„Leute mitreißen, die mit der Szene nichts zu tun haben“

rshÜber den 1. Mai in Hamburg, die Arbeitsbedingungen im Hafen und warum keiner Olympia in der Hansestadt haben will. Interview mit Denis vom Roten Aufbau Hamburg

Auch in Hamburg gibt es demnächst wieder Maifestspiele. Was ist geplant?

Wir organisieren nun schon zum 6. Mal in Folge zusammen mit anderen Gruppen die revolutionäre 1. Mai Demonstration in Hamburg. Dieses Jahr geht es um 18 Uhr am Bahnhof Altona los. Inhaltlich haben wir unsere Schwerpunkte auf die Lampedusa-Flüchtlinge, Zeitarbeit und Olympia gelegt. Alles Themen, die aktuell die Gemüter in unserer Stadt erhitzen und viel mehr aus der revolutionären Ecke besetzt werden sollten, wie wir finden. Uns ist es vor allem wieder wichtig eine laute kämpferische Demo durchzusetzen, deren Charakter auch Leute mitreißt, die mit der linken Szene eher wenig bis gar nichts zu tun haben. Die Demo wird auf der Reeperbahn enden, für einen Freitag Abend sicherlich ein spannendes Szenario. Alleine schon die Gesichter der verängstigten Kiez-Touristen sind es wert, auf unsere Demo zu kommen.

Am 2. Mai wird es dann erstmalig das „Klassenfest“ geben. Das organisieren wir zusammen mit Leuten von „Antifaschistische Konzerte Hamburg“. Eine Hip-Hop-Open-Air mit verschiedenen Künstlern aus Hamburg und anderen Teilen Deutschlands, die mit ihren Tracks vor allem junge Leute mitreißen, die den Kapitalismus irgendwie scheiße finden. Es treten zwar bekannte linke Rapper auf, viele der Artists sind aber auch weniger „links vorbelastet“. Das Lineup reicht von Holger Burner über die quasi hauseigenen Rapper Delirium und Zynik bis zu Reeperbahn Kareem, ein breites Spektrum wie wir finden. Einen Special Act können wir wegen so Vertrags-Blabla mit seinem Label noch nicht ankündigen, seine Musik bricht jedoch musikalisch mit dem, was man eigentlich als Hip-Hop kennt, also eintönig kann das schonmal nicht werden. Wir müssen sehen, wie erfolgreich diese Veranstaltung sein wird, sie ist für uns eine neue Form von Aktion und Agitation, die in Deutschland bisher kaum genutzt wird und für die Zukunft interessant sein könnte.

Natürlich gibt es gerade in Deutschland eine ziemlich ausufernde linke Party-Kultur, man kann in jeder größeren Stadt am Wochenende bei Bier und Tabletten Nazis wegbassen oder für den Weltfrieden tanzen, aber genau damit bricht dieses Fest. Wir richten uns explizit an Leute, die mit der linken Szene nichts am Hut haben, aber den Kapitalismus trotzdem irgendwo scheiße finden und einfach einen guten Abend erleben wollen. Bei einem kostenlosen Open-Air mit politischer Musik, Infoständen und Redebeiträgen zur aktuellen politischen Situation in Hamburg eine gute Möglichkeit. In Südeuropa machen linke Organisationen öfter Festivals mit Besuchern quer durch die ganze Bevölkerung. Das Festa Do Avante der Kommunistischen Partei in Portugal z.B. hat jährlich etwa 500 000 Teilnehmer und gehört zu den größten kulturellen Veranstaltungen des Landes, auch wenn man jetzt mal die Inhalte der Partei ausblendet. Sowas zieht auf jeden Fall mehr Leute als jede Demo und bietet auch besseren Raum mit Leuten aus der Arbeiterklasse in Kontakt zu treten, sich Gehör bei diesen zu verschaffen und sie an sich zu binden.

In Hamburg soll es neben euer Demo um 18h in Altona parallel noch eine an der Feldstraße geben. Viele Leute können sicherlich die Hintergründe dazu nicht nachvollziehen. Ist es nicht äußerst hinderlich, den 1. Mai so zu spalten?

Das Ganze hat natürlich eine längere Vorgeschichte, die mit dem Weggang unserer Gruppe aus dem internationalen Zentrum B5 verbunden ist. Zur selben Zeit wurden z.B. auch die Lampedusa-Flüchtlinge, von denen einige in der B5 schliefen, aus dem Laden geworfen mit dem Hinweis darauf die Kommunisten unter ihnen könnten weiter dort schlafen. Wir wurden als Gruppe vor die Wahl gestellt, uns innerhalb der Sozialistischen Linken SOL einzugliedern und eine bestimmte politische Ideologie anzuerkennen, oder die B5 zu verlassen. Von Bitten bis Drohen wurde da nichts ausgelassen.

Wir haben als junge Gruppe mit einer Mobilisierung, die sich nicht an die linke Szene, sondern mit Hip-Hop Mixtapes, actionlastigen Mobivideos und Graffitis explizit an Jugendliche aus der Arbeiterklasse orientierte, den Charakter des 1. Mai in Hamburg in den letzten Jahren mitgeprägt und dafür gesorgt, dass sich Bullen an diesem Tag hier besser nicht wohl fühlen. Sowohl in der Mobilisierung als auch letztens Endes bei der Durchsetzung der Demonstrationen auf der Straße war unsere Gruppe und das Umfeld an Leuten, das wir mit uns rumschleppen, die treibende Kraft. Deshalb sehen wir unsere Demonstration auch als die in der Tradition der letzten Jahre. Wer sich als anständiger Revolutionär begreift, sollte unserer Meinung nach die Mobilisierungen für beide Demos verfolgen, die Aufrufe lesen und dann entscheiden, ob er am 1. Mai nach Altona, auf die Feldstraße oder vielleicht doch einfach nur mit Freunden Minigolfen fährt.

Ihr habt die olympischen Spiele angesprochen, die möglicherweise nach Hamburg kommen könnten. Der Kelch ist ja an Berlin vorbei gereiecht worden. Wollt ihr ihn etwa in Hamburg haben?

Digga, schnack kein Mist. Das Olympia-Getüddel will hier keiner. Wir in Hamburg suchen jemanden, der ein Herz für herumstreunende und noch heimtlose olympische Spiele 2024 hat und sie in seiner Stadt aufnehmen würde, wir wollen die nämlich überhaupt nicht hier haben. Normalerweise könnte man jetzt sagen, das ist scheiße, hat mit viel Geld, Bonzenimage und Werbung zu tun, schickt es nach München. Aber das bietet sich mit olympischen Spielen nun wirklich nicht an. ,

Wir müssen deswegen alles daran setzen, dass dieser Olympia-Wahnsinn gestoppt wird und unsere Stadt nicht noch mehr durch noch so eine Riesenveranstaltung leidet. Umstrukturierung, Verdrängung, Sicherheitsaufrüstung und architektonische Verschandelung Hamburgs hat es auch so schon zur Genüge. Das Olympia-Stadion und das olympische Dorf sollen mitten auf dem Kleinen Grasbrook im Hafen gebaut werden. Ist zwar ein hübscher Fleck Insel mitten auf der Elbe, der sich in den Fernsehübertragungen richtig toll machen würde, nur wäre das Problem, dass dort schon diverse Hafenfirmen stehen. Diese müssten dann irgendwo anders – so genau hat man sich das noch garnicht überlegt – hin verlagert werden. Die jetzigen Pläne zeigen, dass darunter auch massiv der Hochwasserschutz durch das Zuschütten von Rückhaltebecken leiden würde. Mit dem Hochwasserschutz spielt man aber nicht, das weiß jeder Hamburger. Alleine schon die veranschlagten Kosten für dieses Projekt von über 10 Milliarden sind pervers. Da könnte man die öffentliche Infrastruktur ausbauen, Wohnraum schaffen oder immerhin zehn Elphilharmonien bauen.

Eine bessere Möglichkeit die Klassengegensätze in dieser Stadt zu verschärfen und die Unversöhnlichkeit dieser zu verdeutlichen, haben die da oben hier eigentlich nicht. Es wird in Hamburg schon fleißig Stimmung gegen den Olympia-Wahnsinn gemacht und wir können eins versprechen, wenn der Scheiß hier ernsthaft hinkommt, dann knallt es richtig.

Was beschäftigt die Stadt an der Elbe noch?

Natürlich der Hafen. Vor allem Zeitarbeit ist in dieser Stadt ein völlig unterschätztes Thema. Im Hamburger Hafen gibt es derart viele unregelmäßige Beschäftigungsverhältnisse, jedes Jahr sterben dort Arbeiter bei Unfällen und er ist für die Exportnation Deutschland so etwas wie die Achilles-Ferse der Wirtschaft. Deutschland ist wirtschaftlich auf seine Exporte aus der Autoindustrie angewiesen, die zum großen Teil über den Hamburger Hafen abgewickelt werden, hier läuft überspitzt ausgedrückt das Rückrat der gesamten nationalen Wirtschaftskraft durch ein Nadelöhr.

Ein Nadelöhr, in dem äußerst beschissene Arbeitsbedingungen herrschen und die Gewinnmargen für Dienstleistungsunternhemen sehr gering sind. Da machen Firmen dann zum Teil Verlustgeschäfte, wenn ein LKW auch nur eine Stunde im Stau steht oder sich ein Schiff wegen schlechtem Wetter verspätet. Dieser krasse Wettbewerbsdruck sowohl zwischen Unternehmen als auch Arbeiterinnen und Arbeitern, ist dem Umstand geschuldet, dass die Dienstleister leicht ersetzbar sind und man vergleichsweise wenig Erfahrung für die Arbeiten braucht.

Immer mehr Leute aus Osteuropa oder auch den Ländern des arabischen Frühlings arbeiten in diesem Bereich. Viele von denen haben kaum familiäre und gesellschaftliche Bindungen hier, besitzen nur sehr schlechte Sprachkenntnisse und haben keine Lobby. Einfach auszubeuten, einfach zu ersetzen. Jedoch hantieren diese Menschen täglich mit schwerem Gerät und Millionenwerten, sie haben wie die Fabrikarbeiter in den Frühzeiten des Kapitalismus gesellschaftlich betrachtet eine sehr große Macht. Es konzentriert sich gesellschaftliche Macht innerhalb des Produktionsprozesses in kürzester Zeit und auf engstem Raum auf eine sehr kleine gesellschaftliche Gruppe, die zudem unter besonders schlechten Arbeitsbedingungen leidet und unter der die Unmut über die bestehenden Verhältnisse riesig ist. Nicht umsonst haben die Kapitalisten deswegen den Dienstleistungssektor sehr zerstückelt und die Gewerkschaften dort besonders wenig Basis. Wer mal im Hafen hier gearbeitet hat, kann genügend Geschichten erzählen. Da gibt es Arbeiter, die den Schreibtisch ihres Zeitarbeitsdisponenten umgetreten und dann den Kerl auf der anderen Seite angegriffen haben. Es gibt Leute, die ausstehende Lohnzahlungen mit der Axt in der Hand eingetrieben oder den pöbelnden Chef mit der Nagelpistole am Boden festgeschossen haben. Die Leute hier sind verdammt unzufrieden und auch durchaus mal bereit absichtlich Schaden anzurichten, wenn ihnen etwas nicht passt. Man stelle sich nur mal vor so ein 80 Tonnen schwerer Container-Stapler würde bei einer organisierten Streikaktion im Hafen, die die Bullen beenden wollen, auf den Wasserwerfer zufahren. Unsere Klasse hat also, wie wir finden, durchaus auch noch in einer zersplitterten Arbeitswelt reelle Macht. Und diese Macht muss sich eine kommunistische Bewegung zu eigen machen, wenn sie denn tatsächlich auch ernsthaft mal was mit Machtfrage und Revolution zu tun haben möchte. Diese Basis haben wir absolut nicht, aber es ist der Anspruch unserer Gruppe alles in die Richtung zu tun, dass Kommunisten hier irgendwann mal auch über genau diese Macht verfügen.

Ihr sprecht hier Sachen wie den Aufbau von Gegenmacht aus einer linken Bewegung an. Was hat so ein Event wie der 1. Mai damit zu tun, in den ihr ja scheinbar viel Kraft steckt?

Das stimmt. Viel wichtiger neben irgendwelchen Demos zum 1. Mai ist, dass die Mitglieder von linken Gruppierungen es schaffen in ihren Einflusssphähren Solidarität zwischen Menschen zu vermitteln, den Blick auf die Ursache ihrer Probleme zu schärfen und sie zusammen zu bringen. Wer also sein Essen auf der Arbeit in der Pause mit der alleinerziehenden Kollegin teilt und vielleicht auch mal anbietet einzuspringen, wenn es zuhause etwas eng wird, kann sie dann irgendwann auch mal einladen zu so etwas wie unserem Klassenfest zu kommen und sich dort bei nem Bier über den Kapitalismus unterhalten.

Bevor man als Linker aber nicht glaubwürdig bei seinen Kolleginnen und Kollegen ist und diese einem auch nicht in persönlicher Hinsicht vertrauen, braucht man gar nicht erst anfangen denen etwas von Imperialismus und Genderdebatte vorzusäuseln. Macht also Pause zusammen mit Kollegen und übersetzt ihnen die Briefe vom Amt in Straßendeutsch. Diese Hilfe nehmen die Leute auch an, ganz im Gegensatz zum besetzten linken Zentrum in der Stadt, wo quasi genau dasselbe angeboten wird, es aber niemand von außerhalb der Szene diese Angebote wahrnimmt. Wir müssen verstehen, dass wir als Kommunisten nur dort Macht erlangen können, wo wir uns auch selbst bewegen.

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