„Wir wollen das Leben für alle Bewohner so sicher wie möglich gestalten“

Seit der Staatsgründung Israels sind hunderttausende Palästinenser auf der Flucht. Viele von ihnen sind in den benachbarten Libanon geflohen, wo sie als Bürger zweiter Klasse, mit stark eingeschränktem Arbeitsrecht und in streng überwachten Camps leben.
Um mehr über die politische Situation in den Camps herauszufinden, haben wir uns mit Generalmajor Maher Schbaita gesprochen, welcher vom Fatah-Flügel der PLO ist und für die Region um die Hafenstadt Sidon verantwortlich ist.
Getroffen haben wir uns in einem PLO-Gebäude im Flüchtlingslager Ain el-Hilweh.  Seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges sind bis zu 40.000 syrische Flüchtlinge in dem Lager angekommen, teilweise wird ihnen Nähe zu verschiedenen al-Quaida Gruppierungen nachgesagt. So kursiert auch das Gerücht, dass sich der Drahtzieher hinter den Selbstmordanschlägen von Tripoli, Shadi al-Mawlawi, dort versteckt hält.


Herr Schbaita, können Sie uns erklären, wann dieses Camp gegründet wurde, welche Menschen hierher kamen und wie sich die Geschichte über die Jahre entwickelt hat?

Das Camp wurde am 1948 gegründet, als Israel Palästina besetzt hat und zum israelischen Staat erklärt hat. Viele PalästinenserInnen sind damals in den Libanon geflohen, deshalb wurde auch dieses Camp gegründet. Als Palästina zum israelischen Staat wurde, haben sie sich in Grenznähe geflüchtet, weshalb viele in den Südlibanon gekommen sind. Einige flohen auch nach Jordanien.

Damals sind noch nicht so viele Menschen nach Ain el-Hilweh gekommen, es gab auch keine Häuser, lediglich Zelte. Es war kein leichtes Leben. Mit der Zeit ist das Camp gewachsen und es entstanden die ersten Häuser.

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Aussicht vom PLO-Büro Richtung Checkpoint am Ausgang des Camps

Damals waren die Flüchtlinge auch noch nicht politisch organisiert. Es gab nur Flüchtlinge und die UNRWA, die alle registriert haben und humanitäre Hilfe leisteten.
1965 begann die palästinensische Revolution in der West Bank und Gaza. Nach zwei Jahren, 1967, marschierte Israel in die West Bank, in Gaza und in Sinai ein. Damals fingen die Leute an über die Befreiung Palästinas zu reden. Der politische Krieg hat also 1967 begonnen.
Damals wurde massiv Druck von der libanesischen Regierung auf die Camps ausgeübt. Es kam oft zu Auseinandersetzungen und Demonstrationen gegen die libanesische Regierung. Dabei sind einige Menschen gestorben, die hier bei uns auf dem Friedhof begraben sind. Danach gingen im Libanon die politischen Probleme erst richtig los. Es gab viel Druck auf die Regierung ein Waffenstillstandsabkommen mit Yassir Arafat in Ägypten zu unterzeichnen, was dann 1969 geschah. Die Kairo-Vereinbarung.
Vor der Vereinbarung wurden alle Sicherheitsbelange im Camp von der libanesischen Regierung geregelt. Danach gab es einige Neuerungen: Die PalästinenserInnen durften Israel nur direkt an der Grenze bekämpfen und die bewaffneten Organisationen durften sich nur in den Camps aufhalten. Außerdem wurde eine Art Camp-Polizei eingerichtet, die sich um alle Dinge innerhalb des Camps kümmert. Inhaftierte werden an die libanesischen Behörden übergeben die dann alles Weitere regeln.

Was für Auswirkungen hatten die Grenzkonflikte mit Israel auf die PalästinenserInnen im Libanon?

Nachdem die Kämpfe an der Grenze zu Israel begonnen hatten, bombardierte Israel die Camps. Ain el-Hilweh und ein anderes Camp im Süden traf es besonders hart. Das andere Camp wurde dem Erdboden gleich gemacht und die Bewohner flohen nach Ain el-Hilweh.
Das Camp wurde von 1973 bis 1982 regelmäßig bombardiert, es schien als wollte die internationale Gemeinschaft den „Fall Palästina“ und mit ihm auch die Camps, ein für alle Mal ad acta legen.
Laut der UN-Resolution von 1948 (Resolution 194 der UN-Generalversammlung) haben wir ein Recht auf Rückkehr in unsere Heimat.
Seit 1978 hat die PLO vom Libanon aus Operationen in Palästina durchgeführt und im April 1982 kam es in Paris zu mehreren Anschlägen. Die israelische Botschaft wurde beschossen und Yaacov Bar-Simantov, ein israelischer Diplomat, wurde umgebracht. Für die Israelis stand natürlich sofort fest, wer Schuld ist und wo der Attentäter zu finden war: in Ain el-Hilweh.
Die israelische Antwort darauf war die Invasion des Libanon. Natürlich waren die Camps mit am schwersten betroffen. Viele mussten erneut fliehen, die meisten davon kamen nach Ain el-Hilweh.
Unser Camp wurde damals komplett dem Erdboden gleichgemacht, sie haben wirklich kein einziges Haus stehen lassen. Die Israelis hatten dann relativ schnell Beirut eingenommen und waren im ganzen Land, aber es gab überall noch Widerstand. Auch hier in Ain el-Hilweh wurde noch Widerstand geleistet, woraufhin das Camp umstellt wurde und für 45 Tage unter Belagerung stand. Nur um das nochmal ganz deutlich zu machen, sie haben das Camp dem Erdboden gleich gemacht und umstellt, weil sie nach einer einzigen Person gesucht haben.
Nach der Invasion gab es sehr viele Festnahmen, so dass hier kaum noch junge Männer waren. Deshalb spielten damals die Frauen eine sehr große Rolle. Nicht nur haben sie mit ihren eigenen Händen die Camps wieder aufgebaut, sie haben auch alles was Wert hatte gespendet um der palästinensischen Sache und dem Wiederaufbau zu helfen.
1983 hat die PLO sechs israelische Soldaten festgenommen, welche dann gegen 6000 Palästinenser ausgetauscht wurden, von denen die meisten in die Camps zurückkehrten.
Dadurch konnten wir unsere militärischen Kräfte wieder aufbauen und weitere Sicherheitsoperationen gegen die israelische Armee durchführen, woraufhin diese das Camp wieder umstellten. Das war die Periode bis 1991, als die libanesische Armee den Libanon wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Danach wurde natürlich auch eine neue Regierung gewählt, welche daraufhin mit der palästinensischen Führung aushandelte, dass alle Palästinenser in die Camps zurückkehren und ihre schweren Waffen an die Armee übergeben müssen. Das einzige was wir behalten durften waren unsere Kalaschnikows.
Heute ist Ain el-Hilweh die Flüchtlingshauptstadt des Libanon, es kommen immer mehr Menschen zu uns und das wird langsam zum Problem. Das Camp umfasst immer noch die gleiche Grundfläche wie 1948: 1,5 Quadratkilometer. Es ist uns nicht erlaubt das Camp weiter auszudehnen, deshalb bauen wir in die Höhe. Dazu kommt, dass die meisten Häuser hier eine sehr schlechte Bausubstanz haben, das ist wohl das einzig Positive an den eingeengten Verhältnissen hier: die Häuser stützen sich gegenseitig und geben sich Stabilität.

In einer dermaßen eingeengten Umgebung ergeben sich sicherlich viele soziale Probleme…

Die soziale Situation ist sehr schlecht für uns. Die libanesische Regierung hat das Arbeitsrecht für PalästinenserInnen auf 72 Berufe eingeschränkt. So kommt es das zum Beispiel viele Ingenieure heute als Taxifahrer arbeiten müssen. Zur Zeit haben wir auch 400 arbeitslose Universitäts-AbsolventInnen, da sie nicht das Recht haben, in ihrem Bereich zu arbeiten.

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Frontansicht des PLO-Büros in Ain el-Hilweh

Auch die Gesundheitssituation ist katastrophal. Wir sind weit über 100.000 Menschen und haben lediglich zwei Kliniken von UNRWA und deren Unterstützung schwindet auch mit der Zeit. Braucht man beispielsweise eine Operation die 7000$ kostet, zahlt UNRWA davon 2000$. Die restlichen 5000$ muss man sich dann irgendwie zusammensuchen: von der PLO, von NGO’s und von Freunden.

Ist es den PalästinenserInnen erlaubt das normale libanesische Gesundheitssystem zu nutzen oder ist ihnen das auch verboten?

Wir dürfen das schon nutzen, nur ist es noch viel teurer, so dass es sich kein Palästinenser leisten kann dort hinzugehen.

Was kostet es, ein Kind auf eine libanesische Schule zu schicken?

Pro Schuljahr ein dreifaches Jahresgehalt. Es ist leicht vorstellbar, dass die meisten hier nach der neunten Klasse nicht mehr zur Schule gehen.

Auf der anderen Seite haben wir vor fünf Jahren ein Komitee gegründet, das es Menschen erleichtern soll auf die Universität zu gehen. Für diejenigen, die studieren wollen übernehmen wir die Hälfte der Kosten.

Wie sieht es mit dem Bildungsangebot im Camp aus?

Es gibt hier acht UNRWA-unterstützte Schulen, in ihnen findet der Unterricht schichtweise statt. Die jüngeren gehen Vormittags und die älteren Nachmittags. Die UNRWA unterstützt allerdings nur den Unterricht bis zur neunten Klasse, danach müsste man auf eine libanesische Schule gehen und das Geld selbst aufbringen. Es gibt allerdings Pläne für neue Schulen, für die wir der UNRWA schon Land zur Verfügung gestellt haben. Das wäre auch für die Jobsituation gut, es sind zwar nur sehr wenige, die in UNRWA-Schulen arbeiten können, aber diejenigen bekommen ein gutes Gehalt und sind relativ gut abgesichert.

Die Situation der PalästinenserInnen im Libanon ist offenkundig sehr schlecht. Das Leben in den Camps, die starke Einschränkung des Arbeitsrechts und auch der schwere Zugang zu Bildung. Das steht im krassen Kontrast zu der Einstellung der meisten Parteien hier, die hinter der palästinensischen Sache zu stehen scheinen. Wie kommt es dann, dass hier nach über 60 Jahren immer noch so eine Diskriminierung herrscht?

Das stimmt, die meisten Parteien stehen hinter uns und sagen uns auch immer wieder, dass sie uns unterstützen. Es kommen sogar oft Abgeordnete verschiedener Parteien zu unseren Veranstaltungen. Wenn wir sie jedoch auf unsere Situation ansprechen, bekommen wir immer die Antwort: das ist Aufgabe der Regierung nicht der Parteien. Aber wer stellt denn die Regierung?

Auf diese Frage gibt es also keine wirkliche Antwort. Hier drinnen können sie viel erzählen, was sie am Ende davon wirklich umsetzen ist nie klar.

Sie haben vermutlich Angst, dass den PalästinenserInnen die libanesische Staatsbürgerschaft zugestanden wird und wir dann für immer hier bleiben. Wir bestehen jedoch auf unser Rückkehrrecht. Auch diejenigen, die nach Australien, Europa oder Nordamerika gegangen sind dennoch Palästinenser und haben die Hoffnung eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können.

In den Medien wir Ain el-Hilweh als Unterschlupf für Djihadisten beschrieben, auch wir wurden vielfach davor gewarnt her zu kommen. Wie einflussreich sind diese Gruppen hier?

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Generalmajor Maher Schbaita in seinem Büro. Auch hier, wie im Rest des Camps, allgegenwärtig: die AK-47

Ain el-Hilweh ist ein Teil des Libanon und ein Teil der arabischen Welt. Hier gibt es momentan die Tendenz zum radikalen Islamismus und auch bei uns im Camp gibt es eine kleine Gruppe, die dieser Ideologie verfallen sind. Sie dürften bei uns allerdings nicht mehr als 1% der Bevölkerung ausmachen.
Momentan gibt es im Libanon auch wieder vermehrt Selbstmordattentate, zum Beispiel auch die in Tripoli im Januar. Shadi al-Mawlawi, der wohl hinter den Anschlägen steckt, soll sich angeblich bei uns verstecken. Es ist richtig, dass er hier gelebt hat und wir haben auch das ganze Camp nach ihm durchsucht, was ja nicht so groß ist und haben seine Freunde befragt. Es gibt hier keine Spur von ihm. Wie soll er überhaupt hier her gekommen sein? Du musstest ja selbst durch den Checkpoint, ich kann mir nicht vorstellen, wie ein landesweit gesuchter Terrorist da unbemerkt durchkommen soll.

Was denken sie denn, wie er hereingekommen sein könnte?

Wir wissen rein gar nichts über ihn. Es wäre allerdings auch extrem unlogisch für al-Malawi nach Ain el-Hilweh zu kommen um sich hier zu verstecken. Von Tripoli bis hier sind es 130 km und auf dem Weg gibt es unzählige Checkpoints vom Militär. Von Tripoli bis zur syrischen Grenze sind es 40 km. Warum sollte er also nicht direkt nach Syrien geflohen sein, wo er nichts zu befürchten gehabt hätte?

Gute Frage. Dann noch eine kurze Frage zum Abschluss. Wie kommen die unterschiedlichen palästinensischen Parteien miteinander aus?

Es gibt drei große Fraktionen unter den Palästinensern. Die PLO, die Palestinian National Salvation Front und die Islamische Front. Die PLO hat ihren Rückhalt direkt aus Palästina, die PNSF aus Syrien und die Islamische Front von Hamas und vom Islamischen Djihad.

Untereinander haben wir zwar alle sehr unterschiedliche politische Ansichten, aber wenn es ums Camp geht haben wir alle das gleiche Anliegen. Wir wollen das Leben für alle Bewohner so sicher wie möglich gestalten.

– Interview von Peter Schaber, Fotos Willi Berg

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