Das Leben ist schön

Sechs kurze Geschichten aus dem Krieg in Kurdistan

In Nordkurdistan können Busfahrten, die man üblicherweise als lästige und langweilige Notwendigkeit wahrnimmt, zu Reisen durch die eigene Gedankenwelt werden. Denn die Landschaften Bakurs sind von einer unwirklichen Schönheit, die einen gefangen nimmt: Zerklüftete Hügelwelten, in denen Kühe, Schafe, Esel so bewegungslos stehen, als gäbe es hier keine Zeit; schroffe Felsen von brachialer Massivität, manchmal nackt, manchmal dick in Schnee gekleidet; Flüsse und Bäche, die sich ihren Weg durch das Gestein bahnen, es zerreissen und ihm eine neue Form geben. Der Drang wird spürbar: Einfach losgehen, einen Ast abbrechen und zum Gehstock machen, alles anfassen, berühren, den Schnee, die Steine, das Wasser, die Sträucher und Bäume.
Die Erhabenheit der Berge, die ruhig und unveränderbar über all dem thronen, wirft einen auf sich selbst zurück: Wie können wir überhaupt erzählen, was wir hier gesehen haben? Sicher, wir können aus der Perspektive der Beobachter schreiben, über den barbarischen Krieg des türkischen Staates, über die strategischen Interessen der westlichen Staaten, über die Kämpfe und die Toten, über die Verzweiflung und die Hoffnung. Was wir hier erlebt haben aber, wie es sich anfühlt und wie es uns verändert haben wird, das ist viel konkreter, denn es hat mit wirklichen Menschen und ihren Geschichten zu tun. Mit ihrem Händedruck, mit dem Ton ihrer Stimme, mit den kleinen Veränderungen im Gesichtsausdruck eines jungen Mannes, während er sagt: Leben heißt hier, auf den Tod zu warten.

Diese sechs unzusammenhängenden Anekdoten erzählen von einigen der Menschen, die wir hier lieben gelernt haben.

Die unzerstörbare Brücke

Ahmet Kaya ist der poetische Chronist der Leiden und Freuden, der

Der Weg nach Firat Mahallesi: Lastkraftwagen auf der Ahmet Kaya Brücke
Der Weg nach Firat Mahallesi: Lastkraftwagen auf der Ahmet Kaya Brücke

Hoffnungen und Ängste der Menschen dieses Landes. Wer seine Lieder kennt, wird sie überall hören, wo das Leben handfest ist. Vor den kleinen Öfen in schlichten Häusern, in den Cafes und Mehanes, an den Werkbänken und auf den Feldern, hinter den Barrikaden und in den Schützengräben. Ahmet Kaya wurde selbst verfolgt und gedemütigt wegen seiner kurdischen Identität. Für Andrea Wolf, die deutsche Internationalistin, die 1998 von der türkischen Armee ermordet wurde, hat er ein Lied geschrieben, Mavinin Türküsü. Seni vuran beni de vursun – der, der dich erschossen hat, soll auch mich erschießen, heißt es da.

In Nusaybin, einer Stadt, in der viel Blut vergossen wurde, gibt es eine Nachbarschaft, die heißt Firat Mahallesi. Sie ist eine Hochburg der kurdischen Bewegung und dementsprechend derzeit im Kriegszustand. Wie andere Bezirke, in denen die Gefechte andauern, ist auch die Lage dieses Gebietes durch natürliche Barrikaden etwas leichter zu verteidigen. In Sur sind es die alten Mauern um den historischen Stadtteil und dessen enge Gassen, in Gever und Hakkari Eis und Schnee, in Nusaybin ist es ein kleiner Bach, über den nur eine Brücke in die Nachbarschaft führt. Diese Brücke haben die Menschen nach dem großen Dichter Ahmet-Kaya-Köprüsü getauft.

Auf der Ahmet-Kaya-Köprüsü steht ein durchlöcherter Lastkraftwagen, einige Meter dahinter beginnen die Barrikaden über denen Laken und Planen hängen, wegen der Scharfschützen. Mit unserer Begleiterin, einer mutigen jungen Frau, die mit Beginn des Krieges hier her gekommen ist, um zu helfen, gehen wir über die Brücke und stellen fest, dass in ihrer Mitte ein Riss klafft. Etwas hat eine Wunde in den Beton geschlagen, vermochte die Brücke aber nicht zu zerstören.

Ob es sich um Artilleriebeschuss handelt, fragen wir. „Nein“, sagt sie und lacht. „Die Jugendlichen wollten die Brücke sprengen, damit keine Panzer und Akreps in die Nachbarschaft fahren können. Aber wie ihr seht, war die Brücke stärker.“ Wie könnte es anders sein, sagt mein Freund Mehmet. „Es ist eine Ahmet-Kaya-Brücke. Wie soll man sie sprengen können?“

Grimmige Krieger

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Kämpfen, weil man muss, nicht weil man will. YPS-Milizen in Nusaybin (Foto: Sinan Targay)

Tiefer in der Nachbarschaft treffen wir Kämpferinnen und Kämpfer der YPS, der neu gebildeten Yekîneyên Parastina Sivîl (Zivilverteidigungseinheiten). „Terroristen“ nennt der Staat sie, professionelle PKK-Kämpfer, die aus den Bergen kommt, Stadtteile besetzen und die Bevölkerung benutzen. Mit diesen grimmigen Kriegern verbringen wir einen Tag: Er besteht vor allem im Teetrinken, plaudern, einer der Jugendlichen singt ein Lied, während wir um den wärmenden Ofen sitzen, und wir spielen mit einem Straßenhund. Terror in seiner subtilsten Form.

Die YPS-Kämpfer, die wir hier treffen und die sich auf die Verteidigung ihrer Nachbarschaft beim nächsten Angriff vorbereiten, bauen rund um die Uhr Barrikaden. Sie klopfen das Pflaster aus den Straßen, stapeln es ordentlich zu hohen und festen Mauern. Sie könnten auch Schulen, Kulturzentren oder Pavillons errichten, wenn sie der Staat nicht zu dieser Art Bauwerk zwingen würde. Weil wir ja Journalisten sind und ein Video drehen wollen, einigt man sich darauf, dass wir die Kombattanten filmen dürfen, während sie im Kiez patroullieren. Sie laufen mit Kalaschnikows durch die Gassen, einer trägt eine kleine RPG. Der Boden ist nass, an einer Lacke halten sie kurz an. Sie nehmen Anlauf, springen, manche landen mit einem Fuß im Wasser. Die Kinder, die das Spektakel beobachten, lachen, die Kämpfer lachen, wir lachen. Martialisch ist all das nicht.

Diese Jugendlichen sind keine abgerichteten Tötungsmaschinen wie auf der Gegenseite die aus Fanatikern zusammengesetzten Spezialeinheiten. Sie sind gezwungen, sich zu verteidigen. Und sie sind entschlossen, sich zu verteidigen. Deshalb haben sie gelernt, wie das geht und sind gut darin geworden. Eigentlich aber kann man sie sich viel eher beim Rendezvous mit der ersten Liebe, beim Schuleschwänzen mit Freunden oder auf dem Fußballplatz vorstellen, als am Abzug einer panzerbrechenden Waffe.

Nach einiger Zeit denke ich: Zum ersten Mal seit vielen Tagen fühle ich mich sicher. Zuvor waren wir in Sur. Spezialeinheiten der Polizei haben uns verhaftet, gedroht, uns verschwinden zu lassen. Wann immer wir an einem der vermummten Soldaten und Polizisten vorbeigehen, haben wir das Gefühl, man wird uns wieder mitnehmen. Dauernd krachte es, man hörte Schüsse, Explosionen. Hier nun, hinter den Barrikaden, hat man Ruhe. Man weiß, man ist unter Leuten, die einen nicht schon für das Umbringen wollen, was man denkt. Die Türkei ist ein Land, in dem man sich nur in von „Terroristen“ kontrollierten Gebieten halbwegs geborgen fühlen kann.

Zwei Häuser, keine Menschen

An einem anderen Ort sind wir bei einer Familie zu Gast, die zwei

Ausgangssperren, Gefechte, Panzer - kurdische Kinder zeichnen ihren Alltag.
Ausgangssperren, Gefechte, Panzer – kurdische Kinder zeichnen ihren Alltag. (Foto: O-Young Kwon)

der süßesten Kinder, die je das Licht dieser Welt erblickten, ihr eigen nennen darf. Wir werden mit einer üppigen, köstlichen Maklube (eline sağlık noch einmal, falls du das liest), einem traditionellen arabischen Gericht, empfangen, später sitzen wir zusammen und plaudern etwas. Auch dieser Haushalt hat sich bereits für die nächste Ausgangssperre eingedeckt. Von den Gastgebern, die beide über eine scharfe Beobachtungsgabe verfügen, lernen wir viel über die gegenwärtige Lage. Zwei Geschichten handeln von der Reaktion von Kindern auf den Krieg.

Die Schöpferin der grandiosen Maklube, selbst Lehrerin, zeigt uns Bilder, die Kinder im Alter von sechs, sieben Jahren in der Schule gemalt haben. Auf nahezu allen Zeichnungen finden sich gepanzerte Fahrzeuge und Strichmännchen, die mit nach unten verzogenem Mund Bleistiftstrichmunition abfeuern. Polizei, Schießen, Tote – das sind die Themen der kleinen Künstler. Dazwischen eines, das aus dem Rahmen fällt. Zwei bunte Häuser, es regnet ein wenig. Die Lehrerin erzählt, wie sie sich gefreut hat, weil es das einzige Bild ist, in das sich nicht der Krieg gedrängt hat. Dann aber fragt sie das Kind, warum es keine Menschen gemalt hat. „Ich kann doch jetzt keine Menschen malen. Es ist Ausgangssperre. Die dürfen nicht auf die Straße gehen“, antwortet die 7-jährige.

Hochzeitsfeuerwerke

Später sprechen wir mit dem Mann der Lehrerin. Wir fragen, wie sein eigener kleinen Sohn auf die Gefechte reagiert. „Wir haben schon versucht, es von ihm fernzuhalten“, sagt er. „Am Anfang habe ich ihm erzählt, es seien Hochzeitsfeuerwerke. Jeden Abend. Es heiratet wieder jemand. Ich habe mich gefühlt wie in Roberto Benignis ‚Das Leben ist schön‘.“ Aber natürlich geht das nicht ewig. Auch die Kinder sehen im Fernsehen ihre eigene Stadt, reden mit anderen Kindern, die sie zwischen den Ausgangssperrenzeiten in der Schule treffen. „Irgendwann hat er mich dann einfach gefragt, wie lange die Ausgangssperre noch geht.“

In den am meisten betroffenen Nachbarschaften sind die Auswirkungen auf die Kinder noch drastischer. Sie werden früh erwachsen. Sicher, immer noch laufen sie in großen Gruppen um uns skurrile Gäste herum, spielen, lachen, necken uns. Aber wenn wir sie fragen, was hier los ist und wie sie das alles wahrnehmen, werden sie ernst. Sie wissen gut, was hier geschieht. Sie wissen, wer der Feind ist und sie wissen, was er ihnen antun will.

Glück und Pech

Bevor wir nach Gever fahren, rufen wir einen Jugendlichen aus einem der Dörfer der Region an. Gever ist eine der Hochburgen der kurdischen Bewegung, auch eine der Gegenden, die nahe an den Bergen ist. Wir fragen ihn, ob und wie wir nach Gever kommen können. Er erklärt uns, wir müssen einen der Minibusse aus Van nehmen. Wann der abfährt, wollen wir wissen. Sie fahren ab 6 Uhr morgens, antwortet er. „Aber sie fahren erst, wenn sie voll sind.“ Penibel wie wir sind, wollen wir natürlich wissen, wann genau das ist. „Ihr könnt mal um 7 vorbei schauen. Vielleicht fährt einer, vielleicht wartet ihr eine halbe Stunde oder eine Stunde.“ „Also reines Glück, wann wir ankommen?“ fragen wir, weil wir uns ja ganz bürokratisch einen Zeitplan zurecht gelegt hatten. „Natürlich ist das Glück, Abi. Ihr seid in einem Land, in dem es reines Glück ist, ob ihr lebt oder sterbt“, lacht er.

Keine Angst mehr

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Mörder AKP – Wandbild in Gever (Foto: O-Young Kwon)

Er hat recht. Oft hörten wir die Geschichten vom raschen unvorhersehbaren Tod. Etwa die von Melek A., die Frühstück in ihrem Haus in Sur-Iskenderpasa machte, als ein Querschläger ihre Mauern durchbrach und sie tötete. Oder die von Zivilisten, die trotz weißer Fahne in den Straßen Cizres ermordet werden. Die Bedrohung von Leib und Leben ist hier allgegenwärtig, und als wir ankamen, war sie für uns ein neues Gefühl. Man will es sich nicht eingestehen, aber irgendwie hat man Angst. Man geht eine lange Straße entlang, an deren Ende ein hohes Gebäude steht, das gelegentlich von türkischen Snipern genutzt wird, und denkt: Schießt da jetzt einer? Geht jetzt gleich das Licht aus? Man fühlt sich feige, denn man sieht all diese Menschen, wie sie hier leben und kämpfen.

Mit der Zeit aber bemerkt man, woran es liegt, wodurch sie den Mut aufbringen, hinter diesen Barrikaden zu stehen, einer Übermacht an Technologie und Killern gegenüber. Es sind nicht nur die Gewöhnung an den Terror des Staates und der Hass auf die Mörder der eigenen Familie, Freunde und Genossen, die die Furcht verschwinden lassen. Das sicher auch. Aber es gibt noch ein ganz anderes Gefühl, das wir hier erleben.

In Gever, einer Stadt, in der die HDP bei den letzten Wahlen 93 Prozent hatte und in der man mit „Regierung“ nie Ankara, sondern die Berge Kandils oder das Gefängnis auf Imrali meint, durfte ich einen Tag und eine Nacht im Widerstandszelt verbringen, in dem sich rund um die Uhr Menschen treffen und Wache halten. Sie sitzen um die Holzöfen, über die das Bild von Önder Apo wacht, plaudern, lachen, singen, trinken Cay. Man isst gemeinsam, arbeitet gemeinsam, teilt alles. Abends beginnt der Kurdischkurs, man übt die schwierigen Laute der eigenen Sprache, die einem in der staatlichen Schule verwehrt wird. Danach wird gespielt, Vampir, ein Spiel, dass in Istanbul Mafia heißt und bei dem man durch sprechen, fragen und kombinieren herausfinden muss, wer die beiden – je nach Version- verdeckten Gangster oder Vampire sind.

Man muss hier, ebenso wie hinter den Barrikaden Nusaybins, im Frauenzentrum Vans oder im Kulturzentrum in Sur keine langen Interviews über „demokratischen Konföderalismus“ führen, man muss nur seine Augen öffnen. Das kollektive Leben der kurdischen Bewegung gibt selbst für uns, die wir ja Fremde hier sind, ein Gefühl der Geborgenheit, das die Angst besiegt. Seni vuran beni de vursun, ist keine leere Phrase. Es ist der Ausdruck eines Lebensgefühls, in dem man den Anderen nicht mehr als Schranke und Begrenzung seiner selbst wahrnimmt, sondern unter Menschen Mensch wird.

– Peter Schaber

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