Ein Ruhekissen für die Übermenschenseele

Ayn Rands Philosophie anhand ihres Hauptwerks „Atlas Shrugged“

aynranddollsWas das vernunft-begabte Dingens Mensch im 21. Jahrhundert noch am Kapitalismus festhalten lässt, ja was ihn teilweise zum willenlosen Jubeln und Jauchzen bringt, wenn die Rede von den Errungenschaften des freien Marktes ist, lässt eine*n manchmal doch recht verdutzt zurück. Doch auch dem Kapitalismus ist ein ideologischer Überbau eigen, der die überalterten Moralismen in den Köpfen manifestiert und den Jetzt-Zustand als Ende der Geschichte, als beste aller möglichen Welten zementiert.

Weniger in Europa bzw. der Bundesrepublik, immanenter aber in den USA ist das philosophische Konstrukt Ayn Rands und ihr darauf sockelndes literarisches Werk Fundament der herrschenden Klasse in den Hirnwindungen breiter Bevölkerungsschichten, Legitimation ihrer Herrschaft und mehr als nur ein Opium für Kapitalist*innen. Ein Manifest der mammonistischen Aktion: „Atlas Shrugged“.

Fast größer als Jesus

Ayn Rand (geborene Alissa Rosenbaum), die 1905 in St.Petersburg aynrandportraitals Tochter eines Apothekers (sein Privateigentum an Produktionsmitteln wurde im Zuge der Oktoberrevolution vergesellschaftet) geboren wurde, später in Leningrad studierte und 1925 eine Reise in die USA zur Emigration nutzte, veröffentlichte 1957 „Atlas Shrugged“ – ihr opus magnum, spiegelt das Buch doch am deutlichsten Rands „Objektivismus“ in Verbindung mit ihren Ansichten zu Staat, Wirtschaft und Gesellschaft wieder. Der Spektren-übergreifende Fehler, das Denken einer Autorin mit Positionen und Strömungen innerhalb ihrer belletristischen Werke (und der darin auftretenden Charaktere) gleichzusetzen, soll hier nicht wiederholt werden. Denn „Atlas Shrugged“ ist konkreter Träger einer Weltanschauung, ähnlich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ , oder Robert M. Pirsigs „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ („Zen and the Art of Motorcycle Maintenance“).

aynrandsimpsonsWährend sich hierzulande die Bekanntheit des Buchs und seiner Autorin im Schnitt wohl auf wenige Quotes aus Simpsons-Episoden der letzten Jahre zusammenstellt, geht der Einfluss des Romans in den USA Umfragen entsprechend gen Platz zwei, direkt hinter dem Klassiker unter den zu kurzen Tischbeinen, der Bibel. Der verhaltenen, weithin eher negativen Rezeption kurz nach dem Release in den USA, stehen heute große Kreise der Neo-Cons wie die Jünger zur Heiligen Schrift gegenüber. Dem „Ayn Rand Institute“ etwa werden sektenähnliche Zustände nachgesagt. Eng involviert in das Treiben um den Kult: Die erzkonservative Tea Party, die es sich auch nicht nehmen ließ, als Mäzen für die Verfilmung der ersten beiden Drittel des Romans einen erheblichen Teil der überbordenden Special Effects und B-Moviestars zu finanzieren.

In der BRD bringen da drei Übersetzungen, zweitere für einen Kaufpreis von 290 Euro zu haben (scheinbar ein Klacks für jene, für die das Buch letztlich geschrieben wurde), nicht annähernd einen solchen Status ein. Unter dem Titel „Der Streik“ folgte 2012 durch den Verlag Kai M. John die neueste Publikation in deutscher Übertragung. Das geringe Medienecho lässt sich auf einen amüsanten Klamauk reduzieren: Der damalige Bundestagsabgeordnete der FDP-Fraktion Frank Schäffler warb in einem Youtube-Video für die Neuerscheinung. In dem Buch zeige Rand, wie gegen den „schleichenden Sozialismus in der Gesellschaft“ gekämpft wird, so Schäffler darin.

Plünderer aller Länder: Ersäuft euch gegenseitig!

Der Abriss der Handlung ist trotz der Überlänge des Buchs leicht: Die Hauptfigur, Dagny Taggard, sieht sich und die Welt als ehrgeizige Workaholikerin und Kapitalistin dem tiefsten Kreis der Hölle, dem Sozialismus, entgegen. Global entstehen überall sogenannte „Volksstaaten“, in denen sog. „Plünderer“ den Prometheus-gleichen und übernatürlich-effizient schuftenden Besitzenden das Eigentum abluchsen, nur um dann die staatlich überwachte Wirtschaft vor die Hunde gehen zu lassen. Internationale Solidarität zerrt dann die „Volksstaaten“, die nichts als Armutsverwalter und Korruptionspfuhle sind, in einen kollektiven Abwärtsstrudel.

Innerlands beginnen sich die „Plünderer“, altruistische Bonzen und aynobamaschmierige Journalist*innen, im gesunden marktradikalen Volkskörper breitzumachen. Doch statt sich zur Wehr zu setzen, verschwinden nach und nach die Peitschenschwinger, die es noch mit ihrer Ausbeutung ehrlich meinen und hinterlassen brennende Fabriken, eingestürzte Minen und gesprengte Schienenstränge.

Letztlich gehen die zum „Volksstaat“ mutierten USA zu dem über, was Ayn Rand und die bürgerlichen Eliten gern als Anarchie verkaufen. Neue, obskure Waffentechniken treiben die Gesellschaft an die Grenze des Suizids; der wütende, arbeitsscheue Mob hungert und tickt aus.

Die Übermenschen der Upper Class, angeführt von dem Atlas der Atlasse, John Galt, haben sich unlängst in ein Gebirgstal verkrochen und leben dort das wiedergefundene Paradies freier Arbeitskräfte, bis sie sich denn wieder in die Welt nach der Lohn-Zombie-Apokalypse trauen können, um den Minusmenschen erneut das Feuer zu bringen.

Oligarchen und Orks

„Atlas Shrugged“ ist an Schwarz-Weiß-Malerei kaum zu überbieten. Nicht nur die determinierte Abfolge der Szenarien, hin zum unvermeidlichen Chaos, aus dem uns nur die Idee des liberalen Äquivalententauschs retten kann, macht das Buch nicht nur literarisch zum Desaster. Denn an Ekelhaftigkeit grenzender Physiognomie hat Rand keineswegs gespart: Da kann der aufrechte Firmenchef Plauze und Rauschebart haben, er ist und bleibt die schöne, von unermüdlicher Anstrengung geformte Erscheinung – Gottes Ebenbild. Währenddessen die „Plünderer“ allesamt nicht nur moralisch verkommen sind, sondern auch krummbucklig, auf deren Gesichtszügen schon der böse Gedanke hinter dem destruktiven Handeln zu erkennen ist. Im Werk gibt es nur den großen Fatalismus und die eine Erlösung, sich von den großen übermenschlichen Wirtschaftern führen zu lassen.

whojohngaltSelbst die simple, potenzielle Kritik abweisende Option, doch auch mal Arbeiter*innen zu Wort kommen zu lassen, lässt Rand fast komplett aus: Diejenigen, die Linksdenkende als vom Kapital Bestochene klassifizieren würden, sind als direkte Armverlängerungen der guten Kapitalistinnen und Kapitalisten eine Art von Halbgötter und demnach kein Pöbel-Bestandteil mehr. Die Masse ist zum Ende hin auch nur da, um öffentlich im Besitzneid zu baden. Und letztlich entpuppt sich die einzige proletarische (natürlich stumme) Figur als god himself, John Galt.

Der US-amerikanische Comedian und Comic-Autor John Rogers schrieb 2009 treffend: „Es gibt zwei Bücher, die das Leben eines 14-jährigen Bücherwurms verändern können: ‚Lord of the Rings‘ und ‚Atlas Shrugged‘. Das eine ist eine kindische Fantasie, die häufig eine lebenslange Obsession mit seinen sagenhaften Helden hervorruft, welche zu einem emotional verkümmerten, sozial unerfüllten Erwachsenendasein führt, der Fähigkeit beraubt, mit der echten Welt umgehen zu können. In dem anderen kommen Orks vor.“ Rands Gut-Böse-/ Schaffend-Gammelnd-Denken stellt die Leser*in vor die Wahl: Friss mich, oder hass´ mich!

Obama-Care gefällig?

Ayn Rands Pseudo-Libertarismus hinkt so sehr, dass er schon wieder laufen könnte. Doch es bleibt beim könnte. Denn mit Freiheit (in welcher Abwandlung des Kampfbegriffs numero uno der letzten 500 Jahre auch immer), hat Veräußerung der Arbeitskraft auf dem freien Markt nichts zu tun. Freiheit ist für Rand ausschließlich die Freisetzung von Produktivkräften: „Die Motoren waren ein in Stahl gegossener Moralkodex.“

Wenigstens aber kann sie soweit denken, dass dem Staat zumindest eine den Besitz verteidigende Rolle zugestanden wird und negiert ihn nicht gänzlich, wie heuer anarcho-kapitalistische Spaßvögel á la Patri Friedman. Doch mangelt es ihrem idealistischen Weltbild schon an dem Atlas, den sie so gern als weltenstämmenden Innovatoren und Organisatoren hätte. Rand vergisst vom Prinzip der kapitalistischen Arbeitsteilung (auch und vorallem innerhalb der jeweiligen Betriebe), über die Sache mit den Erbschaften (und allgemein der Tatsache, dass die Besitzenden nicht zwangsläufig mit übergroßem Verstand und Arbeitswillen gesegnet sind) und dem Trugschluss „Wer viel und effektiv arbeitet, kriegt auch viel“ nahezu alles, was hundert Jahre vor ihr weit größere Lichter am Philosoph*innengestirn, Marx und Engels, mit dem dialektischen Materialismus tiefer, allgemeiner und vorallem in die Weltgeschicke konkret eingreifender vorlegten.

Wer so verworren die Welt auf den Kopf stellt, weckt natürlich aynrandinstituteunter den Jüngern Abstruses: Nicht nur die Blockaden der Tea Party gegen jede Form von gesetzlicher Mindestsicherung. Für das „Ayn Rand Institute“ zeugt es z.B. von Rassismus, wenn Migrant*innen an Teilen der Kultur und ihrer alten Lebensweisen aus ihrer Heimat festhalten. Schließlich ist die Existenz der Individuen ja eine frei bestimmte, ab von jeder Fessel, die nicht vom übergeordneten, weil einfach wettbewerblich besseren Übermenschenwesen, gelegt wurde. Denn nur der ist in der Lage, sich über die Materie zu erheben: „[…]; er hatte entschieden, dass Schmerz kein angemessener Grund sei aufzuhören.“

Dass Rand fehlgeht, indem sie Basis und Überbau umstülpt, und die Eliten der Bourgeoisie als stützende Säule der Sozio-Ökonomie herbeihalluziniert, sollten schon blanke Zahlen deutlich machen, wer denn für die Kriege der Monopole draufgeht, wer für den bürgerlichen Staat aufkommt: Die wirklichen Arbeitgeber*innen sind die Atlasse. Und sie vegetieren im achso zukunftsweisenden bürgerlichen Kapitalismus dahin, schaufeln sich ihre eigenen Gräber und stoßen sich gegenseitig hinein, erfinden und optimieren, wovon sie nichts abbekommen. Was denn wirklicher Fortschritt, im Vergleich zum widersprüchlichen, profitorientierten (eben kapitalistischen), bedeutet, formulierte der französische Soziologe Claude Levi-Strauss in seinen „Tristes Tropiques“ („Traurige Tropen“, 1955):

randmerkel„Ohne Zweifel hat er Städte gebaut und Felder bestellt; doch handelt es sich auch hier um Maschinen, die dazu bestimmt sind, Trägheit zu produzieren, und zwar in einem Tempo, das in keinem Verhältnis zur Menge an Organisation steht, das die gebauten Städte und bestellten Felder implizieren.“

Ayn Rand starb 1982 an einem Herzinfarkt. Sie litt lange Zeit an Lungenkrebs und ließ sich die staatliche Stütze heimlichtuerisch über ihren Ehemann zukommen. In der Not wird scheinbar auch der kapitalistische Übermensch zum Plünderer, oder zur darbenden Proletin, der seine Ideale veräußern muss, um durchzukommen.

-Pat Batemensch

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Ein Gedanke zu „Ein Ruhekissen für die Übermenschenseele“

  1. Netter Artikel zu diesem wirklich leidigen Buch.
    Allerdings eine kleine Anmerkung zu der vermeintlichen (nicht) Bekanntheit: Zwar auf einer sehr sehr runter gebrochenen und verkürzten Ebene, allerdings trotzdem mit eindeutigen Bezugsnahmen finden sich Spuren von „Atlas Shrugged“ in u.a. Videospielreihen, wie zum Beispiel „Bioshock“. Es ist also auch für den deutschsprachigen Raum nicht so ganz weit entfernt und transportiert Teile seiner Botschaft auch jenseits deutlich dumm-ideoligischer Statements alá FDP. Tut dem Artikel zwar keinen Abbruch, allerdings da sich großtenteils die Zustimmung zu solchem Mist durch vermeintliche Selbstverständlichkeit, Harmonisierung und geforderte Unterwerfung unter den Konsens des sog. „gesunden Menschenverstandes“ organisiert, wäre es vielleicht wichtig, diese popkulturellen Diskurse mit auf dem Schirm zu haben und sich vorallem nicht zu wundern, dass ein Publikum, welches so überhaupt nicht aus der Ecke der Neo-Cons kommt, dass dieses Publikum auf einmal anfängt, der Rand nach dem Mund zu reden.
    In diesem Sinne: „A man chooses. A slave obeys!“ (Andrew Ryan – Bioshock)

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