20 Jahre Chaos-Tage-Ausschreitungen 1995: Kein Hauch von Schutt und Asche

„Nichts hat mir in meiner politischen Karriere mehr geschadet, als die verdammten Chaos-Tage.“

Gerhard Schröder 1996, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, später Bundeskanzler, heute Wirtschaftslobbyist

Sonderheft zu den Chaos-Tagen 2000, Quelle: Privat
Sonderheft zu den Chaos-Tagen 2000, Quelle: Privat

Am letzten Sonntag vor genau 15 Jahren saß ich in einem Zug Richtung Ruhrgebiet, der aus der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover kam. Soeben hatte das geilste Wochenende meines jugendlichen Lebens hinter mich gebracht. Hinter mir lagen drei Tage voller Spiel, Spaß und Action: Ich war bei den legendären Chaos-Tagen in Hannover. Jetzt war ich wirklich ein Punk und hatte meine Aufnahmezeremonie erfolgreich hinter mich gebracht.

Die verschnarchte Provinzgroßstadt bot mir kurzzeitig so ziemlich alles, wonach sich mein Teenagerherz sehnte: Punks, Grenzerfahrungen und Gründe, die Polizei zu hassen. Dass kaum etwas passiert ist, war mir in diesem Moment egal. Nach ziellosem herumirren durch die unbekannte Stadt mit neuen Bekanntschaften kam es am frühen Samstagabend zu halbherzigen Barrikadenbau-Versuchen, die von der massenhaft anwesenden Polizei routiniert unterbunden wurden. Ich selbst war auch nur Beobachter. Nicht einmal einen Stein habe ich geschmissen und auch keine Mülltonne auf die Straße gerollt. Trotzdem kam ich mit anderen gemeinsam in eine Gefangenensammelstelle, wo die Party diesmal gut bewacht unter den Augen der Polizei weiterging, bis alle Punks nach und nach in Kleingruppen in ihre jeweiligen Heimatstädte versschickt wurden. Das erklärte Ziel, die Verhinderung der Weltausstellung Expo, wurde ebenfalls verfehlt. Das die Chaos-Tage 2000 nur ein müder Aufguss eines einstmals legendären Punktreffens war, konnte meine Begeisterung damals nicht bremsen.

Erstmal zu Penny…, Quelle: Youtube
Erstmal zu Penny…, Quelle: Youtube

Den ganz großen Knall habe ich allerdings verpasst, denn der kam fünf Jahre zuvor. Was ursprünglich in den 80er Jahren als Demonstration gegen die Katalogisierung der Punkszene in einer fragwürdigen „Punker-Kartei“ begann, wurde zunehmend zu Europas wichtigstem Punktreffen, das unregelmäßig in Hannover am ersten Augustwochenende stattfand. Spätestens 1995, vor genau 20 Jahren eskalierte die Gewalt zwischen Punks und Polizei. Die Chaos-Tage wurden in den Folgejahren zum Synonym des Schreckens. Die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war mit etwa 3.000 aufgrund großer Mobilisierungsanstrengungen sowohl der Punkszene als auch durch die skandalisierte Berichterstattung durch die bürgerlichen Medien deutlich höher war als in den Jahren zuvor. Und es knallte zwischen beiden Gruppen. Zeitweise hatten die Punks Teile der als alternativ geltenden Nordstadt in ihrer Hand und plünderten kurzentschlossen sogar den örtlichen Penny-Markt.

Heute klingt das alles tatsächlich wie aus dem Geschichtsbuch der siebten Klasse. Chaos-Tage sind offenbar ein für alle Mal ein Relikt der Vergangenheit. Ambitionen einer Widerbelebung zeichnen sich nicht ab. Was ist passiert? Warum gibt es diese schöne Tradition, die zum festen Termin und Pilgerstätte einer ganzen Subkultur gehörte, die Polizeipräsidenten stürzte und ranghohe Politiker inklusive eines späteren Bundespräsidenten und eines späteren Bundeskanzlers, um den Schlaf brachte, nicht mehr? Die folgenden fünf Thesen sollen das erklären.

1. Die Punkszene verbringt den Sommer lieber anders

Karl Nagel 2015, Quelle: fb.com/nagelkarle
Karl Nagel 2015, Quelle: fb.com/nagelkarle

Wenn man etwas über die Chaos-Tage in Erfahrung bringen möchte, geht man am besten zur Quelle – und die heißt Karl Nagel. Der 54-jährige Alt-Punk war und ist eine ganze Menge in seinem Leben gewesen: Fanzine-Schreiber, Comiczeichner, Kanzlerkandidat und Mastermind der „Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands“, Sänger in diversen Punk- und Hardcorebands (aktuell in der Bad Brains-Coverband „Kein Hass da“), selbsternannter Ex-Querfrontler, der angeblich mal in die Neonazi-Szene wechseln wollte und derzeit als gescheiterter Durchschnittstyp unter dem Namen Frank Reinhard für ein halbes Jahr in Wuppertal, seinem Geburtsort, um von dort seine „Bunkerbriefe“ weiter zu bloggen. Außerdem galt er jahrzehntelang als Drahtzieher und Organisator der Hannover-Chaos-Tage.

Darauf angesprochen reagiert er etwas gelangweilt. Das Thema würde ihn nicht mehr kicken, meint er. Warum es keine Chaos-Tage mehr gäbe? „Weil die Punks gar keine Zeit mehr dafür haben. Sie hängen ja lieber auf großen, reglementierten Punk-Festivals rum. Ist ja jedes Sommerwochenende irgendwo eines. Da ist man unter sich, und das fanden auch die Generationen unserer Väter und Vorväter am schönsten.“

Da ist was dran. Es ist sicher kein Zufall, dass zeitgleich mit dem Ende der Chaos-Tage die Ära großer und professionell organisierter Open Air-Punkfestivals eingeläutet wurde. Im Jahr 2000 wuchs erstmalig das Force Attack auf drei Bühnen und dementsprechende Besucherzahlen an. Das Force Attack ist inzwischen Geschichte, aber zahlreiche Nachfolger geben sich die Klinke in die Hand: Back to Future, Ruhrpott Rodeo, Resist to Exist sowie unzählige kleinere Festivals buhlen jährlich um das ungewaschene Publikum. Als großer Treffpunkt von Gleichgesinnten haben die Chaos-Tage damit ausgedient und man bekommt noch seine Lieblingsbands und in der Regel nichts in die Fresse – zumindest nicht von Polizisten. Einzig was fehlt ist der Reiz des Verbotenen inmitten der durchstrukturierten Festivals. Aber vielleicht hat Karl Nagel Recht und Punk und Gefahr gehören einfach nicht mehr zusammen und die Festivals wirken bestenfalls sedierend.

2. Die Chaos-Tage sind im Museum und im Souvenirladen angekommen

Die Tendenz, die Vergangenheit grundsätzlich durch eine rosa Brille zu betrachten, ist im menschlichen Gehirn eingebaut. Rückblickend und mit emotionalem Abstand haben auch die Chaos-Tage ihr Drohpotential verloren. Die Iropunks und auch die Polizistinnen und Polizisten in ihren grünen Uniformen wirken aus der Zeit gefallen, die Bedrohung ist nicht mehr wirklich real. Die Angst, dass die Chaoten auch den eigenen Familienwagen zerlegen könnten, wirkt heute absurd. Im Gegenteil: In Hannover sind die Chaos-Tage fester Bestandteil von Stadtführungen, die sogar auf der offiziellen Homepage der Stadt beworben werden. Die Stadt macht ihren Frieden mit dem einstmals dunklen Kapitel ihrer Geschichte.

Quelle: nixgut-onlineshop.de
Quelle: nixgut-onlineshop.de

Auch die Punkszene hat spätestens mit dem 2008 erschienenen Spielfilm „Chaostage – we are Punks“ ihren Beitrag zur Verniedlichung des einstmals gefürchteten Ereignisses geleistet. Wirkte „Kampf der Welten“, ein älterer Zusammenschnitt verschiedener TV-Meldungen zu den Chaos-Tagen, noch je nach persönlicher Präferenz entweder bedrohlich oder euphorisierend, ist diese Trash-Klamotte von Regisseur Tarek Ehlail mit ihrer Quatsch-Story und den Interview-Einspielern von Punk-Veteranen (und Ben Becker), die aus dem Nähkästchen plauderten, bestenfalls als durch Landesfilmförderungen bezahlte Teenager-Unterhaltung. Selbstverständlich lieferte der Film auch gleich grafisch ansprechende Merchandise-Produkte wie Poster, Shirts und CD’s mit.

Diese Form der Aufarbeitung führt unweigerlich dazu, dass die Chaos-Tage ihren Schrecken und damit auch ihren Reiz verloren haben.

3. Chaos zu organisieren, ist kein Privileg der Punk-Kultur mehr

Wer sich berufen fühlt, spontan ein Treffen auf die Beine zu stellen, hat es eigentlich heute leichter. Ob Arabischer Frühling oder Flashmob-Aktion: Die Mobilisierung über die Sozialen Medien benötigt im Optimalfall wenige Stunden. Fakt ist, dass man so etwas wie Chaos-Tage nie so leicht organisieren könnte wie heute, dank dem Web 2.0.

Chaostage Wuppertal 2015 mit 31 Zusagen, Quelle: facebook.com
Chaostage Wuppertal 2015 mit 31 Zusagen, Quelle: facebook.com

Tatsächlich gibt es dahingehend auch immer wieder Versuche. Vergleichsweise schlecht vorbereitete und beworbene Chaos-Tage, die oftmals nicht mehr als ein Facebook-Event waren, überschwemmen das Netz und trugen dazu bei, den Mythos zu zerstören. Diese Aufrufe waren meist wenig attraktiv und wer geht schon zu Chaos-Tagen, bei denen 20 „Zusagen“ im Event sind? Das Internet hat also letztendlich den Chaos-Tagen mehr geschadet als genützt.

Die modernen Chaos-Tage, wenn auch unter anderem Namen, finden von der Punkszene losgelöst, aber an die heutige Webkultur gekoppelt, statt. Der Pädagoge Oliver Herbertz beschäftige sich in mehreren Artikeln mit den Chaos-Tagen. In einem verglich die Chaos-Tage mit dem Fall Thessa von 2011, die zu ihren 16. Geburtstag öffentlich über Facebook einlud mit der Folge, dass 15.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr Erscheinen ankündigten und letztendlich 1.600 tatsächlich erschienen. [1] Mindestens eine Gartenlaube ging in Flammen auf, der Vorgarten des Einfamilienhauses wurde zertrampelt und die Polizei nahm auch einige ungebetene Geburtstagsgäste fest. Ob Punks darunter waren, ist nicht bekannt. Ein Großteil waren aber ganz normale Kids, die man früher abfällig als Popper bezeichnet hätte, auf der Suche nach Aktion und Eskalation – ohne Iro.

4. Die Presselandschaft hat sich verändert

Quelle: www.titanic-magazin.de
Quelle: www.titanic-magazin.de

Als die Chaos-Tage noch (fast) außerhab Internet organisiert wurden und die Medienwelt überschaubar war, mussten die Organisatoren nur die richtigen Knöpfe in ein paar Redaktionen drücken. Diese drückte man durch „Informationsvergiftung“, wie Karl Nagel es nannte: Das Punktreffen wurde von vornherein durch die Organisatoren selbst zur Bedrohung biblischen Ausmaßes hochgeschrieben, was von den Medien gern aufgegriffen wurde. Die Informationen waren teilweise so offensichtlich überspitzt, dass man einigen Journalisten nur böse Absicht unterstellen kann. Da wurde ein als „Fälschung“ deutlich gekennzeichnetes Flugblatt für bare Münze genommen oder ein von einer Rentnerin belauschtes Gespräch zwischen zwei Punks zum „offiziellen“ Chaos-Tage-Motto „Hannover in Schutt und Asche legen.“ Solche Meldungen waren der Nährboden und die ultimative Werbung für die Chaos-Tage. Ein derartiges Mobilisierungspotential hätte die Punkszene selber mit Flugblättern und Mundpropaganda nicht leisten können.

Inzwischen haben jedoch nicht mehr ein paar wenige Zeitungs- und Fernsehredaktionen das Sagen. Gerade Jüngere ziehen sich ihre Informationen eher selektiv aus ihrer Facebook-Timeline anstatt täglich Zeitung zu lesen oder allabendlich die „Tagesthemen“ schauen. Die potentielle Nachricht, dass bald irgendeine deutsche Stadt dem Erdboden gleich gemacht würde, ginge in der Kakophonie der klickgeilen Überschriften der Onlinemedien unter. Nach spätestens zwei Stunden würde er durch einen mittelschweren Datenschutzskandal, einen Bericht über den IS oder einen VICE-Artikel über ungewöhnliche sexuelle Praktiken abgelöst.

Außerdem würden jüngere Journalisten, zumindest wenn sie bei den sog. Qualitätsmedien arbeiten, nicht mehr ohne weiteres den Köder schlucken, nachdem das Prinzip der „Informationsvergiftung“ mehrfach öffentlich gemacht und erklärt wurde. Die, die es aus Sensationsgeilheit noch vor einigen Jahren gebracht hätten, wissen um die Kurzlebigkeit der Meldung und würden es bei einem Artikel lassen, anstatt (wie früher) eine Serie zu schreiben.

5. Wer macht denn heutzutage noch Chaos-Tage?

Sonderausgabe des ZAP, Quelle: Privat]
Sonderausgabe des ZAP, Quelle: Privat

Es gehört zum Mythos, dass die Chaos-Tage mehr oder weniger spontane Treffen waren. Tatsächlich stecke dort akribische Planung und professionelle Arbeit hinter. Szenepublikationen wie das ZAP-Fanzine brachten aufwändige Sonderhefte raus, Homepages wurden gebaut (was damals nur wenigen Checkern vergönnt war), Flugblätter in Massen erstellt und auch verteilt. Über Netzwerke musste Mundpropaganda betrieben werden… Kurzum: Das Chaos muss ordentlich durchgeplant und durchstrukturiert werden. Dazu ist das Ganze noch mit dem Risiko verbunden, dafür im Knast zu landen.

Wie gesagt: Immer wieder gab es kleinere und von den Medien weniger beachtete Chaos-Tage mit oftmals ein paar Duzend Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Doch es zeigte sich: Ein Happening wurde es immer nur dann, wenn Karl Nagel beteiligt war. Der hat aber derzeit keine Ambitionen. Da stellt sich die Frage, wer es machen könnte.

Niemand. Mit dem Generationswechsel der Punkszene hat sich auch eine neue Generation von DIY-Aktivistinnen und Aktivisten hervorgetan. Erklärte Exhibitionisten und leidenschaftliche Selbstdarsteller wie Karl Nagel, die auch noch organisieren können, finden sich in der Punk-Szene kaum noch. Punk hat seine Funktion als (optischer) Bürgerschreck spätestens mit dem Beckham-Iro und dem Ramones-Shirt bei Tchibo eingebüßt. Großflächige Tätowierungen hat heute auch jeder Sozialwissenschaftler. Beim Anblick der Punker, die auf der Oberbaumbrücke schnorren, wechselt keine Oma mehr die Straßenseite, sondern erfreut sich an den herrlich selbstironischen Pappschildern, auf denen „For Beer & Weed“ steht.

Wer heute noch ein Aktivposten der Punkszene ist, ist es für sich selbst und seine Freunde. Egal ob Fanzine, DIY-Konzert, unkommerzielles Platten- oder Tapelabel: Mehr denn je geht es um Selbstverwirklichung anstatt darum, die Spießer zu schocken. Statt Barrikaden zu bauen, backt man lieber vegane Cupcakes für’s Ladyfest am Wochenende. Man bleibt lieber unter sich, in seiner Szenekneipe, auf seinem Bauwagenplatz oder seinem selbstverwalteten soziokulturellem Zentrum. Wahrscheinlich gab es das schon immer mit der Institutionalisierung der Punkszene – heute aber stellen die Wohnzimmerpunks eindeutig die Mehrheit. Das ist kein Grund dem Kulturpessimismus zu verfallen oder gar ein Aufruf, Punk „a threat again“ zu machen. Aber es ist, ganz wertfrei, der heutige Zustand.

Ist das ein bedauerlicher Zustand und braucht es Chaos-Tage? „Eigentlich ist es egal“ mein Karl Nagel. „Dinge, für die kein Bedarf besteht, sterben eben aus.“ Die Chaos-Tage als Punk-Dinos also? Kann sein. Andererseits läuft gerade wieder Jurassic World als Fortsetzung von Jurassic Park in den Kinos. Und der war bekanntlich Mitte der 90er ziemlich populär.

Franz Degowski

[1] Oliver Herbertz (2013): Chaostage und Facebook-Partys – ‚Organisiertes Chaos‘ in Zeiten des Web 2.0“ in: Philipp Meinert und Martin Seeliger (Hrsg.): „Punk in Deutschland – Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven.“ Bielefeld: transcript, S. 107 – 126.

 

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