Das Leben ist schön

Sechs kurze Geschichten aus dem Krieg in Kurdistan

In Nordkurdistan können Busfahrten, die man üblicherweise als lästige und langweilige Notwendigkeit wahrnimmt, zu Reisen durch die eigene Gedankenwelt werden. Denn die Landschaften Bakurs sind von einer unwirklichen Schönheit, die einen gefangen nimmt: Zerklüftete Hügelwelten, in denen Kühe, Schafe, Esel so bewegungslos stehen, als gäbe es hier keine Zeit; schroffe Felsen von brachialer Massivität, manchmal nackt, manchmal dick in Schnee gekleidet; Flüsse und Bäche, die sich ihren Weg durch das Gestein bahnen, es zerreissen und ihm eine neue Form geben. Der Drang wird spürbar: Einfach losgehen, einen Ast abbrechen und zum Gehstock machen, alles anfassen, berühren, den Schnee, die Steine, das Wasser, die Sträucher und Bäume.
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„Es ist eine Tragödie“

Interview mit Abdulkerim Pusat (IHD-Vertreter aus Cizre im Exil; 23.01.16

Kannst du mir etwas über die Ausmaße der Belagerung von Cizre und die humanitären Situation dort erzählen?

Cizre hat eine Einwohnerzahl von knapp 133.000 und besteht aus 10 Vierteln. In vier dieser Viertel – Nur, Cudi, Sur und Yafes – sind Gräben ausgegraben und Barrikaden aufgebaut worden. In diesen vier Vierteln finden die heftigsten Gefechte statt. Cudi ist mit 50.000 EinwohnerInnen das größte Viertel, Nur weist eine Einwohnerzahl von 30.000-35.000 auf. Sprich knapp 85% der Bevölkerung von Cizre ist von den Auseinandersetzungen betroffen.

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Silopi in Trümmern

Ganze drei Tage haben wir gebraucht, um es endlich in die mehrheitlich kurdische Stadt Silopi im Südosten der Türkei bzw. in Nordkurdistan zu schaffen. Silopi gehört zu denjenigen Städten, über die im Rahmen des derzeitigen Krieges des türkischen Staates gegen die kurdische Bewegung und Bevölkerung eine Ausgangssperre verhängt wurde. Das Wort “Ausgangssperre” ist in diesem Rahmen natürlich ein Euphemismus; treffender beschreibt das Wort “Belagerung” das, was in diesen Städten passierte: teils ganze Städte wurden von Polizei, Gendarmerie, Armee und Kommandos belagert, niemand konnte auf die Straße, Zivilisten hatten kein Zugang mehr zu Wasser, Strom, Lebensmitteln und der Staat schoss rücksichtslos mit schwerer Artillerie in Wohngebiete.

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„Für uns gibt es im Mittleren Osten keine Zukunft“

Ein Besuch im Lager für jezidische Flüchtlinge bei Diyarbakir

Es gibt einen Satz, den man in dem großen Flüchtlingscamp zwanzig Minuten von der Kurdenmetropole Diyarbakir im Südosten der Türkei öfter hört als jeden anderen: „Wir wollen nach Europa.“ Untergebracht sind hier ausschließlich Jesiden, Angehörige einer Religionsgruppe, die besonders grausam vom Islamischen Staat (IS) verfolgt wurde. Als der IS 2014 in die Siedlungsgebiete der Jesiden vordrang, flohen viele auf den Sinjar-Berg. „Meine Familie hatte keine Autos. Deshalb mussten wir zu Fuß auf den Berg gehen. Auf dem Weg hat ein gepanzertes Fahrzeug mit IS-Kämpfern uns angehalten“, erzählt Mahmut, der hier im Camp seit über einem Jahr arbeitet. „Sie haben uns angeschrieen, wir sollen weitergehen. Aber mein Onkel war paralysiert und konnte nicht. Also haben sie ihn erschossen, vor den Augen der ganzen Familie.“
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De facto Ausgangssperre in Idil

Idil ist eine unscheinbare, kleine Stadt von 24.000 EinwohnerInnen. Die Dörfer im Umkreis weisen eine größere Einwohnerzahl auf als das städtische Zentrum. Die Stadt liegt allerdings in einem strategischen Dreieck: die Hauptverbindungsachse zwischen Nusaybin und Cizre – zwei Städte, in denen die kurdische Bewegung stark ist – verläuft südlich von Idil, die Hauptverbindungsachse von Diyarbakir und Batman nach Cizre und Sirnak – alles wichtige kurdische Städte – läuft direkt über Idil. De facto Ausgangssperre in Idil weiterlesen

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„Hier findet ein Genozid statt“

Interview mit Deniz Bagok, YPS-Kämpfer in einem Viertel von Nusaybin.
Was ist die YPS? Warum baut ihr Barrikaden und grabt Gräben aus?

Alle organischen Wesen haben drei grundlegend Instinkte: Selbstverteidigung, Fortpflanzung und Ernährung. Früher gab es die YDG-H, das war aber nur die Jugend, nun gibt es die YPS, die zivilen Selbstverteidigungskräfte. Seitdem die Angriffe des türkischen Staates faschistischer und barbarischer werden, haben wir eine neue Bewegung und militärische Kraft gegründet, um unsere Selbstverteidigung zu organisieren. Sie dient dazu, unsere kulturelle Identität als Kurden und die Autonomien, die wir ausgerufen haben, zu verteidigen. „Hier findet ein Genozid statt“ weiterlesen

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Rigaer Straße, ick liebe dir!

Täglich brennende bundesweit Flüchtlingsunterkünfte, Verschärfungen des Asylrechts werden im Quartalsabstand beschlossen , Kriegseinsätze der Bundeswehr im Mittelmeer und anderswo gehören zur Normalität, die unmenschlichen Praktiken des LaGeso sind täglich in der Presse undRassisten marschieren im Wochentakt. All das wird seit Monaten erduldet und hingenommen. Aber jetzt wurde in Berlin eine „rote Linie“ überschritten?
Nehmen wir uns eigentlich selber noch ernst?
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„Jetzt kämpft ein Großteil der Bevölkerung“

In den kurdischen Landesteilen der Türkei eskaliert die Gewalt. Über die Hintergründe des Konflikts und den Widerstand der kurdischen Bevölkerung. Interview mit Ercan Ayboga

Seit nunmehr einem halben Jahr eskaliert der Konflikt im Südosten der Türkei zwischen der PKK und einer aufständischen Bevölkerung auf der einen Seite und türkischen Staatsmacht auf der anderen. Mehrmals wurde in dieser Zeit in verschiedenen Provinzen der Region der Ausnahmezustand ausgerufen und nachdem am 28.11.2015 der prominente kurdische Anwalt Tahir Elçi erschossen wurde, nahmen die Kämpfe an Heftigkeit zu. Über zahlreiche Städte wie Silopi, Cizre, Nusaybin oder Dargeçit wurde eine Ausgangssperre verhängt, die teilweise nun schon seit über einem Monat mit Waffengewalt aufrecht erhalten wird. Auch im historischen Stadtteil Sur in Diyarbakır, das auf kurdisch Amed genannt wird, toben seit Wochen heftige Feuergefechte zwischen Anhängern der „Bewegung der revolutionären-patriotischen Jugend“ (YDG-H) und türkischen Sicherheitskräften, die mit Scharfschützen und Artillerie gegen die Aufständischen vorgeht.

Während in manchen Gemeinden zahlreiche Zivilisten die umkämpften Stadtteile und Städte verlassen, tobt in den Medien ein Krieg um die Deutungshoheit über den Konflikt. So sieht die Regierung in der YDG-H lediglich eine „Terrororganisation“ und erklärt ihr hartes Vorgehen mit dem Kampf gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, während die Gegenseite von einem Krieg des Staates gegen die gesamte kurdische Bevölkerung spricht. Als Beweis hierfür wird angeführt, dass nicht nur militante Kämpfer Ziel der Polizei- und Militäraktionen seien, sondern auch friedlichen Proteste, Kundgebungen und Demonstrationen. So wurde in der letzten Woche, am 31.12.2015 ein Protestmarsch in Amed, der sich gegen die Ausgangssperre und den Militäreinsatz richtete, durch einen massiven Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst. Auf anderen Demonstrationen kam es sogar zu Todesfällen, als türkische Polizeikräfte mit scharfer Munition in die Menge schossen.

Doch was ist der Grund des Konflikts und warum eskaliert die Lage gerade jetzt so heftig? Wir sprachen mit Ercan Ayboga, Mitarbeiter der Senatsverwaltung von Diyarbakır, über die Hintergründe der jüngsten Auseinandersetzungen, in denen vor allem Zivilisten sterben.
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