„Als ich die Berge sah, fühlte ich mich endlich zuhause“

Vor sieben Jahren entschied sich Heval Ruken in die Berge Kurdistans zu gehen. Als europäische Linke schloss sie sich der Arbeiterpartei Kurdistans an. Wir sprachen mit ihr über die Unterschiede zwischen der revolutionären Bewegung in Deutschland und Kurdistan, über Patriarchat, Kollektivität und darüber, was sie an deutschen Linken besonders nervte.


Wenn wir deine Biographie angucken, hast du mindestens zwei Welten der linken Bewegung mitbekommen. Einmal die politische Tätigkeit in Europa über längere Zeit, dann seit sieben Jahren die Arbeit in der Arbeiterpartei Kurdistans. Kannst du in groben Punkten sagen, was das Ausschlaggebende war, aus Europa wegzugehen und was du hier gefunden hast, was du dort nicht finden konntest?

Ich war sehr lange in Europa politisch aktiv. Die kurdische Bewegung kenne ich sehr lange, habe aber zunächst bewusst die Entscheidung getroffen, nicht beizutreten, weil ich es damals wichtig fand, in Europa wieder eine eigene Stärke zu entwickeln. Das war in den 1990er-Jahren.

Es gab ja früher mal eine ziemlich starke Bewegung, die dann aber nach ’89 immer weiter geschwächt wurde. Trotzdem gab´s noch Hoffnung, dass es auch irgendwann wieder eine Stärkung geben kann. Ich war in dem Sinne nicht festgefahren. Ich habe damals in verschiedenen Gruppen geguckt, wie mensch das, was es gab, verbessern kann – vor allem in der Frauenbewegung und in der antirassistischen Bewegung. Das habe ich lange versucht durchzuhalten und irgendwann ging´s nicht mehr.

Ich bin dann für eine Weile nach Kurdistan gegangen, nach Amed, und habe da die Bewegung besser kennengelernt und habe auch gemerkt, dass die Bewegung in Kurdistan ganz anders ist als in Europa. Ich habe dann für mich festgestellt: Wenn ich behaupte, dass ich Revolutionärin bin, dann muss ich auch wie eine Revolutionärin arbeiten und wie eine Revolutionärin leben. Ich habe damals für mich gesehen, dass ich gerne Revolutionärin sein möchte, aber es nicht sein kann. Es klappt nicht, ich bin es nicht, ich lüge mich selber an, dachte ich.

Dann habe ich die Entscheidung getroffen, dass es keinen anderen Weg gibt, Teil einer Revolution zu sein, als den, in die PKK zu gehen. Deswegen habe ich mich angeschlossen. Ich habe natürlich erst gefragt und die haben gesagt: Es geht, aber du wirst viele Schwierigkeiten haben. Das war ganz gut, das haben die Freunde mindestens drei Mal gesagt und wenn es dann Schwierigkeiten gab, dann musste ich immer lachen, weil ich mich daran erinnern musste, dass sie es mir ja gesagt haben.

Damit musste ich dann eben leben. Ich habe gesagt, ich akzeptiere das und dann ist es auch in Ordnung. Ich dachte damals allerdings, dass die Schwierigkeiten hauptsächlich auf einer physischen Ebene stattfinden. Später habe ich gemerkt, dass es ganz andere Arten von Schwierigkeiten gibt. Ich habe manche Dinge nicht verstanden, ich hatte Träume, die ich so nicht eins zu eins gefunden habe und so weiter. Aber seitdem bin ich hier.

Du hast gesagt, dass in der antirassistischen und feministischen Bewegung irgendwas für dich nicht funktioniert hat. Was war das konkret? Welche konkreten Schwierigkeiten gab es, die unüberwindbar schienen oder sogar waren?

Wir wollten eine Alternative zum kapitalistischen und zum patriarchalen System – und das hat einfach nicht geklappt. In Europa gab es in den 70ern und 80ern noch eine Frauenbewegung. Die wurde in den 90ern durch verschiedene Strategien des Staates geschwächt, einerseits durch eine Teile-und-Herrsche-Politik, andererseits durch das Integrieren in das System. Sachen, die aufgebaut worden sind, sind verloren gegangen. Sogar viele der Werte, die vorher noch vermittelt werden konnten, sind heute weg. Also Werte wie Solidarität unter Frauen sind jetzt nicht mehr so stark da, wie es damals noch war.

Wir wollten also was aufbauen, wir haben aber stattdessen mehr verloren. Besonders das Integrieren in den Staat hat so gut funktioniert, dass meine eigenen Freundinnen auf der gleichen Ebene denken wie der Staat und in den gleichen Strukturen drin sind. Dann steht mensch wieder alleine und ist wieder isoliert. Die Bewegungen die wir hatten, wurden immer stärker isoliert. Das kennt ihr ja sicher selber. Klar gab es lange so eine „Wird-Schon“-Mentalität, bis ich eben irgendwann gemerkt habe: „Nein, das wird nicht mehr“.

Das ist für mich jetzt auch ein Problem geworden, weil ich das Vertrauen in eine Revolution in Europa verloren habe. Dennoch sehe ich in der PKK eine Bewegung und eine Ideologie für die gesamte Menschheit, die sich langsam in der ganzen Welt verbreiten wird. Am Anfang hier und dann vielleicht irgendwann in Europa.

In Europa gibt es vieles, was wir in der Geschichte der letzten 5000 Jahre, aber insbesondere in den letzten 400 Jahren verloren haben. Vor 400 Jahren gab es die Kleinfamilie, in der Form wie wir sie heute kennen in Europa noch nicht. Frauen hatten ein aktivere Rolle in der Gemeinschaft und es gab auch noch kommunales Leben. Kapitalismus hat sich auf Gewalt aufgebaut. Die Ermordung von Millionen Frauen, gebrandmarkt als Hexen und die Ermordung von Millionen andersdenkender in der Inquisition war eine notwendige Voraussetzung für die Durchsetzung des Kapitalismus.

Jetzt gibt es mit dem Kapitalismus ein System, in dem Menschen wie Fremde miteinander leben und wie Fremde für sich selber sind. In diesem Sinne ist es schwierig von Gesellschaft in Europa zu sprechen. Hier ist Gesellschaft sehr wesentlich. Es ist möglich im Hinblick auf die Gesellschaft ein Unterschied zu sehen in der Ideologie von Serokati (Abdullah Öcalan) im Gegensatz zu den meisten marxistischen Ideologien. Die haben zwar gute Grundsätze, kommen aber über bestimmte Punkte nicht hinaus. In diesen Ideologien liegt der Betonung auf ֖konomie und ökonomische Unterdrückung. Das Problem sitzt aber viel tiefer. Das Problem sitzt so tief, dass es allein auf dieser Ebene nicht zu lösen ist. Das patriarchale System hat über die letzten 5000 Jahre die meisten menschlichen Werte vernichtet oder verdeckt und das muss wieder aufgebaut oder neu gefunden werden. Ein so wichtiges Herrschaftssystem wie das Patriarchat darf nicht einfach ausgeklammert werden.

Bleiben wir kurz bei dem Punkt der Kollektivität, dieser Art von Rehevalti, Freundschaft, die zwischen den Kämpfer*innen der kurdischen Guerilla vorherrscht. Du sagst, in Europa sind die Menschen sehr isoliert voneinander. Man kennst sich kaum noch, so etwas wie kollektives Leben ist zerstört worden. Die Beschreibung trifft ja sicherlich zu. Was ist am Zusammenleben in der Guerilla, am Zusammenleben in den Bergen, anders? Wie hat sich das für dich dargestellt, als du gekommen bist? Wie hast du dich da eingefunden? Welche Sachen haben dir besonders das Gefühl gegeben, dass das hier ein menschliches Leben ist?

Wo ich herkomme, gibt es keine Berge, ich kenne mich mit Bergen überhaupt nicht aus und konnte auch kein Kurdisch. Als ich das erste Mal in den Bergen hier angekommen bin, hatte ich wirklich das Gefühl, zu Hause zu sein. Das ist eigentlich total absurd. Alles war fremd, aber ich habe mich schon im ersten Moment so gefühlt, als ob ich nach vielen Jahren nach Hause komme.

Ich musste zwar alles neu lernen, von der Sprache bis zur Art, wie mensch miteinander lebt, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. Ich habe früher versucht, in kollektiven Strukturen zu leben und in den linken Bewegungen gibt es ja auch kommunale Ansätze. Was wir in Europa von Gemeinschaft und kommunalem Leben verstehen ist jedoch etwas ganz anderes, als was wir hier davon verstehen.

Hier spürst du den Anderen tatsächlich. Du spürst, wie es den Anderen geht, wenn es den Anderen schlecht geht, geht es dir auch schlecht. Du bist nicht mehr getrennt von deinen Genoss*innen. In Europa bist du vielleicht in kommunalen Strukturen, aber du bist immer noch getrennt von den Anderen, weil du immer noch getrennt von dir selber bist. Hier schafft mensch es, langsam diese Trennung aufzuheben. Das kommunale Leben ist also nichts, was irgendwie von Außen kommt, sondern mensch ist eins mit seinen Genoss*innen wie mit deinem Körper. Genauso, wie du dir nicht den Arm abtrennen kannst, kannst du auch deine Freund*innen nicht von dir abtrennen.

Was bedeutet das für den Alltag?

mensch macht immer alles gemeinsam und ohne Aufforderung. Wir arbeiten gemeinsam, wir leben gemeinsam, wir gucken, was die Anderen grade brauchen und versuchen auf die verschiedenen Bedürfnisse von den Anderen einzugehen. Jeder kennt die Anderen wirklich gut und wir wissen auch, was die verschiedenen Bedürfnisse von den Anderen sind, weil wir ein Teil voneinander sind. In der Hinsicht kann mensch dann, wenn es mal Probleme gibt, die auch gut miteinander lösen.

Besonders in den militärischen Strukturen in den Bergen ist man ja 24 Stunden mit seinen Freunden zusammen. Hast du manchmal das Bedürfnis gehabt, da einen Rückzugsraum zuhaben?

Nein. Es sei denn, wenn es irgendwas gab, was mich wütend gemacht hat. Aber auch dann eher, weil ich dann eine Stunde für mich zum Nachdenken brauche und dann sehe ich auch oft, dass es eigentlich mein Fehler war. Das ist aber eher eine persönliche Strategie, um niemanden zu verletzen. In Europa war ich viel aggressiver, als ich jetzt bin und konnte auch mit meiner Wut nicht so gut umgehen, wie ich es jetzt kann. Die Gesellschaft in Europa ist sowieso ziemlich aggressiv. Zwar unterdrückt, aber die Aggressionen sind da. Weil mensch hier in einer ganz anderen Gesellschaft lebt, ändert mensch sich auch selber und weil mensch auch nicht die ganze Zeit in einem Unterdrückungsverhältnis ist, ist mensch auch selber viel entspannter.

Eine Freundin hat mal zu mir gesagt: „Du warst am Anfang wie Schwarzpulver und jetzt bist du wie Benzin. Du explodierst noch immer, aber nicht so schnell.“

Sehr unterschiedlich dürfte ja die Beziehung zwischen Mann und Frau sein. Kannst du so einen Vergleich ziehen zu deinen früheren Genossen aus Europa und den Genossen hier?
Welche Verhaltensformen sind hier anders? Wie drückt sich die Losung „die Männlichkeit töten“ im Alltag aus?

Der große Unterschied ist, dass es hier eine sehr starke Frauenbewegung gibt und viel darüber diskutiert wird. Dadurch ist viel mehr Respekt da. Klar gibt es Kämpfe zwischen Männern und Frauen, aber es gibt mehr Respekt und Frauen spielen eine ziemlich wichtige Rolle auf allen Ebenen der Revolution. In Europa ist ja die gängige Idee eher: „Es gibt kein Patriarchat, wir sind alle gleich“. Dadurch ist das Patriarchat viel stärker und es ist viel schwieriger dagegen zu kämpfen. In Europa gab es immer Kämpfe mit den männlichen Genossen, aber es gab keine wirkliche Unterstützung, weder von den männlichen, noch von vielen weiblichen Genoss*innen. Es gibt ja schließlich kein Patriarchat. Es ist ja ein individuelles Problem. Es wurde meistens nicht auf der Ebene von Patriarchat gesehen und auch die Männer führen diese Auseinandersetzung viel weniger.

Deswegen sind wir auf dieser Ebene hier viel weiter als in Europa. Vor allem für die Männer in Europa wäre es total wichtig, sich mit dem Patriarchat und seiner 5000-jährigen Geschichte auseinanderzusetzen. Du kannst kein Sozialist sein, wenn du dich mit dieser Geschichte, damit was es heißt, Mann oder Frau in dieser Gesellschaft zu sein, nicht auseinandersetzt. Das funktioniert nicht. Du kannst kein Linker sein und eine Alternative aufbauen wollen, wenn du dich mit 5000 Jahren Patriarchat und was das mit dir als Mensch macht, nicht auseinandersetzt.

Diese Auseinandersetzung gibt es hier 24 Stunden am Tag und deswegen gibt es auch hier in der Hinsicht keine Probleme. Wenn es doch mal Probleme gibt, werden die sofort angegangen. Da gibt es dann auch Unterstützung von den männlichen Genossen. Wenn ein männlicher Genosse die Stärke von einer weiblichen Genossin nicht sieht oder nicht anerkennt, dann kritisieren auch die männlichen Genossen. Wir haben uns diese Mechanismen erkämpft.

Diesen Kampf gibt es aber in Europa nicht. Frauen können ja studieren und Führungspositionen einnehmen und so weiter. In den linken Bewegungen in Europa spielen Frauen eine große Rolle und sind sehr aktiv, trotzdem steht dieser Kampf nicht im Vordergrund und das Patriarchat ist nicht überwunden. Der Punkt ist nämlich eben nicht, in wie weit Frauen eine Rolle in der Bewegung spielen, sondern ob mensch dem Patriarchat etwas entgegenstellen kann und es möglich ist, tatsächlich eine Alternative aufzubauen.

Das System liegt sehr tief mit all seinen Werten, der Art zu denken und zu fühlen. Dieses System muss mensch ändern. Gleichsein in Europa hat, so habe ich es in meiner persönlichen Geschichte erlebt, bedeutet, mein Weiblichsein aufzugeben. Es heißt, ich kann wie ein Mann gleich sein. Mit einer weiblichen Identität wirst du nicht ernst genommen. Das ist hier nicht so. Du hast zwar eine weibliche Identität, hast aber als Frau eine Vorreiterposition – im Militärischen wie im Politischen.

Es geht uns um ein neues System im Denken, im Fühlen, neue Werte, die es ja hier zum Teil auch noch gibt. Es ist ja nicht so, dass alles dem Boden gleichgemacht wurde. In Europa wurden sie viel weiter zerstört. Der Kampf gegen die kurdische Identität ist ja ein Kampf der geführt wird, damit der Kapitalismus sich hier breit machen kann.

Lass uns noch kurz bei dem Thema bleiben. Öcalan schreibt ja, dass dieser Bruch mit 5000 Jahren Patriarchat als „totale Scheidung“ zu begreifen sei. Das bedeute auch, dass die monogame Zweierbeziehung, die Kleinfamilie hinterfragt werden muss, da sich dort Herrschaftsmechanismen reproduzieren. In der Guerilla existiert ja Sexualität in dem Sinne eigentlich nicht, aber was ist das Konzept für die Gesellschaft, die nicht in der Guerilla ist? Was wäre ein zukünftiges Konzept von Zusammenleben in der befreiten Gesellschaft?

Es gibt das Konzept, dass Beziehungen auf Ebene von Gleichheit möglich sein müssen, aber nicht Gleichheit im westlichen Sinne „Männer und Frauen sind gleich“, sondern das mensch tatsächlich guckt, wie mensch in einer Gemeinschaft Werte wie Kollektivität und Gemeinschaftlichkeit wieder stärken kann. Auf dieser Ebene muss dann auch geguckt werden, wie Beziehungen zwischen Männern und Frauen aussehen können. Es kann durchaus sein, dass eine solche Beziehung die Form einer Familie annimmt, es kann auch durchaus sein, dass in der Zukunft andere Formen gefunden werden.

Das was in der westlichen Welt passiert ist, dass auf die Kritik aus den feministischen Bewegungen die Familie abgelehnt wurde und Männer und Frauen dann eher alleine blieben, Trennungen normaler wurden und die Schwierigkeiten für Frauen mit Kindern eher größer kleiner wurden, haben wir auf jeden Fall nicht vor. In Rojava haben wir auch gesehen, dass sich viele Frauen getrennt haben. Das ist nicht die Lösung. Dann stehen die Frauen alleine da mit den Kindern. Wenn es irgendwie möglich ist, in der Familie eine Lösung zu finden, dass auf einer Ebene mit Respekt und Gleichheit ein Zusammenleben gefunden werden kann, ist es besser.

Ein anderes Beispiel aus Rojava ist, dass wir dabei sind ein Frauendorf aufzubauen, für Frauen, deren Männer gefallen sind oder die aus anderen Gründen keinen Mann, aber Kinder haben. Das Dorf bekommt alles, was dazu gehört, also Landwirtschaft, Kollektivbetriebe, kleine Manufakturen, Schulen und so weiter. Das ist eine klare Alternative für Frauen auf einer anderen Ebene, gemeinsam mit anderen Frauen zu leben und für ihre Kinder sorgen zu können.

Wie sind denn die Fortschritte im Entwickeln dieser kommunalen Ökonomie insgesamt in Rojava?

Es geht langsam voran. Wir versuchen in allen Bereichen der Gesellschaft, also Medien, ֖konomie, Gemeinde und ֖kologie, Soziales und Gesundheit, Diplomatie, Bildung, Politik, Kunst und Kultur und Selbstverteidigung ein neues System aufzubauen.

In den Ländern, in denen es gab, gibt und gab es Diktaturen. Wir müssen also unter Bedingungen arbeiten, die vorgegeben sind und zunächst noch das Bewusstsein schaffen, das für ein neues System nötig ist. Ich gebe dir ein Beispiel: Wir wollen in Rojava eine Kooperative aufbauen. Und manche kurdische Frauen sagen dann: Oh, das ist ja toll, dann sollen die arabischen Frauen für uns arbeiten gehen. Es gibt also viele Schwierigkeiten zu überwinden.

Aber in Rojava werden derzeit in allen Gebieten Kommunen aufgebaut und es wird versucht, alle Leute, die dort leben, in das neue System einzubinden. Bildung ist dabei ganz wesentlich, weil das die Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen auch an dieses System glauben können.

Welche Punkte können Revolutionär*innen in Deutschland von diesem Prozess lernen?

Es gibt einige grundlegende Dinge: Wenn du sagst, du willst den Kapitalismus abschaffen und etwas Neues anfangen, dann reicht es nicht Demonstrationen zu machen. Das kann ein Teil davon sein. Aber Ideologie ist nicht nur etwas, was im Kopf stattfindet. Ideologie bedeutet auch eine andere Form zu leben, eine reale Alternative umzusetzen. Und dazu muss mensch verstehen, wie tief das Herrschaftssystem reicht. Und sich nicht dauernd einzureden: Ich bin ja Sozialistin, deshalb bin ich besser als alle anderen. Das ist Quatsch. Ich bin genauso wie alle anderen auch. Ich habe das gleiche System angelernt bekommen. Wir sind die Linken, also sind die Guten, das ist sowieso Quatsch.

Tatsächlich aus diesem System rauszukommen, zu verstehen, dass Ideologie mehr ist, als eine Überzeugung. Ideologie ist eine Art zu leben. Auf diesem Feld etwas zu ändern, ist in Europa schwierig – aber bestimmt nicht unmöglich.

Was mich allerdings an Teilen der deutschen Linken nervt, ist, dass die immer wirklich viel lesen und meinen, alles zu verstehen, aber dann nicht danach handeln. Revolution ist nicht nur Theorie.

Es muss eine Auseinandersetzung mit anderen Leuten zusammen geben. Wenn du es nicht schaffst, die Isolation zu durchbrechen, wird es nie eine Revolution geben. Es braucht tatsächliche kommunale Strukturen. Ohne die geht es nicht.

Wenn du kritisierst, dass die Leute in Deutschland zwar richtig viel Wissen darüber ansammeln, was man tun müsste, aber es dann nicht tun, dann würde ich meinen, dass das mit einer bestimmten Furcht zusammenhängt, Sachen zu verlieren, die sie noch haben. Vorhin hast du von der Notwendigkeit einer neuen Ernsthaftigkeit gesprochen. Mich würde interessieren, wie das bei dir war, als du hier her gekommen bist. Ich meine: man kann hier jederzeit sterben, die Bedrohung durch den Feind ist immer da. Hast du keine Angst gehabt?

Ich glaube, es gibt andere Ängste, die wesentlicher sind als die vor dem Sterben. Die Angst, alleine zu sein, alleine dazustehen. Oder die Angst, dass das, was du tust, vergeblich ist. Ich glaube, solche Ängste sind viel wesentlicher. Und diese Ängste sind in Europa viel präsenter. Denn du bist alleine. Und du arbeitest vielleicht 24 Stunden am Tag als Revolutionärin, aber du erreichst kaum etwas. Du bist immer wieder abgetrennt von den anderen. So etwas hast du hier nicht. Du bist Teil eines kommunalen Lebens. Deshalb fühlst du dich sicher.

Diese Angst, dass die Leute dich von ihnen wegstoßen, weil du etwas falsch gemacht hast, die gibt es hier nicht. Aber die Freund*innen geben niemanden auf, sie ziehen dich immer wieder zu ihnen und fragen: Wieso machst du das falsch? Das ist in Europa nicht so. Da machst du etwas falsch, dann bist du weg, für immer. Hier ist diese Angst weg und das war für mich befreiend. Die Ängste, die ich Europa hatte, bin ich hier losgeworden.

Die Angst zu sterben ist da vergleichsweise nichtig. Die Angst nicht leben zu können, finde ich viel existenzieller. Und du kannst in Europa nicht wirklich leben. Das, was wir in Europa haben, ist kein Leben. Wir werden in Europa von klein auf zur Angst erzogen. Das ist ja auch ein Herrschaftsmechanismus, der dazu dient, uns kontrollierbar zu machen.

Ok, hier kann mal eine Bombe fallen. Aber das bedrückt dich nicht rund um die Uhr und du weisst auch, wie du dich dagegen schützen kannst. Es behindert dich nicht ständig. Auch in den Kriegssituationen ist das ähnlich. Sicher, du wirst beschossen, manchmal weißt du auch nicht, wo die Kugeln herkommen. Trotzdem spürst du die Angst nicht so. Physischer Schmerz etwa, ist zu ertragen. Die Angst, isoliert und alleine zu sein, dagegen ist viel schlimmer.

Vorher hast du kurz angedeutet, es gehe euch um eine Version von Sozialismus, die sich von dem Sozialismus des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Kannst du die wichtigsten Unterschiede kurz herausstellen?

Sozialismus und Demokratie müssen immer zusammengehen. Die Demokratie, von der wir sprechen, besteht aber nicht darin, dass du einmal alle vier Jahre wählen gehen darfst. Es geht darum, dass die Menschen gemeinsam ihr Leben gestalten können.

Und wenn du etwas Richtiges erreichen willst, kannst du das nie mit den falschen Methoden machen. Um Herrschaft zu überwinden, kannst du nicht selbst Herrschaft ausüben. Du kannst nur durch Demokratie versuchen, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Im Realsozialismus hat wieder eine Gruppe Herrschaft ausgeübt. Es darf nicht so sein, dass sich eine Gruppe über den Rest der Gesellschaft erhebt und sagt: Wir wissen alles besser und wir machen das jetzt so.

Wenn du nach Rojava schaust, da ist es so, dass die Bevölkerung ihr eigenes System aufbaut. Und es gibt aus der Bevölkerung auch immer wieder Kritik an den Kadern und die müssen sich dann damit befassen. Es ist tatsächlich die Bevölkerung, die die Revolution macht.

Staaten sind Herrschaftssysteme. Wir glauben, dass mensch keine herrschaftsfreie Gesellschaft aufbauen kann, wenn mensch selber Herrschaft ausübt. Deshalb ganz klar: Kein Staat, dafür eine Demokratie von unten nach oben.

Diese Herangehensweise wäre auch für Europa wichtig. mensch sollte einsehen, dass das Problem nicht nur in der Ungleichverteilung von Reichtum besteht, sondern dass es ein Herrschaftssystem gibt, das auf vielen Ebenen existiert. Mensch muss sich überlegen, wie mensch dieses Herrschaftssystem überwindet und seine Auswirkungen aus den Menschen heraus bekommt.

Wir haben jetzt länger über jene Sachen gesprochen, die in Europa, zumindest in den Massenmedien, nicht thematisiert werden: die Überwindung des Patriarchats, das kollektive Leben und so weiter. Lass uns zum Abschluss nochmal über die aktuelle Situation sprechen. Wir haben zu Newroz mit vielen Freund*innen gesprochen, die eine Naherwartung des Sieges haben. Das Motto hieß ja auch mutlaka kazanacagiz, wir werden auf jeden Fall siegen. Wie schätzt du die Entwicklung des Krieges im kommenden Jahr ein?

Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Es wird auf jeden Fall einen harten Kampf geben. Gleichzeitig wird der Aufbau unserer Strukturen in den verschiedenen Gebieten weitergehen. Ich denke nicht, dass der Krieg in naher Zukunft vorbei sein wird. Dafür ist er den verschiedenen Mächten zu wichtig. Vor allem in Rojava und Bakur werden die Auseinandersetzungen langwierig sein.

Was Newroz uns aber gezeigt hat, ist, dass die Bevölkerung trotz der Möglichkeit, dass es Anschläge und Angriffe gibt, auf die Straße gegangen ist. Viele haben demonstriert und gefeiert. Das hat gezeigt, wie groß die Kraft der Bewegung innerhalb der Bevölkerung ist.

Aber der Krieg wird andauern. Denn es ist kein Krieg zwischen der Türkei und den Kurden oder zwischen Syrien und den Kurden. Es ist ein internationaler Krieg. Diese Region ist für die verschiedenen Hegemonialmächte entscheidend. Sie alle setzen auf Krieg, Russland, Amerika, Europa. Für die ist Krieg etwas Gutes, vor allem, wenn er nicht in ihren eigenen Ländern stattfindet. Deshalb vermute ich, dass sie ein Interesse dran haben, dass dieses Chaos nicht allzu bald endet. Diese Kräfte tun alles, um ihren Einfluss im Mittleren Osten zu gewährleisten. Krieg bringt ihnen Geld ein. Zudem ist dieser Krieg auch eine Widerspiegelung der weltweiten Widersprüche des Kapitalismus.

Aber gleichzeitig, das sieht mensch in Rojava auch sehr gut, konnten wir trotz des Krieges unser eigenes System weiter aufbauen. Und wir erwarten, dass das auch in Bakur der Fall sein wird.

Du hast ja gesagt, dass der Krieg in der Region nicht allein ein lokaler ist, sondern ein internationaler. Du kommst ja selber aus einer antiimperialistischen Tradition. Was denkst du, ist die Aufgabe, antiimperialistischer Kräfte in Europa?

Sich selber zu organisieren. Wenn es keine eigene, ernsthafte Organisierung gibt, gibt es auch keine Basis, sich mit irgendwas zu solidarisieren. Deshalb ist die erste Aufgabe, sich selber eine Basis aufzubauen. Was der Kapitalismus bewirkt, ist, dass auf verschiedenen Ebenen diese eigene Organisierung verunmöglicht wird. Der Feind bedient sich da mehrerer Strategien: Er erschafft Misstrauen, Konflikte untereinander. In vielen Gruppen der deutschen Linken bist du immer nur mit inneren Konflikten beschäftigt und schaffst es kaum, darüber hinaus zu kommen. Das raubt Energie und Zeit. Innere Konflikte, Misstrauen, Angst – das sind die stärksten Waffen des Kapitalismus. Das zu verstehen, dass nicht nur Justiz, Tränengas, Polizei Waffen sein können, ist wichtig. Vor allem in den Metropolen werden andere Waffen eingesetzt.

Wenn ihr in Europa selber nicht organisiert seid, bleibt auch eine Solidarisierung mit dem Kampf hier wirkungslos. “Ich find Kurdistan toll” – tamam, gut. Aber das bringt´s nicht. Wenn mensch selber keine Basis hat, kann mensch auch gegen den eigenen Staat nichts durchsetzen. Und wenn du mit deinen Nachbarn nicht redest, wie willst du diese Basis aufbauen? Wenn du deinen Nachbarn nicht kennst, seine Schmerzen und Wünsche nicht kennst, dann kann es nie eine Organisierung geben.

# Interview: Peter Schaber, Foto: Willi Effenberger

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