„Dämlich sind die, die Dämliches tun“

Du musst als Hool nicht blöde und desinteressiert sein - Hooligans gegen Dummheit (HoGeDu) bei ihrem allwöchentlichen Lesekreis (Archivbild)
Du musst als Hool nicht blöde und desinteressiert sein – Hooligans gegen Dummheit (HoGeDu) bei ihrem allwöchentlichen Lesekreis (Archivbild)

 Interview mit Eric von „Hooligans gegen Dummheit“ (HoGeDu)

Nach der Demonstration einer Initiative namens „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa), die zu einem der größten rechten Aufmärsche der vergangenen Jahre wurde, hat uns eine Gruppe names „Hooligans gegen Dummheit“ (HoGeDu) einen „offenen Brief“ zugesandt, der das Projekt HoGeSa scharf kritisierte. Wir dachten zuerst: „Naja..“ Später dann dachten wir: „Oho.“ Mehrere Zehntausend Menschen haben den Text gelesen, mehrheitlich war diee Resonanz sehr positiv. Deshalb hat sich einer unserer Redakteure in eine Neuköllner Eckkneipe aufgemacht, um sich mit dem Sprecher der Gruppe, Eric, zu unterhalten.

Euer „offener Brief“ hat irgendwie einen Nerv getroffen. Was ist der Kern der Kritik?

Naja, das ist ja ziemlich offenkundig. Gerade im Stadion sitzen viele „normale“ Leute, Menschen, die die ganze Woche malochen und am Ende des Monats wieder genauso viel Geld haben wie am Anfang, nämlich gar keins. Und das zieht natürlich die Penner an, die dort mit möglichst einfachen Erklärungen Politik machen wollen. Dann ist dann eben der „Kanacke“ schuld, oder noch öfter, weil eben gesellschaftlich anerkannter, der „Musel“. Und dagegen wollten wir in erster Linie angehen und sagen: Hört doch mal einfach auf, so dämlich zu sein, und so wahnsinnig blöde Erklärungen für bare Münze zu nehmen.

Hier geht´s nicht um "Salafisten" - Neonazis auf der HoGeSa-Demonstration in Köln
Hier geht´s nicht um „Salafisten“ – Neonazis auf der HoGeSa-Demonstration in Köln

Das ganze HoGeSa-Konzept zielte ja darauf ab, diesen Vorurteilen, die es eh schon gibt, eine für die „Mitte“ akzeptable Stoßrichtung zu geben. Deshalb das Feindbild „Salafist“. Nur gings denen nie um den Salafismus als politische und religiöse Ideologie. Es ging einfach darum, ein möglichst salonfähiges Label für den Hass auf Muslime und Ausländer generell zu finden. Man muss sich nur die Foren ansehen, in denen sie sich organisieren: Da geht’s um alles mögliche, um „Asylantenflut“, um Moscheebau, um „Sozialschmarotzer“, um „linke Zecken“. Aber dass es da auch nur ein einziges Posting gegeben hätte, wo über Salafismus oder gar den Kampf der Kurdinnen und Kurden in Syrien aufgeklärt wird – Fehlanzeige.

Wir wollten mal einfach sagen: Lügt euch nicht selbst an, ihr lauft in eurer ziellosen Wut einem Weltbild nach, das nicht weniger menschenverachtend ist, als das der Salafisten. Wir wollten aber gleichzeitig auch nicht in diesen Klassismus verfallen und sagen: Jeder Hool ist sowieso zu blöd, um politisch aktiv zu sein. Die Leute müssen aber einsehen, dass sie mit ihren billigen Feindbildern nichts erreichen. Solange sie das nicht tun, bleiben sie allerdings Karikaturen, über die sich jeder – zurecht – lustig macht.

Kreuzzug gegen den Dschihad - Viele der HoGeSa-AktivistInnen bedienen sich einer ähnlichen Kultur- und Religionskriegrhetorik wie die Salafisten (Screenshot des Profilbilds eines HoGeSalers)
Kreuzzug gegen den Dschihad – Viele der HoGeSa-AktivistInnen bedienen sich einer ähnlichen Kultur- und Religionskriegrhetorik wie die Salafisten (Screenshot des Profilbilds eines HoGeSalers)

Und es hat ja zum Teil auch etwas Witziges: Da sind Leute, die posten Dinge, wo sie den Islamisten vorwerfen, einen Religionskrieg zu führen. Und dann haben dieselben Leute, die das bemängeln, so dramatische Kreuzritterszenen oder Wickinger, die gegen die bösen Barbaren anreiten, als Profilbilder. Sie reproduzieren genau das, was sie eigentlich kritisieren wollen, sie sehen sich in einem Religions- und Kulturkampf. Und sie wollen ihn auch gern mit den gleichen Mitteln führen, wie ihre vermeintlichen Gegner. Dutzende von denen rufen dazu auf, „Zecken“ anzuzünden, Muslime zu „enthaupten“. Das ist schon lustig, dass die nichtmal bemerken, wie ähnlich sie den Salafisten sind. Lustig, aber auch verstörend. Man denkt: Das müssten die doch eigentlich merken.

Sind solche Leute nicht der falsche Ansprechpartner? Man könnte ja einwenden, dass die sowieso nicht auf Argumente hören, wenn sie überhaupt lesen können und außerdem: Gilt nicht die Regel mit Faschisten spricht man nicht?

An die organisierten Faschisten ist der Text nicht gerichtet. Das wären die Aussichten sicher gering. Aber es ist doch so, und das nicht nur in den Stadien, dass nunmal sehr, sehr viele Menschen mit sexistischen, rassistischen, nationalistischen Gedanken im Kopf rumlaufen. Die radikale Linke hat da immer Berührungsängste, weil sie Angst hat, dass ihr eigener Moral- und Verhaltenskodex durch den Umgang mit solchen Leuten kontaminiert wird.

Das ist unserer Meinung nach falsch. Politik kann man nur mit normalen Leuten machen, und die Tragen nunmal Bewußtseinsformen mit sich rum, die Scheisse sind. Dann muss man eben versuchen, sie zu überzeugen, denn wer das nicht versucht, sagt ja im Endeffekt: Menschen ändern sich nie. Und das ist ein schwachsinniges Menschenbild. Wenn die radikale Linke nicht aus ihrem Elfenbeinturm herunterklettert, in die Kieze, Stadien, Eckkneipen und Shisha-Bars, dann siehst sowieso schlecht aus. Man muss anfangen, sich die Hände schmutzig zu machen, und wegkommen von dem Bild einer radikalen Linken, die sich nur auf dem Uni-Campus und in der Kreuzköllner Hipster-Kneipe aufhält.

Sogar die Katze kann´s - Auch für Dich ist es noch nicht zu spät. Deutschnationalismus-Entzugsprogramm jetzt.
Sogar die Katze kann´s – Auch für Dich ist es noch nicht zu spät. Deutschnationalismus-Entzugsprogramm jetzt.

Wenn man aber so handelt, dann ist es wichtig, dass man keine inhaltlichen Zugeständnisse macht, sonst wird’s wirklich irgendein Querfront-Scheiss. Uns haben Leute angeschrieben, die meinten, der erste Text wäre zu hart gewesen, weil er die Leute ja beschimpft und gesagt wird, sie seien dämlich. Ist eben wie bei Forest Gump: Dämlich sind die, die Dämliches tun. Und das muss man ihnen dann auch sagen. Wir können nicht höflich sein zu Menschen, die sich mit Neonazis auf eine ausländerfeindliche Demo stellen. Aber wir können ihnen anbieten: Hört auf, diese Scheisse zu denken, es gibt bessere Erklärungsansätze für das, was euch drückt. Und diejenigen, die das einsehen, dürfen wir auch nicht behandeln wie Aussätzige.

Hat das funktioniert? Gab es aus diesem Spektrum positive Rückmeldungen?

Nein, das hat bis auf ein paar Ausnahmefälle, soweit wir das sehen können, bisher nicht funktioniert, und das ist nicht viel, überlegt man, wie oft der Text gelesen wurde. Aber der Text hat einen anderen Effekt gehabt: Er hat viele unorganisierte Menschen, die nicht rechts sind, erreicht, die gesagt haben: Genauso sehen wir das auch.

Und wir sind ja auch nicht so blöd, wie wir aussehen. Wir wussten natürlich, dass wir mit einer Polemik nicht den Deutschnationalismus ausradieren werden. Das scheint uns im Moment das Zentrum der HoGeSa-Ideologie zu sein, die alle dort zusammenhält, egal ob Neonazi oder angeblich „Unpolitische“. Alle schreiben sie, sie wollen „Deutschland retten“, die „Deutschen müssen erwachen“, die „deutsche Kultur ist in Gefahr“ und so weiter. Der Bezug auf einen völlig inhaltsleeren Begriff von „Deutschland“ ist bei den Leuten mit so viel Emotionen belegt, dass man sich richtig wundern kann. Denen ist „Deutschland“ wichtiger als ihre Familien oder sie selber.

Das Ding ist, viele sagen zurecht: Was soll die Scheisse, ich bin arbeitslos, oder ich verdiene zu wenig, oder mein Job kotzt mich an, weil er zu fad, zu anstrengend oder sonstwas ist. Und dann kommen die auf die Idee, das liege daran, weil die Nation verraten wird, von korrupten Politikern, die Ausländer „herein“ lassen, und von „dunklen Mächten“ oder sonstewas. Und aus dieser verschrobenen Kritik meinen sie dann: „Geht´s Deutschland gut, geht’s uns allen gut.“ Also muss man für eine „Säuberung“ Deutschlands von den Linken, Ausländern und korrupten Politikern kämpfen. Abgesehen davon, dass das natürlich genau die Gedanken sind, die zu Pogromen führen, sind sie auch ziemlich das genaue Gegenteil von dem, was stimmt. „Euch geht’s schlecht, damit´s Deutschland gut geht“, wäre die viel richtigere Variante. Was heißt denn „es geht Deutschland gut“: Das heißt, das deutsche Kapital und der deutsche Staat finden optimale Bedingungen zur Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern vor. Also: Solang´s Dir schlecht geht, geht’s Deutschland super.

Die HoGeSa denkt, sie würde die "verbotene Wahrheit" gegen die "Lügenpresse" präsentieren. Dabei ist stumpfer Deutschpatriotismus der Mainstream schlechthin. Und außerdem: Woll ihr wirklich dasselbe wollen, was auch Gerhard Schröder will? G-E-R-H-A-R-D S-C-H-R-Ö-D-E-R?!?! Mehr Kotzbrocken geht doch gar nicht.
Die HoGeSa denkt, sie würde die „verbotene Wahrheit“ gegen die „Lügenpresse“ präsentieren. Dabei ist stumpfer Deutschpatriotismus der Mainstream schlechthin. Und außerdem: Woll ihr wirklich dasselbe wollen, was auch Gerhard Schröder will? G-E-R-H-A-R-D S-C-H-R-Ö-D-E-R?!?! Da chill ich lieber mit Erkan, während ihr einen auf Schröder macht.

Vielleicht führt das zu weit. Aber wir würden Leuten gerne einfach sagen: Hängt nicht alle eure Hoffnungen an ein leeres Wort. Wenn ihr Verbesserungen für euch und eure Familien erreichen wollt, dann organisiert euch gemeinsam mit den „Musels“ und den „Kanacken“ und den „Zecken“. Euer Deutschland hilft euch sicher nicht weiter, euer türkischer Nachbar vielleicht schon.

Wie meinst du, wird das weitergehen? Ist das ein längerfristiger Trend, oder verebbt das bald wieder?

Das ist schwer abzuschätzen. Zum einen ist es problematisch, dass der Staat nun mit Verboten kommt und Facebook deren Seiten löscht und so weiter. Diese Leute leben sowieso schon im permanenten Opfermodus, sehen sich verfolgt von allem und jedem. Und das wird durch sowas noch bestärkt. Unserer Ansicht nach ist es zumindest für Linke besser, anstatt nach dem Staat zu rufen, selber mit dem Problem fertig zu werden. Diskutieren, aufklären, soweit es geht, und da wo es nicht mehr geht, den Selbstschutz und den Schutz derjenigen, die von dieser Ideologie bedroht werden, organisieren.

Ob jetzt nun diese Bewegung stark wird oder die nächste: Fakt ist, es wird einen nachholenden Rechtsruck in Deutschland geben. Verglichen mit Griechenland, Ungarn, Österreich und so weiter ist der organisierte Faschismus in Deutschland im Moment ja recht schwach. NPD und „Die Rechte“ sind mit sich selbst beschäftigt, und auch einfach vom Personal her zu peinlich und uncharismatisch, um das hinzukriegen. Deshalb gibt’s ja immer wieder Versuche, neue rechte Massenbewegungen anzustoßen, am weitesten fortgeschritten ist das sicher bei der AfD.

"Viel zu tun, aber wir gehen´s mit Liebe an ..." (Eric, HoGeDu)
„Viel zu tun, aber wir gehen´s mit Liebe an …“ (Eric, HoGeDu)

Alles in allem ist uns egal, wie das letztlich heißen wird. Wir müssen uns drauf einstellen, dass viel Arbeit auf uns wartet. Und vor allem müssen wir einsehen, dass Antifaschismus und der Kampf gegen rechts nicht in erster Linie auf Demonstrationen mit schwarzen Regenjacken und Sonnenbrillen geführt wird, so geil das auch mal sein mag. Faschisten schlägt man, indem man die Milieus, in denen sie sich verankern wollen, schon soweit politisiert hat, dass die Bevölkerung auf den Blödsinn scheisst, den diese Typen verkaufen wollen.

– Das Gespräch führte Fatty McDirty

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Ein Gedanke zu „„Dämlich sind die, die Dämliches tun““

  1. @Eric: Korrekte Aussagen, aber …
    1. Warum bezeichnest du dich als Hool und nicht als Fußballfan?
    2. Ist das hassen/verkloppen von Leuten aufgrund ihrer Fanzugehörigkeit nicht genauso dämlich wie die Abneigung von Leuten aufgrund ihrer Religion/Herkunft etc.?

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