[Anarchistische und libertäre Perspektiven auf Selbstorganisierung in Griechenland 3/7] Alle Macht der Selbstverwaltung

Gute Orte schaffen – Die Gruppe „Eutopia“ und die rebellischen communities Griechenlands

Die Propagandisten des neoliberalen Kapitalismus verankerten das Dogma „There-Is-No-Alternative“ im Zuge des Zusammenbruchs des Staatssozialismus tief im globalen Bewusstsein. Nachdem jegliche Formen alternativer, nicht kapitalistisch verfasster Modelle des Wirtschaftens und Zusammenlebens angeblich überwunden seien, rief die kapitalistische Klasse sowie die sich in den ehemalig sozialistischen Staaten entwickelnde Oligarchie das „Ende der Geschichte“ aus. Gegen diesen reaktionären Backlash und die Verneinung gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse setzen radikal-linke Kräfte eine neue Perspektive. Anknüpfend an die Erkenntnis der gesellschaftlichen Entwicklung als Geschichte von Klassenkämpfen (Stichwort „historischer Materialismus“) entwickelte sich eine Denkrichtung des libertären Kommunalismus – prominent mitbegürndet von den US-amerikanischen Anarchist*innen Murray Bookchin und Janet Biehl.

Nachdem Teile der antikapitalistischen radikalen Linken (in der BRD) nach der Auflösung des sozialistischen Staatenverbundes zusehends in Apathie verfielen, entwickelten sich global zahlreiche Antworten auf Nationalismus, Standortlogik und Unterdrückung durch Staat, Kapital und sein repräsentatives politisches Modell, den Parlamentarismus. Die Zapatistas in Oaxaca/ Mexico, Kurd*innen in Bakûr/ Nordkurdistan sowie Westkurdistan, der Aufbau einer Selbstverwaltung von êzîdischen Bewohner*innen im Shengal/ Südkurdistan liefern dabei konkrete Ansätze, diese Ideen zu verwirklichen.

Nach dem intensiven Gespräch zu antirassistischen Praxen (siehe Teil 2) treffen wir auf einen Genossen der Gruppe „Eutopia“; übersetzt „der gute Ort“. Diese Gruppe veröffentlicht jährlich eine Zeitschrift, in der aktuelle weltweite Entwicklungen der Selbstverwaltung von unten analysiert werden. Selbstverwaltung meint hier einen Graswurzelansatz. Ob im Betrieb, im Agrarsektor oder in einer Stadt – das Ziel ist eine Selbstorganisierung von unten. Während beispielsweise in Bakûr der türkische Staat Krieg gegen diese Ideen führt, die in kurdischen Städten und Provinzen von der Demokratischen Partei der Regionen (DBP) umgesetzt werden, finden auch in Griechenland diese Ideen im städtischen Raum Anwendung. Im Athener Stadtteil Agyos Dimitrios wird der Selbstorganisierungsansatz praktisch. Hier werden Räume geschaffen, um Kollektivität und Möglichkeit der Vernetzung zu ermöglichen, erklärt uns der Genosse. „Community of struggle“ nennt er die Idee zur Schaffung „rebellischer Kieze“.

Entgegen des bürgerlich-individualistischen Ansatzes will der libertäre Kommunalismus nicht Einzelne beglücken, sondern Kollektive schaffen. Der Genosse weist im Zuge der offenen Faschisierung vieler Gesellschaften Europas darauf hin, dass der kommunalistische Ansatz im Kern ein antifaschistischer ist. Wenn Solidarität im Kiez gelebt wird und verschiedene progressive Basisorganisierungen gemeinsam kämpfen, nimmt dies dem Faschisten ganz praktisch die Spielräume.

Im Stadtviertel sieht es dabei so aus, dass gemeinsam Häuser besetzt und so solidarische „Community Center“ aufgebaut werden. Ein Beispiel dafür ist das seit 16 Jahren existierende lokale Community Center, welches unmittelbar in die Nachbarschaft hineinwirkt. [1] Zudem existiert seit 1999 eine Bibliothek sowie ein Archiv, welches Grundlagen einer „Bildung von unten“ gewährleisten soll. 40 bis 50 Personen sind momentan an diesen Prozessen beteiligt. Mit offen zugänglichen Versammlungen, den „popular assemblies“ wird die Selbstverwaltung in Stadtteilen bereits gelebt.

Statt sich auf staatliche Rechtsprechung und Institutionen zu verlassen, werden die Probleme und Interessen der Bewohner*innen kollektiv besprochen und dazu gearbeitet. Vor dem Hintergrund der staatlichen Verarmungspolitik fließen notwendigerweise ganz alltägliche Herausforderungen in die Arbeit ein. Ob Gas- oder Stromrechnungen, Miete und vieles mehr: Probleme werden hier nicht individualisiert, sondern sich gemeinsam dagegen gewehrt, um so ein Bewusstsein über den ausgrenzenden Charakter der neoliberal-kapitalistischen Gesellschaft zu schaffen. Anhand der kollektiven Gegenwehr sollen und können neue Nachbar*innen in die Kämpfe einbezogen und Solidaritätsmomente geschaffen werden. Das sich daraus entwickelnde Bewusstsein ist der Beginn für eine gemeinsame Analyse und den praktischen Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse. Das Ziel ist dabei nicht der Aufbau einer eigenen, selbstreferentiellen Polit-Organisation, sondern vielmehr die Schaffung eines solidarischen Netzwerks aus engagierten Einzelpersonen, Initiativen und politischen Gruppen.

Demgegenüber hatte sich in weiten Teilen der griechischen Linken nach Jahrzehnten ein Plattform-Ansatz in den Köpfen verfestigt. „Der Kommunalismus muss von Einzelpersonen gestellt werden“, argumentiert der Genosse und wirbt dafür, dass die bestehenden Gruppen statt einer identitären Selbstvergewisserung mit einer Bewohner*innen-orientierten Kiez-Politik beginnen.

Analog zum antirassistischen Ansatz des im zweiten Teil unserer Reihe interviewten anarchistischen Genossen steht „Refugee Support“ oben auf der Agenda. Er erklärt uns ihren Ansatz, die vielen verschiedenen Kämpfe zusammenzuführen. Die drei Schwerpunkte umfassen dabei lokale Aktionen, antifaschistische Aktionen und die Vernetzung anarchistischer Gruppen. In Athen hat sich dazu eigens das Netzwerk „Communities of struggle of South Athens“ gegründet, welches sich vor allem mit der Unterstützung von Geflüchteten und Gefangenen befasst.

Zur lokalen Arbeit gehört für das Netzwerk landesweiter Austausch und internationalistische Solidarität. Landesweit werden dabei vor allem ökologische Fragen aufgegriffen, wie Wasserpolitik, Abfallwirtschaft und der Beginn des Goldabbaus in der Region Halkidiki (lower class magazine wird dazu im letzten Teil dieser Serie berichten). Dabei werden zusätzlich Bezüge zu Kurdistan geschaffen, unter anderem zu den Kämpfen gegen das Ilisu-Staudammprojekt in Heskîf/ Hasankeyf in Bakûr. [2]

Regional wird sich gleichzeitig ebenfalls weiter vernetzt: im östlichen Mittelmeer, also dem Balkan, Griechenland, Italien und Türkei, wird seit geraumer Zeit an einem intensiven Austausch zwischen anarchistischen und libertären Kräften gefeilt. Der Genosse beschreibt diese Vernetzung als internationalen Kampf gegen Rechtsruck, Imperialismus sowie Fluchtursachen. Statt rassistischer Spatung wird internationale Solidarität propagiert.

In Griechenland bedeutet der libertäre Kommunalismus daher einen ganz praktischen Ansatz, dem Geflecht aus Staat, Nation und Kapital eine Selbstverwaltung entgegenzusetzen und parallel zum Staat eine Basis für ein menschenwürdiges Leben aufbauen zu können. Dennoch konstantiert er Probleme, die uns im Gespräch bekannt vorkommen. „Anarchisten glauben selbst nicht an den Anarchismus. Wenn die Stühle und Tische die Gesellschaft verkörpern würden, könnten viele nicht mal einen Stuhl neben den anderen stellen.“ Gemeint ist damit das Unvermögen, über den eigenen Tellerrand des Teilbereichskampfes zu schauen. Gesellschaftliche Kämpfe müssen verbunden werden, um nicht marginal und isoliert zu bleiben. „Alle Bereiche des Lebens müssen organisiert werden, sonst scheitern wir“, stellt er klar.
Nach dem weitgehenden Scheitern individualanarchistischer Spielarten ist der Kommunalismus, der die „Community“, also die Verschränkung aller Bereiche des Lebens, der primäre Ansatz.

Wir hoffen, dass sich gerade die stadtteilpolitischen Ansätze damit stärken und mit anderen politischen Kämpfen vernetzen zu können. Gerade im Angesicht eines immer tiefer das individuelle Leben durchdringenden Staates mit seinen Kontrollmechanismen in die Gesellschaft, müssen wir dafür kämpfen, eine Basis von Solidarität und Menschenwürde der kapitalistischen Ausbeutung und der nationalistischen Spaltung entgegenzusetzen.

Von Felix Protestcu

Anmerkungen

Wir empfehlen den Besuch der dritten Konferenz „Die kapitalistische Moderne herausfordern“ vom 14. zum 16. April 2017 an der Universität Hamburg. [3] Auch Genoss*innen von Eutopia werden dort Austausch und Vernetzung suchen. Ein Grund mehr, sich daran aktiv zu beteiligen.

[1] Bibliotheksprojekt der Gruppe:
https://eutopia.gr/node/16

[2] Informationen zum Ilisu-Staudammprojekt in Kurdistan:
https://www.hasankeyfgirisimi.net

[3] Aufruf zur Beteiligung:
https://www.yxkonline.com/index.php/8-news/688-call-for-papers-2017-hamburg-konferenz

Links zu theoretischen Grundlagen des libertären Kommunalismus:

Vom Marxismus zu Kommunalismus und Konföderalismus: Bookchin und Öcalan:
https://civaka-azad.org/vom-marxismus-zu-kommunalismus-und-konfoederalismus-bookchin-und-oecalan/

AG soziale Ökologie: „Zivile Ethik“:
https://www.anarchismus.de/libertaere-tage/lt1993/infomappe/soz-oeko.htm

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