[Kurdistan Diaries III] Vielfältiger Widerstand

Rojava Verein, Jineoloji, Sur Plattform – Zivile Organisationen der kurdischen Bewegung in Diyarbakir

Bei unseren Erkundungsreisen durch die kurdische Metropole sehen wir die unterschiedlichsten Formen der Repression und Besatzung: Die permanente Drohkulisse durch die Omnipräsenz von schwerbewaffneten Polizei- und Militäreinheiten; willkürliche Kontrollen und Einschüchterungen; die nach wie vor bestehende Abriegelung eines gesamten Stadtteils – des Ostens der Altstadt Sur; die demonstrativ an den Mauern und Türmen Surs befestigten riesigen türkischen Fahnen und Porträts des Staatsgründers Atatürk.

Man erfährt aber auch, wenn man mit kurdischen Freund*innen unterwegs ist, die enorme Kraft des kurdischen Widerstandes. Dieser besteht nicht allein im militärischen Kampf der aus lokalen Jugendlichen gebildeten Zivilverteidigungseinheiten YPS und YPS-Jin und der Guerilla-Kräfte HPG, die im Moment nach wie vor in Sirnak, Nusaybin und vielen anderen Gegenden die hochgerüstete Militärmaschinerie des türkischen Faschismus erfolgreich herausfordern.

Sie besteht ebenso in einem dichten Netz aus zivilen Organisationen, die fast alle Bereiche des sozialen, politischen und kulturellen Lebens umfassen. Drei dieser Gruppen, mit denen wir in den vergangenen Tagen Gespräche führten, wollen wir euch kurz vorstellen.

Gegen Patriarchat und kapitalische Moderne: Fahnen der Frauenbewegung am 1. Mai
Gegen Patriarchat und kapitalistische Moderne: Fahnen der Frauenbewegung am 1. Mai

 

Einer der sichtbarsten und wirkmächtigsten Bereiche der kurdischen Bewegung ist die Frauenbewegung. Weltweit hat sie während des Kampfes um Kobane Anerkennung gefunden, mehr noch als eine militärische Bewegung der Selbstverteidigung von Frauen führt sie einen Kampf um Bewusstsein und Selbstbewusstsein von Frauen.

Sie tut dies auf viele Weisen, auch auf publizistischem Wege. Mitten in der äußerst prekären Situation des Krieges begannen nun in Diyarbakir ein neues Magazin, das den Namen Jineoloji trägt. Grob übersetzt heißt das „Wissenschaft der Frau“, wobei das „der“ durchaus ein doppelter Genitiv ist: Wissenschaft über Angelegenheiten, die Frauen betreffen. Und eine Wissenschaft die von Frauen aus dezidiert weiblicher Perspektive betrieben wird.

„In der Geschichte der Mythologie, der Philosophie, der Soziologie sehen wir, dass Frauen systematisch ausgeblendet werden. Es waren Männer, die die Erinnerung an Frauen ausradierten. Deshalb brauchen wir eine Jineoloji, eine eigenständige Wissenschaft der Frau“, erklärt uns

Nahide Ermis von Jineoloji. „Eigentlich geht diese Theorie zurück auf Abdullah Öcalan. In seinem Buch ‚Soziologie der Freiheit‘ brachte er den Gedanken einer Jineoloji ins Spiel. Und die Diskussionen zur Jineoloji laufen mittlerweile auch seit 8 Jahren.“ Die Jineoloji grent sich ab von einem positivistischen Wissenschaftsverständnis und greift feministische Wissenschaftskritiken auf und entwickelt sie weiter.

Die Debatten, die man führe, beziehen sich nicht nur auf kurdische Frauen, erklärt Nahide Ermis. Man versuche, die Erkenntnisse von Frauen aus der ganzen Welt einzubeziehen. „In unserem Magazin versammeln wir sehr wichtige Schriften von Frauen aus aller Welt, nicht allein aus der Türkei.“

Auch das Magazin-Projekt von Jineoloji musste sich erst gegen Widerstände durchsetzen. „Als wir anfingen an diesem Magazin zu arbeiten, sagte man uns: Ihr könnt das nicht, es ist zu kompliziert für euch“, erinnert sich Ermis. „Aber wir haben es geschafft. Und die negativen Vorurteile haben sich zum Positiven gewandt. Jetzt erfahren wir viel Unterstützung.“

Selbstorganisierte Hilfe: Der Rojava Dernek versorgt die Opfer des Krieges mit dem Nötigsten
Selbstorganisierte Hilfe: Der Rojava Dernek versorgt die Opfer des Krieges mit dem Nötigsten

Mit der Milderung der unmittelbaren Kriegsfolgen befasst sich der Verein Rojava Dernek. In seinem Lager im Zentrum Diyarbakirs stapeln sich Säcke mit Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs. Rund um die Uhr arbeiten hier freiwillige Helfer*innen, die LKWs beladen. „Nach den Ausgangssperren brauchten die Leute uns und wir haben angefangen Essen und andere humanitäre Hilfsgüter an die Menschen zu verteilen“, erklärt uns Murat Cicek von der Hilfsorganisation. „Für die meisten Menschen war das größte Problem die Unterbringung, also haben wir sie in den Häusern von anderen einquartiert, die bereit waren, jemanden aufzunehmen, oder andere Unterkünfte organisiert. Außerdem waren natürlich auch die mangelnde Nahrung und Kleidung für Babys große Probleme, um die wir uns gekümmert haben. Ungefähr 10.000 Menschen wurden durch den Krieg allein in Sur aus ihrer Heimat vertrieben. Von denen haben wir bisher ungefähr 8.000 erreicht. Außerdem haben wir Menschen in Städten wie Cizre und Silopi versorgt.“

Eigentlich ist auch der Rojava Dernek, obwohl er aus der Not geboren ist, ein Beispiel für Demokratische Autonomie in Kurdistan. Denn er funktioniert vollständig selbstorganisiert. Die Bevölkerung und aus ihr kommende freiwillige Aktivist*innen haben sich diese Infrastruktur selbst geschaffen. Hilfe vom türkischen Staat, abgesehen davon, dass es ohnehin keine gibt, will man hier auch nicht, erklärt Cicek. „Wir wollen lediglich, dass sie uns in Ruhe unsere Arbeit machen lassen.“

Das – Überraschung – tut sie natürlich nicht. Regelmäßig werden Lastwägen des Vereins angehalten und blockiert, Aktivist*innen verhaftet. Eine Freundin erzählte uns zudem von Fällen, bei denen die Behörden die LKWs anhalten, die Hilfsgüter beschlagnahmen und sie dann als eigene staatliche „Hilfe“ an die Bevölkerung verteilen.

Bauarbeiten beginnen: Der Staat zerstörte Sur und will es nun nach eigenem Gusto wieder aufbauen. Gesehen haben wir auch Lastwägen mit dutzenden Panzerplatten - für die 12 (!) neuen Polizeistationen
Bauarbeiten beginnen: Der Staat zerstörte Sur und will es nun nach eigenem Gusto wieder aufbauen. Gesehen haben wir auch Lastwägen mit dutzenden Panzerplatten – für die 12 (!) neuen Polizeistationen

 

Ein anderer, derzeit aktueller Bereich des Widerstand hat mit einem perfiden Vorhaben des Staates im Altstadtbezirk Sur zu tun. Der von historischen Mauern umgebene Bezirk wird in der Mitte von der Hauptstraße Gazi Caddesi geteilt. Alles östlich dieser Straße stand bislang sechs Mal unter „Ausgangssperren“ (so der Name für Belagerung, Bombardierung und gezielte Tötungen) und ist nach wie vor abgesperrt, teilweise sind die Gassen dorthin mit Betonblöcken zugemauert.

In Sur passiert nach dem Ende der Kampfhandlungen zwischen Staat und Zivilverteidigungseinheiten YPS etwas Außergewöhnliches: Per Order beschlagnahmte der Staat 82 Prozent aller Häuser. Wohnhäuser, Geschäfte, Eigentum der örtlichen Stadtverwaltung (die von linken kurdischen Parteien geführt wird), aber auch historische Denkmäler und Bauten. Durch den Austausch der Bevölkerung und der gesamten baulichen Struktur des Bezirks soll die soziale Basis der kurdischen Befreiungsbewegung, die hier seit den 1990ern stark verankert ist, zerstört werden. Zudem werden die finanziellen Interessen des türkischen Bausektors bedient.

In Sur wird dadurch nicht nur ein unglaublich schöner Stadtteil mit verwinkelten Gassen, alten armenischen Steinhäusern, Gecekondus, hunderten kleinen Läden und Werkstätten, malerischen Innenhöfen und Cafes vernichtet. Es soll ein gewachsener sozialer Zusammenhang zerstört werden. Was kommt stattdessen: Häuser für Reiche und Touristen. Und nach der derzeitigen Planung 12 (!) Polizeistationen (zum Teil in früheren Schulen). Dazu dann noch breitere Straßen, damit die Panzer den Stadtteil besser befahren können.

Auch hier dauerte es nicht lange, bis unterschiedliche Teile der Zivilgesellschaft aktiv werden. Ein Bündnis gründete sich, das neben Menschenrechtsorganisationen, linken Gruppen und Parteien, zahlreiche Berufsverbände (Architekten, Ingenieure, Anwälte) bis hin zur Stadtverwaltung umfasst. Insgesamt über 300 Organisationen sind Teil des Zusammenschlusses, es finden Versammlungen statt, um die Menschen über ihre Rechte zu informieren, über 1000 individuelle Klagen gegen den flächendeckenden Diebstahl wurden bereits eröffnet.

– Text: Peter Schaber; Titelbild: Willi Effenberger

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