Interview zur Kampange „Rechte Netzwerke zerschlagen!“ in Leipzig

Interview mit Laura Ende von der Kampagne „Rechte Netzwerke zerschlagen!“ aus Leipzig

Ihr habt eine antifaschistische Kampagne gegen das größte sächsische Freefight-Event, die „Imperium Fighting Championship“, ins Leben gerufen. Warum?

Bei der IFC handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Freefight-Veranstaltung. Hinter dem Event steht ein Netzwerk aus bekannten rechten Akteuren. Das „Imperium Fight Team“, das die Championship ausrichtet wird von Benjamin Brinsa, einem einschlägig bekannten Nazi-Hooligan, trainiert. Brinsa war Mitglied der mittlerweile aufgelösten Ultra-Gruppe „Scenario Lok“ vom 1. FC Lokomotive Leipzig.

Gemeinsames Abendessen am 9. Oktober 2015, dem Vorabend der “Imperium Fighting Championship 3”: Benjamin Brinsa, Tom Reiche, Marcel Bennewitz, unbekannt, Erik Walter, Christopher Henze, Marcus Kottke, Konrad Dyrschka, Timo Feucht, Thomas Kuhbach, Mario Hoffie. Foto: privat.
Gemeinsames Abendessen am 9. Oktober 2015, dem Vorabend der “Imperium Fighting Championship 3”: Benjamin Brinsa und Konsorten

Diese bekannte sich offen zum „Nationalen Sozialismus“. Auch Team-Mitglieder wie Christopher Henze oder Marcus Kottke sind dem rechten Spektrum zuzuordnen. Das Umfeld von „Scenario Lok“ und anderen Lok-Leipzig-Fangruppierungen waren massiv am Nazi-Angriff auf Connewitz beteiligt, der parallel zur Legida-Demo am 11. Januar 2016 statt fand. Unter den Angreifern war unter anderem Tobias Brendel – Gesellschafter des Security-Firma „Pro GSL GmbH“, einem Sponsor der IFC. Der Geschäftsführer des Unternehmens Oliver Riedel war in diesem Jahr Thema im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Er hatte einen Zeugen bedroht, der den Computer des Zwickauer Neonazis Ralf Marschner in Besitz hatte, auf dem die Melodie des NSU-Bekennervideos gespeichert war. Riedel soll enge Kontakte zu Marschner gepflegt haben. 2015 trat er dann als Sicherheitschef bei Legida in Erscheinung. Bis vor einem Jahr saß „Pro GSL“ in der Großen Fleischergasse 4 in Leipzig – wo auch die „Metropolis Table Dance Lounge“ ansässig ist. Eine Kneipe in der sich vor Legida-Demonstrationen des Öfteren rechte Hooligans treffen und von der aus auch schon Angriffe auf Antifaschist*innen durchgeführt wurden.

Dass auch Rechte ihren Lebensunterhalt verdienen müssen ist wenig verwunderlich. Was macht die „Fighting Championship“ zu einem rechten Event?

Rechte Strukturen bestehen nicht nur aus Parteien wie der NPD oder dem III. Weg. Nazis hören nicht auf Nazis zu sein, sobald es ans Geld verdienen geht. Geschäftliche, sportliche und politische Netzwerke sind hier kaum voneinander zu trennen. Die IFC ist um ein politisch sauberes Image bemüht, um problemlos an Austragungsstätten und Sponsoren zu gelangen. Gleichzeitig nutzen Brinsa und Konsorten ihre Kampfsport-Skills, um politische Gegner*innen anzugreifen. Wenn man sich die Sponsoren wie die oben benannten anschaut, merkt man schnell, dass es sich nicht nur um Geschäftspartner sondern auch um Gesinnungskameraden handelt. Genau diese Netzwerke sind es, auf denen rechte Politik, rechte Militanz und rechter Terror aufbauen. Wie man an Legida sieht, nutzen rassistische Bewegungen, die politisch in Erscheinung treten diese Infrastruktur. Ob in Form des Securityunternehmers Riedel als Legida-Sicherheitschef oder in Form der Lok-Hools als Abräumkommando abseits der Demonstration. Auch kriminelle und terroristische Gruppierungen wie „Weiße Wölfe Terror Crew“ – deren Leute übrigens auch am 11. Januar dabei waren – und der NSU nutzen rechte Netzwerke im geschäftlichen und kulturellen Bereich. Insofern ist das offenlegen und zerschlagen solcher Netzwerke ein Akt politischer Selbstverteidigung von links – wenn auch keine besonders einfache Aufgabe.

In eurem Aufruf schreibt ihr „Die Kampfsportszene, Sicherheitsunternehmen, das Rotlichtmilieu, die Rockerszene, Bürgerwehren, das Militär sind alles zutiefst reaktionäre und von Grund auf patriarchal strukturierte Zusammenhänge, die alle notwendigen Grundlagen für rechtsradikale Ideologie innehaben“. Wie ist das zu verstehen?

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Solidaritäts-Demonstration am 12. Januar 2016. Foto: Caruso Pinguin, Flickr.

Was wir damit meinen ist, dass es kein Zufall ist, wenn rechte Netzwerke sich in all diesen gesellschaftlichen Bereichen ausbreiten. Wir meinen damit nicht, dass dies deshalb alles eindeutige „Nazi-Domänen“ sind. Aber ihre patriarchale und autoritäre Struktur begünstigt derartige Ideologien. Es ist doch kein Zufall, dass immer mehr ehemalige Kameradschaften sich zu Bruderschaften und Motorradclubs transformieren. Dort können sie ihren autoritären, sexistischen Lebensstil weiterführen ohne die ganze Zeit mit Problemen behelligt zu werden, die man sich als NS-Kameradschaft so einhandelt. Ähnlich sieht es bei der IFC aus. Man bekämpft zwar gern in klandestiner Form linke Strukturen – aber dennoch möchte man noch ungestört seinen sportlichen und geschäftlichen Aktivitäten nachgehen. Uns ist wichtig, diese Trennung von politischem und geschäftlichem/sportlichen/kulturellen zu durchstoßen und die Zusammenhänge aufzuzeigen. Unsere Alternative zum bürgerlichen Staat ist eine befreite Gesellschaft, die auf Selbstverwaltung der Produktionsmittel und sozialen Institutionen von unten basiert. Wenn wir dafür kämpfen, dann müssen wir nicht nur für die Abschaffung der Staatsgewalt kämpfen, sondern auch andere autoritäre und patriarchale Strukturen ins Fadenkreuz unserer Kritik und Praxis nehmen.

Ihr wollt rechte Netzwerke zerschlagen. Wie sieht eure Strategie gegen die „Imperium Fighting Championship“ aus?

Unsere konkrete Strategie auf die IFC bezogen beinhaltet verschiedene Ebene. Zunächst wollen wir Druck auf Sponsoren und Unterstützer ausüben, die möglicherweise nicht über den politischen Charakter des Events informiert waren und diese zum Absprung motivieren. In dieser Hinsicht sind uns bereits erste Erfolge gelungen. Der bestmögliche Fall wäre natürlich wenn der Veranstaltungsort, der Kohlrabizirkus, die Nazi-Schläger einfach vor die Tür setzen würde. Dann wollen wir natürlich die gesamte Öffentlichkeit über den Charakter der IFC und die Problematik rechter Netzwerke aufklären, um es ihnen in Zukunft zu erschweren in Leipzig Fuß zu fassen und zum Beispiel Veranstaltungsorte zu finden. Wir möchten gern die linke Bewegung in Leipzig dazu motivieren, sich gegen derartige Strukturen zur Wehr zu setzen und sich nicht von Ereignissen wie dem 11. Januar in Connewitz einschüchtern zu lassen. Nur wenn wir beständig bei unserer Kritik und Praxis rechter Netzwerke bleiben, können wir einer Bedrohungsstrategie entgegen wirken. Zuletzt möchten wir noch eine fundierte politisch Kritik rechter Netzwerke, autoritärer Strukturen und Banden formulieren. Es geht uns nicht um offene Rechnungen oder ähnliche autoritäre Logiken. Es geht uns um die Befreiung der Gesellschaft von Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus und da kommen wir am Kampf gegen derartige Strukturen nicht vorbei.

Wie verhält sich die Zivilgesellschaft in Leipzig zu der Veranstaltung?

Bislang war da eher wenig Kritik zu hören. Einzig die Universität Leipzig hatte den Mut die IFC vor die Tür zu setzen, als sich diese bei einem vergangenen Event in der Universität einmieten wollte. Eine deutliche Ablehnung der IFC, der „Imperium Fight Team“ und von rechten Hooligans wie Brinsa bleibt in der sich als eher alternativ und hip gebenden Stadt, bisher aus.

Das Auto der Lebensgefährtin von Benjamin Brinsa im April nach einer Antifaschistischen Strafexpedition in Wurzen
Das Auto der Lebensgefährtin von Benjamin Brinsa im April in Wurzen nach einer antifaschistischen Strafexpedition

Wie hoch schätzt ihr die Gefahr ein, die von dem Event ausgeht?

Können wir nicht einschätzen. Wir wollen mit einer großen und entschlossenen Demonstration zum Kohlrabizirkus ziehen. Wichtig ist, dass alle aufeinander aufpassen, wachsam bleiben und sich nicht von Kleinigkeiten provozieren lassen. Auf die Cops kann und sollte sich niemand verlassen, besonders nicht in Sachsen. Das hat auch der 11.Januar in Connewitz gezeigt. Wichtig ist, die Gefahr, die von so einem Event und seinen Teilnehmern ausgeht, einerseits ernst zu nehmen und andererseits die Lage auch nicht überzudramatisieren. Genau das würde rechten Schlägern wie Brinsa in die Hände spielen. Antifaschistischer Selbstschutz bleibt daher für uns dringend notwendig, dieser muss stetig weiter entwickelt und ausgebaut werden.

Wie geht es nach dem 27. August für euch weiter?

Wissen wir noch nicht genau. Klar ist, dass es immer wieder antifaschistische Kampagnen gegen die IFC und vergleichbare rechte Netzwerke geben muss und wird. Dazu gehören Recherche und Aufklärung genauso wie Analyse und Kritik, Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationen und die Organisation von Selbstschutz. In welcher Form das genau geschehen wird, werden wir dann sehen.

Demonstration: 27. August 2016 – 17 Uhr – Herderstraße/Wolfgang-Heinze-Str – Connewitz

Weitere Informationen: https://netzwerke.noblogs.org/

 

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Ein Gedanke zu „Interview zur Kampange „Rechte Netzwerke zerschlagen!“ in Leipzig“

  1. Es freut mich zwar , dass brinsas Auto abgefackelt wurde, aber man muss sich doch fragen was solche Aktionen bringen sollen. Einen taktischen Nutzen zur Stärkung der Arbeiterbewegung kann ich aus solchen Aktionen nicht sehen, sondern im Gegenteil, so etwas ist doch perfekt für die Medien zur Diffamierung der linken Bewegungen als ganzes.
    Viel effektiver wären doch z.b. Kampagnen am Arbeitsplatz, den Schulen, den Unis in denen man den Menschen erklärt, dass die Nazis nur die Interessen des Kapitals bedienen und nur der Sozialismus die Wurzeln des Faschismus ausreißen kann.
    Ich will euch nicht unterstellen dass ihr das nicht macht, aber ich denke das der gewaltsame Aktionismus gegen Nazis taktisch falsch ist (gerade momentan, wo es doch erstmal darum gehen muss eine klassenkämpferische Arbeiterbewegung aufzubauen. Und mit so etwas gewinnt man vielleicht Menschen aus dem linksradikalem Spektrum aber die Arbeiterschaft nicht)

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