[Beirut Diaries II] Ein Beirut für die Bourgeoisie, ein anderes Beirut für die Armen

Auch wenn es kaum eine Bewegung dagegen gibt: In der libanesischen Hauptstadt sind arm und reich klar getrennt. Das Stadtzentrum gehört allein der Oberschicht. PalästinenserInnen dagegen leben in überfüllten Camps.

Fährt man vom Rafik-Hariri-Flughafen durch einige der Vorstädte bis ins Stadtzentrum von Beirut, dann offenbaren sich einem sehr verschiedene Facetten der Hauptstadt. In den südlichen Randbezirken, da wo die schiitische Miliz Hisbollah das Sagen hat, lebt die Arbeiterklasse der Stadt, in einfachen, oft ärmlichen Behausungen. In der Innenstadt dagegen gibt es keine Armut. Keine Bettler, keine ArbeiterInnen, keine „normalen“ Restaurants, Falafel- oder Kebabbuden. Hier regiert einförmiger Luxus, sauber, steril und extrem teuer. Rolex, Louis Vuitton, Hugo Boss.

Das Preisniveau ist in der ganzen Stadt extrem hoch, wer sich, auch außerhalb des engeren Stadtzentrums, etwa in Gemmayze, ein Bierchen genehmigen will, kann mit umgerechnet 5 Euro für die 0,33er Molle rechnen, ausschweifende abendliche Fressorgien sollte man sogar dann vermeiden, wenn man auf ein europäisches Gehalt zurückgreifen kann. Der Kaffee steht bei drei Euro, will man sich den Wanst vollschlagen, kommen eigentlich nur Falafel in Frage. In der Innenstadt dann schlägt diese allgemein sehr kostspielige Situation ins Absurde um. Es ist schlichtweg ein Bezirk, der allein und exklusiv der Bourgeoisie und reichen Touristen, Geschäftsmännern und -frauen vorbehalten ist.

Die Gentrifizierung dieses Gebietes hat seine Ursprünge im libanesischen Bürgerkrieg, in dem dutzende Milizen sich zwischen 1975 bis 1990 in unterschiedlichen Konstellationen hartnäckig bekämpften, und die gesamte Innenstadt zerstört wurde. Der Umstand, dass dieses wertvolle Gebiet in Trümmern lag, wurde zur Chance für einen riesigen Immobilien- und Bautrust, die Solidere s.a.l. Gegründet im Jahr 1994 vom späteren Ministerpräsidenten Rafik Hariri, kümmerte sich der Konzern um den Wiederaufbau, Rücksicht auf soziale Kriterien und die historische Bausubstanz wurde dabei freilich nicht genommen. Es entstanden Prunkbauten und eine Enklave der Dekadenz inmitten eines Landes, in dem etwa 2 Millionen Refugees leben und sich 30 Prozent der Bevölkerung unter oder an der Armutsgrenze befinden. Das Beirut der Bourgeoisie ist ein ganz anderes, als das Beirut der Armen.

Überhaupt gibt es im Libanon scharfe Grenzen zwischen verschiedenen Welten. Das Die der PalästinenserInnen, die im Zuge der Staatsgründung Israels oder danach aus ihrer Heimat vertrieben wurden, ist eine der Lager, der Armut und der Ausgrenzung. Sie dürfen legal nicht arbeiten, sie selben in abgegrenzten und manchmal militärisch umringten Camp-Bezirken, in kleinen, oft selbstgebauten Hütten. Durch Sabra sind wir heute kurz gelaufen, wir haben uns vorgenommen, die kommenden Tage wiederzukommen. Sabra (und Schatila) sind international bekannt durch jenen Massenmord im September 1982, bei dem das von israelischen Soldaten umstellte Flüchtlingscamp von phalangistischen Milizionären gestürmt wurde, die mordend und vergewaltigend durch das Lager zogen. Bis zu 3000 Menschen, mehrheitlich Zivilisten, fanden den Tod. Die Phalangisten handelten dabei in Absprache und mit Unterstützung der damaligen israelischen Militärführung und Regierung.

Heute besteht das Lager immer noch. Euphemistisch gesprochen, könnte man sagen, es ist extrem belebt: Hunderte, wenn nicht tausende Menschen tummeln sich auf den Straßen, hupend fahrend Roller und kleine Motorräder durch die Gassen, auf dem Bazar werden Gemüse, Kippen und Kleidung feilgeboten. Da Camp ist überfüllt, so überfüllt, dass man sich schwer vorstellen kann, wie irgendjemand hier eine Privatsphäre haben soll. Regiert wird es von verschiedensten Gruppen und Milizen aus dem palästinenserinnen und libanesischen politischen Spektrum, die Wände zieren Bilder von Gefallenen, Organisationsfahnen und Porträts des legendären PLO-Chefs Yassir Arafat. Fotos können wir heute keine machen, das wäre zu gefährlich, erklärt uns unser Guide. Dazu müssten wir vorher mit einer der Gruppierungen vor Ort sprechen, was wir in den kommenden Tagen tun werden. Aber auch ohne viel Möglichkeiten zu Gesprächen, sehen wir, dass die hier lebenden PalästinenserInnen in einer eigenen Welt leben. Der Libanon diskriminiert sie als Bürger zweiter Wahl, frei arbeiten dürfen sie nicht, einige der Lager sind militärisch abgeschirmt. Irgendwie scheint man doch noch davon auszugehen, dass sie irgendwann nach Palästina zurückkehren. Das allerdings verhindert Israel. Etwa 500 000 PalästinenserInnen sind es, die im Libanon als Flüchtlinge leben. Viele von ihnen wurden in Camps geboren, sind in Camps aufgewachsen und werden in Camps ihre Kinder zur Welt bringen. Wie viele Generationen lang das noch so weitergehen soll, weiß niemand.

– Von Peter Schaber, Bilder: Willi Berg

 

PS: Wir hätten euch gerne mehr Bilder präsentiert. Die Internetverbindung in unserer Unterkunft hat aber die Geschwindigkeit einer Brieftaube auf Vivinox. Das Hochladen dieses Textes hat länger gedauert, als ihn zu schreiben.

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Ein Gedanke zu „[Beirut Diaries II] Ein Beirut für die Bourgeoisie, ein anderes Beirut für die Armen“

  1. Ein bekannter von mir , ein Libanese, hat mir vor Jahren erzählt, dass Beirut aus den Erzählungen seines Vater eine schöne Stadt war. Aber das war in Zeiten vor den Bombardierungen durch Israel. Heute leben dort in der Innenstadt Profiteure aus den letzten Kriegen – oft mit Geld aus dem Westen finanziert. Er selbst sagte über sich: „ich darf dort nicht wieder hin – die Israelis würden mich töten oder mich töten lassen!“
    Welche Perspektive soll das Land neben dem Aggressor Isreal haben?

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