Gaziantep (I): eine kapitalistische Metropole und der Syrienkrieg

Gaziantep im Südosten der Türkei gehört zu den ältesten Städten der Welt. Heute ist es die am weitesten entwickelte kapitalistische Metropole in der Region mit 2 Millionen Einwohner*innen, einem florierenden Textil- und Schuhsektor und sechs Sonderwirtschaftszonen mit rund 300.000 Arbeiter*innen. Noch heute ist die Stadt ein Handels- und Verkehrszentrum, ähnlich wie damals zu Zeiten der Seidenstraße, als auch der Warenschmuggel über Kilis und Antep lief. Im Unterschied zu anderen Städten in der Umgebung wie z.B. Kahramanmaraş lässt sich die Stadt durchaus als kosmopolitisch bezeichnen. Hier kann sich jede*r aufhalten, ohne aufzufallen oder allzu schräg angeschaut zu werden. In der Stadt begegnet man Europäer*innen, ehemaligen syrischen Aktivist*innen aus der säkularen Opposition, syrischen refugees, zahlreichen syrischen und internationalen Organisationen, die irgendwas mit syrischen refugees zu tun haben (insgesamt knapp 150 Organisationen mit 14.000 Beschäftigten), Kurd*innen, Alevit*innen und manchmal auch Menschen, die untertauchen und illegale Netzwerke errichten und verwalten wollen. Wie zum Beispiel der IS.

Gaziantep wurde zu einem Zentrum der Flüchtlingsströme, die seit dem Beginn der Revolution in Syrien und des bald daraufhin beginnenden Syrienkrieges 2011 aus Syrien in Richtung der Türkei einsetzten.1 Es heißt Gaziantep sei diejenige Stadt in der Türkei, die am meisten Flüchtlinge aufgenommen habe. Die offiziellen Zahlen der Katastrophenschutzbehörde AFAD sprechen von 328.000 syrischen Geflüchteten im Gebiet Gaziantep. Da werden aber nur die mit eingerechnet, die sich auch offiziell angemeldet haben. Forscher*innen und Journalist*innen, die wir vor Ort angetroffen haben, gingen eher von insgesamt 400.000 bis 1.000.000 syrischen Geflüchteten aus. Gaziantep zieht vor allem sehr viele Geflüchtete aus Aleppo an. Denn Aleppo war vor dem Krieg gewissermaßen das Industrie- und vor allem Textilsektorzentrum Syriens. Schon seit langem herrschten Handelsbeziehungen zwischen den beiden Städten vor.

Auch in Gaziantep ist es wie in der gesamten Türkei der Fall, dass der Großteil der refugees auf eigene Faust in den Städten lebt. Die leben mal so, mal so und werden auf unterschiedliche Art und Weise in die bestehende türkische Gesellschaft integriert.

Reichtum in Ibrahimli, ansonsten Allahs Segen

Syrische Läden im Viertel Ünaldı.
Syrische Läden im Viertel Ünaldı.

Zum Beispiel die syrischen Kapitalist*innen und Reichen, die schon recht früh das Land verließen und auf schon bestehende Handelsbeziehungen zur Türkei und insbesondere nach Gaziantep aufbauen konnten. Die leben so wie von früher gewohnt, sind mittlerweile Unternehmer*innen in der Türkei geworden (aus legalen Gründen fast immer in Partnerschaft mit einer/m anderen türkischen Unternehmer*in) und leben in Reichenvierteln wie z.B. Ibrahimli, wo die Mieten bei 2000 TL/Monat anfangen. Dort leben sie abgeschottet in ihren gated communities, wie man das eben von Reichen aus der ganzen Welt kennt. Teils besitzen sie (vor allem Textil- und Lebensmittel-)Firmen, wo sie selbst syrische Geflüchtete als Arbeitskräfte einsetzen und unter miserabelsten Bedingungen ausbeuten: Eine Studie in Gaziantep kommt zu dem Ergebnis, dass 63% aller werktätigen syrischen Geflüchteten bei anderen Syrer*innen arbeiten.2 Das macht sich gut in der Konkurrenz: Später in Antakya unterhalten wir uns mit einem Ladenbesitzer, der, von Pampers bis Kaffee, ausschließlich syrisch-arabische Waren verkauft. Sie alle kosten nicht mehr als ein Viertel äquivalenter türkischer Waren und doch sind sie alle von syrischen Fabriken in der Türkei hergestellt worden, der Großteil davon in Gaziantep.

Unter den syrischen Reichen befinden sich auch warlords, die aus der Opposition heraus agierten, sich mittels Wegzoll und ähnlichen Geschichten ein kleines Vermögen ansparten und zu Neureichen wurden. Nicht unwahrscheinlich, dass ein solcher ex-warlord-nun-Neureicher jetzt syrische Anwälte und Ärzte als Arbeitskräfte einstellt, weil diese ihren Job in der Türkei nicht mehr ausüben können. Das sind zumindest diejenigen Segmente unter den syrischen Geflüchteten, denen es vergleichsweise am schlechtesten geht, weil sie am meisten Status einbüßen mussten.

Die Syrer sind auch ein Segen für Vegetarier: endlich gibt's überall Falafel!
Die Syrer sind auch ein Segen für Vegetarier: endlich gibt’s überall Falafel!

Zwischen den Kapitalist*innen und den Arbeiter*innen unter den syrischen Geflüchteten herrscht eine massive Kluft, die von einigen Glücklichen ausgefüllt wird, der neuen Kleinbourgeoisie an Ladenbesitzer*innen und Kleinhändler*innen. Das sind diejenigen, die schon in Syrien Ladenbesitzer*innen waren oder genug Angespartes besaßen (denn das Leben in Syrien vor dem Krieg war, wie uns alle unsere Gesprächspartner*innen vor Ort vermittelten, unglaublich billig, zumindest was Standardgüter anging) und ausgefuchst genug waren, um kleine Läden mit syrischen und/oder arabischen Spezialitäten aufzumachen, die sich an die syrische Kundschaft wenden. Ganze Stadtteile und Straßenzüge werden von solchen syrischen Kleinläden dominiert oder sind zumindest von ihnen versetzt wie z.B. die Inönü Caddesi, die mittlerweile informell die Syrerstraße genannt wird, oder das Viertel Ünaldı, wo Arabisch die Straße dominiert, der Großteil der Läden Syrer*innen gehört und auch die Arbeiter*innen zum Großteil Syrer*innen sind. Laut den offiziellen Zahlen des türkischen Wirtschaftsministeriums vom Juni 20153 gibt es in Gaziantep insgesamt 471 Unternehmen, die sich im Eigentum von Syrer*innen befinden (türkeiweit beträgt die Zahl 2.827, allein 1.709 davon in Istanbul). Ein Artikel der Zeitung Dünya vom 3. September 20154 weist darauf hin, dass es in Wirklichkeit viel mehr syrische Unternehmen/r gibt (der Artikel schätzt ihre Zahl türkeiweit auf 10.000), weil viele von Syrer*innen geleitete Unternehmen nicht angemeldet sind bzw. aus rechtlichen Gründen nur über einen türkischen Partner. Der Großteil der von syrischen Migrant*innen aufgemachten Läden in der Türkei ist laut dem Artikel im Handelssektor lokalisiert, direkt gefolgt von Bauindustrie und Reparatur.

Mohammed und sein Partner.
Mohammed und sein Partner.

In Ünaldı lernten wir eine andere Sorte von Glücklichen kennen. Mohammed ist Stoffhändler in Ünaldı und betreibt gemeinsam mit seinem türkischen Partner ein Großunternehmen. Er ist reich und ihm geht`s offensichtlich ganz gut. In Aleppo war er Schuhmacher auf eigene Faust und arbeitete nach seiner Flucht für 3 bis 6 Monate in einer Schuhfabrik in Hatay, wo er für türkische Verhältnisse sogar recht gut (350TL die Woche, was ca. 500€ in Monat macht) verdiente. Danach lernte er seinen heutigen Partner kennen. Mittlerweile kann er fließend Türkisch und übernimmt vor allem Vermittlung und Verkauf in die arabische Welt. Quasi eine win-win Situation für den türkischen wie für den syrischen Geschäftspartner. Von Beschwerden über die Situation der Geflüchteten in der Türkei möchte er nicht viel hören: „Du kommst aus einem Land, das in Krieg versinkt, wirst mit offenen Armen empfangen und kriegst alles zur Verfügung gestellt – was beschwerst du dich? Du bist dazu verpflichtet, dich dem System der Menschen hier anzupassen. Wie überall auf der Welt hat auch hier Allah dafür gesorgt, dass es Reiche und Arme, Händler und Arbeiter gibt. Wer sich in dieser seiner ihm zugeteilten Situation einrichtet, der wird auch mit Reichtum entsprechend seiner Situation gesegnet werden. Alles andere ist ein unmoralisches Verhalten.“ Aber immerhin: das 12-Stunden-Arbeitssystem sei unfair, ein Mensch könne nur 8 Stunden Arbeit ertragen.

Syrische Geflüchtete als neues Segment der Arbeiter*innenklasse in der Türkei

Neue Frankfurter Schule in Gaziantep: wir anerkennen Leute, die anerkennen, dass wir anerkennen, dass sie uns anerkennen und so weiter.
Neue Frankfurter Schule in Gaziantep: wir anerkennen Leute, die anerkennen, dass wir anerkennen, dass sie uns anerkennen und so weiter.

Nun lässt sich natürlich lang und breit darüber diskutieren, was denn eigentlich moralisch und was unmoralisch ist. Es ist in Gaziantep kein Geheimnis, dass der Großteil der syrischen Geflüchteten als sehr einfach superausbeutbare Arbeitskraft weitflächig angestellt wird und mittlerweile teils sogar die Kurd*innen ersetzt hat in der Kategorie der am massivsten entrechteten und ausgebeuteten Arbeiter*innen. Es kommt halt nur darauf an, wie man dieses Verhältnis in Worte kleidet. Man kann von Allahs Segen reden oder davon, dass der Arbeitsmarkt die syrischen Geflüchteten halt als billige Arbeitskraft „wahrgenommen“ habe, wie es einmal der Gaziantep Vertreter einer der größten Nachrichtenagenturen der Türkei uns gegenüber meinte.

Fakt ist: Es ist fast durch die Bank so, dass syrische Arbeiter*innen weit weniger Lohn erhalten wie ein türkischer Arbeiter in einer äquivalenten Arbeitssituation. So erhält laut einer Feldstudie ein saisonaler syrischer Landarbeiter im Durchschnitt 24 bis 42 TL pro Tag, während ein georgischer, der sich auf der höchsten Stufe der Arbeitshierarchie unter „normalen Türk*innen“ befindet, zwischen 90 und 100TL erhält.5 Ein syrischer Hirte hingegen erhält ungefähr 1000 TL pro Monat, während der Standard bei 3000 bis 3500 TL liegt.6 Dem niedrigen Lohnniveau gesellt sich natürlich auch ein hoher Informalisierungsgrad bei. Über was sich syrische Geflüchtete in Lohnarbeitsverhältnissen am meisten beschweren ist der Umstand, dass ihnen oft einfach mal gar kein Lohn ausgezahlt wird, wogegen sie aufgrund des informellen Beschäftigungsverhältnisses und der fehlenden gewerkschaftlichen oder sonstigen sozialen Organisierung nichts unternehmen können.

Die Jungs aus diesem syrischen Imbiss sind schon mal auf unserer Seite. Rest ist easy!
Die Jungs aus diesem syrischen Imbiss sind schon mal auf unserer Seite. Rest ist easy!

Es ist schon so, dass diejenigen syrischen refugees, die zumindest vorübergehend auf Lohnarbeit angewiesen sind oder sich in einer solch desolaten Lage befinden, dass sie nach unten hin dazu tendieren aus der Arbeiterklasse herauszufallen (die mittellosesten Pauper, Kriegsopfer und Bettler), den Großteil der syrischen Geflüchteten darstellen: Wenn man davon ausgeht, dass seit Ende 2013 vor allem Bauern und dann besonders ab 2015 die mittellosesten Pauper und Kriegsopfer aus Syrien zwangsemigrierten und es diese Schichten sind, die am meisten auf Lohnarbeit oder schlimmeres angewiesen sind, kann man sagen, dass mindestens 1,8 Millionen syrische Geflüchtete (exklusiv derer, die es geschafft haben, die Türkei nach Europa hin zu durchqueren) von heute insgesamt ungefähr 2,7 Millionen syrischen Geflüchteten in der Türkei zur Lohnarbeit in prekärsten Umständen gezwungen sind. Und zu diesen ehemaligen Bauern und Paupers gesellen sich noch eine unbestimmbare Anzahl der knapp 400.000 refugees hinzu, die eher der Kleinbourgeoisie der professionellen Unabhängigen (Anwälte, Ärzte, usw.) zuzurechnen sind, weil sie ihre eigentliche Arbeit nicht mehr ausüben können. (Nochmal mein Dank an Kemal Vural Tarlan, der seit Jahren die Migrationsströme in die Türkei untersucht, für die Zahlen.)

Textilsektor: läuft.
Textilsektor: läuft.

Mit seinem entwickelten Textil- und Schuhsektor bietet sich Antep natürlich hervorragend für eine solche Arbeitsmigration an. Es sind auch viele ehemalige Meister und unabhängige Handwerker hierher geflohen, wie zum Beispiel der oben erwähnte Mohammed, der nun ein reicher Unternehmer ist. Kemal Vural, der von einer Zahl von 400.000 Geflüchteten für Antep ausgeht, ist der Meinung, dass mindestens 100.000-200.000 davon lohnarbeiten. Eine Feldstudie der NGO Support To Life in Şanlıurfa und Hatay unterstützt diese Einschätzung: 95% der syrischen Familienversorger arbeiten laut dieser Studie als unqualifizierte Arbeitskräfte in temporären Jobs.7 Zum Beispiel als Tagelöhner. Es gibt gewisse Sammlungspunkte (z.B. beim köy garajı), wo sich ab morgens 6 Uhr die syrischen Flüchtlinge sammeln. Informelle Leiharbeits„unternehmen“ sammeln dort je nach Nachfrage der Fabriken und Ateliers Arbeitskräfte ein. Das geht so den ganzen Tag über bis zum Nachmittag und wiederholt sich am Tag drauf.

Natürlich ist auch Kinderarbeit unter den syrischen Geflüchteten weit verbreitet: Die schlechten Löhne und Arbeitsbedingungen für die meisten syrischen Geflüchteten machen es unmöglich, dass eine oder gar zwei Personen den Haushalt schmeißen können. Die Kinder müssen mitarbeiten. Laut der eben erwähnten Studie von Support to Life arbeiten 70 bis 80% der syrischen Kinder mindestens 6 Tage die Woche, 90% arbeiten mehr als 8 Stunden pro Tag.8

Die ortsansässigen Unternehmen sind darüber hochentzückt. Der Export von Gaziantep nach Syrien stieg 2015 um 470%, ganze Industriezweige (wie z.B. Plastik und Schuhindustrie), die unmittelbar zuvor dem Untergang geweiht waren wegen der qualitativ viel besseren westlichen Konkurrenz, erlebten ein massives comeback. Das ging so weit, dass Industriekammern aus Denizli, Konya und Kayseri – eher als hart konservativ einzuschätzende Städte – in Berichten forderten, dass Syrer in ihre Städte gebracht werden sollten. Offener war nur Fatma Şahin von der AKP im Jahre 2014, ehemalige Ministerin für Familien- und Sozialpolitiken, damals Bürgermeisterin von Gaziantep: „Die Syrer in Gaziantep sind ein Segen für die Fabriken.“

Die Kollegel Abdulbasit und Mohammed aufm Bau in Narlıtepe.
Die Kollegen Abdulbasit und Mohammed auf’m Bau in Narlıtepe.

Nebst den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung ist auch der allgemeine Lebensstandard syrischer Arbeiter*innen in Gaziantep nicht besonders hoch angesetzt. Um mal ein konkretes Beispiel zu geben: Abdulbasit und Mohammed arbeiten auf einer Baustelle in Narlıtepe, einem kurdisch dominierten Armenviertel, und machen den Innenausbau. Der große Bruder, Abdulbasit, verdient 60, der kleinere 40 TL den Tag über (normal müssten 100 bis 150 TL sein). Mehmet, der türkisch-kurdische Arbeiter im Stockwerk drüber, der in der Hierarchie der Superausbeutung eine Stufe über den beiden Syrern steht, erhält zwischen 80 und 100 TL. Die Miete von Abdulbasit und Mohammed sowie sechs anderen Familienmitgliedern (inklusive seiner Frau), mit denen er sich eine 2+1 Wohnung teilt, beträgt warm 600 bis 650 TL. Aber Abdulbasit und Mohammed haben nie einen ganzen Monat am Stück Arbeit, sondern immer nur vorübergehend ein paar Tage, maximal 10 Tage. Und wenn es regnet, sind sie arbeitslos, manchmal monatelang. Zusätzlich ist seine Frau krank, sie hat irgendwelche Nierenbeschwerden. Zum Arzt können sie aber nicht, da sie kein offizielles Ausweisdokument, kimlik, besitzt und die derzeit auch nicht mehr ausgestellt werden. Aus eigener Tasche können sie einen Arztbesuch natürlich nicht stemmen. Im Gegensatz zu einem besonders in Antep weit verbreiteten Gerücht kriegen syrische Flüchtlinge kein Geld vom Staat ausbezahlt, solange sie nicht in Lagern leben, weil sie rechtlich betrachtet nicht als Flüchtlinge, sondern als Gäste oder „vorübergehend schutzbedürftige Personen“ klassifiziert werden.

Ohne Çay keine Arbeit, kein Gespräch, kein Leben.
Ohne Çay keine Arbeit, kein Gespräch, kein Leben.

Abdulbasit findet das Leben in der Türkei mal eigentlich ganz gut, mal sehr schwer, je nach dem Vergleich, den er gerade anstellt. Vergleicht er die Situation mit Syrien oder dem Libanon, dann findet er es sehr gut in der Türkei. Sprich er findet es sehr gut, sich nicht im Krieg zu befinden und zumindest irgendwelche Rechte als Geflüchteter zu besitzen. Sobald es um mehr als um diese minimalsten Überlebensbedingungen geht, findet er das Leben in der Türkei sehr schwierig. Im Vergleich zu Syrien vor dem Krieg sei alles sehr, sehr teuer und die Arbeitsbedingungen eher schlecht und irregulär. Er hat immer wieder Probleme, die Miete zu bezahlen und muss sich immer mal wieder verschulden. Staatliche oder sonstige Unterstützung kriegen sie nicht. „Das Leben ist einfach sehr schwer“, wiederholt er mehrmals.

Kolay gelsin, Kollegen.
Kolay gelsin, Kollegen.

Alle syrischen Arbeiter*innen, die wir einfach mal so auf der Straße in Ünaldı anquatschen, erzählen von ähnlich schlechten Löhnen, davon, dass sie die ganze Zeit aus Wohnungen geschmissen werden, weil sie in Verzug geraten mit der Mietzahlung und oft auch, dass sie sofort zurückkehren würden nach Syrien, wenn der Krieg endet, egal ob mit oder ohne Assad.

Wuchermieten oder Angebot und Nachfrage?

Ein besonders krasser Punkt auch der Debatte ist die Mietsituation der syrischen Geflüchteten und ihre Auswirkungen auf die Stadt. Abdulbasit und Mohammed geht es noch vergleichsweise gut mit 8 Personen in einer 2+1 Wohnung für 600 bis 650 TL im Monat. Anfangs sollen syrische Geflüchtete in Städten auch mit mehreren Familien gleichzeitig in 1 und 1 bis 2 Zimmer-Wohnungen oder eher Bruchbuden geblieben sein, als sie nämlich noch davon ausgingen, dass der Krieg bald enden werde. Als sie einsahen, dass dies nicht kurzfristig geschehen wird, versuchten sie sich in besseren Bedingungen einzuquartieren, sofern sie das konnten.

Spätestens mit dem massiven Strom von Flüchtlingen in die Stadt ab 2012/2013 explodierten die Mietpreise mindestens um das Doppelte. Für Bruchbuden, in denen keiner leben möchte (winzige Lagerräume, feuchte Keller, angeschimmelte Zimmer, usw. usf.), zahlt man zwar immer noch am wenigsten, aber statt einst 100 TL nun doch auch 350 TL. In der Nähe der Universität hingegen zahlt man heute statt einst 400 bis 500 TL 900 bis 1.000 TL, wodurch sich einige Viertel in der Nähe der Universität im Zuge der letzten Jahre in betuchtere Gegenden umgewandelt haben. In allen Vierteln ist die Sachlage ähnlich.

Angebot und Nachfrage halt, was willst machen.
Angebot und Nachfrage halt, was willst machen.

Auch hier kommt es wieder darauf an, wie man das Verhältnis in Worte kleidet. Der oben erwähnte Gaziantep Vertreter einer der größten Nachrichtenagenturen der Türkei redet vom natürlichen Verhältnis von Angebot und Nachfrage: die Wohnungssituation der Stadt sei klar und es sei ganz natürlich, wenn die Mieten steigen, sobald die Nachfrage so offensichtlich über das Angebot steigt. Das ist natürlich eine einigermaßen komische Erklärung der Sachlage: An Wohnraum mangelt`s offensichtlich nicht, sonst würden die Syrer*innen notgedrungen auf der Straße oder in Parks leben (was sie eine Zeit lang auch taten). Das eigentliche Verhältnis von Angebot und Nachfrage ist doch wohl eher das Folgende: Die Syrer*innen befinden sich in einer krass benachteiligten und ausweglosen Situation, die die Vermieter*innen (wie viele andere auch) zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen, indem sie noch das letzte unzumutbare Dreckloch weit über Wert vermieten.

Wir treffen uns mit zwei muhtars (Ortsvorsteher) unterschiedlicher Stadtbezirke, der eine ein glühender Erdoğan-Fan, der andere irgendwo zwischen CHP und MHP angesiedelt und mit einem großen Hass auf die AKP. Beide erzählen uns von neureichen Wohnungsbesitzer*innen aus ihren Vierteln, die ihre Wohnungen weit über Wert an Syrer*innen vermieten und sich nun Wohnungen und teils auch Häuser in luxuriöseren Vierteln ankaufen. Beide halten dieses Verhalten für zutiefst verachtenswert. Während der Erdoğan-Fan vehement dafür eintritt, dass der Staat interveniert und Wucherpreise unterbindet, ist der AKP-Gegner interessanterweise dagegen und sagt, dass der Staat hier nicht eingreifen darf. Geschehen wird das vermutlich sowieso nicht. An den Syrer*innen profitiert hier fast jeder.

Natürlich sind wir nicht gegen die Syrer, aber…“

Es gibt natürlich auch Menschen, die der Meinung sind, die Syrer*innen würden ihnen aktiv schaden. Das wissen auch die Syrer*innen selbst, man muss dafür kein/e große/r Theoretiker*in sein. Eine turkmenische Syrerin bringt es uns gegenüber so auf den Punkt: „Wir sind von großem Nutzen für die Reichen aber von großem Schaden für die Armen.“

Der massive Zustrom von billiger Arbeitskraft wirkte sich natürlich negativ auf die Arbeitsverhältnisse aus: Viele türkische Arbeiter*innen wurden gefeuert, stattdessen wurden billigere syrische Arbeitskräfte eingestellt. Andererseits drückten die niedrigen Löhne für syrische Geflüchtete auch die anderen Löhne, der hohe Informalisierungsgrad erhöhte den eh schon sehr hohen allgemeinen Informalisierungsgrad des türkischen Arbeitsmarktes (knapp über 37% aller Beschäftigten). Liegt der offizielle Mindestlohn bei derzeit knapp 1300 TL, so werden auch für türkische Arbeiter*innen mittlerweile Löhne von 800-900 TL genannt, was natürlich rechtswidrig ist, aber informelle Arbeitsverhältnisse kontrolliert hier niemand. Vermengt sich dieser materielle Einbruch mit diffusem Unbehagen und seit der Republiksgründung bestehenden antiarabischen Ideologieelementen des Kemalismus („die kulturlosen, faulen, unhygienischen, sich nur ihrer Lust hingebenden Araber, die uns verraten haben“), die seit Jahrzehnten multimedial und mittels des Bildungssektors reproduziert werden, dann ergibt sich daraus eine explosive Mischung, die sich manchmal entlädt.

Der Kollege Mehmet aufm Bau in Narlıtepe.
Der Kollege Mehmet auf’m Bau in Narlıtepe.

Eine sehr, sehr milde Version hiervon vertritt der oben erwähnte türkisch-syrische Kurde und Bauarbeiter Mehmet. Er sagt es sei für sie besser, wenn die Syrer*innen nicht hier wären. Seitdem sei die Arbeitssituation schlecht, die Löhne gefallen und er finde kaum mehr Arbeit. Außerdem gäbe es Probleme mit den Syrer*innen. Seine Meinungen widersprechen jedoch seinen eigenen Erfahrungen und seinem Humanismus: danach gefragt, ob er denn je mal Probleme gehabt habe mit Syrer*innen bei der Arbeit oder im Alltag, antwortet er verneinend. Auf die Frage, ob denn die Syrer*innen nicht auch gute Menschen seien, antwortet er bejahend. Vor allem die Syrer*innen aus Kobanê, also Kurd*innen, seien gut.

Wo der Humanismus oder ein Minimum an Klassenreflex fehlt, geht`s auch schnell ganz anders: Am 11. August 20149 entlädt sich das Unbehagen in Gaziantep, Chauvinismus und antiarabischer Rassismus dominieren die Straßen. „Syrer raus!“ und „Tekbir!“ schallt es durch die Straßen. Kurz zuvor hatte ein syrischer Mann seinen Vermieter geköpft, weil dieser angeblich seine Ehefrau vergewaltigt hatte. Tage lang werden Syrer*innen oder solche, die für Syrer*innen gehalten werden, geschlagen und abgestochen, syrische Läden und Autos angegriffen. Die Bürgermeisterin Fatma Şahin von der AKP redet davon, dass sie sich in erster Linie um die eigenen Staatsbürger*innen kümmern wollen, mahnt die Leute auf der Straße zur Geduld und ruft die Syrer*innen [sic!] dazu auf, sich an das Gesetz zu halten.

Der Forscher und Journalist Kemal Vural Tarlan.
Der Forscher und Journalist Kemal Vural Tarlan.

Der oben erwähnte Medienvertreter hat auch für diesen Vorfall eine ausgleichende und relativierende Erklärung: Es habe sich viel angestaut bei den Menschen, sie seien auf so viel Neues nicht vorbereitet gewesen. Es habe dann halt diese Entladung stattgefunden, seitdem würde alles gut laufen. Nur mehr extreme Elemente der Gesellschaft würden noch ein antisyrisches Ressentiment pflegen und das seien sehr marginale Teile der Gesellschaft. Interessanterweise ist auch Kemal Vural Tarlan, aus marxistischer Perspektive, ähnlicher Meinung: mittlerweile habe sich an den meisten Produktionsorten ein spontaner Klasseninstinkt hergestellt, der die ursprüngliche Feindschaft oder Entfremdung zwischen türkischen und syrischen Werktätigen aufgehoben habe.

Wir haben nicht den Eindruck, dass alles so glatt läuft. Es ist wohl richtiger zu sagen, dass antiarabische und antisyrische Ressentiments im mindesten geduldet werden. Wo sich das Ressentiment per Gewalt auf die Straße trägt, wird beschwichtigend und relativierend reagiert, was natürlich solches Verhalten glatt legitimiert. Tanıl Bora nannte diese Art von Verhaltensweisen einst leider treffend und immer noch aktuell das „Lynchregime der Türkei“. Im Fall der syrischen Flüchtlinge erfüllt dieses Lynchregime eine sehr klar bestimmbare Funktion: während es den meisten syrischen Flüchtlingen beschissen geht und sie gegen türkische Werktätige im Arbeitsmarkt für höhere Profite der Unternehmen ausgespielt werden, präsentiert sich einerseits die Türkei nach außen als flüchtlingsfreundlichstes Land der Welt und lässt andererseits das Unbehagen über die sich verschlechternden materiellen Zustände sich auf der Straße gegen die Schwächeren austragen.

Das offen nach außen getragene und das unterschwellige Ressentiment

Während wir den muhtar eines Viertels, das zur Hälfte von Syrer*innen bevölkert wird, besuchen, gesellen sich türkische Bewohner*innen des Viertels dazu und als sie mitbekommen, dass wir die Situation syrischer Flüchtlinge untersuchen, geht der Wahnsinn los. Das lässt sich textlich gar nicht mehr adäquat reproduzieren. Die Rede ist von zivilisationslosen Barbaren, die sich nach dem Kacken den Arsch abwischen und das Papier aus dem Fenster schmeißen, bis in die frühen Morgenstunden klatschen, tratschen, feiern (in Kilis heißt es auch mal: aus Langeweile rumvögeln wie die Wilden, weswegen sie schon allein geburtenmäßig „uns“ überholen werden), während die Frauen permanent damit beschäftigt seien, sich zu schmücken und putzen (was sich natürlich mit der These von den „unhygienischen Arabern“ stößt); pro Person bekämen sie weit mehr als den Mindestlohn vom Staat in den Arsch gesteckt, würden sich dennoch beschweren und nörgeln, nicht arbeiten wollen und jedenfalls dafür sorgen, dass „wir Türken“ hier die eigentlichen Migranten geworden seien und nicht mehr menschenwürdig leben könnten. Ein Bewohner redet sich während dem Besuch so sehr in Rage, dass er rot anläuft und aus dem Zimmer stürmt. Nur die syrischen Turkmen*innen seien in Ordnung, aber die seien ja schließlich auch von uns, keine Araber. Sie laden dann extra noch eine syrische Turkmenin und ihr Kind ein. Als die jedoch auf unsere Nachfragen meint, dass es ihnen hier materiell betrachtet weitaus schlechter geht als in Syrien, herrscht betretenes Schweigen. Jedenfalls ist dann irgendwann auch unsere journalistische Geduld überschritten und wir gehen.

Auf den Dächer von Narlıtepe: das Leben.
Auf den Dächern von Narlıtepe: das Leben.

Zugegebenermaßen ist das die einzige Begegnung gewesen, wo uns eine solche chauvinistische, mit Ressentiment aufgeladene Kanonade ins Gesicht schlug und uns regelrecht platt walzte. Aber in fast jedem Gespräch, auch mit Leuten, die den Geflüchteten gegenüber sympathisch gesinnt sind, läuft unterschwellig ein Ressentiment mit, wird sich über das Verhalten der Syrer*innen beschwert und angekreidet, dass sie zu viel vom Staat bekommen, wo Türk*innen viel weniger oder nichts bekommen.

Unglaublicherweise steigen sogar einige politisierte Kurd*innen auf diesen Zug auf: Im Ernst beschweren sie sich uns gegenüber, dass den syrischen Geflüchteten eigene Schulen errichtet werden, wo sie in ihrer Muttersprache, also Arabisch, lernen dürfen, während das den Kurd*innen, die hier seit Jahrhunderten lebten, verwehrt würde. Dies würde von den Kurd*innen als Kränkung und Affront aufgenommen werden. Das ist deshalb kaum zu glauben, weil das so einfach nicht stimmt: allein die offiziellen Zahlen des AFAD zeigen, dass ca. 54% der syrischen Geflüchteten, also fast 1,5 Millionen Menschen, unter 18 Jahre alt sind. Laut einer Untersuchung des Arbeitgeberverbandes TISK gehen nur in etwa 15-20% der Kinder syrischer Geflüchteter im Schulalter in die Schule.10 Einer der Hauptgründe hierfür ist, dass die meisten syrischen Kinder dazu gezwungen sind (oder gezwungen werden), zu arbeiten, sonst würden die Flüchtlingsfamilien nicht über die Runden kommen. Schaut man sich es genauer an, wie das Kemal Vural Tarlan getan hat, sieht man, dass nur in etwa 3% der syrischen Kinder im Schulalter (nämlich die Kinder der reichen Syrer*innen) in Privatschulen unterkommen, wo sie beste Ausbildung in ihrer Muttersprache entsprechend syrischen Lehrplänen erhalten. In etwa derselbe Prozentsatz an Kindern kurdischer Reicher im Schulalter dürfte derzeit in der Türkei ebenfalls in der Lage sein, in Privatschulen in der eigenen Muttersprache Unterricht zu bekommen. Der Großteil der restlichen Kinder syrischer Geflüchteter im Schulalter, die überhaupt zur Schule gehen, bekommt zwar in der Tat Unterricht auf Arabisch, dafür aber unter sehr schlechten Bedingungen. Was der türkische Staat hier also bildungstechnisch für die Geflüchteten leistet, ist, salopp gesagt, unter aller Sau. Unter diesen Bedingungen als Linker der ekelhaft instrumentellen Staatspropaganda („wir sind diejenigen, die sich am meisten und besten um die Syrer*innen kümmern“) mit umgekehrtem Vorzeichen nachplappern („die bekommen das meiste und beste vom Staat, wir nichts“), ist schon sehr dämlich.

Sorry, hier ist kapitalistische Marktwirtschaft, da kannst du nicht einfach so parken.
Sorry, hier ist kapitalistische Marktwirtschaft, da kannst du nicht einfach so parken.

Auf meine Nachfrage, ob das denn nicht alles Schein sei und sich die meisten armen Syrer*innen die privaten wie auch öffentlichen Schulen nicht leisten können und ob denn dieser Schein nicht gezielt dazu genutzt werde, Entrechtete und Marginalisierte gegeneinander aufzubringen, kriege ich eine äußerst zynische Antwort: „So funktioniert eben die kapitalistische Marktwirtschaft. Wer sich`s leisten kann, der kann aber in diese Schulen und bekommt dann auch Unterricht in seiner Muttersprache. Wir nicht.“

Die Linke und die Syrer*innen

Der Weg zur Sonne, zur Freiheit ist steil und mühsam...
Der Weg zur Sonne, zur Freiheit ist steil und mühsam…

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass bei den meisten Linken, mit denen wir uns treffen, nicht oder zumindest nicht wirkmächtig genug angekommen zu sein scheint, dass der Großteil der syrischen Geflüchteten in die Arbeiter*innenklasse in der Türkei integriert wurde und zwar als niedrigstes, kümmerlichstes und am meisten verachtetes, deshalb auch am meisten überausbeutbare Segment derselben. Bezeichnend hierfür ist eine Begegnung mit gebildeten und langjährig aktiven Linken in Antakya. Sie spielen gerade Karten als ich ankomme und erzählen mir lang und breit über jihadistische Aktivitäten in der Region (siehe den bald im LCM erscheinenden Artikel zu Hatay). Diesbezüglich sind sie sehr gut informiert und ich bin ihnen sehr dankbar für die Informationen. Aber irgendwann entsteht bei mir der Eindruck, als ob es außer IS und al Nusra nichts gäbe, was einen bei der Flüchtlingsthematik beschäftigen könnte. Also hake ich nach: ob denn nicht der Großteil der syrischen Geflüchteten mittlerweile als organischer Teil der Arbeiter*innenklasse in der Türkei zu begreifen sei? Die Antwort ist kurz und so nach dem Format „jaja, eh klar, voll schlimm deren Lage, lalala“. Dann geht`s wieder voll krass um Sykes-Picot, den Imperialismus, die Einmischung von Geheimdiensten in Deraa als Grund für den Aufstand in Syrien, die Scheinheiligkeit von Europa und andere große, weltbewegende Themen homerischen Ausmaßes. Ungeduldig unterbreche ich den Redefluss: eh klar, dass die Imperialisten imperialistisch agieren, das liegt ja im Begriff der Sache; aber was können und sollen wir tun? Mit so einer Gestik, die ich mal ganz frei als ein langgezogenes „najaaa“ deute heißt’s dann: „Nicht viel. Derzeit ist Ausnahmezustand. Überhaupt ist staatliche Repression ganz groß.“ Ich lass‘ die Männer weiter Karten spielen.

Irgendjemand hat's dann aber doch geschnallt: Tu die Revolution!
Irgendjemand hat’s dann aber doch geschnallt: „Mach die Revolution!“

Es ist nicht zu bestreiten, dass es auch unter den Geflüchteten Menschen gibt, die antisoziales, reißerisches, egoistisches und zerstörerisches Verhalten an den Tag legen. Nur hat das recht wenig mit dem syrischen lifestyle oder der „arabischen Barbarei“ zu tun. Da mischen sich Kriegserfahrung, permanente Gewalterfahrung, Überlebensinstinkt und Entfremdungserfahrung zu einer Aggression und zu einem Frust zusammen, der sich unter Umständen nach außen austrägt. Die Frage ist natürlich in welcher Form und zu welchem Zweck. Wenn der IS und die al Nusra so erfolgreich auch unter den Geflüchteten sind, dann hat das sicherlich nur peripher damit zu tun, dass sie einen radikalen salafistischen Islam verteidigen und die Geflüchteten zum Großteil auch irgendwie Moslems sind. Geteilte Kultur, Religion und Sprache machen nur die Kontaktaufnahme einfacher und heben mühevolle Übersetzungsprozesse auf. Viel mehr hat das damit zu tun, dass sich unter den Geflüchteten so viel Leidenserfahrung und Aggression ansammelt hat und es eher radikale islamistische Gruppierungen sind, die zu den Geflüchteten gehen und ihnen den Himmel versprechen sowie ihre Wut auswärtsgewandt austragen lassen, als dass Linke hingehen und mit den Geflüchteten arbeiten. Anders lässt es sich schwer erklären, dass die Linke einst in Reyhanlı bei Antakya stark organisiert war, während die Stadt heute ein IS-Zentrum ist, obwohl dort schon immer Sunnit*innen (und Tscherkess*innen) lebten. Klar ist jedoch auch: islamistisch-jihadistische Organisierung in der Türkei (unter Türk*innen wie Syrer*innen, Kurd*innen, usw.) ist real, sie ist nicht bloß vorübergehendes falsches Bewusstsein. Irgendwann erreicht die Organisierung einen Grad, bei dem die Umkehr schwer wird. Und umso mehr Menschen diese Schwelle überschreiten und jene menschenverachtende Ideologie nach außen tragen und praktisch ausagieren, umso wahrscheinlicher ist es, dass der Rest der Gesellschaft ebenfalls radikal reagiert und umso schwieriger wird es, von einer Einheit aller Werktätigen zu reden. Es ist deshalb eine der dringendsten Aufgaben der Linken in der Türkei, diese Problematik zu erfassen und sie praktisch anzugehen.

  • Von Alp Kayserilioğlu
  • Alle Fotos von Johanna Bröse

 

1Alle Zahlen, Daten und Fakten im Text sind, wo nicht anders gekennzeichnet, Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen von vor Ort entnommen.

2Kuvvet Lordoğlu, Mustafa Aslan, En Fazla Suriyeli Göçmen Alan Beş Kentin Emek Piyasalarında Değişimi: 2011-2014”, in: Çalışma ve Toplum 2016/2, S. 796.

3M. Murat Erdoğan, Can Ünver, Türk İş Dünyasının Türkiye’deki Suriyeliler Konusundaki Görüş, Beklenti ve Önerileri, Ankara, 2015, S. 53.

4Ebd., S. 53-54.

5The Report on the Present Situation of Foreign Migrant Workers in Seasonal Agricultural Production in Turkey. Poverty, Rivalry and Antagonism, Ankara, 2016, S. 168.

6Ebd., S. 141.

7“Child Labour in Turkey: Situation of Syrian Refugees and the Search for Solutions” Conference (11.03.16) Report, S. 5.

8Ebd.

9Die links-islamische NGO MAZLUM-DER hat 2014 einen 44 Seiten starken Untersuchungsbericht zu den Ereignissen mit dem Titel Gaziantep’te Suriyelilere Yönelik Saldırılar ve Toplumsal Nefretin Sebeplerinin Analizine Dair Rapor angefertigt. Der Bericht ist online auf Türkisch zugänglich.

10Erdoğan, Ünver, Türk İş Dünyasının Türkiye’deki Suriyeliler Konusundaki…, a.a.O., S.21.

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