[Istanbul Diaries IV] Bild einer besseren Zukunft

Selbstorganisiert produzieren ist schöner und bringt allen was. Zu Gast bei Kazova Tekstil in Istanbul

Kazova1Keine zwanzig Minuten von Taksim entfernt, in der Hanimefendi-Straße im Stadtteil Sisli, gibt´s einen schönen Klamottenladen. „Diren Kazova“ steht über dem Schaufenster, die Inneneinrichtung würde jeden stilbewussten Berliner Hipster euphorisieren. Der Boden ist mit großen Pflastersteinen ausgelegt, an der Wand kunstvolle Kollagen und Bilder. Verkauft werden Frauen- und Männershirts, Pullover, Strickwesten, Sweater.

Kazova Tekstil ist aber nicht einfach ein schönes Modegeschäft, es unterscheidet sich von den gefühlten hunderttausend Shops in dieser Gegend fundamental. Denn der Laden ist das Resultat eines Monatelangen Arbeitskampfs inklusive Streiks, Demos, Besetzung und Tränengas.

Die Story läuft so: Kazova war eine ganz „normale“ Textilfabrik in Istanbul, die Türkei zählt ja zu einem der wichtigsten Herstellerländer von Textilien. Kazova hat für lokale Firmen und westliche Konzerne produziert, auch für Lacoste, Mango, Marco Polo und ähnlich bekannte Labels. Den Arbeitern brachte das wenig. Die Löhne waren scheisse, bei Beschwerden holte der Aufseher schon mal den Baseballschläger raus und die Arbeitsbedingungen waren grauenhaft.

Immer wieder wurden Leute entlassen und im Januar 2013 entschlossen sich, die Inhaber ganz dicht zu machen. Das wollten die Arbeiter nicht Kazova2zulassen. Mit der Unterstützung linker Anwälte des CHD begann ein Rechtsstreit um die Maschinen, die die Arbeiter im Ausgleich für Monate lang ausstehende Löhne forderten. Um Druck zu machen, begannen Demonstrationen, mal in der Istiklal-Straße, mal vor dem Wohnhaus der Chefs. Die Fabrik wurde besetzt und bewacht, denn die Bosse schickten sich an, die Maschinen heimlich wegzubringen, was ihnen dann letztlich nicht gelang.

Im Verlauf des Arbeitskampfes bildete sich eine Wechselbeziehung mit der aus den Gezi-Protesten entstandenen Bewegung heraus: „Gezi war sehr wichtig für uns“, erklärt uns einer der Kazova-Arbeiter, der Mitglied in der revolutionären Basisgewerkschaft DIH (Devrimci Isci Hareketi) ist. „Vorher haben wir in Betrieben immer für punktuelle Verbesserungen gekämpft. Selbst wenn man gewinnt, ist ein paar Monate später alles wieder an der Kippe und man wird entlassen. Hier fangen wir an, die Beziehungen der Produktion selbst zu ändern.“ Dafür allerdings muss der juristische Kampf um die Maschinen zu Ende gehen, im Moment haben die Kazova-Arbeiter noch keinen vollständigen Zugriff auf die Produktionsmittel und können nur mit Restbeständen arbeiten. Der Prozess gilt aber als so gut wie gewonnen, im Juni ist der voraussichtlich letzte Verhandlungstag.

Kazova wurde ein Symbol der Bewegung. Es ist möglich, ohne Chef zu produzieren, und es klappt sogar besser: Die Löhne werden höher und die Preise der Produkte sanken. Ich habe mir drei Lacoste-Shirts (ohne Logo, was ohnehin schöner ist) für zusammen 30 Euro geleistet. Wer braucht Kapitalisten?

Kazova3Hinzu kommt, dass Kazova solidarische Beziehungen zur revolutionären Bewegung pflegt. Erlöse gehen an Gefangene und ihre Familien, im Laden wird derzeit Kinderkleidung ausgestellt, die von den Erdbebenopfern in Van genäht wurde. Die Kohle geht natürlich wieder nach Van. Für viele Menschen in der Türkei ein Bild einer besseren Zukunft. Ein Arbeiter erzählt: „Für mich war ein sehr sentimentaler Moment, als ein Obdachloser an unserem Stand, als wir Spenden sammelten für den Widerstand, vorbeikam. Er warf eine Lira ein und sagte: ‚Wir werden siegen‘.“

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