man unentdeckt vom technologisch hochgerüsteten Feind? Welche Taktiken setzt man ein, wenn man angreift, welche, wenn man sich verteidigt? Wie verhält man sich anderen und sich selbst gegenüber?

Die Bildungen gehören schon bald auch zu unserem normalen Tagesablauf. Manchmal lernen wir kurdisch, dann den Gerilla-Govend, eine Form des Halay-Tanzes. Manchmal gehen wir die Parteigeschichte durch und manchmal bauen wir mit verbundenen Augen Kalaschnikows auseinander und wieder zusammen – was gar nicht so leicht ist, wenn Heval Azad die Teile versteckt und lachend schreit „los, los, los, der Feind kommt“.

Tekmil – Kritik und Selbstkritik

Eine wichtige Errungenschaft dabei ist die sogenannte „Tekmil“, die „Rückmeldung“. Täglich kommt die jeweilige Einheit zusammen und führt ein solches Gespräch durch, in dem Kritik und Selbstkritik geäußert und notiert werden: Wie hat man sich verhalten, wie lief der Tag und die Arbeit an dem Tag, was hat man an sich oder an einem Freund auszusetzen. Nachdem die Freunde uns bei unserer Tekmil, die uns zu einer Art Plenum geriet, zugesehen haben, korrigieren sie: „Eine Tekmil muss kurz sein. Nicht, weil es an Zeit mangelt, sondern weil man seine Gedanken kurz und klar ausdrücken können muss. Jeder spricht nur einmal und man macht sich vor der Tekmil Gedanken darüber, was man sagen will. Der Leiter der Tekmil rotiert und nach drei Tagen wertet man aus, wie sich ein kritisierter Freund entwickelt hat, ob es ihm gelingt, seine Mängel zu überwinden.“

So einfach und banal das klingt, es ist äußerst wichtig, wenn man ständig zusammen lebt. Denn man frisst seinen Gram über einen anderen nicht in sich hinein und verschließt auch nicht seine Augen vor den eigenen Fehlern. Kritik und Selbstkritik werden ein normaler Teil des Lebens, nichts „Persönliches“. Es gibt so keinerlei Anfeindungen in unserer Gruppe. „Wenn wir uns hart kritisieren, ist das ein Zeichen unserer Freundschaft“, formuliert eine internationalistische Genossin.

Permanente Selbstkritik ist für die Guerilla lebensnotwendig. Als wir über die Freiheitsfalken Kurdistans, TAK, reden, erinnert uns Heval Azad an eine Metapher Abdullah Öcalans: „Apo hat gesagt, dass wir Kämpfer wie Falken sein müssen – nur in einem Punkt sogar besser. Der Falke ist aufmerksam, bevor er zuschlägt. Er sieht seinen Feind und beobachtet alles. Wenn er dann zuschlägt, ist er schnell. Die Guerilla muss genauso sein. Doch wenn der Falke seine Beute gefangen hat und frisst, wird er unvorsichtig. Das Blut steigt ihm zu Kopf. Nun ist der Moment, in dem man ihn fangen kann. Hier muss die Guerilla anders sein. Wir dürfen nicht siegestrunken werden.“

Für uns ist Tekmil auch deshalb wichtig, weil sie uns am Leben der Genossen hier teilnehmen lässt. Wir kritisieren, dass wir nicht genug in die Arbeiten eingebunden werden und man uns zu viel abnimmt. Die Genossen nehmen das an und mahnen uns dann in der nächsten Tekmil zu mehr Eigeninitiative. Ab dann funktioniert alles wie geschmiert.

Die Männlichkeit töten

Wichtig ist die Rückmeldung aber auch, weil wir noch nicht alle Verhaltensregeln kennen, die es hier gibt. Beim Sitzen und bei der Kleidung ist auf askerlik, soldatische Ordentlichkeit zu achten. Man lümmelt nicht, verwendet keine Schimpfwörter, selbst nicht gegen den Todfeind. Die meisten Verhaltensregeln greifen dann besonders streng, wenn weibliche Guerilleras im Camp sind. Man hat Haltung zu wahren, Sachen wie die Ankündigung eines Toilettengangs oder Zähneputzen sind verpönt. Selbstverständlich gibt es keinerlei Anzüglichkeiten, eine Atmosphäre größten Respekts herrscht vor. Die Einheiten der Guerilla sind im Alltag getrennt. Man kommt zu Bildungen, Feierlichkeiten, Aktionen zusammen, aber die Frauen haben ihren eigenen Raum, den ihnen niemand streitig zu machen hat.

„Das ist wichtig, denn wir wollen nicht mit falschen Verhaltensweisen die selbstbestimmte Entwicklung der Frauen blockieren“, erklärt Heval Azad. „Apo hat uns gelehrt, dass es wichtig ist, die Männlichkeit in uns zu überwinden. Die Befreiung der Frau und die Befreiung des Mannes gehen Hand in Hand.“ Die Teams der Guerilla schreiben ständig Berichte, über ihr Leben, ihre Tekmils, ihre Bildungen, ihre Aktionen. Einmal im Monat müssen sie über die Fortschritte in Sachen Überwindung von Geschlechterrollen schreiben.

Sie wissen dabei, dass die Gesellschaft hier, auch diejenigen Leute, die sie erreichen wollen, noch sehr patriarchal strukturiert ist. Doch sie haben auch einen Weg gefunden, damit umzugehen. „Du siehst“, sagt Heval Berxwedan, „dass hier in den Bergen zum Beispiel nicht die Frauen den ganzen Tag in der Küche stehen und die Männer im Zelt sitzen und Tee trinken und sich bedienen lassen. Genau so läuft das aber oft bei Familien, bei denen wir zur Agitation zu Gast sind.“ Es helfe da aber nichts, mit intellektuellen Worten zu erklären, warum Patriarchat und Männlichkeit zu überwinden seien. „So können wir dort nicht reden, wir würden niemanden erreichen. Wir machen das anders. Wir stehen einfach auf und gehen in die Küche, kochen, waschen ab. Dann entstehen Gespräche, wieso wir das machen.“ Was diese Geschichte an einem ganz alltäglichen Beispiel erklärt, leben die Frauen Kurdistans auf vielen Ebenen. Die bewaffneten Guerilleras werden durch ihre Praxis zum Vorbild für andere Frauen, die sich aus Unterdrückungsverhältnissen befreien wollen.

Revolution, weltweit

Manchmal, auch als für einen Tag Heval Agir zu Gast ist, fragen wir, was sie denn nach der Revolution gerne machen würden und wie sie sich da ihr Leben vorstellen. Die Frage läuft ins Leere. „Wir sind Revolutionäre. Wir haben so gelernt zu leben und so werden wir weiter leben. Wenn die Revolution in Kurdistan abgeschlossen ist, gehen wir und helfen anderswo.“ Wie Che Guevara, fügt Heval Agir hinzu. Tatsächlich ist es ja schon jetzt so, dass die HPG revolutionäre Prozesse in erster Linie unterstützt, damit sich lokale Selbstverwaltung herausbilden kann. „Schau doch mal nach Minbic in Syrien“, sagt Heval Azad. „Das ist keine kurdische Stadt. Wir haben mitgeholfen, dass sich die Bevölkerung der Terroristen entledigen und eigene Verwaltungsorgane aufbauen kann. Dann sind wir wieder abgezogen.“ Heval Azad meint, wenn es einen funktionierenden Volksrat und funktionierende Selbstverteidigung gibt, gäbe es keinen Grund, länger zu bleiben. „Wenn das Volk seine Angelegenheiten selbst in die Hand nimmt, kann es für alles selber sorgen. Wir helfen dann nur bei der Ausbildung und ziehen weiter, dorthin, wo wir gebraucht werden.“ Kommt doch bald mal nach Deutschland, meinen wir im Scherz.

Schon jetzt ist dieses internationalistische Verständnis, dass tief in der Bewegung verankert ist, ein Bezugspunkt für Linke aus aller Welt. Auf unserem – noch sehr kurzen Weg – treffen wir Menschen aus 7 Nationen. Sie alle sind hier, um zu lernen: Politische Strategie, Entschlossenheit, aber auch und vor allem Rehevalti, Genossenschaftlichkeit, die uns in Europa schon vor längerer Zeit abhanden gekommen zu sein scheint.

Tun, was man kann

Als wir über Europa sprechen, sagt einer von uns, es sei manchmal schwer, den Mut nicht zu verlieren. Grabenkämpfe untereinander, eigene Disziplinlosigkeit und der generelle Mangel an Ernsthaftigkeit in der Linken lasse einen schnell verzweifeln.

Heval Cekdar, streicht durch seinen Revolutionärsschnurrbart und holt zu einer Geschichte aus. „Es gibt eine Anekdote, die von König Nimrud und einer Ameise handelt. Der tyrannische König Nimrud wollte den Propheten Ibrahim verbrennen. Er rief alle Dorfbewohner zusammen, um Holz für das Feuer zusammenzutragen. Einer der Dorfbewohner traf auf seinem Weg auf eine Ameise. Die Ameise hatte ihren winzigen Mund voller Wasser. Sie deutete auf ihren Mund und das Feuer. Sie hatte sich aufgemacht, um so die Verbrennung des Propheten Ibrahim zu verhindern.“ Die Metapher soll zeigen: Egal wie gering unsere Möglichkeiten sind und wie aussichtslos die Situation, wir müssen unseren Beitrag für das leisten, was wir für richtig halten. Gegen alle Widerstände und im Bewusstsein dessen, dass wir auf das richtige Ziel hinarbeiten.

Die Ameise hat es mit diesem Maß an Überzeugung bis in den Koran geschafft, die von kaum zwei Dutzend Revolutionär*innen gegründete PKK in die künftigen Geschichtsbücher der befreiten Welt.

# Peter Schaber

*Wir dürfen nicht sagen, wo der Ort liegt, noch wie die Freunde heißen, über die wir schreiben.  Wir haben vorsichtshalber auch die Kampfnamen verändert. Fotos haben wir keine gemacht, das Titelbild ist letztes Jahr bei einer Reise in den Nordirak entstanden.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.