Schnee

Eine kleine Einführung in den alltäglichen Wahnsinn kapitalistischen Wirtschaftens

Da ich eine jener Geisteswissenschaften studiert habe, mit der man sich vortrefflich Ansehen am Eckkneipentresen erlabern, jedoch nur äußerst schwierig seine Lebenserhaltung befördern kann, rutsche ich dann und wann in irreguläre Arbeitsverhältnisse ab. Diese Notwendigkeit verschaffte mir neben einem unauslöschlichen Hass gegen die Bourgeoisie bisweilen interessante Einblicke in Sektoren der Arbeitswelt, von denen man oft nichts mitkriegt, solange man selbst nicht gezwungen ist, sich in ihnen zu verdingen.

So lernte ich vor vielen Jahren auf den ausgedehnten Gütern einer österreichischen Adelsfamilie die Segnungen jener Landwirtschaft kennen, die aus dem Schweiß vorwiegend rumänischer Gastarbeiter*innen wohlschmeckenden und profitablen Wein presst. An den Fließbändern deutscher Elektronikhersteller wurde mir bewusst, was Langeweile und Monotonie im Kopf eines Menschen anrichten können. Und beim Abfüllen der sicherlich nicht ungiftigen Erzeugnisse einer namhaften Waschmittelfirma sah ich ein, warum die Lebenserwartung der Reichen die unsere allemal zu übersteigen weiß.

Dieses Jahr machte ich unter anderem in Schnee. Leider nicht in jener lukrativen Form von Schnee, die Clubgänger*innen Berlins und Hamburgs zur Reduktion von Hemmschwelle und Nasenscheidewanddichte einsetzen, sondern in ganz normalem Schnee. Der fällt nämlich im Winter auf die Straßen, Innenhöfe und Hauseingänge und muss irgendwie beseitigt werden. Wenn etwas im urbanen Raum beseitigt werden muss, ist das unter kapitalistischen Maßgaben grundsätzlich eine Chance, Arbeitskraft auszubeuten, also gibt es dafür Firmen. Ziemlich viele sogar.

Ein Freund, der mit mir das bemitleidenswerte Schicksal, Journalismus machen zu wollen, teilt, ist schon länger in dieser Branche tätig, um sich was dazu zu verdienen. Und weil ich wie immer knapp bei Kasse war, lud er mich ein, ihn doch dieses Jahr beim Schneeschieben, Eiskratzen und Abstreuen zu begleiten.

Der Job ist wie jeder andere Job in diesem Milieu: Völlig unreguliert, beschissene Bedingungen, wenig Geld, beschweren kannst du dich höchstens beim Salzamt. Zunächst bist du natürlich wegen der Arbeitszeiten der Gelackmeierte. Du weißt ja nicht, wann es schneit, deshalb bist du ständig auf Bereitschaft und bei den Firmen, die dich da unangemeldet vernutzen, kriegst du für Bereitschaft kein Geld. Klar hast du andere Termine, andere Jobs oder musst zum Amt, weil von den paar Dutzend Euro pro Schneeschicht kannst du ja nicht leben. Also machst du deinen Terminkalender voll wie immer. Dann schneit es, du kriegst um Mitternacht oder 5 Uhr morgens einen Anruf und gehst deine sechs Stunden schippen. Dann gehst du zu deinem nächsten Job – wie einer meiner derzeitigen Kollegen – oder ungeduscht an die Uni – wie ein anderer – oder schreibst irgendwem für kleines Geld seine Seminararbeiten – wie ich.

Nach einer Weile hat der Kapitalismus deine Wahrnehmung von Schneeflocken umgestaltet. Früher dachtest du vielleicht: Oh, Schnee, wie schön. Oder: Oh, Schnee, wie hässlich. Jetzt ist der Schnee für dich der gefrorene Widerspruch: Du freust dich, denn es regnet bares Geld. Und gleichzeitig hasst du diese dummen weißen Flocken, denn du wirst die ganze Nacht irgendwo rumschaufeln, wo du echt nicht sein willst und dein nächster Tag ist im Arsch.

Beim Schneeschieben lernt man aber noch etwas mehr als die banale Einsicht darein, dass Lohnarbeit pfui ist. Man sieht, wie schlecht kapitalistische Ökonomie insgesamt funktioniert. Die Konkurrenz zwischen den dutzenden, wenn nicht hunderten Firmen, die sich den Schneemarkt aufteilen, sorgt dann noch dafür, dass sie versuchen, sich im Quadratmeterpreis fürs Räumen zu unterbieten. Das schlägt auf die Arbeiter*innen durch. Aber selbst, wenn einem das egal ist, ist diese Form des Wirtschaftens irrational: Eine Hausverwaltung bezahlt die Firma A, die nächste die Firma B, die übernächste die Firma C. Also fährst du mit deiner Schneeschiebemaschine quer durch die Stadt, machst genau die 50 Meter, für die dein Chef Geld kriegt. Ein anderer fährt auch mit seiner Maschine queer durch die Stadt und schiebt die nächsten 50 Meter. Der dritte kommt dann und macht die kommenden 50 Meter. Eine unfassbar dumme Art, derartige Dienstleistungen zu verrichten, aber genau die, die dem Kapitalismus wie aus dem Gesicht geschnitten ist.

# von Fatty McDirty

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