In der tiefsten Hölle

In einem palästinensischen Flüchtlingslager in Damaskus sind Kämpfer des Islamischen Staats eingedrungen. Die humanitäre Situation ist katastrophal.

Das Bild ging um die Welt und veranschaulichte die humanitäre Katastrophe: Menschen in Yarmouk warten auf die Ausgabe von Hilfsgütern
Das Bild ging um die Welt und veranschaulichte die humanitäre Katastrophe: Menschen in Yarmouk warten auf die Ausgabe von Hilfsgütern

Jarmuk sei bereits vor Ausbruch der aktuellen Kämpfe ein „Höllenloch“ gewesen, sagt Christopher Gunnes von der UN-Hilfsorganisation für palästinensische Flüchtlinge UNRWA im Gespräch mit der Deutschen Welle. „Aber mit dem Ausbruch der Kämpfe vor einer Woche, ist die Lage der Menschen dort noch schlimmer geworden.“

Im Moment stehen einander zwei große Fraktionen im Kampf um das Camp, das als Einfallstor in die syrische Hauptstadt Damaskus gilt, gegenüber: Die offenbar aus taktischen Gründen verbündeten islamistischen Terrorgruppen Al Nusra Front und Islamischer Staat (IS) auf der einen Seite, das syrische Regime und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) sowie mehrere palästinensische Milizen wie die PFLP-GC (Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando) auf der anderen. Die Situation für die Zivilbevölkerung ist dramatisch. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon beschrieb sie kürzlich in drastischen Worten: „Im syrischen Horror ist das Flüchtlingslager Yarmouk die tiefste Hölle“, sagte er während einer Pressekonferenz in New York.

Palästinensische Fraktionen gegen IS

In einem Statement vom 4. April verurteilt Saeb Erekat, Mitglied des Exekutivkomitees der PLO, sowohl die Regierung unter Bashar Al-Assad wie auch die dschihadistischen Milizen. Scharf kritisierte er die seit über 700 Tagen andauernde „drakonische Belagerung“, die „zum Hungertod von mindestens 200 Palästinensern geführt hat“. Gleichzeitig warf er dem IS und seinen verbündeten eine „brutale Kampagne des Mordes und der Besatzung“ vor, zu der „Entführungen, Enthauptungen und Massenmord“ gehöre.

Obwohl das Verhältnis zwischen vielen palästinensischen Fraktionen und der syrischen Regierung angespannt ist, schien sich zunächst eine breite Koalition gegen die dschihadistischen Angreifer anzukündigen. Am 8. April erklärte Exekutivkomitee-Mitglied Ahmet Majdalani nach einem Treffen mit dem syrischen Minister für Nationale Versöhnung, Ali Haidar, die „palästinensische Führung und die PLO“ werde „jede Entscheidung der syrischen Regierung das Jarmuk-Camp betreffend unterstützen“. International wurde diese Aussage als Zustimmung für bevorstehende syrische Militäraktionen in Jarmuk gewertet.

Kaum zwei Tage später allerdings revidierte die PLO Angaben von Reuters zufolge diese Einschätzung: „Wir weigern uns, in irgendeine militärische Kampagne, welcher Natur auch immer und mit welchem Vorwand auch immer, hineingezogen zu werden, und wir rufen dazu auf, sich anderen Mitteln zuzuwenden, um das Blutvergießen an unserem Volk und weitere Zerstörung und Vertreigungen zu verhindern“, hieß es aus Ramallah.

Diese widersprüchlichen Wortmeldungen zeigen, dass offenbar unter den palästinensischen Kräften Uneinigkeit darüber besteht, wie man sich in der komplizierten Situation zum syrischen Regime zu verhalten habe. Einige Milizen wie die PFLP-GC kämpfen seit langem an der Seite Assads, andere wie etwa die der islamistischen Hamas nahe stehende Aknef Beit Al-Maqdis bisweilen gegen ihn. Übereinstimmung scheint nur darin zu bestehen, dass die Terroristen von Al Nusra und ISIS, die in den vergangenen Tagen 90 Prozent des Lagers in ihre Gewalt gebracht haben, aus dem Jarmuk vertrieben werden müssen.

Zivilbevölkerung leidet

Am stärksten betroffen ist in dem Konflikt die in Jarmuk lebende Zivilbevölkerung. Wegen der Kämpfe kommt momentan kaum humanitäre Hilfe an. Schon zuvor hatte die syrische Armee einen Belagerungsring um das Lager gezogen, in dem seit 1957 palästinensische Flüchtlinge leben, und damit die Bevölkerung von nötigen Grundnahrungsmitteln abgeschnitten. Etwa 16 000 Menschen, darunter 3500 Kinder sind in dem nur knapp über zwei Quadratkilometer großen Camp eingeschlossen, seit langem leben sie unter Bedingungen, in denen es nahezu an allem mangelt.

Durch den Einmarsch des Islamischen Staates verschärft sich die Lage der Nicht-Kombattanten erneut. Wie das Terrorregime des IS aussieht, ist aus anderen Gegenden Syriens und des Iraks hinlänglich bekannt. Dazu kommt, dass die syrische Armee diese strategisch wichtige Position sicher nicht den Dschihadisten überlassen wird, was bedeutet, dass es zu massiven Gefechten in Jarmuk kommt und weiter kommen wird. Die syrische Regierung hat zwar nach eigenen Angaben einen Korridor geschaffen, über den Zivilisten evakuiert werden können, und 2000 Menschen aus dem Lager in staatlichen Flüchtlingsunterkünften untergebracht. Die übrigen 16 000 bleiben aber eingeschlossen.

Nachbemerkung: Gegen jede Instrumentalisierung

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich die Gelegenheit mit einem syrisch-palästinensischen Refugee, der sich in Deutschland aufhält und aus Yarmouk geflohen ist, zu sprechen. Ich fragte ihn, ob die meisten PalästinenserInnen im Camp für oder gegen Assad seien, wen die Mehrheit unterstütze. Er erklärte mir, dass am Anfang, vor der Militarisierung des Konflikts, viele an Demonstrationen gegen die syrische Regierung teilgenommen hätten. „Jetzt ist das aber anders. Die Menschen fühlen sich weder mit Al Nusra, noch mit FSA, noch mit der syrischen Armee verbunden. Das einzige, was sie wirklich wollen, ist dass der Krieg aufhört. Sie wollen, dass das Sterben ein Ende hat. Aber sie haben kaum noch Hoffnung.“

Diese einfachen Sätze sollten sich vielleicht all jene zu Herzen nehmen, die das, was in Yarmouk geschieht, für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren wollen. Wir vergessen allzu oft, dass es neben den kämpfenden Milizen auch noch Zivilisten gibt, denen wir zuhören sollten. Bisweilen sind sie sogar die Mehrheit.

– Von Peter Schaber

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